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Roll on

Kapitel 16

B&B II



"Wollen wir uns nicht ein wenig vor dem Fernseher ausruhen?" schlug Flecki vor und lief in ein großes, geräumiges Zimmer, das gegenüber der Küche lag.  Ein mit vielen Fransen verzierter alter Sessel lud ein, es sich gemütlich zu machen. Auf der Sessellehne lag eine Fernbedienung, und gegenüber dem Sessel stand ein Fernsehgerät.

"Lasst uns Fußball gucken!" Hamstilidamst griff nach der Fernbedienung und erhielt von Flecki einen heftigen Klaps auf die Pfote.

"Die Fernbedienung habe ich gefunden. Außerdem ist Fußball blöd und gemein."

"Wieso gemein?"

"Gemein und unfair. Immer wieder hört man, dass so ein armer Spieler abseits steht. Alleine und abseits von allen Anderen. Warum muss das so sein? Warum kümmert sich keiner um ihn?"

Hamstilidamst fiel nun nichts mehr ein, und Flecki schaltete den Fernseher ein. Hin und her ging es nun, von einem Kanal auf den anderen. Der Bürgermeister lehnte sich vor, um besser sehen zu können und lächelte. Dann knallte und schepperte es.

"Der Bürgermeister ist  vom Sessel gefallen, das kommt von deinem blöden Hin- und Herschalten!" schimpfte Goldi.

"Da kann ich doch nichts für. Außerdem suche ich was... Ah! Da ist es!" rief Flecki und starrte fasziniert auf den Bildschirm, auf dem eine Frau damit beschäftigt war, eine Wand mit Farbe zu streichen. Der Bauleiter bemängelte, dass die Haltung des Pinsels nicht fachgerecht wäre und handelte sich einen äußerst giftigen Blick von Flecki ein. Während die Dame auf dem Bildschirm nach jedem Pinselstrich irgendetwas erzählte, begannen sich die Hamster zu langweilen, und Goldi knurrte: "Die Schnepfe ist doch oberlangweilig, können wir mal umschalten?"

"Das ist Emmi die Wohnungseinrichterin, und das ist überhaupt nicht langweilig.... He, gib mir die Fernbedienung zurück, du Miesling!" Laut kreischend stürzte sich Flecki auf Goldi. Gerade als Murksel versuchen wollte, die beiden zu trennen, war Sasies Ruf zu hören: "He, schaut mal aus dem Fenster! Guckt mal, wer da durch die Gartenpforte geschlichen kommt!"

Im Nu waren die Hamster zu Sasie auf die Rückenlehne gekrabbelt und sahen die alte Dame schwer bepackt mit Einkaufstüten langsam durch die Gartentür gehen.

"Rückzug", brüllte der Bauleiter, kletterte von dem Sessel herunter, stolperte über den Bürgermeister und lief weiter an der Küche vorbei zum Treppenaufgang.
 
Nachdem die gesamte Hamstertruppe mühsam die steile Treppe hinaufgeklettert war und gerade durch die halb geöffnete Zimmertür rennen wollte, prallten sie zurück. Ein am Kopf verbeulter, müde aussehender Mann stand vor ihnen. Er lehnte am Türpfosten und wirkte etwas ratlos. Sein Blick fiel auf die Hamster, und er schien erleichtert zu sein. Die kleinen Tiere jedoch kümmerten sich nicht weiter um ihn, sondern liefen eines nach dem anderen an ihm vorbei in das Zimmer hinein. Unten klapperte die Eingangstür des Hauses. Vim van der Slampe hielt es für klüger, sich zunächst wieder in sein Zimmer zurückzuziehen. Vielleicht war es wirklich besser, wenn ihm erst einmal klar wurde, was sich in seinem Zimmer abgespielt hatte, bevor er auf die Hausbesitzerin stieß. Er untersuchte als nächstes das Bett und stellte fest, dass einer der Füße abgebrochen war. Eine Schelle hat sich gelöst und die Schrauben lagen auf dem Teppich. Das sollte kein Problem sein, dachte der Lkw-Fahrer, öffnete seinen Werkzeugkoffer und holte einen Schraubendreher hervor. Während er die Schelle befestigte, bemerkte er, dass er von einem Hamster sehr genau beobachtet wurde. Mit seiner kleinen Pfote schob dieser Hamster eine fehlende Schraube neben den Bettpfosten, so dass der verwunderte van der Slampe sie nehmen und festschrauben konnte.

"Hamstilidamst, hole mal die Karte, ich glaube jetzt sollten wir mal versuchen, dem Typ zu zeigen was Sache ist!"

Hamstilidamst schüttelte den Kopf. "Die ist im Rucksack und der Rucksack ist im Wagen und der Wagen ist im Lastwagen."

"Öh!" Dem Bauleiter fiel nun leider nichts mehr ein. Er überlegte, zum Bürgermeister zu gehen, um weitere Schritte mit ihm abzusprechen, doch sein gesunder Hamsterverstand sagte ihm, dass der Bürgermeister in seiner jetzigen Verfassung wohl kein geeigneter Diskussionspartner wäre. Ohnehin hatte der sich soeben zum Schlafen niedergelegt.

"He Leute, kommt mal alle her. Wir müssen etwas besprechen!", rief er.

"Soll ich den Bürgermeister wecken, Chef?"

"Nein, Tuffi, das lässt du besser. Lass ihn weiter schlafen."

"Was gibt es?" fragten Dasie und Sasie, nachdem sich alle um den Bauleiter versammelt hatten.

"Wir machen jetzt eine Lagebesprechnung. Wie ihr sicherlich wisst, weiß unser Bürgermeister überhaupt nichts mehr. Aber wir müssen dennoch irgendwie zum Schloss von diesem McShredder kommen..."

"Moment mal", warf Flecki ein. "Wenn dieser Bügermeisterhohlkopf sowieso nichts mehr weiß, weil seine Birne total leer ist, wieso sollen wir dann den McShredder holen? Ich meine, das war ja die Idee des Bürgermeisters und nicht unsere. Ich riskiere doch nicht mein Fell für solch einen Schwachkopf."

Die Stimmung unter den Hamstern war gereizt, und die Truppe war kurz davor, sich in zwei Lager zu spalten als Tuffi vorschlug, doch erst einmal abzuwarten. Wenn sich der Zustand des Bürgermeisters nicht bessern würde, könnte man ja immer noch sehen, was zu tun wäre. Dieser Vorschlag wurde einstimmig angenommen. Inzwischen war Vim van der Slampe mit der Reparatur des Bettes und der Gardinenstange fertig. Er konnte sich zwar halbwegs erklären, dass er womöglich unruhig geschlafen hatte und aus dem Bett gefallen war, aber warum der Wasserkocher angeschaltet und der Teppich mit grüner Farbe verschmiert war, das konnte er sich nicht erklären. Allerdings ließ ihn die Tatsache, dass einer der Hamster mit dem Deckel einer Farbdose herumlief, auf manches schließen. Es wurde Zeit, einiges aufzuklären, und so schnappte er sich den schlafenden Bürgermeister und betrachtete ihn genau.

"Du hast ja eine richtige Beule am Kopf, mein Kleiner, und der Deckel hat sich an deiner Pfote verklebt. Lass mal sehen!"

Vorsichtig zog er an dem Deckel, dreht ihn und versuchte, ihn langsam von der Hamsterpfote zu lösen.

"Ganz ruhig, mein Kleiner, gleich bist du von dem bösen, bösen Deckel befreit!"

Langsam öffnete der Bürgermeister in diesem Moment die Augen. Was war los? Ein Riese hatte ihn gepackt, und sicherlich hatte nun sein letztes Stündchen geschlagen.

"Eflih!" schrie der verängstigte Hamster und sprang todesmutig von der Hand seines Helfers hinab auf den Fußboden, wo er benommen liegen bliebt.

"Also nein, ist der ja sowas von untrainiert", kommentierte Sasie den Sprung. "Überhaupt keine Körperbeherrschung, ein völlig luschiger Sprung. Der sollte mal in unserer Tanzgruppe mitmachen, das würde ihm gut tun!"

Unter den Augen des erschrockenen Lkw-Fahrers hatte sich der Bürgermeister wieder aufgerappelt und sah sich grinsend um: "Alles in Ordnung, Leute. Bin nur ein bisschen schief aufgekommen, höh, höh!"

"Gut, dass Sie wach sind, Herr Bürgermeister, wir haben gerade abgestimmt, dass wir warten, bis Sie wieder in Ordnung sind!"

"Ha, selbstverständlich bin ich in Ordnung, liebe Tuffi. Was gibt es denn, und was ist das für ein Lurch?"

"Das ist doch Trampel, der in den Farbtopf gefallen ist", erklärte Tuffi, während Teeblättchen den schluchzenden Trampel tröstete.

"Richtig, richtig, ich erinnere mich. Nun mein lieber Bauleiter, was haben wir denn beschlossen?"

"Entweder kehren wir um, oder wir sagen dem großen Typen da, wo er uns hinbringen soll."

"Alles klar, mein lieber Bauleiter, machen Sie das. Ich werde inzwischen schauen, ob noch ein paar von den Keksen neben der Sauna sind, damit wir genug, äh, Proviant mitnehmen können!"

"Typisch", schimpfte Flecki, "nichts als Fressen...."

"Sag mal, Flecki, hast du einen Stift dabei?"

"Was ist denn das für eine Frage, Bauleiter? Natürlich habe ich immer etwas zum Malen dabei."

"Gut", atmete der Bauleiter auf, "dann werden wir jetzt auf eines der Badelaken den Namen des Ortes schreiben, wo wir hin müssen!"

"Wie schreibt man denn dieses Dunollie?", fragte Tuffi und sah Murksel neugierig an.

"Öh, ja, also, weiß jemand, wie Dunollie geschrieben wird?"

Niemand antwortete auf die laut gesprochene Frage des Bauleiters. Flecki betrachtete die Decke, Sasie und Dasie unterhielten sich mit Tati aufgeregt über Hochland-Tänze, Hamstilidamst versuchte ein wenig von Trampels grüner Farbe abzukratzen, Teeblättchen und Tuffi untersuchten den Teppich, und Goldi sah dem Bürgermeister hinterher, der sich auf die Kekssuche begeben hatte.

"Warum nehmen wir nicht diese andere Stadt, die da in der Nähe ist?" fragte Goldi.

"Genau", rief Flecki, "Oban hieß die, das habe ich damals genau gehört!"

"Gut", entschied Bauleiter Murksel, "Flecki sei so gut und schreibe dieses äh, Oban auf ein Laken!"

Flecki nahm einen Stift und setzte sich vor eines der Klopapierblätter, malte ein großes 'O" auf das Blatt und schaute unsicher zum Bauleiter hin.

"Mit 'P'?"

"Quatsch", schimpfte Murksel, "mit 'B' natürlich. Das Gegenteil von 'Unten'"

"O-B-E-N", buchstabierte Flecki und betrachtete stolz ihr Kunstwerk. Sie trat einen Schritt zurück, legte den Kopf schief und setzte sich erneut vor das Klopapier. Langsam malte sie einen großen Pfeil, der genau auf das Wort 'Oben' wies. "Das sollte reichen!"

Vim van der Slampe entglitten die Gesichtszüge als er sah, was sich da vor seinen Füßen auf dem Teppich abspielte. Ein Hamster, der schreiben konnte! Vorsichtig kniete er nieder, damit er auch keines der Tierchen verletzte, nahm das Stück Klopapier und las das Wort. Wieder und wieder las er es. Dann durchzuckte ihn ein Gedanke.

"Nach Oben wollt ihr? Ganz nach Oben?"

Ein vielfaches Nicken der Hamster bestätigte seine Vermutung. Vim van der Slampe legte das Stück Papier auf den Boden zurück und ließ sich rückwärts auf das Bett fallen. Er atmete schwer und begann, an seinem Verstand zu zweifeln. Er rief sich in Erinnerung, was diese Hamster auf dem Schiff angestellt hatten und kam zu dem Schluss, dass er es hier mit einzigartigen Tieren zu tun hatte. Sein Gehirn arbeitete fieberhaft, und er stellte sich die Frage, was diese intelligenten Tiere mit dem Wort 'Oben' meinten. Die Highlands, ganz klar. Nein, noch weiter, überlegte er. Sie wollen an die Nordküste. Natürlich! Deshalb haben sie ihre Rucksäcke und den Transporter mitgenommen! Ob er..., sollte er..., van der Slampe dachte an die Highlands und daran, dass er sie schon immer einmal besuchen wollte. Es sei das Schönste, was es gebe, hatte ihm Kollege Ruud Kloetsack einmal erzählt. Entweder hier in diesem traurigen Zimmer die nächsten Tage verbringen, oder das Abenteuer suchen. Die Entscheidung war gefallen.

"Packt eure Sachen, Hamster, ich gehe zu Mrs. McKenzie und sage ihr, dass ich weiter muss. Mal sehen, ob sie uns noch etwas zum Essen mitgeben kann!"

Es dauerte in der Tat einige Minuten, bis Mrs. McKenzie begriff, was ihr Zimmergast ihr eigentlich sagen wollte. Ohnehin war die alte Dame völlig gerührt, dass der gesamte Topf mit der selbstgemachten Broth geleert worden war. Endlich einmal jemand, der ihre Kochkünste gebührend zu würdigen wusste! Hierbei war es übrigens an Vim van der Slampe, der nicht begriff, was sie damit sagen wollte. Das Resultat jedoch war, dass Mrs. McKenzie ihm einen recht großzügig bemessenen Vorrat an Keksen, selbst gebackenen Kuchen und selbst gekochter Marmelade gab, die der Lkw-Fahrer auch sogleich in den vor der Tür stehenden Lastwagen brachte. Dort angekommen, verstaute er die Leckereien und kramte seine Straßenkarte von Großbritannien hervor. Mit geübtem Blick sah er, dass eine Fahrt an die Nordküste einen Zwischenstopp erforderte. Es sind 400 Kilometer, dachte er. Wenn wir gleich losfahren, erreichen wir unser Ziel im Dunkeln, also legen wir eine Übernachtung ein. Er verfluchte sich selbst, dass er den Hamstern so großspurig gesagt hatte, dass sie ihre Sachen packen und dass es gleich losgehen sollte. Moment mal, überlegte er und legte die Karte beiseite, das sind winzige kleine Tiere und wenn ich denen sage, wir fahren erst morgen, dann fahren wir auch erst morgen. Gut, ich sage ihnen also..., ach ist ja auch egal. Leise vor sich hin schimpfend, ging der Lkw-Fahrer auf sein Zimmer zurück und stellte sich vor die Hamster.

"Wir werden morgen fahren, es ist schon zu spät für die Abfahrt!"

