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Kapitel 23

Morvern

"Angenehm, Mr. McDudle", entgegnete van der Slampe. "Wenn Sie dann bitte auf dem Beifahrersitz Platz nehmen würden."

Finnegan McDudle ließ sich nicht zweimal bitten. Er war froh, dass er einen warmen Sitzplatz bekam, denn draußen war es mittlerweile recht kühl geworden. Natürlich wäre kein normaler Mensch auf die Idee gekommen, frierend auf einem Brückengeländer zu sitzen. Jeder normale Mensch wäre wohl nach Hause in seine warme Stube gegangen. Leider hatte er im Moment diese Möglichkeit nicht, denn Finnegan McDudle war zurzeit gewissermaßen obdachlos, nachdem ihn seine Frau aus dem gemeinsamen Haus hinausgeworfen hatte. Na schön, er hatte ein wenig die Zeit vergessen, nachdem er seinen Kumpel McMoonshine in Polloch besucht hatte. Ja, gut, er war erst nach fünf Tagen wieder zu Hause aufgetaucht, aber das lag doch nur daran, dass er sein Boot verkauft hatte, um noch ein wenig weiterfeiern zu können. Sicherlich traf ihn auch eine gewisse Mitschuld an seiner jetzigen Situation, denn der Zeitpunkt  war denkbar ungünstig gewählt gewesen, als er recht spät abends wieder zu Hause eintraf. Mrs. McDudle nämlich hatte noch ihre sämtlichen Freundinnen zu Besuch und beklagte gerade laut den Verlust ihres Ehemannes, als dieser zur Tür hinein stolperte. Der Einfachheit halber hatte Finnegan McDudle sich bereits vorher seiner Klamotten entledigt, um still und heimlich in sein Bett zu verschwinden. Es folgte ein äußerst peinlicher Auftritt, der seinen sofortigen Rausschmiss zur Folge hatte. Nun war guter Rat teuer, und nachdem er einige Zeit vergeblich versucht hatte, durch lautes Klopfen an der Tür und durch lautes Beteuern eines zukünftig vorbildlichen Verhaltens wieder Einlass zu bekommen, gab er auf. In stockdunkler, regnerischer Nacht war er nun zur Brücke über den River Shiel gelaufen, um dort zu übernachten. Tagsüber hatte er dann in einem günstigen Moment einen Laib Brot aus der Bäckerei von Acharacle gestohlen und  sich unter der Brücke ein wenig eingerichtet. Bereits seit dem späten Nachmittag hatte er dann auf dem Brückengeländer gesessen und überlegt. Es war absolut nichts dabei herausgekommen, bis der dunkelblaue Lkw mit dem holländischen Kennzeichen auftauchte.

"Wohin fahren Sie, Mr. McDudle?" wurden seine Gedanken unterbrochen.

"Ich, Mr. Holländer? Ich fahre überhaupt nicht."

Vim van der Slampe lachte. Es tat ihm gut, einen Gesprächspartner zu haben, und seine Müdigkeit war wie verflogen.

"Mein Name ist van der Slampe, Vim van der Slampe. Ich meine natürlich, wohin wollen Sie fahren?"

McDudle überlegte angestrengt. Wohin wollte er eigentlich? Eines war sicher: Nach Hause konnte er in den nächsten Tagen nicht. Erst wenn etwas Ruhe eingekehrt wäre, könnte er sich wieder gefahrlos blicken lassen. Nach Polloch zu seinem Kumpel zu gehen war unmöglich. McMoonshine befand sich bestimmt in ähnlichen, wenn nicht noch größeren Schwierigkeiten. Es war wirklich keine gute Idee gewesen, auf der Suche nach einem leckeren Braten in den Hühnerstall des jähzornigen MacKill einzubrechen. Das Rupfen der Tiere hatten sie zwar noch geschafft, aber die Tiere zu töten, das hatten die beiden Saufnasen dann doch nicht übers Herz gebracht. McDudle fuhr ein kalter Schauer über den Rücken, als er daran dachte, was MacKill wohl am nächsten Morgen gesagt hatte, als er seine nackten Hühner entdeckte. Bestimmt würde er vor Wut toben, und bei dem Lärm, den McDudle und McMoonshine in der Nacht veranstaltet hatten, war es auch klar, wen er für die Schuldigen halten würde.

