Beitragsseiten


Kapitel 20

Murksels größte Panne

Nach wenigen Meilen hatten sie die A838 wieder erreicht und bogen rechts ab. Dann ging es steil bergab, und  das Loch Eribol tauchte vor ihnen auf. Die Hamster reckten die Hälse und staunten: Hier sah es ja aus wie am Mittelmeer. Zwar waren die Hamster noch nie am Mittelmeer gewesen, aber immerhin hatten sie schon mal ein Bild von der Gegend gesehen. Nachdem sie um eine große Bucht herumgefahren waren, stoppte der Fahrer und schaute auf die Karte.

"Es sind noch 110 Kilometer bis Ullapool, der nächsten großen Stadt. Dort kennt man uns nicht, und bestimmt können wir dort irgendwo übernachten. Ich kann nämlich nicht mehr!"

"Der Kerl ist auch nur am jammern", stellte Flecki fest. "Was sollen wir denn sagen?"

Während der Lastwagen langsam weiterfuhr, machten es sich die Hamster in der Schlafkoje bequem. Die Strecke bestand aus einem Single-Track, und dementsprechend langsam ging es voran. Bestimmt würde es noch eine Weile dauern, bis sie ihr Ziel erreichten. Die Hamster langweilten sich und Hamstilidamst rief:

"Was war denn nun mit dem Parkhaus?"

Nun kam Stimmung auf. Bauleiter Murksel schaute verlegen aus dem Fenster und schien dem Bürgermeister irgendetwas zu zeigen, was sich in weiter Ferne befand. Tuffi hatte sich ebenfalls ans Fenster gesetzt und starrte gebannt nach draußen, während die übrigen Hamster sich um Flecki gescharrt hatten.

"Das war so was von oberpeinlich, das mag ich gar nicht erzählen. Aber gut, wenn ihr es unbedingt hören möchtet!"

Sie warf einen spöttischen Seitenblick auf Murksel, den Bürgermeister und Tuffi. Als sie gerade Durness erreichten, begann sie zu erzählen:

Nachdem sich in Hamsterhausen immer mehr Bürger darüber aufgeregt hatte, dass gewisse Leute ihre Schrottkarren mangels Parkplätzen auf Gehwegen parkten, wurde der Planungsausschuss "Autofreies Hamsterhausen" gegründet, um eine Lösung für dieses Verkehrsproblem zu finden. Leider kommt der Planungsausschuss zu keinem brauchbaren Ergebnis, und die Sache landet  beim Bürgermeister. Der ruft nach langem Grübeln Bauleiter Murksel und Oberamtsleiter Purzel vom HaBauz (Hamstische Bauzentrale) zu sich, um weitere Schritte zu besprechen.

"Was können wir machen, damit die Autos von den Straßen verschwinden, meine Herren? Ich erwarte ihre Vorschläge!" beginnt der Bürgermeister die Unterredung.

"Äh, nicht von den Straßen, Herr Bürgermeister, sondern von den Gehwegen und Grünflächen", gibt Oberamtsleiter Purzel zu bedenken.

"Das meine ich doch", grunzt der Bürgermeister. "Warum haben wir kein Parkhaus?"

"Wir haben ein Parkhaus", antwortet der Bauleiter mit leiser Stimme.

"Und?"

"Es kann leider nicht benutzt werden", trompetet der Oberamtsleiter, "weil es baufällig ist!"

"Baufällig? Warum, mein lieber Bauleiter?"

Bevor Murksel antworten kann, trompetet erneut Oberamtsleiter Purzel in voller Lautstärke: "Weil beim Bau vergessen wurde, ein Fundament zu bauen. Nun kippt das Ding langsam um! Mehr als 10 Autos dürfen da nicht hinein, weil es sonst zusammenbrechen würde!"

"Wie konnte das passieren, mein lieber Murksel?" wundert sich der Bürgermeister.

"Äh, ja, nun, das war, als wir einen Stromausfall in der Stadt hatten und ich im Noteinsatz deswegen war! Als ich wiederkam, hatten diese Idioten einfach weiter gebaut."

"Ja, ich erinnere mich, ich steckte den halben Tag im Aufzug fest", knurrt Purzel.

"Das ist noch gar nichts," ruft der Bürgermeister empört. "Ich stand den halben Tag hilflos auf einer Rolltreppe! Dennoch, mein lieber Bauleiter, warum bauen wir nicht ein neues Parkhaus?"