Mit großen, traurigen Knopfaugen blickten ihn zwölf frustrierte Hamster an. Sogar Goldi hörte auf, an dem Keks zu knabbern, den er dem Bürgermeister geklaut hatte.

"Ich meine, wir kommen nachts an und das bedeutet...."

Flecki hielt eine Pfote vor ihr Gesicht, und Tati begann leise traurig zu fiepen.

"Wir müssten einen Zwischenstopp einlegen und das wäre..."

Goldi war direkt vor den Lkw-Fahrer gekrabbelt und sah ihn mit großen, feuchten Augen an.

"Das wäre, ich meine, das geht doch nicht..."

Dasie und Sasie standen nun ebenfalls vor ihm, hatten einander eng umschlungen, schluchzten und fiepten ebenfalls, allerdings wesentlich lauter als Tati.

Eine Viertelstunde später saßen sie wieder im Lastwagen und hatten bereits die Ferry Road hinter sich gelassen. Die Reisetruppe näherte sich der Abzweigung auf die A90, die zu der berühmten Brücke über den Firth of Forth führte.

"Geile Nummer", lachte Goldi. "Habt ihr gesehen, wie der Typ geflennt hat? Noch ein paar Minuten, und der hätte uns auf Händen zu dem ollen McShredder getragen."

"Wie ich immer zu sagen pflege", resümierte der Bürgermeister, der sich von dem kleinen Unfall mit dem Kochtopf erstaunlich gut erholt hatte, "ist es immer eine Frage von Friede, Nächstenliebe und Toleranz. Wir haben diesem Menschen gezeigt, dass auch wir Hamster Gefühle haben, die nicht verletzt werden dürfen, und wie ich im Besonderen betonen möchte..."

Der Bürgermeister verstummte, und seine Augen weiteten sich.

"Grenzkontrolle, schnell versteckt euch!" rief er und drehte sich voller Panik im Kreis.

"Ach was, das ist doch nur Typ, der den Eintritt kassiert." beruhigte ihn Hamstilidamst. "Jeder, der die Brücke in Richtung Schottland nimmt, muss Geld bezahlen. Der Rückweg ist gratis."

Vim van der Slampe steuerte wenig später den schweren Lastwagen auf die breite M90, die bis nach Perth führt. Hinter dem Lkw hatte sich ein kleiner Stau gebildet, der sich nun langsam auflöste. Ein Pkw nach dem anderen überholte, und die Hamster schauten begeistert aus dem Fenster. In der Ferne kamen die ersten Berge in Sicht. Als die Sonne sich langsam dem Horizont näherte, erreichten sie Perth und waren wieder auf der recht schmalen A9. Es war sehr wenig Verkehr um diese späte Tageszeit. Vim van der Slampe blickte etwas beunruhigt aus dem Fenster und drehte sich dann zu den Hamstern um.

"Ihr seht ja nun, dass es bald Nacht wird. Ich kenne diese Strecke nicht, und mit meinem schweren Brummi möchte ich wirklich nicht weiterfahren. In der nächsten größeren Stadt werden wir uns einen Platz zum Übernachten suchen. Ich freue mich schon auf meine gemütliche Schlafkoje. Auf der Fähre war es recht ungemütlich in einem Schlafsessel, wisst ihr?"

Natürlich erhielt er keine Antwort, obwohl er im Rückspiegel genau sehen konnte, dass die Hamster aufgeregt miteinander tuschelten und diskutierten. Dann war es soweit. Wenige Kilometer, nachdem sie den kleinen Ort Ballinluig passiert hatten, bog der Fahrer ab und fuhr auf einer langgestreckten Kurve weiter. Als sie wenig später eine Straße namens Atholl Road erreicht hatten, fuhr er langsamer.

"Pitlochry", rief er den erstaunten Hamster zu. "Hier werden wir uns etwas zum Übernachten suchen."

Vim van der Slampe suchte und fand einen günstigen Platz. An einem Schild, das den Weg zum Bahnhof wies, bog er ab. Inzwischen war es recht dunkel geworden, und im Scheinwerferlicht des Lastwagens tauchte eine Brücke auf. Der Fahrer folgte nicht dem Weg zum Bahnhof, sondern fuhr geradeaus weiter an einem bunt beleuchteten Gebäude vorbei, bis sie einen Seitenweg erreichten. Dann hielt er an und stellte den Motor aus. Er blickte sich um und stellte zufrieden fest, dass um sie herum überall Bäume standen. Hier würden sie die Nacht in Ruhe verbringen können.






Kapitel 17

Amusements

"Ist der Kerl nicht ganz dicht, oder hat er einen Schaden von seiner Begegnung mit der Gardinenstange?" fauchte Flecki und zeigte aus dem Fenster. "Was sollen wir denn hier? Das ist ja an den Hinterpfoten der Welt!"

Vim van der Slampe, müde von der Fahrt, hatte sich schon längst in seine Schlafkoje verzogen und die Augen geschlossen. Sein Kopf brummte nach wie vor, und das nicht nur, weil er Bekanntschaft mit einer Gardinenstange gemacht hatte, nein, der Aufprall seines Schädels an dem Heizungskörper war weitaus schmerzhafter und nachhaltiger gewesen. Das aufgeregte Fiepen der Hamster hatte etwas Beruhigendes an sich, und es dauerte nur wenige Minuten, bis er eingeschlafen war. Hätte er allerdings bedacht, dass Hamster nun mal Nachttiere und somit nachtaktiv sind, so wäre er wohl alles Andere als beruhigt eingeschlafen.

"Wir sollten ein wenig an die frische Luft gehen", schlug der Bürgermeister vor. "Mein Kopf tut weh, und ich denke, dass ich auch für uns alle spreche, wenn ich erwähne, dass wir uns ein wenig die Highlands anschauen sollten."

"Oder die Geschäfte", rief Flecki aufgeregt, und die neben ihr sitzende Sasi nickte ebenso aufgeregt.

"Oder Daddeln."

Das fröhliche Geplapper und Gefiepe der Hamster verstummte urplötzlich.

"Wie - Daddeln?" fragte Hamstilidamst und starrte genauso wie alle anderen Goldi neugierig an.

"Na, eben Daddeln. Als wir eben unter einer Brücke durchgefahren sind, habe ich eine Spielhölle gesehen."

"Ei-eine Spielhölle?" rief Trampel aufgeregt. "Worauf warten wir?"

Laut jubelnd rannten die Hamster hinter Goldi her und standen wenige Minuten später vor einer verschlossenen Tür. Die Lichter der Neonröhren mit dem Wort 'Amusements' waren erloschen. Drinnen waren mehrere Spielautomaten zu sehen, an denen einige Lichter blinkten, doch ansonsten war der Laden leer.

"Öhm, und was machen wir nun?" keuchte der Bürgermeister, der noch etwas atemlos von der Lauferei war.

Bauleiter Murksel trat gegen die Eingangstür und blickte enttäuscht auf die blinkenden Geräte..

"Solider Stahl, da ist nichts zu machen. Allerdings..." Aufgeregt wischte der Bauleiter mit seiner kleinen Pfote die Scheibe etwas sauberer und blinzelte mit den Augen. Dann drehte er sich um und rief: "An der hinteren Wand hängen Handtücher und daneben ein Schlüsselbund. Den müssen wir unbedingt haben, dann können wir bestimmt die Tür aufschließen!"

"Soll ich durch den Briefkastenschlitz klettern und ihn holen, Chef?"

"Klasse Idee, Dodo. Los, beeil dich!"

Dodo zwängte sich durch den engen Briefkastenschlitz, der nur wenige Handbreit über dem Boden angebracht war. Es erforderte etwas Unterstützung seiner Kollegen, denn Dodo war nun mal der dickste aller Hamster, und so mussten ihn  die übrigen kräftig anschieben, bis er endlich im Inneren der Spielhölle war. Dort angekommen, vertrödelte er auch keine Zeit, sondern lief zur Wand, an der die Schlüssel hingen, krabbelte an einem der Handtücher hoch und warf den Schlüsselbund hinunter. Kurz darauf hatte er wieder den Briefkastenschlitz erreicht, wo seine Kameraden bereits sehnsüchtig auf ihn warteten. Dodo schob den Schlüssel auf die andere Seite der Tür und zwängte sich mit erneuter Hilfe seiner Freunde durch den engen Schlitz.

"Ha, wir sind echt gut", tönte der Bürgermeister. "Ich möchte den Entscheidungen nicht vorausgreifen, doch ich empfehle nun, gemeinsam den Mülleimer dort vor die Tür zu schieben, damit wir an das Schloss gelangen!"

Wenig später gelang es Bauleiter Murksel mittels einen geschickten Saltos, den Schlüssel herumzudrehen. Das Türschloss knackte und sprang auf. Jubelnd stürmten die Hamster in den Laden und sahen sich mit großen Knopfaugen um. Zur rechten Seite standen zwei Autorennsimulatoren und ein Motorradsimulator. In der Mitte des Raumes befanden sich Spielautomaten und zur linken Seite noch mehr Spielautomaten. Mit riesigen, glasigen Augen steuerte Goldi auf die Rennsimulatoren zu und rief: "Ich brauche Geld! Wer tritt gegen mich an?"

Stille, betretendes Schweigen. Wo sollten 12 arme Hamster Geld herbekommen? Der Bürgermeister wollte etwas sagen, öffnete kurz seinen Mund und schloss ihn sogleich wieder. Seine Barthaare zitterten, und er begann, mit seiner linken Pfote auf den Boden zu tippen. Der Traum von einer durchzockten Nacht schien in diesem Moment zu sterben, und verzweifelt grübelten die Hamster, um eine Lösung für ihre Finanzmisere zu finden.

"Ich trete gegen dich an!"

Die Stimme kam aus der Tiefe des Raumes, aus einer dunklen Ecke auf der linken Seite der Spielhölle. Erschrocken hörte der Bürgermeister auf, mit der Pfote auf dem Boden herumzutippen und starrte, wie alle anderen Hamster auch, ängstlich ins Leere. Kein Laut war in diesem Moment zu hören, nur irgendwo draußen blökte ein Schaf in der dunklen Nacht. Dann raschelte etwas und bewegte sich auf die zitternden Hamster zu. Langsam näherte es sich, und langsam kam es immer weiter ins Licht hinein. Es war nicht etwas, es waren viele! Dann erkannten die Hamster, wer sich ihnen näherte. Rennmäuse! Etwa 20 Rennmäuse kamen auf sie zu. Die größte dieser Rennmäuse, so groß wie Dodo, jedoch viel schlanker, stellte sich direkt vor Goldi und fauchte: "Ich trete gegen dich an, und ich werde dich fertig machen und deine Eingeweide auslutschen, du Hamster!"

Goldi nickte. "In Ordnung, hast du genug Geld dabei?"

"Genug Geld! Du sprichst mit Big Mac Mouse, ich bin der Anführer! Schon mal von mir gehört?"

"Nö", brummte Goldi, "aber ich bin auch kein Anführer. Das ist der da!" und zeigte auf den zitternden Bürgermeister.

Die Rennmaus drehte sich um, richtete sich hoch auf und fuhr den Bürgermeister an: "Und du, Anführer! Kennst du etwa Big Mac Mouse nicht?"

"Öh, nun ich, äh, also wenn ich darauf hinweisen darf, verehrter Big Mac Mouse, so komme ich um die Dings, äh, Tatsache nicht unmittelbar sozusagen herum, dass ich gewissermaßen von einem Big Mac schon einmal vom Hörensagen erfahren zu haben durfte, äh, gedurft zu fahren, äh, hatte. Allerdings muss ich darauf hinweisen, dass dieses sich anlässlich eines Hamburgerwettessens ereignete, als ..."

"Häh?" rief die Rennmaus verwirrt, "was erzählt der da?"

"Nix", grummelte Goldi. "Können wir jetzt mit dem Rennen beginnen?"

"Wie wollt ihr denn die Dinger steuern?" wunderte sich Flecki. "Ich meine, ihr kommt doch mit den Pfoten überhaupt nicht an die Pedale."

"Wie lange meinst du wohl, leben wir hier schon?" fauchte die Rennmaus. "Hin und wieder kommt ein Mann, der die Dinger aufschraubt und überprüft. Dann stöpselt er eine kleine Fernbedienung an und prüft, ob alles funktioniert. Die Fernbedienung ist hinter den Apparaten. Wir sind schlau, wie? Das hättest du wohl nicht gedacht, was?"

Flecki sah die freche Rennmaus an und sagte angewidert: "Nein, jedenfalls nicht, wenn man dich anguckt. Du hast ekelige Essensreste zwischen den Zähnen."

"Und mit deinem Schwanz musst du in Hundescheiße geraten sein, so wie das stinkt." ergänzte Goldi.

Die große Rennmaus glotzte erst Flecki und dann Goldi an. Big Macs Augen funkelten wütend, und auch seine Kumpane nahmen eine bedrohliche Haltung ein.

"Ich werde dir das Maul stopfen, Hamster. Erst mal machen wir eine Aufwärmrunde am Simulator und dann wird es Ernst. Bist du bereit?"

Goldi nickte.

Big Mac nickte seinen Leuten zu, und jeweils zwei von ihnen liefen auf die beiden Autorennsimulatoren zu und holten aus der Rückseite die bereits erwähnten Fernbedienungen hervor. Jeder der beiden Wettkämpfer erhielt eine. Siegessicher grinste Bic Mac Mouse zu seinen Leuten hinüber, die mit Johlen und Gekecker antworteten. Keine Frage, wer hier gewinnen würde. Er sah zu Goldi hinüber.

"Du wirst jetzt die schlimmste Niederlage deines Lebens erleben, Hamster. Auf die Plätze, fertig, ..." und bevor die Rennmaus 'los' gesagt hatte, gab sie Gas und der Rennwagen auf dem Bildschirm setzte sich auf den ersten Platz.

"Du hast nicht 'los' gesagt", knurrte Goldi, dessen Wagen noch an der Startlinie stand.

"Ha", tönte die Rennmaus, "willst du schon aufgeben, du erbärmliches Fell tragendes Weichei? Na schön: 'los'!"