"Wohin ich fahren will, Mr. Wanderschlampe? Nun, das ist etwas kompliziert, wenn Sie verstehen..."

Der Lkw-Fahrer lachte erneut. Welch einen lustigen Spassvogel hatte er da aufgegabelt! Zudem noch einen, der ihm den Weg zeigen könnte.

"Ja, die komplizierten Wege kenne ich bereits, mein lieber McDudle. Arbeiten Sie in dieser Gegend?"

"Arbeiten?" Finnegan McDudle überlegte. Sollte er sagen, er sei hin und wieder Friedhofsgärtner auf einer winzig kleinen, absolut unbekannten Insel?

"Ja", bekräftige van der Slampe, "ich meine: womit verdienen Sie ihr Geld?"

"Geld, Mister?"

"Ja, Geld! Womit bezahlen Sie ihre Rechnungen?"

"Rechnung, Mister, äh? Nun ich zahle keine Rechnungen, das macht meine Frau."

"Na schön. Also was machen Sie, wenn Sie nicht auf Brücken sitzen?"

"Sie meinen, was ich arbeite, Mr. Fransenlampe?"

"Van der Slampe, Vim van der Slampe aus Holland. Ja, genau, als was arbeiten Sie?"

Finnegan McDudle überlegte erneut. Würde er die Wahrheit sagen, dann könnte es sein, dass er zu Fuß weitergehen müsste. Wer wollte schon einen obdachlosen Friedhofswärter mitnehmen, der sich von schwarzgebranntem Fusel ernährte?

"Nun, Mr. Schlampe aus Holland, ich bin Inselverwalter und war der Berater des Lord vom Loch Ness."

"Van der Slampe! Und ich komme aus Holland!" brüllte der Lkw-Fahrer und bremste. Sie hatten soeben Salen erreicht und standen nun vor einer Abzweigung.

"Links oder rechts?"

"Vom Loch Ness?"

"Nein, die Straße, Mann! Wo längs müssen wir?"

Finnegan hatte keine Ahnung. Normalerweise fuhr er mit dem Ruderboot nach Polloch und zurück. Er blickte nach Vorne durch die Windschutzscheibe und sah das Hinweisschild für die Corran-Fähre. Ja, das sagte ihm etwas.

"Selbstverständlich nach links, Mister."

Erleichtert folgte van der Slampe der A861, die nun weiter am Loch Sunnart nach Eilean Mor führte.

"Wie sagten Sie, ist ihr Name?"

"Van der Slampe, Vim van der Slampe und ich komme aus Holland. Soll ich Ihnen etwas zu Schreiben geben?"

"Danke, Mr. Schlampe und ich komme aus Holland, das wird nicht nötig sein. Mein Name ist recht kurz: McDudle. Den brauche ich Ihnen nicht aufzuschreiben."

Die nächsten Minuten herrschte eisiges Schweigen in der Fahrerkabine, aber dafür war es in der Schlafkoje umso lauter. Die Hamster diskutierten aufgeregt die neue Situation.

"Ich bitte um Ruhe, meine lieben Freunde. Wir sind, wie ich es schon mehrfach erwähnte, durchaus und möglicherweise auf dem richtigen Weg. Sollten auch Zweifel irgendwelcher Art an der Richtigkeit des Zwecks und des Erfolges unserer Reise bestehen, so sind sie durch die Anwesenheit dieses Dudels, äh, McDudles, beseitigt und ich möchte noch einmal betonen..."

"Der Spinner soll der Beweis sein, dass alles in Ordnung ist?" unterbrach Flecki den Bürgermeister.