Dieser Vorschlag des Bürgermeisters wurde mit einer Gegenstimme angenommen. Mit der notwendigen Sprengung des alten Gebäudes wurden Goldi und Dudel beauftragt. Die Sprengung verlief hervorragend, und sicherlich wären alle zufrieden gewesen, wenn das Parkhaus vorher von den dort parkenden Fahrzeugen geräumt worden wäre. Als Trost verteilte Bauleiter Murksel Gratis-Parkscheine für das neue Parkhaus an die geschädigten Autohalter, was bei den Betroffenen jedoch keine rechte Freude auslöste.

Die Ausschachtung des Kellers wurde dieses Mal als erstes in Angriff genommen, doch schon gab es auch die ersten Probleme. Kaum war der Keller weitgehend überdacht, da war er auch schon mit Grundwasser überflutet, und so musste nachträglich eine Drainage gelegt werden. Der Bauleiter bekam einen Wutanfall nach dem anderen, als sich die Mitarbeiter des Reparaturteams weigerten, in dem kalten Wasser zu arbeiten. Ihm blieb nichts anderes übrig, als die Drainage alleine fertigzustellen. Nach einer Woche kam er fix und fertig wieder an die Oberfläche gekrochen und brüllte seine Mitarbeiter an: "Warum habt ihr Spacken den Schutt noch nicht beseitigt? Ich gehe jetzt nach Hause und schlafe, und wenn ich wiederkomme, ist das Gerümpel verschwunden, egal wohin, ist das klar?"

Hätte er geahnt, wohin der Bauschutt des alten Parkhauses gelangen würde, dann hätte er sich wohl etwas genauer ausgedrückt.

Als der Bauleiter nach zwei Tagen etwas erholter und ausgeschlafener wieder an der Baustelle auftauchte, war er überrascht, wie sauber alles war. Inzwischen war das Erdgeschoss fertiggestellt, und zufrieden besichtigte er das Gebäude. Etwas jedoch stimmte nicht - wo war die Zufahrt für den Keller?

"Tuffi! Wie komme ich in den Keller?"

"In den Keller, lieber Bauleiter?"

"In den Keller!"

"Du kannst nicht in den Keller."

"Ich kann nicht in den Keller? Wieso kann ich nicht in den Keller wenn ich in den Keller will?"

"Nun", Tuffi putzt ihre Schnurrbarthaare und sieht den Bauleiter mit einem treuherzigen Blick an, "weil da der olle Bauschutt drin ist."

"Der Bauschutt? Im Keller? Wieso im Keller?"

"Ja, du hast gesagt, es ist dir egal, wohin der verschwindet, und da haben wir gedacht..."

In der nächsten Viertelstunde waren vier Reparaturhamster damit beschäftigt, den Bauleiter davon abzubringen, seinen Kopf immer wieder gegen einen Betonpfeiler zu rammen. Am Nachmittag wurden alle weiteren Arbeiten eingestellt. Der begeisterte Goldi und sein Kumpel Dudel erhielten einen erneuten Auftrag zur Sprengung des inzwischen bis zum 2. Stockwerk reichenden Gebäudes. Mit Tränen in den Augen stand der Bauleiter daneben, eine dicke Beule zierte seinen Kopf.

Viele Wochen später beim nächsten Anlauf hatte das neue Parkhaus wieder eine Bauhöhe bis zum ersten Stock erreicht, als plötzlich Tuffi vermisst wurde. Zu Hause war sie nicht, und Urlaub hatte sie auch keinen genommen. Nach hektischen Suchaktionen wurde festgestellt, dass Tuffi versehentlich im Keller eingemauert worden war. Die Baupolizei erfuhr von dem Fall, und der Bauleiter musste sich viele kritische Fragen gefallen lassen. Nach heftigen Wortgefechten und noch mehr bösen Schimpfworten wurde Bauleiter Murksel wegen Beamtenbeleidigung vorläufig festgenommen. Nach Intervention des Bürgermeisters wurde von einer längeren Haftstrafe gegen den Bauleiter abgesehen. Murksel durfte das Gefängnis verlassen und auf die Baustelle zurückkehren. Dort angekommen, bekam er den nächsten Wutanfall, denn das Reparaturteam hatte nicht damit gerechnet, ihren Leiter so schnell wiederzusehen. Überall standen Liegestühle auf der Baustelle, und es wurden kalte Getränke sowie Snacks aus Sonnenblumenkernen gereicht. Aus einer Musikanlage dröhnten die neuesten Hits des berühmten Sängers Hamsterquallo. Murksel brüllte und tobte, dass es eine wahre Pracht war, und aus dem 2. Stockwerk riefen die Hamster hinunter, man möge doch bitte die Musik ein wenig lauter drehen, um das idiotische Gebrülle zu übertönen.