Goldi antworte nicht, sondern gab Gas. Aus den Augenwinkeln beobachtete er die Fahrweise der Rennmaus, und ihm entging nicht, dass sie recht hektisch fuhr und immer wieder mit hohem Tempo an die Leitplanken raste. Zwar hatte sie einen respektablen Vorsprung, doch Goldi, der weitaus geschickter seinen Wagen durch die Kurven lenkte, holte Stück für Stück auf. Dann war es soweit: In einer langgestreckten Kurve zog der Hamster an der Rennmaus vorbei. Die Rennmaus versuchte, ihren Gegner zu rammen, doch Goldi bremste kurz, und der Wagen der Rennmaus flog fast von der Strecke. Aus der Ecke der Rennmäuse ertönten entsetzte Schreie. Big Mac Mouse beschleunigte seinen Wagen  aufs Äußerste und drückte auf einen kleinen Knopf an der Seite der Fernbedienung. Auf dem Bildschirm erschien nun über seinem wild dahinrasenden Wagen ein blinkendes 'T' und Goldi registrierte sofort, dass die Rennmaus einen versteckten Turboantrieb aktiviert hatte. Der Hamster fummelte an seiner Fernbedienung herum, doch er fand keinen solchen Turboknopf. Es waren nur noch wenige Meter bis zum Ziel, und zudem es war eine gerade Strecke, auf der der Wagen von Big Mac Mouse gnadenlos näher kam. Es schien, als würde er im nächsten Moment als Erster durchs Ziel gehen. Die Rennmäuse waren bereits am Jubeln und sahen sich als die sicheren Sieger, als Goldi im letzten Moment urplötzlich seinen Wagen direkt vor den der Rennmaus setzte. Die Zuschauer, Hamster und Rennmäuse, kreischten laut auf und sahen nun, wie der Wagen von Bic Mac Mouse mit rasender Geschwindigkeit auf Goldis Wagen auffuhr, ihm einen mächtigen Stoß versetzte und ihn durch die Luft katapultierte. Das war die Entscheidung, denn der Wagen des Hamsters flog rauchend über die Ziellinie und hatte das Rennen gewonnen.

"Das war Schummel, Betrug!" kreischten die Rennmäuse, und Big Mac Mouse war kurz davor, sich auf Goldi, den das alles nicht zu interessieren schien, zu stürzen.

"Und der versteckte Knopf für den Turbomode?" fragte der Hamster mit Unschuldsmiene. Bic Mac Mouse trat auf ihn zu und rief: "Du bist jetzt dran, du Hamster! Das war eben nur Glück, sonst hätte ich dich fertig gemacht. Bist du bereit für das nächste Rennen?"

"Immer", entgegnete Goldi und folgte ihm zu einem riesigen Tisch, auf dem sich eine Autorennbahn befand. "Wie viele Runden?"

"Fünf, wir starten hier vorne neben der Tribüne. Die letzte Runde ist eine halbe Runde länger und endet an dem Rundenzähler vor dem Looping. Allerdings wirst du die letzte Runde sowieso nicht erleben!"

Flecki hatte sich in der Zwischenzeit in Goldis Nähe begeben und flüsterte ihm in einem unbeobachteten Moment ins Ohr. "Pass bloß auf, der hat bestimmt noch mehr schmutzige Tricks auf Lager!"

Mittlerweile hatten sich Hamster und Rennmäuse in den hinteren Teil der Spielhölle begeben, wo auf einem schwarz-weißen Belag eine Rennbahn stand. Sie beäugten die Fahrzeuge. Ein roter Lamborghini und ein schwarzer Porsche standen nebeneinander an der Startposition und warteten auf die Fahrer.

"Und was ist mit 'nem Preis für den Ersten?" fragte Goldi neugierig.

"Preis?" kreischte eine kleine Rennmaus und schob sich in den Vordergrund. "Wir sind die Größten und können alles! Wenn ich nicht dummerweise eine kaputte Pfote hätte, würde ich fahren, denn ich bin der schnellste Fahrer der Welt!"

"Der schnellste Fahrer der Welt?" entgegnete Goldi zweifelnd. "Wie schnell bist du denn schon bisher gefahren, und wie heißt du überhaupt?"

"Äh, das weiß ich nicht mehr so genau, aber mein Name ist McMax der Große."

"Für einen Großen bist du aber verdammt klein", warf Flecki spöttisch ein.

"Äh, ja, aber von den Kleinsten bin ich der Allergrößte", stammelte McMax und tauchte schnell wieder in der Gruppe der Rennmäuse unter.

Bic Mac Mouse trat nun direkt vor Goldi und funkelte ihn mit seinen Augen wütend an. "Also pass auf, Hamster. Regeln gibt es keine und der Gewinner kriegt alles. Der Verlierer fliegt mit einem Fußtritt raus und darf sich hier nie mehr blicken lassen. Also: wenn ich gewinne, verschwindet ihr alle und kriegt vorher einen Fußtritt, ist das klar?"

"Völlig klar", brummte Goldi, "geht es nun los oder was?"

Ohne eine Antwort zu geben rannte die Rennmaus zu dem schwarzen Porsche und setzte sich ans Steuer. Kurz darauf hatte sich auch Goldi in das Fahrzeug, und zwar in den roten Lamborghini, begeben und fummelte neugierig an den Knöpfen der Armatur.

McMax der Große war inzwischen wieder aufgetaucht und stand mit einer großen schwarz-weißen Flagge vor den Fahrzeugen mitten auf der Rennstrecke. Mit einem wichtigen Gesichtsausdruck stand er nun dort, und versuchte verzweifelt das Gleichgewicht zu halten, denn das Gewicht der Flagge zog ihn mal auf die eine und mal auf die andere Seite. Endlich hatte er einen halbwegs sicheren Stand gefunden und kreischte: "Also ich gebe jetzt das Kommando, und alle müssen auf mich hören, ist das klar? Wenn ich ein-zwei-drei sage und die Flagge senke, geht es los!"

"Müssen wir auch auf dich hören? Ich meine, wir fahren doch gar nicht mit, oder?" fragte Dodo verwirrt.

McMax der Große starrte Dodo verwirrt an, und überlegte einen Moment, bevor er stammelte: "Äh, nein, glaube ich. Ihr fahrt ja nicht mit, oder?"

"Nun, mein lieber Max, vielleicht sollten wir eine Grundsatzentscheidung treffen, die für alle Seiten vorteilhaft wäre", mischte sich nun unglücklicherweise der Bürgermeister ein. "Wie ich immer zu sagen pflege, betrifft das Wort 'alle' nicht automatisch auch die Allgemeinheit, sondern oft nur einen elitären Bereich der Minorität."

"Äh, ja, dieser Bereich", stotterte McMax, "das habe ich mir auch schon immer so gedacht."

"Wann geht denn das nun endlich los?" rief nun Bauleiter Murksel ungeduldig.

"Los? Äh, ja richtig. Also es geht los, wenn ich ein-zwei-drei sage und mit der Flagge schwenke..."

"Senken", rief Flecki empört, "du musst sie senken und nicht schwenken!"

"Ach so, menno, das meinte ich doch. Hier, ich zeige es euch mal, wie gut ich das kann. Wenn es los gehen soll, sage ich ganz laut ein-zwei-drei und senke die Flagge ganz genau so, wie ich es jetzt mache und dann...aaah!"

Laut kreischend flog McMax der Große durch die Luft. Die beiden Rennfahrer hatten das Senken der Flagge als Startzeichen gedeutet und rasten los, was natürlich ausgesprochenes Pech und sehr unangenehm für McMax war, der bis eben noch mitten auf der Rennstrecke gestanden hatte. Goldi erwischte den besseren Start und setzte sich an die Spitze, doch schon nach der ersten Kurve lagen beide Kontrahenten wieder dicht nebeneinander. Natürlich kannte die Rennmaus die Strecke in- und auswendig, sodass sie einen erheblichen Vorteil besaß, und tatsächlich übernahm sie nach einer gefährlichen  Z-Kurve die Führung. Die Rennmäuse johlten und grölten, während die Hamster mit großen Knopfaugen das Rennen gespannt verfolgten und mit Entsetzen sahen, dass Mac Mouse seinen Vorsprung in der nächsten Linkskurve ausbauen konnte. Die nächste Rechtskurve jedoch nahm er viel zu schnell, musste bremsen, und Goldi schoss an ihm vorbei, jagte durch eine nach links führende Steilkurve und erreichte den Looping als erster.

Die Rennmaus schien merkwürdiger Weise den schnelleren Wagen zu haben und konnte trotz Goldis besserer Kurventechnik jedes Mal auf den geraden Strecken den Rückstand aufholen. Nach der 4. Runde lag Big Mac Mouse mit seinem schnelleren Wagen ganz knapp in Führung und warf Goldi immer wieder wütende Seitenblicke herüber, während die Rennmäuse jubelten und sich bereits wie die sicheren Sieger fühlten. Dann passierte etwas, was alle Zuschauer verstummen ließ: Goldi bremste scharf, als Big Mac Mouse mal wieder einen bösen Seitenblick zu ihm hinüber warf und seine Zunge ausstreckte. Die Rennmaus war völlig irritiert für einen Moment; wo war ihr Gegner geblieben? Als sie sich mitten in der gefährlichen  Z-Kurve verblüfft nach ihrem Gegner umsah, versteuerte sie den Wagen und flog aus der Bahn, mitten hinein in die kreischende Menge der Rennmäuse. Goldi beschleunigte nun seinen Wagen, fuhr elegant durch die Z-Kurve und erreichte unter dem Jubel seiner Hamsterfreunde als erster das Ziel.

"Das war Schummel!" kreischte McMax und drohte mit seiner Pfote. "Wenn ich fahren könnte, würde ich dir das jetzt zeigen!"

"He, du kleiner Angeber", fauchte Flecki während sie Goldi auf die Schulter klopfte, "wieso wenn du fahren könntest? Ich denke, du bist der größte und beste Fahrer der Welt?"

"Äh, ja, also ich meine, wenn ich fahren könnte, dann wäre ich wohl der schnellste Fahrer der Welt...."

"Kommt Kinder", rief nun Bauleiter Murksel, "wir treten diesen aufgeblasenen Rennmäusen in den Hintern und schmeißen sie raus! Dodo, komm mal her!"

"Was ist denn, Chef?" rief Dodo zurück und näherte sich dem Bauleiter.

Als der große Hamster auf Murksel zuging, gerieten die Rennmäuse in Panik. Laut kreischend, jammernd und übereinander stolpernd rannten sie um die nächste Ecke und verschwanden durch eine kleine Klapptür. Da diese Klapptür sehr eng war, gab es ein wüstes Gekloppe unter den Rennmäusen, wer als erster durch durfte. Viele Schrammen, Beulen und Gejammer später waren die Hamster alleine in der Spielhölle. Bei ihrer überhasteten Flucht hatten die Rennmäuse einen ganzen Beutel voller 2-Pence Stücke zurückgelassen, die nun begierig von den Hamstern genommen und in diverse Maschinen gesteckt wurden. Am beliebtesten war natürlich der Automat, der über einen Schieber ein paar 2-Pence Stücke hin und her schob und mit Münzen gefüttert werden musste. So manches Mal gewannen die Hamster, und so manches Mal waren sie kurz vor der Pleite. Es wurde eine grandiose Party, und als sich am Horizont die erste Morgenröte zeigte, war von draußen ein merkwürdiges Geheule zu hören.

"Die Rennmäuse," stellte Bauleiter Murksel fest.

"Die sind ja total besoffen!" rief Hamstilidamst und deutete mit seiner linken Pfote durch eine Glastür nach draußen, wo mehrere Rennmäuse neben einer leeren Cidre-Flasche im Gras lagen und Lieder sangen.

"Die armen Schweine", rief Flecki und Tränen standen in ihren Augen. "Die haben keine Zukunft, so wie die trinken!"

"Alkohol ist etwas für Schwächlinge", stellte Goldi fest.

Wenig später verließ eine müde und gähnende Hamstertruppe zufrieden die Spielhölle und begab sich wieder in den Lastwagen. Nach einem kurzen Imbiss fiel einer nach dem anderen in den Schlaf, während die ersten Sonnenstrahlen auf  Pitlochry fielen.











Kapitel 18

Oben

Über dem Glen Brerachan war inzwischen die Sonne aufgegangen und wärmte mit ihren Strahlen das Städtchen Pitlochry, das am River Tummel friedlich vor sich hin dämmerte. Zur anderen Seite hin lag irgendwo in der Ferne der Tay Forrest Park, den der kleine Fluss irgendwann erreichen würde. Bei Dunalastair würde der River Tummel dann ein großes Wasserreservoir bilden, vom dem aus ein Ausläufer weiter zum Loch Rannoch fließen würde. Vorbei an Talladh-a-Beithe und Killichonan würde dieses Loch schließlich in das Loch Eigheach übergehen und danach durch das Loch Laidon an Black Corries Lodge vorbei fließen, um schließlich in der Nähe des Kings House Hotels seine Reise zu beenden. Von hier aus wären es übrigens nur noch weniger als 30 Meilen Luftlinie bis Oban und sogar noch weniger bis zum Schloss Dunollie gewesen.

Natürlich hätten die Hamster einen weitaus kürzeren und angenehmeren Weg nehmen können, als den, den sie nun aufgrund eines kleinen Rechtschreibfehlers vor sich hatten. Sie hätten bequem das Glencoe mit seiner unrühmlichen Vergangenheit durchqueren und hätten wunderschöne Berge und noch mehr Touristenbusse bestaunen können. Hätten sie, aber wie lautet ein bekanntes Hamstisches Sprichwort? Wähle von allen Möglichkeiten die unmöglichen, dann ergibt sich die beste aller Möglichkeiten von ganz alleine. So fuhren die Hamster also ganz nach oben an die Nordküste statt zur Westküste, wo die kleine Hafenstadt Oban zwischen Bergen zur einen und der Insel Kerrera zur anderen Seite lag.