"Nun, öh, er ist uns in der Vergangenheit bereits einmal im Zusammenhang mit Lord McShredder, wenn ich es einmal so ausdrücken darf, über den Weg gelaufen und darüber hinaus...."

"Slampe! Vim van der Slampe!" Das Gebrüll aus der Fahrerkabine ließ die Hamster zusammenschrecken. "Und ich habe gefragt, wer der Lord vom Loch Ness ist!"

Die Hamster krabbelten so weit nach vorne wie es nur ging. Diese Diskussion versprach interessant zu werden, und Finnegan McDudle schien angestrengt zu überlegen.

"Tja, äh, Mr. Bim, also sein Name war..."

"Vim!"

"Nein, nein, nicht Vim. Jetzt habe ich es: Killichonan hieß er. Einen Butler hatte er übrigens auch immer dabei. Jedenfalls habe ich ihn kreuz und quer durchs Land geführt. Sie haben also Glück, mein lieber Mr. Wumm, dass Sie mich getroffen haben."

"Mit dem kreuz und quer hat er tatsächlich recht", knurrte Murksel. "Hoffentlich kennt der Kerl dieses Mal den Weg besser."

"Ich heiße nicht Wumm! Vim, oder van der Slampe, oder Holländer, oder irgend etwas! Aber nicht Wumm! Bitte sprechen Sie mich nicht mehr mit Namen an, sagen Sie nichts. Verstanden? Nichts!"

Einen Moment herrschte Ruhe. Die Hamster hatten es sich bequem gemacht und freuten sich auf die nächsten Minuten. Draußen war es inzwischen dunkel geworden und die Scheinwerfer des Lkws wiesen den Weg. Ein Schild mit der Aufschrift "'Strontian' tauchte plötzlich auf, und McDudle zeigte mit dem Finger nach vorne.

"Strontian, wir sind richtig, Mr. Nichts. Wussten Sie übrigens, dass es in Strontian früher Strontium gab? Meine Frau sagt immer...."

"Achtung, ein Baum!" kreischte der Lkw-Fahrer. Der schwere Lastwagen begann zu schlingern, das gesamte Gefährt rumpelte und quietschte und der Lkw kam neben der Landstraße zum Stehen.

"Ein Baum? Wieso sollte meine Frau 'Achtung, ein Baum' gesagt haben? Sie hat nur gesagt..."

"Klappe, McDudle!" rief der Lkw-Fahrer.

"Nein, das hat Sie auch nicht gesagt, Mister, äh..." Finnegan McDudle verstummte, als eine Faust dicht vor seinem Kinn auftauchte.

Vim van der Slampe stieg aus und sah sich um. Er ärgerte sich, denn in seinem ganzen Leben hatte er noch keinen Unfall gehabt. Allerdings hatte er auch in seinem ganzen Leben noch nicht so einen Beifahrer gehabt. Der Baum war heil geblieben und die Stoßstange wies nur eine kleine Beule auf. Glück gehabt, dachte er, ging zurück zum Lkw und suchte seine Karte hervor. Er suchte und fand die Stadt Strontian und schätzte, dass es vielleicht noch 70 Kilometer bis Oban waren. Sie würden irgendwo übernachten müssen, aber wo?

"Kennen Sie eine gute Übernachtungsmöglichkeit?" richtete er die Frage an McDudle. Dem fiel außer Polloch jedoch nichts ein, und deshalb hielt er besser den Mund und schüttelte nur mit dem Kopf.

"Schön, fahren wir also weiter."

Schweigend ging es nun weiter durch die Dunkelheit. Die Straße war gut befahrbar, jedoch unbeleuchtet, und so kamen sie nach wie vor nur langsam voran. Hin und wieder gab es etwas Gegenverkehr, und gelegentlich wurden sie von schnelleren Wagen überholt.

"Da vorne ist eine Abzweigung, McDudle. Was sagt der ortskundige Fachmann dazu?" fragte der Lkw-Fahrer und versuchte, die Stimmung etwas aufzuheitern.