Vim van der Slampe lenkte den Lkw zurück auf den Atholl Road, hielt an einem kleinen Fish n' Chips Laden und warf grinsend einen Blick auf die friedlich schlafenden Hamster. Er fühlte sich frisch und ausgeschlafen, und hätte er geahnt, was ihm die nächsten Tage bevorstand, hätte er sich das Grinsen sicherlich verkniffen. Auch hätte er sich bestimmt eine Packung Aspirin besorgt, doch da er von alledem nichts ahnte, stieg er mit einer Tüte Fish n' Chips und einigen Schokoriegeln bewaffnet nach kurzer Zeit wieder in den Wagen. Er ließ es sich schmecken und ging im Geiste noch einmal die Route durch. Er würde den kürzesten Weg vorbei an den wunderschönen Grampian Mountains bis Inverness nehmen, das wären ungefähr 130 Kilometer. Dann käme der schwerste Teil, denn nun würden 150 Kilometer auf engen Straßen vor ihm liegen. Normalerweise wäre eine solch lange Strecke kein Problem für ihn, doch Vim van der Slampe war noch nie in seinem Leben auf Single-Track-Roads gefahren. Wenige Stunden später war seine gute Laune schlagartig beendet, und er steckte mit seinem Lastwagen samt Hamstern in einer riesigen Baustelle namens Inverness fest. Es war heiß und der Gestank von Teer und Asphalt schwebte in der Luft. Es schien, als würden alle Straßen in dieser Stadt gleichzeitig aufgerissen und erneuert werden. Mal rollte der Lastwagen ein paar Schritte und mal fuhr er sogar für ein paar Sekunden. Doch meistens stand er und das für viele, viele Minuten, die sich zu Stunden sammelten. Die Sonne ging langsam wieder unter, als der frustrierte Lkw-Fahrer den Moray Firth überquerte und kräftig fluchte. In diesem Moment erwachten die Hamster und schauten neugierig zum Fenster hinaus. Das damit verbundene laute Gefiepe ging Vim van der Slampe gehörig auf die Nerven, die ohnehin zum Reißen gespannt waren. Als sie an Easter Ross vorbeifuhren, öffnete er erleichtert das Seitenfenster, um seinem inzwischen heftig brummenden Kopf ein wenig Abkühlung zu verschaffen. Nach einer Minute allerdings schloss er genervt das Fenster wieder, da sich die Hamster lautstark über die kalte Zugluft beschwerten. Sie erreichten den Dornoch Firth und hielten an einer kleinen Raststätte, wo der Lkw-Fahrer sich auf eine Toilette rettete und seinen Kopf unter kaltes Wasser hielt. Er fühlte sich nun etwas besser, und ihm fielen die Schokoriegel ein, die nun seinen heftig knurrenden Magen ein wenig beruhigen sollten. Ungeduldig wühlte er 5 Schokoriegel aus dem Handschuhfach hervor und riss den ersten gierig auf. Ein leises Fiepen ließ ihn innehalten, und er blickte sich erstaunt um. Vor ihm, auf der Armatur, saßen 3 Hamster, neben ihm, in der Ablage der Seitentür, saßen 4 weitere, auf dem Beifahrersitz ebenfalls 4 und auf seinem Schoß noch einer. 12 hungrige, traurige Augenpaare schauten ihn nun fragend an, und mit einem Mal spürte er einen dicken Kloß im Hals.

"Hunger habt ihr, wie? Ich habe ganz vergessen, etwas zu besorgen. Aber die Schokolade sollte für uns alle reichen, meint ihr nicht auch?"

Er brach den Riegel in mehrere Teile und hielt den Hamstern jeweils ein Stück hin. Zufrieden öffnete er nun den nächsten Riegel, doch gerade, als er ihn in seinen Mund stecken wollte, sah er wieder 12 hungrige Augenpaare vor sich. Diesmal saßen alle Hamster auf dem Armaturenbrett. Seufzend zerbröselte Vim van der Slampe auch diesen Riegel, und erneut verteilte er ihn unter den Hamstern.

"Wieso überrascht es mich nicht, dass ihr Gierhälse noch nicht genug habt?" schimpfte er, nachdem auch der nächste Versuch fehlschlug und er sich somit den vorletzten Riegel nahm. Während er ihn auspackte und den letzten neben sich auf den leeren Beifahrersitz legte, drehte er seinen Kopf weg vom Armaturenbrett und blickte angestrengt zur Fahrzeugdecke, um den gierigen Blicken der Hamster zu entgehen. Jedoch dicht unter der Decke hing ein großer Rückspiegel, und auf dem saß ein traurig blickender Hamster, der leise vor sich hin fiepte.

"Da, nehmt, ich will ihn gar nicht! Und jetzt verschwindet, ich will wenigstens den letzten Riegel haben! Verdammte Gierhälse!"

Schon im nächsten Moment taten ihm diese Worte leid als er sah, wie die Hamster den vorletzten Riegel schnappten und einer nach dem anderen in die Schlafkoje flüchteten. Mit schlechtem Gewissen und mit knurrenden Magen tastete seine Hand auf den Beifahrersitz, und unbändige Wut stieg plötzlich in ihm hoch.

"Ihr verdammten kleinen Nager! Ihr gefräßigen Biester! Sofort rückt ihr jetzt die Schokolade raus, das war meine!"

Der Lkw-Fahrer dreht sich um und wollte über den Sitz nach hinten zur Schlafkoje klettern, blieb jedoch am Rückspiegel hängen. Als er gerade seine erneute Wut herausbrüllen wollte, klopfte es an der Seitenscheibe. Ein Polizist! Vim van der Slampe öffnete die Tür.

"Guten Abend, Sir, haben Sie ein Problem?"

"Äh, nein, mein einziger Schokoriegel ist verschwunden, sonst nichts."

"Ihr Schokoriegel, Sir?"

"Ja, er lag eben noch auf dem Beifahrersitz, und wenn ich nicht bald etwas zu essen kriege..."

Der Polizist blickte auf Vim van der Slampes rechte Hand, in der sich das Papier von einigen Schokoriegeln befand.

"Ihr Schokoriegel ist also plötzlich verschwunden, Sir?"

Der Lkw-Fahrer klappte seinen Mund auf und schnell wieder zu. Fast wäre ihm etwas  über die Hamster herausgerutscht, doch das hätte ihm wohl gewaltigen Ärger eingebracht. Tiere nach Großbritannien einzuschmuggeln wäre bestimmt strafbar, und er wagte sich nicht auszumalen, was wohl sein Arbeitgeber sagen würde, wenn der Lkw von der Polizei beschlagnahmt werden würde.

"Vielleicht, Sir", fuhr der Polizist höflich fort, "sollten Sie sich beeilen, vor Ladenschluss nach Bonar Bridge zu fahren."

"Ja, sicher", entgegnete van der Slampe erleichtert und verstaute die Schokoladenpapierreste im Handschuhfach.

Der Polizist nickte und ging zu seinem Fahrzeug zurück, während Vim van der Slampe den Motor anließ und den Rückwärtsgang einlegte. Sein Blick fiel routinemäßig in den Rückspiegel, und was er sah, ließ ihn das Blut in den Adern kochen: Da guckte ein Hamster unter dem Vorhang der Schlafkoje heraus und hatte einen ganzen Schokoriegel im Maul! Kreischend wollte der Lkw-Fahrer sich umdrehen, als er versehentlich Vollgas gab, der schwere Wagen rückwärts schoss, einen kleinen Holzzaun durchbrach und zum Stehen kam.

"Musstest du denn auch noch das letzte Stück klauen?" fauchte Flecki.

"Er hat uns immerhin verdammte Gierhälse genannt. He, Leute, der Bulle ist gerade aus seinem Streifenwagen gestiegen und kommt zurück!" entgegnete Goldi.

"Sir, Sie werden weit nach Ladenschluss in Bonar Bridge ankommen, wenn Sie so weiter fahren! Im Übrigen haben Sie schottisches Eigentum beschädigt. Sind Sie mit einer Geldstrafe von 50 Pfund einverstanden?"

Neugierig beobachteten die Hamster von der Schlafkoje aus diese entwürdigende Handlung. Schließlich fuhr der Polizist mit seinem Streifenwagen weiter Richtung Bonar Bridge, während Vim van der Slampe einige Pfund ärmer war. Genau genommen sah er nicht nur ärmer, sondern auch gealtert aus. Das Knurren seines Magens war mittlerweile so laut geworden, dass selbst die Hamster es hören konnten, zumindest so lange, bis der Motor des Lkws ansprang und der Fahrer Gas gab. Diesmal jedoch bewegte sich der Wagen nicht, lediglich das Durchdrehen der Räder war zu hören. Wütend riss van der Slampe die Fahrertür auf und lief nach hinten.

"Verdammter Mist!" hörten die Hamster ihn brüllen. "Ich Riesenidiot bin in einen Graben gefahren!"

Die nächste Stunde brachte den Hamstern nun so richtig Spaß. Ein verzweifelter Lkw-Fahrer sammelte alles, was er an Steinen und Ästen finden konnte und legte es unter die Hinterräder. Der Wagen schaukelte und rüttelte bei jedem neuerlichen Fahrversuch und die Hamster sangen fröhliche Seemannslieder. Irgendwann war es dann doch geschafft, und ein völlig verdreckter van der Slampe fuhr den Lkw auf die Straße zurück. Nach wenigen Minuten hatten sie Bonar Bridge erreicht, und er sah zu seinem Entzücken, dass in dem einzigen Geschäft der Stadt noch Licht brannte. Nach einer unsanften Bremsung sprang er aus dem Wagen und rannte zur Eingangstür des Ladens. Sie war verschlossen, und durch die Scheibe der geschlossenen Eingangstür erkannte er das Reinigungspersonal, das mit der Säuberung des Fußbodens beschäftigt war. Schluchzend setzte sich Vim van der Slampe neben die Ladentür und begann, einen neben ihm stehenden Mülleimer nach Essbarem zu durchsuchen.

"Einfach ekelhaft, wie der sich gehen lässt", schimpfte Sasi, und Flecki nickte zustimmend.

"Das nächste Mal sollten wir uns genauer angucken, von wem wir uns fahren lassen", fügte Dasie hinzu.

Tatsächlich sah der arme Lkw-Fahrer alles andere als vorteilhaft aus. Seine Haare waren schmutzig und verklebt, seine Augen müde und verquollen, seine Kleider schmutzig und teilweise aufgerissen, und bestimmt roch er auch nicht sonderlich gut, nachdem er zweimal in den Graben gefallen war, als er den Lkw freibekommen wollte.

"He, Leute, schaut mal, da vorne kommt der nette Polizist wieder!" rief Goldi in diesem Moment begeistert, und die Hamster drückten ihre kleinen Näschen an die Fensterscheibe des Wagens und lauschten der Dinge, die da kamen.

"Sir, ich hatte nicht erwartet, Sie so schnell wiederzusehen!"

"Der Laden", kam die Antwort keuchend, "der ist dicht!"

"In der Tat, Sir, Sie sind zu spät gekommen. Darf ich Sie jetzt auffordern, diesen Platz zu räumen und weiterzufahren?"

Der Lkw-Fahrer nickte stumm und kletterte mühsam hinter das Steuer, ließ den Motor an und fuhr los. Schweigend ging es nun einige Meilen weiter bis sie eine Weggabelung kurz hinter Invershin erreichten. Der Lkw stoppte. Es war mittlerweile recht dunkel geworden, und weit und breit war niemand zu sehen, den man hätte fragen können. Genervt stieg der müde Mann aus dem Lkw und sah sich um.

"Nichts ist hier, kein Schild, kein garnix!" brüllte er wütend in die Landschaft.

Flecki, Tati, Teeblättchen, Sasie und Dasie waren neugierig hinterher geklettert und beobachteten den schmutzigen, brüllenden Fahrer.

"Es ist doch immer dasselbe mit den Männern", schimpfte Flecki. "Am Anfang sind sie noch nett, doch später lassen sie sich nur noch gehen und benehmen sich wie die Axt im Walde!"

Der bewusste Mann war inzwischen auf die Idee gekommen, ein paar Meter zurückzulaufen und sah nun ein Schild, an dem sie gerade eben vorbeigefahren waren: A836 - Laird. Peinlich berührt stieg er wieder in den Lastwagen und knallte die Tür zu. Flecki, Tati, Teeblättchen, Sasie und Dasie hatten erhebliche Mühe, gerade noch in das Fahrerhaus zu springen, bevor die Tür krachend zufiel.

"Also ehrlich, total rücksichtslos wie eine Brechstange!" fauchte Dasie und putzte sich beleidigt das Fell.

"Was is 'n nun mit der Party?" fragte Dodo, und Goldi rief: "Alles schon vorbereitet, wir können starten!"

"Die Musik fehlt aber noch", warf Bauleiter Murksel ein.

"Wie wäre es, wir machen die Musik?" rief Hamstilidamst begeistert. Sofort zogen sich alle Hamster in die Schlafkoje zurück und begannen mit einer ausgelassenen Feier, wobei zum Auftakt die vorher gesammelte Schokolade verteilt wurde. Nun ist zwar eigener Gesang auch recht schön, doch so rechte Stimmung kam erst auf, nachdem der Lastwagen den kleinen Ort Laird passiert hatte. Nun begann der längste und einsamste Single-Track Schottlands. Der völlig übermüdete und halb verhungerte van der Slampe bekam ein gewaltiges Problem, denn diese Straße war höllisch eng, und mit seinem Lastwagen war es ganz besonders höllisch eng und gefährlich. Es gelang ihm nicht, den Lkw auf einer ruhigen, geraden Spur zu halten, sondern er fuhr in leichten Schlangenlinien immer zwischen linker und rechter Straßenkante hin und her. Ihm wurde heiß und kalt, und der Schweiß lief ihm über das schmutzige Gesicht. Nicht weit hinter ihm schunkelten die Hamster fröhlich und sangen lauthals Seemannslieder. Der Bürgermeister war beim wiederholten Versuch, auf eine leere Brotdose zu steigen um eine Rede zu halten, durch das Geschaukel heruntergefallen und lag nun leicht benommen und grinsend in einer Ecke. Tuffi brachte ihm ein Stück Schokolade woraufhin sich der Bürgermeister auf den nächsten Kilometern angeregt mit dem Stück Schokolade unterhielt. Plötzlich wurde die Feier durch das wüste Geschimpfe und Gebrüll eines gewissen Lkw-Fahrers unterbrochen.

"Was ist denn nun schon wieder los?" wunderte sich Murksel. "Kann der Typ denn nichts alleine machen?"

Verwundert blickten die Hamster auf den Fahrer, der das Gesicht auf das Lenkrad gelegt hatte und mit den Fäusten auf dem Armaturenbrett herumtrommelte.

"Ich halte diesen Mist langsam nicht mehr aus! Ich schiebe diese Scheißkarre ins nächste Loch! Wo soll ich denn jetzt bloß Benzin herkriegen? Hier, am Ende der Welt!? Ich drehe durch, ich brauche was zum Essen!"

Wütend biss er ins Lenkrad, spuckte ein Stück abgebissenes Plastik aus und rammte seinen Kopf heulend gegen das Lenkrad.

"Peinlich, wenn ihr mich fragt", stellte Flecki kopfschüttelnd fest. Sasie und Dasie standen neben ihr und nickten. Dann fiel Fleckis Blick auf Goldi und sie hatte eine Idee. "Wie wäre es, wenn gewisse hamstische Futterstaubsauger ein wenig von ihren Vorräten an die hungernde Bevölkerung abgeben würden?"

Der Bürgermeister hatte inzwischen sein Gespräch mit dem Stück Schokolade beendet und rief begeistert: "Jawohl, das ist der Beginn einer guten Tat! Lasst uns eine Sammelaktion machen, um diesem Dings, äh, diesem armen Menschen zu helfen. Selbstverständlich werde ich, als Bürgermeister und sozusagen moralisches Vorbild den ersten Schritt machen und dieses Stück hier spenden!"

Alle beteiligten sich an diesem Spendenaufruf und sogar Goldi schob murrend einen ganzen Riegel unter den verwunderten Blicken seiner Freunde herbei.

"Wo hattest du den denn versteckt?" fragte Flecki entrüstet.

"Wenn ich dir das sage, muss ich mir das nächste Mal ein neues Versteck suchen", erwiderte Goldi mit verärgerter Miene.

Der Bürgermeister sammelte die gespendete Schokolade auf und kletterte den Beifahrersitz hinunter. Es dauerte eine Weile, bis der Lkw-Fahrer sein müdes, tränenüberströmtes Gesicht zur Seite drehte und den Hamster wahrnahm. Dann riss er seine Augen weit auf, griff gierig nach der Schokolade und stopfte sie sich in den Mund. Er packte den Bürgermeister am Nackenfell und hielt ihn dicht an sein Gesicht.

"So, du kleiner Strauchdieb, hast du es also eingesehen, dass du da was ganz Schlimmes gemacht hast? Ein gemeiner Dieb bist du, und ich sollte dich hier aussetzen, wenn wir nicht sowieso festsitzen würden."

Er setzte den heftig protestierenden Bürgermeister wieder auf den Beifahrersitz und überlegte.

"Ich glaube, wir sind hier am Loch Loyal", sprach er nach einiger Zeit. "Ich werde es mir jetzt am Seeufer gemütlich machen, so, wie ich oft in meiner Heimat im weichen, grünen Gras übernachtet habe. Macht was ihr wollt, ich gehe jetzt schlafen!"

Nachdem die Tür geräuschvoll von außen geschlossen wurde, blieben die Hamster alleine im Lastwagen zurück.

"Strauchdieb hat er mich genannt! So etwas Respektloses ist mir in meiner ganzen Karriere noch nicht passiert. Ich denke, wir sollten eine Abordnung zu ihm schicken und ihn ultimativ auffordern, sich zu entschuldigen. Das ist Beamtenbeleidigung, und ich denke, ich gehe recht in der Annahme..."

"He, ist da vorne nicht ein Radio?" rief Murksel begeistert, und sofort stürmten er und Goldi zum Armaturenbrett und untersuchten das dort angebrachte Gerät.

"Sag' mal Flecki", druckste Dodo, "hat ihm schon mal jemand erzählt, dass es in Schottland diese fiesen, kleinen Mücken gibt? Ich meine, der Fahrer kennt die wohl nicht, oder?"

"So wie der aussieht, sollten wir lieber die Midges vor ihm warnen, aber wer so unhöflich ist, hat es nicht anders verdient!"

"He, was ist denn nun mit der Musik?" riefen Hamstilidamst und Teeblättchen.

"Keine Ahnung", brummte Goldi genervt, "irgendwie funktioniert das Ding nicht. Hier hängt auch noch so ein komischer Lautsprecher mit einer Taste an einem Band herunter. Wie wärs, Bauleiter, ich hüpfe mal ein bisschen auf der Taste herum?"

"Gute Idee, vielleicht kriegen wir das damit in Gang. Ich versuche mal, an den Knöpfen zu drehen!"

In der nächsten halben Stunde erfüllte ein Quietschen, Rauschen und Brummen die Kabine, bis plötzlich laut und deutlich aus dem Lautsprecher unter dem Gerät eine Stimme ertönte: "This is Northcoast Patrol, please answer if you need help!"1

"Was'n das für ein Gelaber?" fragte Murksel neugierig.

"Keine Ahnung, aber ich werde noch ein wenig auf dieser Taste herumhüpfen, anscheinend geht davon das Radio an!" Als hätte es auf diese Worte gewartet, fing das Gerät wieder an zu quäken:

"This is Northcoast Patrol, we pass on your position to policestations Thorso, Bettyhill and Bora. Please be patient, help is coming soon!"1

"Darf ich auch mal das Radio bedienen?" rief Dodo aufgeregt, und Goldi nickte keuchend. Das Auf- und Abhüpfen hatte ihn reichlich angestrengt.

Mit Schwung landete Dodo auf der Taste, es knackte kurz in den Lautsprechern, und Dodo schaute verlegen in die Runde. "Die Taste ist festgeklemmt!"

"Schade", rief Sasi, "aber lasst uns doch noch ein wenig singen!"

So kam es, dass in dieser Nacht fast sämtliche Polizeikräfte Nord-Schottlands im Einsatz waren und sich auf den Weg zum Loch Loyal machten. Die Verständigung untereinander war ein wenig gestört, denn ein permamentes Kreischen, das wie eine gequälte Katze klang, lag genau auf der Frequenz des Polizeifunks und jagte den Beamten einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Das Schlimmste erwartend, rasten sie so schnell es ging zum Einsatzgebiet.

Die Hamster beschlossen gerade, die Feier ausklingen zu lassen und sich in die Schlafkoje zurückzuziehen, als das Geknatter eines Hubschraubers, und das Heulen von Polizeisirenen ihre Neugier weckte. Wieder drückten sie ihre kleinen Näschen an der Fensterscheibe platt und sahen, wie von beiden Seiten des Single-Tracks Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirenen herangeschossen kamen.

"Was hat der Kerl bloß wieder angestellt?" wollte Flecki neugierig wissen. "Oh, da kommt er ja, schnell ins Versteck!"

Tatsächlich näherte sich der völlig panische Lkw-Fahrer und kroch in sein Fahrzeug. Sein Gesicht war von Insektenstichen gezeichnet, und er blickte mit weit aufgerissenen Augen auf die heulenden Wagen, die nur noch wenige Meter entfernt waren.

"Die UFOs kommen, die UFOs kommen!" schrie er  und versuchte, sich unter dem Sitz zu verstecken. Im nächsten Moment wurden beide Fahrzeugtüren aufgerissen, ein gleißender Strahl hellen Lichtes traf ihn und jemand brüllte: "Auf den Boden! Nicht bewegen! He, Moment, den kenne ich doch!"

Als das erste Morgenrot sich zeigte, hatte Vim van der Slampe gerade das verschlafene Städtchen Tongue hinter sich gelassen. Er folgte der A838 ein Stückchen hinweg über die Bucht von Tongue und bog dann nach rechts auf eine Seitenstraße. Am liebsten hätte er sich heulend in den nächsten Straßengraben geworfen, so fertig war er. Es war eine schlimme Nacht gewesen, und ihm waren viele berechtigte Fragen gestellt worden. Das Schlimmste war, dass er selber keine Ahnung hatte, wieso von seinem Funkgerät aus Notsignale abgesetzt worden waren, die ausgerechnet auf der Frequenz der Küstenpolizei lagen. Die Küstenpolizei wiederum hatte die Quelle der Signale lokalisieren können und hatte ihrerseits die Polizeistationen der näheren Umgebung alarmiert. Letztlich waren die Polizisten zu dem Schluss gekommen, dass van der Slampe vor Erschöpfung auf dem Mikrophon eingeschlafen war. Alles weitere ließ sich nur vermuten. Letztendlich waren die Beamten froh gewesen, dass kein Verbrechen vorlag, und somit konnte van der Slampe sich glücklich schätzen, dass die Polizisten ihn sogar mit Benzin versorgten. Weiterhin hatten sie ihm sogar eine Übernachtungsmöglichkeit in dem nicht weit entfernten, kleinen Küstenstädtchen Talmine vermittelt.

Ja, er hatte Glück gehabt, verdammtes Glück sogar. Wenn sein bemitleidenswertes Äußeres und seine traurige Geschichte von einem missglückten Urlaub in Schottland nicht das Mitgefühl der Polizei hervorgerufen hätte, wer weiß, ob er die nächsten Tage nicht im Gefängnis verbracht hätte. Trotz alledem hatte er eine Anzeige wegen groben Unfugs und Landstreicherei erhalten, die ihm sicherlich noch Kopfzerbrechen bereiten würde.  Die Hamster hinter ihm in der Schlafkoje bekamen von seinen Gedanken nichts mit. Sie schliefen tief und fest und konnten auch nicht den gigantischen Atlantik sehen, der nun majestätisch auf der rechten Seite auftauchte. Kurz darauf erreichte der Lkw Talmine und Vim van der Slampe freute sich auf ein gemütliches Bett, als er eine kleine Straße nahe einem sandigen Strand entlang fuhr. Vor einem kleinen Steinhäuschen hielt der Fahrer den Wagen an und drehte sich zu den schlafenden Hamstern um.

"Meine kleinen Freunde, wir haben es geschafft, wir sind oben, ganz weit oben. Weiter oben geht es nicht."

 


 


Kapitel 19

Ein kurzer Aufenthalt

Niemand antwortete ihm, und so stieg er achselzuckend aus. Seine Augen brannten, der Kopf schmerzte als würde er jeden Moment platzen, und dennoch faszinierte ihn das, was er sah. Talmine, ein kleines Küstenstädtchen am Atlantik und sicherlich kein Ort, an dem das Leben tobte. Vim van der Slampe hatte so etwas noch nie gesehen. Die Häuser an der kleinen Straße sahen alle gleich aus: Weiße Mauern und ein graues Dach, vermutlich aus Schiefer, dachte er. Geradeaus sah er einen langgestreckten Hügel, der direkt zu einem kleinen Hafen führte. Rechts sah er das, was ihn am meisten begeisterte: eine hügelige Insel, schätzungsweise zwei Kilometer vom Festland entfernt. Dass es sich um Rabbit Islands handelte, wusste er natürlich nicht, und so wandte er sich wieder den Häusern zu und prüfte die teils von der Witterung unleserlich gewordenen Hausnummern. Er nickte erleichtert, als er die Nummer fand, die ihm die hilfreiche Polizei genannt hatte und ging durch einen kleinen Vorgarten hindurch zu einer Holztür, an der die dunkle Farbe vor sich hin blätterte. Gerade als er an der Tür klopfen wollte - denn eine Klingel konnte er nirgends entdecken - hörte er jemanden hinter sich rufen. Müde und verwirrt drehte er sich um und sah eine ältere Dame, die durch den Vorgarten auf ihn zu ging.

"Moment, junger Mann, ich komme schon!" hörte er sie rufen, und er entspannte ein wenig. Sicherlich würde er in wenigen Minuten endlich zu seinem erholsamen Schlaf kommen, und die Welt wäre wieder in Ordnung. Die ältere Dame stellte sich als Mrs. McCrow vor und schloss umständlich die Haustür auf. Er trat ein und sah sich neugierig um. Weiter ging es durch eine dunkle Diele, und eine alte Kommode mit einer Schüssel Obst war alles, was ihm auffiel. Die Bohlen knarrten laut, als er über diese Diele ging und einen Blick in das Wohnzimmer warf. Da stand es: ein gemütliches Bett direkt an einem Fenster mit Meeresblick. Neben dem Bett befand sich ein alter Kamin, an dem ein großer Korb mit Torf zum Heizen stand. Ja, er würde gleich den Kamin ein wenig befeuern und sich dann zur Ruhe begeben. Bestimmt würde in der Küche noch etwas zu essen sein und wenn nicht, würde das Obst schon fürs Erste reichen.

"Junger Mann, sind Sie eingeschlafen?"

Vim van der Slampe erschrak, und ihm wurde bewusst, dass er schon eine geraume Zeit vor dem Bett gestanden und darauf gestarrt hatte.

"Nun, Madam, ich bin ein wenig müde und..."

"Ja, das hat mir mein Sohn auch schon gesagt. Der ist nämlich bei der Polizei, müssen Sie wissen. Er hat mich gestern Nacht angerufen und gesagt, dass Sie so einen komischen Vogel gefunden hätten, der ohne Nest sei! Ist das nicht lustig?"

"Ja, äh, sehr lustig Mrs. McCrow. Wenn ich nun ein wenig ruhen..."

"Und dann hat er mich gefragt, ob ich noch Platz hätte. Ich vermiete nämlich, müssen Sie wissen, und weil ich noch dieses Cottage frei habe, habe ich ja gesagt."

"Das ist sehr nett, Mrs. McCrow, Wenn ich nun ein wenig ruhen..."

"Mein Sohn ist immer so hilfsbereit! Neulich hat er einen Penner erwischt, wie der eine Mülltonne durchwühlt hatte, nachdem er versucht hatte, in ein Lebensmittelgeschäft einzubrechen. Und wissen Sie was, junger Mann? Mein Sohn hat dieses kriminelle Objekt mit einer Verwarnung davonkommen lassen!"

"Ja, Mrs. McCrow, Wenn ich nun ein wenig ruhen..."

"Es ist nur schade, das er immer so viel arbeiten muss und so wenig Zeit hat, sich um seine arme, alte Mutter zu kümmern. Aber wenigstens ruft er hin und wieder an, und das ist doch auch schon etwas, finden Sie nicht?"

"Natürlich, Mrs. McCrow, Wenn ich nun ein wenig schlafen..."

"Schlafen muss er natürlich auch. Und kochen. Ich sage ihm immer, dass er sich doch endlich mal eine nette Frau suchen sollte, damit er im Hause nicht immer soviel arbeiten muss, aber die Frauen heutzutage wollen natürlich jemanden, der viel Geld verdient und als Polizist..."

"Ich möchte schlafen, Mrs. McCrow", brüllte der Lkw-Fahrer und seine Unterlippe zitterte vor Wut und Müdigkeit.

"Aber deshalb brauchen Sie doch nicht so zu schreien! Schreie ich etwa? Na also! Schön, ich möchte schließlich nicht stören. Wenn Sie mich brauchen, ich wohne zwei Häuser weiter - in Richtung Hafen. In der Küche liegen Brot und Aufschnitt. Denken Sie bitte daran, dass Sie morgen früh um 9.00 Uhr das Haus wieder verlassen müssen, ich erwarte gegen Mittag Gäste!"

Mrs. McCrow drehte sich um, und lief, begleitet vom Quietschen der Holzbohlen, durch die Diele. Im nächsten Moment wurde die Haustür geräuschvoll geschlossen.

Vim van der Slampe atmete tief durch und seufzte laut. Dann ließ er sich auf das frisch gemachte Bett fallen und schloss die Augen. So ein Bett war doch etwas Herrliches! Er würde sich jetzt in das Kissen kuscheln und Winterschlaf halten, wie ein... ein.. Hamster? Die Hamster! Um Gottes Willen, die Hamster waren ja noch im Lkw, was würden die dort bloß wieder anstellen? Sofort war er hellwach und rannte zur Haustür hinaus zum Lastwagen. Ein paar Einwohner des kleinen Städtchens sahen ihm verwundert nach, als er mit zitternden Händen die Beifahrertür aufschloss und in die Fahrerkabine stürzte. Wieder atmete er tief durch - es war nichts passiert. Noch nicht, dachte er und nahm den kleinen Eimer, der vor dem Beifahrersitz stand und kletterte zur Schlafkoje hinüber. Vorsichtig griff er einen schlafenden Hamster nach dem anderen, legte sie in den Eimer und ging zurück zum Haus. Er kümmerte sich nicht um die neugierigen Blicke der Einwohner, sondern trug den Eimer bis zur Diele und stellte ihn dort ab. Dann sank er todmüde auf das Bett, schloss die Augen und träumte vom Käsemarkt in Alkmaar.