"Wen meinen Sie, Mr. Wunderlampe?"

"Einen gewissen Finnegan McDudle", stöhnte Vim van der Slampe genervt.

"McDudle sagten Sie?" überlegte Finnegan McDudle laut, während die Hamster wieder an die vorderste Kante der Schlafkoje gekrochen waren, um besser lauschen zu können. Es war nicht nur die Neugier, die die kleinen Tiere immer wieder zwang, die Diskussionen zu verfolgen, es war auch ihr Hunger, der immer größer wurde. Schließlich fiel hier vorne in der Fahrerkabine die Entscheidung über ihr Schicksal, nämlich wann und wo sie endlich eine Übernachtungsmöglichkeit finden, und somit etwas zu Essen bekommen würden. Das, was sich gerade vor ihren Augen abspielte, ließ nicht darauf schließen, dass eine Rettung in Sicht war.

"Es ist empörend, wie diese beiden Männer sich benehmen! Wie die Tiere!" schimpfte Flecki.

"Aber wir sind doch auch Tiere", warf Dodo ein. "Und ich habe noch niemals jemanden mit einem Buch geschlagen!"

"Das ist ein Autoatlas, mit dem er zuschlägt, Dodo", verbesserte Flecki.

"Rechts", keuchte McDudle und der Lkw-Fahrer legte den schweren Autoatlas wieder beiseite.

"Na also, warum haben Sie das nicht gleich gesagt", knurrte van der Slampe, bremste den schweren Lastwagen herunter und lenkte ihn auf eine nach rechts führende Straße, die zunächst weiter am Loch Sunnart verlief. Nach einigen Kilometern war die Strecke einsam geworden, sehr einsam sogar, denn schon seit geraumer Zeit waren ihnen keine Fahrzeuge mehr entgegen gekommen. Das war übrigens auch ganz gut so, denn die Straße schien jetzt immer enger zu werden. Hin und wieder hoppelte der Wagen heftig, wenn sie in ein Schlagloch gefahren waren, und deshalb fuhren sie recht langsam. Sehr zum Leidwesen der Hamster, die sich eine schnellere Fahrt über die Schlaglöcher gewünscht hätten. Dennoch waren deutlich 'Uhuj'-Rufe aus der Schlafkoje zu hören. Es war Trampolinspringen, allerding ohne Trampolin, angesagt. Plötzlich stoppte der schwere Wagen und die Hamster hörten den Fahrer sagen:  "Geradeaus oder links?"

"Geradeaus", kreischte Finnegan McDudle. "Bitte nicht wieder mit dem schweren Autoatlas schlagen, Mr. Wunderkante!"

"Treffer!" grölte Goldi. "Genau auf die Backe! Der Schlag hat gesessen!"

Mitfühlend sah Flecki zu dem jammernden McDudel und fauchte: "Du bist so fies, Goldi. Bestimmt würdest du auch Blindenhunde mit Würstchen auf die andere Straßenseite locken!"

Während Goldi noch überlegte, wo er Würstchen herbekommen könnte, zogen in der Dunkelheit Bäume wie Schatten an ihnen vorbei. Schon seit vielen Kilometern, genauer gesagt, seitdem sie auf diese Straße abgebogen waren, war ihnen niemand mehr begegnet. Es war unheimlich dunkel und still draußen, und nur das Brummen des Motors war zu hören. Dann war zur rechten Seite des Weges plötzlich ein Licht zu erkennen. Van der Slampe bremste und drehte die Scheibe seiner Tür herunter.

"Ein Haus", rief er. "Ich werde mal nachsehen, ob wir dort übernachten können!"

Er stieß die Tür auf und drehte sich zu Finnegan McDudle um: "Sie bleiben hier und rühren sich nicht vom Fleck, verstanden!" Dann sprang er lässig von seinem Sitz hinaus ins Dunkle. Es platschte laut, ein Gurgeln war zu hören und dann war alles still.