"Sagt mal, wieso ist denn das auf einmal so arschkalt hier?" rief Flecki gähnend und sah sich empört um.

Der Bürgermeister schrak hoch, blickte sich um und rief: "Kann es sein, dass wir wieder im Eimer sind, Leute?"

"Das ist doch eine Frechheit von diesem Kerl! Stellt der uns doch in diese Schweinekälte? Was soll denn das?"

"Nun beruhige dich mal, Flecki", beruhigte Bauleiter Murksel, "bestimmt gibt es einen wichtigen Grund dafür. Als erstes sollten wir mal zusehen, dass wir hier herauskommen."

Die Hamster bemühten sich verzweifelt, an der glatten Innenwand des Eimers hochzuklettern, doch es war natürlich vergebens. Nach einer rutschigen Stunde und nach einigen kleineren Verletzungen und Beulen gaben sie auf und taten das, was sie vielleicht gleich am Anfang hätten machen sollen: Sie dachten nach. Nach etwa einer Stunde hatten sie einen Plan, und zwar sprangen sie nun von einer auf die andere Seite, so lange, bis der Eimer ins Wanken geriet. Plötzlich purzelten alle Tiere durch- und übereinander, es krachte, und der Eimer lag auf der Seite.

"Bitte aussteigen, meine Damen und Herren, die Inspektion unserer neuen Behausung erfolgt in wenigen Minuten!" grölte Goldi und lief durch den Flur zielstrebig in die Küche hinein.

"He, Leute, hier sind wir richtig! Kommt mal her zum Futterfassen!"

Begeistert hüpfte ein Hamster nach dem anderen erst auf einen alten, schäbigen Küchenstuhl und dann auf den dazugehörigen, etwas wackeligen Tisch. Da sich Hamster um das Ambiente aber nicht sonderlich scheren, die meisten zumindest, war nach kurzer Zeit nur noch gefräßiges Schmatzen zu hören.

"Und was machen wir nun?" fragte Dodo und schleckte ein paar Krümel aus seinem Fell.

"Also", begann Bauleiter Murksel, "nach meinen Berechnungen müssten wir in Oban sein."

"Das sieht hier aber nicht wie ein Schloss aus", fügte Sasie hinzu.

"Nö", stimmte Flecki zu, "und deine Berechnungen haben schon oft nicht gestimmt."

"Was wollt ihr damit sagen, häh?" fauchte der Bauleiter wütend, während sich seine Nackenhaare sträubten.

"Dass du ein alter Pfuscher bist, wollen die sagen", grinste Goldi und goss damit Öl ins Feuer.

"Wie? Ich? Pfuscher?"

"Ja, der Staudamm beispielsweise..."

"Ist doch uralt", unterbrach Murksel Flecki. "Und was noch?"

"Das neue Schwimmbad, als halb Hamsterhausen überflutet wurde!"

"Das lag nur daran, dass Tuffi die Baupläne auf den Kopf gedreht hatte!"

"Ach, und die Sache mit dem neuen Parkhaus?"

Der Bauleiter antwortete nicht, sondern blickte verlegen auf einen Rest Butter, der an seiner linken Pfote klebte.

"Parkhaus? Welches neue Parkhaus? Wir haben doch gar kein Parkhaus", rief Hamstilidamst erstaunt.

"Du warst eben noch zu klein, um die ganze Wahrheit zu erfahren", grinste Goldi. "Wir hatten mal ein Parkhaus und sollten ein neues, schöneres bekommen. Nun haben wir gar nichts mehr."

"Außer einem schicken Schutthaufen, nicht wahr, Bauleiter?"

"Da hatte ich ein Tief gehabt, ich war nicht richtig in Form und..."

"Erzählen!" jubelte Hamstilidamst und seine Augen leuchteten.

In diesem Moment erschraken die Hamster und spitzen die Ohren. Was war das für ein grässliches Geräusch? Zitternd saßen sie nun alle auf dem Küchentisch und starrten zur Diele hin. Tati und Teeblättchen waren hinter eine Zuckerdose geflüchtet und hatten dabei einen Salzstreuer umgeschmissen, der Trampel auf die Pfote gefallen war. Liebend gerne hätte Trampel vor Schmerz laut losgebrüllt, doch er traute sich nicht. Was waren das bloß für furchtbare Geräusche?

"He, das klingt genauso wie vor ein paar Tagen, als wir vor der Tür vom Büro des Bürgermeisters standen und..."

"Ja", unterbrach dieser schnell, "ich erinnere mich, mein lieber Dodo, und ich glaube, alle werden mir zustimmen, wenn ich sozusagen einmal erwähne, dass wir uns nicht - ich wiederhole - nicht in Gefahr befinden. Es sind gewissermaßen die Geräusche einer erschöpften Kreatur..."

"Der Kerl schnarcht? Der stellt uns in der Kälte ab und geht schlafen? Das ist der Gipfel der Rücksichtslosigkeit!" fauchte Flecki. "Dem sage ich jetzt die Meinung! Los, kommt mit!"

Flecki wieselte vorweg, und ihre Freunde folgten ihr über die Diele.

"He, da ist leckeres Obst, das könnten wir..."

"Später Goldi, erst will ich Klarheit haben! Es geht um unsere Zukunft und nicht ums Fressen!"

Kurz darauf stand eine empörte Hamsterschar vor dem Bett, in dem ein völlig erschöpfter Vim van der Slampe tief und fest schlief. Laute Schnarchgeräusche waberten durch den Raum. Doch was nun? Wie sollten die Hamster den Mann aufwecken und zur Rechenschaft ziehen? Ratlos standen die Hamster in dem Raum und sahen sich um. Womit konnten sie diesen Schnarcher aufwecken?

"Wenn ich bloß etwas Dynamit hätte!" schrie Goldi laut, denn eine normale Unterhaltung war bei dieser Geräuschkulisse, die der Lkw-Fahrer veranstaltete, nicht möglich.

"Vielleicht finden wir im Badezimmer etwas, mit dem wir eine Bombe bauen können", schlug Tuffi vor. Diesem Vorschlag folgten alle gerne; ein ruhigeres Zimmer wäre gewiss angenehmer. Flecki war es als erste gelungen, auf die Konsole vor einem bereits etwas verblichenen Spiegel zu klettern.

"Wie wäre es mit Haarshampoo?"

"Nö, knallt nicht", brummte Goldi.

"Zahncreme?"

"Vergiss es!"

"Scheuerpulver?"

"Zeig' mal! Nö, taugt nichts."

"Kloreiniger?"

"Schon besser, ein guter Brandbeschleuniger!"

"Mehr ist hier nicht!"

"Gut", meinte Goldi, "lasst uns noch mal in der Küche nachsehen!"

Die Funde in der Küche rissen zwar auch niemanden zu Begeisterungstürmen hin, doch letztlich hatten sie eine 'gewisse Grundausstattung für eine Weckvorrichtung' zusammen, wie Goldi meinte. Nun ging es wieder zurück in das Wohnzimmer, in dem die Geräuschkulisse nach wie vor recht hoch war. Goldi stubste Dodo an und deutete auf den Korb mit dem Torf.

"Lege das mal alles auf den Korb!"

Ächzend und stöhnend schob Dodo nun mit Unterstützung des Bürgermeisters und des Bauleiters den Kloreiniger, eine Dose Bohnen und ein Backofenspray zu dem Torf hinauf. Dann fiel er erschöpft auf den Boden.

"Nun lieg hier mal nicht so faul in der Gegend herum", rief Goldi. "Hier wird es gleich etwas heiß werden!"

Sein Blick schweifte durch den Raum. Dann hellte seine Miene auf, und er hatte gefunden, was er suchte: Streichhölzer. Kurz darauf rannten die Hamster wie um ihr Leben zurück zur Diele und spähten am Türpfosten vorbei zum Kamin.

"Eigentlich schade, dass wir hier im kalten Flur sitzen müssen, während nebenan ein wärmendes Kaminfeuer lodert", bedauerte Flecki. "Aber wie ich Goldi kenne, sind wir hier besser aufgehoben!"

Aus alter Gewohnheit zogen sich die Hamster in den umgefallenen Eimer zurück, immerhin fühlten sie sich hier etwas sicherer. Inzwischen mischten sich in das laute Geschnarche andere Geräusche; es knackte und knisterte, der Geruch von verbranntem Torf lag in der Luft. Dann war ein lautes Zischen und Puffen zu hören. Das war der Kloreiniger, wie Goldi vermutete. Die Hamster rückten enger in dem Eimer zusammen. Dann folgten zwei recht laute Explosionen kurz hintereinander, und ein Inferno brach aus. Scheiben klirrten, ein Mann brüllte entsetzt auf, das ganze Haus wackelte und irgendetwas brach krachend zusammen. Eine Staubwolke schoss durch die Diele, und die Hamster gerieten in Panik. Die Luft war kaum noch zum Atmen zu gebrauchen, und sie fürchteten, ersticken zu müssen. Dann wurde die Haustür aufgerissen, das Getrampel von Füßen und aufgeregte Schreie waren zu hören. Mit der geöffneten Haustür kam auch frische Luft in die Diele, und die Hamster konnten wieder durchatmen. Nun sahen sie auch, dass jemand über die Diele geschleift und vor die Tür gelegt wurde. Kurz darauf wurde die Haustür geräuschvoll geschlossen. Für einen Moment war es nun  still, doch dann waren erneut Rufe zu hören, und es klang, als fiele heftiger Regen auf das Dach des Hauses.

Die Hamster warteten recht lange in dem Eimer. Niemand sagte ein Wort, denn es war offensichtlich, dass ihre Weckaktion ein bisschen übertrieben gewesen war. Keiner traute sich aus dem Eimer, und noch während der Bürgermeister überlegte, ob er die Mannschaft mit einer Rede aufmuntern sollte, wurde plötzlich die Tür aufgerissen, und jemand stürmte herein, nahm den Eimer und rannte wieder zur Tür hinaus.

"Gott sei Dank", hörten sie eine bekannte Stimme, "euch ist nichts passiert. Ich hätte es mir nie verzeihen können, wenn euch etwas zugestoßen wäre, ihr armen, unschuldigen Tiere!"

Kurz darauf befanden sie sich wieder in der Schlafkoje des gewohnten Lkws. Auf dem Fahrersitz befand sich ein bedauernswertes Wesen. Zwar war Vim van der Slampe in den letzten Tagen zusehends nervöser und gereizter geworden, und sein Äußeres hatte reichlich gelitten, doch nun sah er wirklich schlimm aus.

"Hat der 'ne neue Frisur oder was?" fragte Tati erstaunt.

"Ne", entgegnete Flecki, "ich glaube, der hat zu dicht am Kamin geschlafen. Aber kurz soll ja modern sein."

"O weia, der hat aber 'ne fette Beule am Kopf!" stellte Teeblättchen fest.

"Das kommt wohl von der Dose mit den Bohnen", stellte Goldi klar.

Inzwischen hatte der Lkw den kleinen Ort Talmine verlassen. Zur rechten Seiten war der Atlantik wieder aufgetaucht, und ein Ortschild wies auf den Ort Midfield hin. Der Lastwagen stoppte.

"Wir sind ganz weit oben, meine kleinen Freunde, ihr könnt aussteigen! Nun haut endlich ab. Wenn ihr noch einmal irgendwo hin wollt, fahre ich euch jederzeit. Ein Vim, ein Wort! Falls ihr mich wiederfindet!" grinste er müde.

Das ließen sich die Tierchen nicht zweimal sagen, und kurz darauf standen alle am Strand und sahen aufs Meer.

"Wunderschön, wenn ihr mich fragt, und ich komme nicht umhin zu betonen, dass wir es mal wieder geschafft haben. Es ist nicht nur..."

"Dich fragt aber keiner", unterbrach Flecki den Bürgermeister. "Das hier ist doch niemals Oban!"

"Aber der Fahrer hat doch gesagt..."

"Der Kerl hat doch keine Ahnung, schau den doch mal an. Der sieht doch aus wie ein Penner, völlig ungepflegt und außerdem zuckt er immer mit den Augen."

"Nun, der ist wohl ein bisschen müde, aber wir sind bestimmt in der Nähe des Schlosses."

"Sommer, Sonne, Strand, und der Bürgermeister kann nicht mehr klar denken, wie? Schalte doch mal das Gehirn ein, wir sind doch damals nach Westen gelatscht und die Sonne hat uns ins Gesicht geschienen, als wir am Strand waren!"

"Öh, nun, und was bedeutet das?" fragte der Bürgermeister ratlos.

"Dass die Sonne jetzt hinter uns ist! Da stimmt doch etwas nicht!"

"Flecki hat recht", stimmte Murksel zu. "Aber wo mögen wir nun sein?"

"Ich gehe dann mal", ertönte in diesem Moment die Stimme des Lkw-Fahrers.

"Der geht nirgendwo hin", kreischte Flecki, rannte hinter ihm her, überholte ihn und stellte sich direkt vor den Fahrer.

"Stimmt etwas nicht?" fragte Vim van der Slampe genervt.

Flecki deutete auf den Strand und schüttelte den Kopf.

"Ich habe es satt", brüllte der Lkw-Fahrer. "Wisst ihr überhaupt, dass das die schlimmsten Tage meines Lebens sind? Ich habe in den letzten Tagen kaum geschlafen, die gesamte Polizei Schottlands war hinter mir her, Strafanzeigen habe ich erhalten, und soeben bin ich bewusstlos aus einem brennenden Haus herausgeschleppt worden! Den Schaden soll ich auch noch ersetzen, und ich musste die Stadt verlassen! Fast wäre ich erschlagen worden, als der Schornstein des Hauses einstürzte! Ich habe keine Ahnung, was passiert ist, und genauso wenig weiß ich, dass ich ein Feuer angemacht habe! Ich kann nicht mehr, ich will nach Hause!"

Flecki deutete wieder auf den Strand und schüttelte erneut den Kopf. Der Fahrer rannte an ihr vorbei, stieg in den Lastwagen und kam mit einer Karte wieder heraus. Er warf sie direkt vor Flecki hin und rief: "Da, sieh selbst, du neunmalkluges Tier! Wir sind oben, weiter oben geht es wirklich nicht!"

Nachdem er mit dem Finger auf die Stelle gezeigt hatte, an der sie sich befanden, begann Flecki, die Karte genau zu untersuchen. Murksel und der Bürgermeister waren inzwischen hinzugekommen und starrten ebenfalls auf die Karte.

"Ja, öh, beim Schloss soll es doch auch einen Strand geben, oder?"

"Wir haben Mist gebaut", keuchte Flecki. "Die Stadt Oban wird mit 'a' geschrieben, wir haben den Namen aber mit 'e' geschrieben!"

"Naja, das konntest du ja nicht wissen, Flecki, mache dir nichts draus!" tröstete sie der Bauleiter.

"Das tue ich auch nicht, denn du, mein lieber Murksel, hast gesagt, ich soll das Gegenteil von 'Unten' auf das Laken schreiben! Hier müssen wir hin", rief Flecki empört und deutete auf die Karte.

Vim van der Slampe hatte Mühe, die Augen offen zu halten, und er hatte noch mehr Mühe, überhaupt zu verstehen, was da vor sich ging. Als er jedoch sah, wo eines der Hamster mit der kleinen Pfote hinzeigte, wurde ihm schlagartig klar, was überhaupt los war.

"Nach Oban?" kreischte er und ließ sich in den weichen Sand fallen. "Nein! Ich will nicht mehr!"

Flecki stand direkt vor ihm und sah ihn mit großen Augen traurig an.

"He, Leute", rief Goldi, "Flecki zieht wieder ihre 'Riesen-Kinderaugen-Nummer' ab!"

Das grausame Schauspiel dauert nur wenige Minuten. Dann hatte der Lastwagen gedreht, und die gesamte Reisegesellschaft befand sich wieder auf dem Weg nach Süden.






Kapitel 20

Murksels größte Panne

Nach wenigen Meilen hatten sie die A838 wieder erreicht und bogen rechts ab. Dann ging es steil bergab, und  das Loch Eribol tauchte vor ihnen auf. Die Hamster reckten die Hälse und staunten: Hier sah es ja aus wie am Mittelmeer. Zwar waren die Hamster noch nie am Mittelmeer gewesen, aber immerhin hatten sie schon mal ein Bild von der Gegend gesehen. Nachdem sie um eine große Bucht herumgefahren waren, stoppte der Fahrer und schaute auf die Karte.

"Es sind noch 110 Kilometer bis Ullapool, der nächsten großen Stadt. Dort kennt man uns nicht, und bestimmt können wir dort irgendwo übernachten. Ich kann nämlich nicht mehr!"

"Der Kerl ist auch nur am jammern", stellte Flecki fest. "Was sollen wir denn sagen?"

Während der Lastwagen langsam weiterfuhr, machten es sich die Hamster in der Schlafkoje bequem. Die Strecke bestand aus einem Single-Track, und dementsprechend langsam ging es voran. Bestimmt würde es noch eine Weile dauern, bis sie ihr Ziel erreichten. Die Hamster langweilten sich und Hamstilidamst rief:

"Was war denn nun mit dem Parkhaus?"

Nun kam Stimmung auf. Bauleiter Murksel schaute verlegen aus dem Fenster und schien dem Bürgermeister irgendetwas zu zeigen, was sich in weiter Ferne befand. Tuffi hatte sich ebenfalls ans Fenster gesetzt und starrte gebannt nach draußen, während die übrigen Hamster sich um Flecki gescharrt hatten.

"Das war so was von oberpeinlich, das mag ich gar nicht erzählen. Aber gut, wenn ihr es unbedingt hören möchtet!"

Sie warf einen spöttischen Seitenblick auf Murksel, den Bürgermeister und Tuffi. Als sie gerade Durness erreichten, begann sie zu erzählen:

Nachdem sich in Hamsterhausen immer mehr Bürger darüber aufgeregt hatte, dass gewisse Leute ihre Schrottkarren mangels Parkplätzen auf Gehwegen parkten, wurde der Planungsausschuss "Autofreies Hamsterhausen" gegründet, um eine Lösung für dieses Verkehrsproblem zu finden. Leider kommt der Planungsausschuss zu keinem brauchbaren Ergebnis, und die Sache landet  beim Bürgermeister. Der ruft nach langem Grübeln Bauleiter Murksel und Oberamtsleiter Purzel vom HaBauz (Hamstische Bauzentrale) zu sich, um weitere Schritte zu besprechen.

"Was können wir machen, damit die Autos von den Straßen verschwinden, meine Herren? Ich erwarte ihre Vorschläge!" beginnt der Bürgermeister die Unterredung.

"Äh, nicht von den Straßen, Herr Bürgermeister, sondern von den Gehwegen und Grünflächen", gibt Oberamtsleiter Purzel zu bedenken.

"Das meine ich doch", grunzt der Bürgermeister. "Warum haben wir kein Parkhaus?"

"Wir haben ein Parkhaus", antwortet der Bauleiter mit leiser Stimme.

"Und?"

"Es kann leider nicht benutzt werden", trompetet der Oberamtsleiter, "weil es baufällig ist!"

"Baufällig? Warum, mein lieber Bauleiter?"

Bevor Murksel antworten kann, trompetet erneut Oberamtsleiter Purzel in voller Lautstärke: "Weil beim Bau vergessen wurde, ein Fundament zu bauen. Nun kippt das Ding langsam um! Mehr als 10 Autos dürfen da nicht hinein, weil es sonst zusammenbrechen würde!"

"Wie konnte das passieren, mein lieber Murksel?" wundert sich der Bürgermeister.

"Äh, ja, nun, das war, als wir einen Stromausfall in der Stadt hatten und ich im Noteinsatz deswegen war! Als ich wiederkam, hatten diese Idioten einfach weiter gebaut."

"Ja, ich erinnere mich, ich steckte den halben Tag im Aufzug fest", knurrt Purzel.

"Das ist noch gar nichts," ruft der Bürgermeister empört. "Ich stand den halben Tag hilflos auf einer Rolltreppe! Dennoch, mein lieber Bauleiter, warum bauen wir nicht ein neues Parkhaus?"

Dieser Vorschlag des Bürgermeisters wurde mit einer Gegenstimme angenommen. Mit der notwendigen Sprengung des alten Gebäudes wurden Goldi und Dudel beauftragt. Die Sprengung verlief hervorragend, und sicherlich wären alle zufrieden gewesen, wenn das Parkhaus vorher von den dort parkenden Fahrzeugen geräumt worden wäre. Als Trost verteilte Bauleiter Murksel Gratis-Parkscheine für das neue Parkhaus an die geschädigten Autohalter, was bei den Betroffenen jedoch keine rechte Freude auslöste.

Die Ausschachtung des Kellers wurde dieses Mal als erstes in Angriff genommen, doch schon gab es auch die ersten Probleme. Kaum war der Keller weitgehend überdacht, da war er auch schon mit Grundwasser überflutet, und so musste nachträglich eine Drainage gelegt werden. Der Bauleiter bekam einen Wutanfall nach dem anderen, als sich die Mitarbeiter des Reparaturteams weigerten, in dem kalten Wasser zu arbeiten. Ihm blieb nichts anderes übrig, als die Drainage alleine fertigzustellen. Nach einer Woche kam er fix und fertig wieder an die Oberfläche gekrochen und brüllte seine Mitarbeiter an: "Warum habt ihr Spacken den Schutt noch nicht beseitigt? Ich gehe jetzt nach Hause und schlafe, und wenn ich wiederkomme, ist das Gerümpel verschwunden, egal wohin, ist das klar?"

Hätte er geahnt, wohin der Bauschutt des alten Parkhauses gelangen würde, dann hätte er sich wohl etwas genauer ausgedrückt.

Als der Bauleiter nach zwei Tagen etwas erholter und ausgeschlafener wieder an der Baustelle auftauchte, war er überrascht, wie sauber alles war. Inzwischen war das Erdgeschoss fertiggestellt, und zufrieden besichtigte er das Gebäude. Etwas jedoch stimmte nicht - wo war die Zufahrt für den Keller?

"Tuffi! Wie komme ich in den Keller?"

"In den Keller, lieber Bauleiter?"

"In den Keller!"

"Du kannst nicht in den Keller."

"Ich kann nicht in den Keller? Wieso kann ich nicht in den Keller wenn ich in den Keller will?"

"Nun", Tuffi putzt ihre Schnurrbarthaare und sieht den Bauleiter mit einem treuherzigen Blick an, "weil da der olle Bauschutt drin ist."

"Der Bauschutt? Im Keller? Wieso im Keller?"

"Ja, du hast gesagt, es ist dir egal, wohin der verschwindet, und da haben wir gedacht..."

In der nächsten Viertelstunde waren vier Reparaturhamster damit beschäftigt, den Bauleiter davon abzubringen, seinen Kopf immer wieder gegen einen Betonpfeiler zu rammen. Am Nachmittag wurden alle weiteren Arbeiten eingestellt. Der begeisterte Goldi und sein Kumpel Dudel erhielten einen erneuten Auftrag zur Sprengung des inzwischen bis zum 2. Stockwerk reichenden Gebäudes. Mit Tränen in den Augen stand der Bauleiter daneben, eine dicke Beule zierte seinen Kopf.

Viele Wochen später beim nächsten Anlauf hatte das neue Parkhaus wieder eine Bauhöhe bis zum ersten Stock erreicht, als plötzlich Tuffi vermisst wurde. Zu Hause war sie nicht, und Urlaub hatte sie auch keinen genommen. Nach hektischen Suchaktionen wurde festgestellt, dass Tuffi versehentlich im Keller eingemauert worden war. Die Baupolizei erfuhr von dem Fall, und der Bauleiter musste sich viele kritische Fragen gefallen lassen. Nach heftigen Wortgefechten und noch mehr bösen Schimpfworten wurde Bauleiter Murksel wegen Beamtenbeleidigung vorläufig festgenommen. Nach Intervention des Bürgermeisters wurde von einer längeren Haftstrafe gegen den Bauleiter abgesehen. Murksel durfte das Gefängnis verlassen und auf die Baustelle zurückkehren. Dort angekommen, bekam er den nächsten Wutanfall, denn das Reparaturteam hatte nicht damit gerechnet, ihren Leiter so schnell wiederzusehen. Überall standen Liegestühle auf der Baustelle, und es wurden kalte Getränke sowie Snacks aus Sonnenblumenkernen gereicht. Aus einer Musikanlage dröhnten die neuesten Hits des berühmten Sängers Hamsterquallo. Murksel brüllte und tobte, dass es eine wahre Pracht war, und aus dem 2. Stockwerk riefen die Hamster hinunter, man möge doch bitte die Musik ein wenig lauter drehen, um das idiotische Gebrülle zu übertönen.

Am nächsten Tag brach das gesamte Gebäude zusammen. Der Hintergrund wird wohl nie so recht geklärt werden, jedenfalls wurde zunächst vermutet, dass bei den Schweißarbeiten im Keller eine Gasflasche explodiert war. Zweifel an dieser Theorie kamen jedoch auf, als festgestellt wurde, dass Goldi und Dudel mit unbekanntem Ziel verreist waren. Vermutungen wurden nun laut, dass sich in dem Keller noch Restbestände des Dynamits der 2. Sprengung befunden hatten, die einfach vergessen worden waren. Der Bauleiter konnte dazu leider nicht befragt werden, da er sich auch nach einem mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt an keinerlei Einzelheiten  erinnern konnte.

In einer mehrstündigen Rede wies der Bürgermeister kurze Zeit später auf die Schaffensfreude und Willenskraft der Bürger von Hamsterhausen hin. Er betonte in seiner Rede, dass Hamsterhausen sich durch kleine Rückschläge niemals aufhalten lassen würde, und dass das Parkhaus wie geplant in Kürze fertig sein würde. Murksel Rücktrittsgesuch wurde abgelehnt, und am nächsten Tag wurde der Bau wieder aufgenommen. Die Hamstische Bauzentrale war inzwischen durch Zeitungsberichte aufmerksam geworden, und Oberamtsleiter Purzel schaltete sich, sehr zum Ärger von Bauleiter Murksel, erneut in die ganze Sache ein. Nachdem der Bau wieder eine Geschosshöhe bis zum ersten Stock erreicht hatte, müssen die Bauarbeiten unterbrochen werden, da der Oberamtsleiter das Fehlen von Notausgängen im Keller bemängelte. Mühsam wurden nun seitliche Tunnel gegraben, und eine zufällig einstürzende Mauer verfehlt den Oberamtsleiter Purzel nur knapp. Kurz darauf werden erhebliche Mängel in der Mindesthöhe der Stockwerke festgestellt. Der Bau wird erneut unterbrochen, und der Oberamtsleiter wird versehentlich durch einem Bagger im Zement verschüttet. Nach all diesen Verzögerungen dauert es nicht lange, bis er erneut etwas zu bemängeln hat. Dieses Mal betrifft es fehlende Toiletten, zu dunkle Seitengänge und fehlende Einkaufsmöglichkeiten. Bauleiter Murksel ist kurz davor durchzudrehen. In der folgenden Nacht wird der Vorgarten des Oberamtsleiters Purzel in die Luft gesprengt und sein Wagen von Unbekannten im städtischen Dorfteich versenkt. Am nächsten Tag genehmigt die Hamstische Bauzentrale den weiteren Bau des Parkhauses und übergibt die Aufsicht an die Hamstische Prüfabteilung für Hamstische Bauvorhaben (HaPrüHaBa). Diese bemängelt sofort das Fehlen von Fenstern, und Bauleiter Murksel ist gezwungen, nachträglich Fenster einzubauen. Er entschließt sich für eine gezielte Sprengung, die leider den gesamten ersten Stock zum Einsturz bringt. Und den gesamten zweiten Stock ebenfalls.

Nach einem mehrwöchigem Aufenthalt in der "Fachklinik für seelisch gestörte Hamster" nimmt Murksel die Leitung des Bauvorhabens erneut auf. Auf den Trümmern inmitten der Baustelle hält der Bürgermeister eine mutige Rede, in der er davon spricht, dass die Fertigstellung des neuen Parkhauses nunmehr nur noch wenige Wochen dauern würde. Im Anschluss an diese Rede muss der Bauleiter gewaltsam daran gehindert werden, wieder in die Klappsmühle zu flüchten.

Aus wenigen Wochen werden viele, doch Murksel und seinem Hamstischen Reparaturteam gelingt es, das Gebäude ohne größere Komplikationen bis zum 3. Stockwerk hochzuziehen. Für die weiteren Stockwerke wird nun ein Kran benötigt, und dabei kommt es zu einer Katastrophe. Als der Kran das schwere Baumaterial von einem der Laster hochziehen will, sieht Murksel sofort mit geschultem Blick, dass vergessen wurde, den Kran mit Gegengewichten zu bestücken. Der riesige Kran kippt um, direkt auf das Modehaus "Fleckis & Sasies Traummoden". Heftige Proteste der betroffenen Hamsterdamen zwingen den Bauleiter, das beschädigte Dach des Modehauses unverzüglich zu reparieren. Der Neubau des Parkhauses verzögert sich dadurch erneut. Bei weiteren Arbeiten werden im Mittelraum des 2. Stocks Wasserschäden bemerkt; nach einigen Tagen gelingt es, die dicken Betonmauern aufzustemmen und den Fehler zu finden. Offensichtlich wurde ein Verbindungsrohr in der Wasserleitung vergessen, und die ist nun offen, und das Wasser sprudelt.

Monate später ist der Rohbau fertig, doch leider stellt sich heraus, dass sämtliche Scharniere  falsch angebracht wurden.

"Tuffi", brüllt Bauleiter Murksel, "das war deine Schuld!"

"Gar nicht wahr", protestiert Tuffi. "Ich habe doch gefragt, ob die links- oder rechtsseitig sein sollen, und da hast du gesagt, das wäre dir so was von scheißegal, und ich solle dich gefälligst in Ruhe lassen."

"Öh, ja." Murksel schluckt und stottert. "Gerade in dem Moment waren die Fenster aus dem obersten Stockwerk herausgefallen, und das nur, weil irgendwelche Idioten vergessen hatten, die Fensterrahmen am Mauerwerk zu befestigen."

Bei dem nun folgenden Richtfest kommt es zu einer bedauerlichen Panne. Nachdem der Bürgermeister seine übliche Rede gehalten hat, will er das oberste Stockwerk durch eine Seitentür verlassen. Leider ist an dieser Stelle des Parkhauses noch keine Treppe montiert worden, und er fällt unter dem Applaus der Zuschauer durch mehrere Stockwerke bis in den Keller. Die Feier ist damit beendet, und während der Bürgermeister die nächsten Tage im Krankenhaus verbringen muss, lässt er sich täglich über die weiteren Fortschritte des Baus unterrichten. Leider bleiben die Informationen äußerst spärlich, so dass es den Bürgermeister nach einer  Woche nicht mehr im Bett hält. Er informiert den Bauleiter, dass die Eröffnung des Parkhauses nunmehr unverzüglich erfolgen solle. Bereits am nächsten Tage soll die große Feier, verbunden mit einer Rede, stattfinden. Nun brechen hektische Aktivitäten an der Baustelle aus. Im letzten Moment fällt auf, dass es sich bei der merkwürdigen Statue, die seit einigen Tagen in einer Ecke des Parkhauses steht, um Trampel handelt, der kürzlich in einen Zementtrog gefallen war. Beim ersten Test der Beleuchtung kommt es zu unerklärlichen Kurzschlüssen. Murksel beschließt, sämtliche Sicherungen mit Stahlnägeln zu überbrücken. Nun funktioniert die Beleuchtung, doch aus dem Keller kommen merkwürdige Rauchzeichen. Der Bauleiter ertappt mehrere Hamster, die mit Elektrogrills dort eine Party feiern. Tuffi meldet, dass die Auffahrtsrampe für das letzte Stockwerk fehlt, da Zement und Beton ausgegangen sind und die nächste Lieferung erst in 3 Tagen kommt. Bauleiter Murksel ist mit den Nerven am Ende und ordnet an, dass vorübergehend eine Gipskartonplatte als Rampe zum 5. Stock eingesetzt wird. Nach der nächsten Zementlieferung soll das dann sofort nachgebessert werden, damit kein Unglück geschieht.

Flecki unterbricht ihre Erzählung und schaut durch den Vorhang der Schlafkoje neugierig nach draußen. Die anderen Hamster huschen hinterher, denn auch sie haben bemerkt, dass der Lastwagen plötzlich angehalten und der Fahrer den Motor ausgestellt hat.

"He, wo geht der denn hin?" ruft Tati und stemmt empört ihre kleinen Pfoten in die Hüften.

"Zum Fressshop", keucht Goldi aufgeregt, "der holt was zum Essen!"

Tatsächlich betritt Vim van der Slampe ein kleines Lebensmittelgeschäft an der Hauptstraße einer kleinen Stadt. Nun folgen bange Minuten für die Hamster denn es geht um die lebensentscheidende Frage: Gibt es etwas zum Fressen oder nicht?

"Es wäre nicht schlecht, wenn der uns endlich mal mit Futter versorgt, mir ist schon ganz schlecht vor Hunger", sprach Flecki das aus, was alle dachten.

"Und ich falle gleich um vor Schwäche", jammerte Dodo. "Könnt ihr euch alle noch an die große Hungersnot von Hamsterhausen erinnern? Die fing damals genauso an."

"Erinnere mich bloß nicht", keuchte Goldi entsetzt, "es gab einen vollen Tag lang nichts zu essen! Wir waren alle am Ende unserer Kräfte, es war schrecklich!"

In diesem Moment wurde die Fahrertür geöffnet, ein müde und erschöpft blickender van der Slampe stieg ein. In seinen Händen trug er vier Becher Kaffee und zwei Brötchen. Mit einem Seufzer setzte er sich auf den Fahrersitz und starrte verblüfft auf das Armaturenbrett. Vor ihm saßen zwölf Hamster, die ihn - und ganz besonders die Brötchen - mit ihren großen Knopfaugen verfolgten. Mit einem noch größeren Seufzer warf er die Brötchen auf die Konsole und goss sich einen Kaffee nach dem anderen hinein. Als er seinen Blick wieder nach vorne richtete, waren Hamster und Brötchen verschwunden.

"Nur damit ihr das wisst", rief er, „wir sind hier in dem Ort Scourie. Bis Ullapool sind es noch 70 Kilometer, und ich denke, falls ich nicht vor Müdigkeit in einen Straßengraben fahre, werden wir das in weniger als zwei Stunden geschafft haben. Und wisst ihr, was ich dann machen werde? Schlafen werde ich!"

"Der hat auch nichts als Pennen und Faulenzen im Kopf", schimpfte Tati und stopfte sich einen großen Brotkrumen hinter die Backen. Neben ihm saß Teeblättchen und daneben Trampel, dessen Fell nach wie vor eine satte grüne Färbung aufwies. Die Hamster hatten sich inzwischen wieder in die gemütliche Schlafkoje zurückgezogen, als der Fahrer erneut den Lastwagen verließ und nach wenigen Minuten mit neuem Kaffee und neuen Brötchen zurückkehrte. Er goss den Kaffee regelrecht in sich hinein, und die Hamster schüttelten verwundert den Kopf. Nach kurzer Zeit verließen sie Scourie, fuhren an einem wunderschön gelegenen Campingplatz vorbei und folgten einer engen Straße.

"Wie ging die Geschichte mit dem Parkhaus denn nun weiter?" fragte Hamstilidamst kauend und handelte sich einen missbilligenden Blick von Flecki ein.

"Nun", nahm Flecki die .Erzählung wieder auf, "es kam, wie es kommen musste."

Der große Tag ist da, sozusagen der Tag aller Tage, wie der Bürgermeister vollmundig in einer langen Rede erklärt. Auf den ersten Blick ist es ein wunderschönes Gebäude geworden, und auch die Delegationen aus den benachbarten Hamsterländern sind begeistert. Sogar der Bauleiter hält eine kurze Rede und weist mit sichtlichem Stolz auf die Stabilität des Parkhauses hin. Ein schweres, bunt geschmücktes Raupenfahrzeug mit Tuffi am Steuer steht neben ihm, und zustimmend drückt der kleine Reparaturhamster auf die Hupe, so laut, dass Murksel fast vor Schreck vom Rednerpult fliegt.

"Wie wäre es mein lieber Murksel, wenn wir eine Einweihungsfahrt machen?" ruft der Bürgermeister und klopft dem Bauleiter auf die Schulter.

"Äh, Herr Bürgermeister, wir wollen da noch einige Stabilitätstests in den nächsten Tagen machen..."

"Nun kommen Sie schon, mein lieber Murksel, ihr Wort genügt mir. Natürlich wird alles halten!"

Der Bauleiter wollte noch etwas entgegnen, doch die aufgebrachte Menge um sie herum begann lautstark: "Losfahren, losfahren!" zu brüllen, so dass seine Worte in dem Lärm untergingen. Er wurde von dem gut gelaunten Bürgermeister auf den Beifahrersitz geschubst, nachdem sich Tuffi mit einem Sprung durch das geöffnete Seitenfenster retten konnte. Unter den Hurra-Rufen der Zuschauer schoss das schwere Raupenfahrzeug hoppelnd auf die erste Rampe zu und nahm ihren Weg in das erste Stockwerk. Dort drehte der Bürgermeister ein Runde, hupte und hoppelte über die nächste Rampe in die zweite Etage. Lässig winkte er der jubelnden Menge zu, die inzwischen dem Fahrzeug hinterherlief. Verzweifelt versuchte Murksel den Bürgermeister zum Anhalten zu bewegen, doch erstens konnte der ihn bei dem Lärm nicht verstehen und zweitens hatte der Bauleiter große Probleme, in den Kurven nicht aus dem Fahrzeug zu fallen. Je weiter sie nach oben kamen, desto spitzer und lauter wurden seine Schreie. Hin und wieder sah der Bürgermeister zufrieden zu dem grüngesichtigen Bauleiter und rief: "Das macht Spaß, was, mein lieber Murksel!"

Wimmernd und bibbernd vor Angst an die Seitentür des Baufahrzeugs gepresst, sah der Bauleiter, wie der Bürgermeister johlend und singend über das vierte Stockwerk jagte und auf die letzte Rampe zuhielt. Nun geschahen zwei Dinge kurz nacheinander: Zunächst versuchte Bauleiter Murksel, sich durch einen Sprung durch das Seitenfenster in Sicherheit zu bringen, blieb jedoch stecken. Dann war plötzlich die Rampe verschwunden und der verblüffte Bürgermeister blickte fragend den Bauleiter an, von dem allerdings nur noch der Hintern zu sehen war. Dann krachte es laut, und für einen Moment war alles still, kein Bauleiter kreischte, kein Bürgermeister sang, keine Menge johlte, sogar der Motor des Raupenfahrzeug war abgewürgt und gab keinen Laut mehr von sich. Dann war ein Knirschen zu hören, und ein Zittern ging durch das gesamte Gebäude. Jemand schrie: "Raus hier! Eflih! Kinap!" und eine wilde Flucht begann. Gerade als der Bürgermeister laut rufen wollte, dass kein Grund zur Panik bestünde, brach das vierte Stockwerk in sich zusammen, und Bürgermeister samt Raupenfahrzeug und dem im Seitenfenster eingeklemmten Bauleiter fielen in den dritten Stock. Zu ihrem Glück hatte die kreischende, flüchtende Meute der Zuschauer bereits den dritten Stock verlassen und den zweiten erreicht. Kurz darauf brach der dritte Stock unter dem Aufprall des schweren Fahrzeugs zusammen und stürzte auf den zweiten Stock, der gerade von dem letzten der flüchtenden Hamster in Richtung ersten Stock verlassen wurde. Nur wenige Sekunden später gab auch der zweite Stock nach und krachte auf den ersten, wo die panischen Zuschauer und Partygäste gerade aus den Fenstern sprangen und sich in Sicherheit brachten. Dann krachte es noch dreimal: einmal, als der erste Stock zusammenbrach, dann zum zweiten Mal als das Erdgeschoss samt Fahrzeug in den Keller krachte und ein drittes und letztes Mal, als die Seitenwände einstürzten. Das war es dann mit dem Parkhaus.

Nachdem Flecki ihren Vortrag beendet hatte, war es recht still im Lkw geworden. Sogar der Motor schien leiser zu werden, und zur großen Verwunderung der Hamster hielt der Lkw auf einmal an. Sie standen auf einem kleinen Parkplatz.

"Knockan Crag", ertönte plötzlich die Stimme des Fahrers, "das bedeutet, wir sind nur noch wenige Kilometer von Ullapool entfernt."

Als er sich zu den Hamstern umdrehte, blickte er in 12 verständnislose Augenpaare.

"Das ist ein großes Naturschutzgebiet, hat mir die Verkäuferin in Scourie erzählt. Seht doch mal die wunderschöne Aussicht!" rief er und deutete in die Ferne.

Als er sich erneut zu den Hamstern umdrehte, blickte er wieder in 12 verständnislose Augenpaare.

"Ist ja gut", seufzte Vim van der Slampe, "wir fahren weiter."

"Ja, denkt der denn, wir sind zum Vergnügen hier", protestierte Goldi. "Wir haben heute noch nichts zum Mittagessen gehabt."

Kaum rollte der Lastwagen wieder, da kam schon die nächste Frage, diesmal von Teeblättchen: "Was ist dann passiert, ich meine, ist der Bauleiter in den Knast gekommen?"

"Nö", flötete Flecki, "erstaunlicherweise nicht. Eine vom Bürgermeister persönlich  eingesetzte Untersuchungskommission unter der Leitung von Oberamtsleiter Purzel ergab gravierende Mängel bei der Baudurchführung. So wurde beispielsweise Beton in einem falschen Mischungsverhältnis verwendet; zuwenig Zement, zuwenig Sand aber dafür zuviel Wasser. Weiterhin waren die Stützpfeiler aus Kostengründen nicht aus Stahlbeton gegossen worden. Besonders hob die Untersuchungskommission die Tatsache hervor, dass die Stützpfeiler nicht mit Stahlstangen, sondern mit rohen Spaghetti verstärkt worden waren. Es sprach eigentlich alles dafür, dass Hamsterhausen sich demnächst nach einen neuen Bauleiter umsuchen müsste, doch da nahm die Sache einen anderen, etwas eigenartigen Verlauf. Die Untersuchungskommission wurde vom Bürgermeister ihres Amtes enthoben, und Bauleiter Murksel durfte seine Arbeit wieder aufnehmen. Es wurde gemunkelt, dass genau zu diesem Zeitpunkt der Bürgermeister plötzlich stolzer Besitzer eines vornehmen Wintergartens geworden war, doch bewiesen werden konnte es leider nie, ob da ein Zusammenhang bestand."

"Öh, das war purer Zufall", stotterte der Bürgermeister. "Der Bau eines Dings, äh, Wintergartens war lange geplant gewesen. Aber gut, dass wir das Thema erwähnen, mein lieber Murksel. Im Wintergarten regnet es nämlich durch, und alles steht unter Wasser."

"Na ja", druckste Murksel, "der ist ja auch nur für den Winter gedacht, und da schneit es ja..."

Bevor die ganze Situation noch peinlicher werden konnte, hatten sie zum Glück Ullapool erreicht. Der Lastwagen fuhr eine breite Einkaufsstraße entlang bis sie kurz vor dem Ortsausgang an einen Hafen kamen. Dann bogen sie nach rechts ab in die Argyle Street. Nach wenigen Metern hielten sie vor einem Informationsbüro für Touristen. Dort stieg Vim van der Slampe aus und ließ die Hamster in der Schlafkoje zurück.


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