Am nächsten Tag brach das gesamte Gebäude zusammen. Der Hintergrund wird wohl nie so recht geklärt werden, jedenfalls wurde zunächst vermutet, dass bei den Schweißarbeiten im Keller eine Gasflasche explodiert war. Zweifel an dieser Theorie kamen jedoch auf, als festgestellt wurde, dass Goldi und Dudel mit unbekanntem Ziel verreist waren. Vermutungen wurden nun laut, dass sich in dem Keller noch Restbestände des Dynamits der 2. Sprengung befunden hatten, die einfach vergessen worden waren. Der Bauleiter konnte dazu leider nicht befragt werden, da er sich auch nach einem mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt an keinerlei Einzelheiten  erinnern konnte.

In einer mehrstündigen Rede wies der Bürgermeister kurze Zeit später auf die Schaffensfreude und Willenskraft der Bürger von Hamsterhausen hin. Er betonte in seiner Rede, dass Hamsterhausen sich durch kleine Rückschläge niemals aufhalten lassen würde, und dass das Parkhaus wie geplant in Kürze fertig sein würde. Murksel Rücktrittsgesuch wurde abgelehnt, und am nächsten Tag wurde der Bau wieder aufgenommen. Die Hamstische Bauzentrale war inzwischen durch Zeitungsberichte aufmerksam geworden, und Oberamtsleiter Purzel schaltete sich, sehr zum Ärger von Bauleiter Murksel, erneut in die ganze Sache ein. Nachdem der Bau wieder eine Geschosshöhe bis zum ersten Stock erreicht hatte, müssen die Bauarbeiten unterbrochen werden, da der Oberamtsleiter das Fehlen von Notausgängen im Keller bemängelte. Mühsam wurden nun seitliche Tunnel gegraben, und eine zufällig einstürzende Mauer verfehlt den Oberamtsleiter Purzel nur knapp. Kurz darauf werden erhebliche Mängel in der Mindesthöhe der Stockwerke festgestellt. Der Bau wird erneut unterbrochen, und der Oberamtsleiter wird versehentlich durch einem Bagger im Zement verschüttet. Nach all diesen Verzögerungen dauert es nicht lange, bis er erneut etwas zu bemängeln hat. Dieses Mal betrifft es fehlende Toiletten, zu dunkle Seitengänge und fehlende Einkaufsmöglichkeiten. Bauleiter Murksel ist kurz davor durchzudrehen. In der folgenden Nacht wird der Vorgarten des Oberamtsleiters Purzel in die Luft gesprengt und sein Wagen von Unbekannten im städtischen Dorfteich versenkt. Am nächsten Tag genehmigt die Hamstische Bauzentrale den weiteren Bau des Parkhauses und übergibt die Aufsicht an die Hamstische Prüfabteilung für Hamstische Bauvorhaben (HaPrüHaBa). Diese bemängelt sofort das Fehlen von Fenstern, und Bauleiter Murksel ist gezwungen, nachträglich Fenster einzubauen. Er entschließt sich für eine gezielte Sprengung, die leider den gesamten ersten Stock zum Einsturz bringt. Und den gesamten zweiten Stock ebenfalls.

Nach einem mehrwöchigem Aufenthalt in der "Fachklinik für seelisch gestörte Hamster" nimmt Murksel die Leitung des Bauvorhabens erneut auf. Auf den Trümmern inmitten der Baustelle hält der Bürgermeister eine mutige Rede, in der er davon spricht, dass die Fertigstellung des neuen Parkhauses nunmehr nur noch wenige Wochen dauern würde. Im Anschluss an diese Rede muss der Bauleiter gewaltsam daran gehindert werden, wieder in die Klappsmühle zu flüchten.

Aus wenigen Wochen werden viele, doch Murksel und seinem Hamstischen Reparaturteam gelingt es, das Gebäude ohne größere Komplikationen bis zum 3. Stockwerk hochzuziehen. Für die weiteren Stockwerke wird nun ein Kran benötigt, und dabei kommt es zu einer Katastrophe. Als der Kran das schwere Baumaterial von einem der Laster hochziehen will, sieht Murksel sofort mit geschultem Blick, dass vergessen wurde, den Kran mit Gegengewichten zu bestücken. Der riesige Kran kippt um, direkt auf das Modehaus "Fleckis & Sasies Traummoden". Heftige Proteste der betroffenen Hamsterdamen zwingen den Bauleiter, das beschädigte Dach des Modehauses unverzüglich zu reparieren. Der Neubau des Parkhauses verzögert sich dadurch erneut. Bei weiteren Arbeiten werden im Mittelraum des 2. Stocks Wasserschäden bemerkt; nach einigen Tagen gelingt es, die dicken Betonmauern aufzustemmen und den Fehler zu finden. Offensichtlich wurde ein Verbindungsrohr in der Wasserleitung vergessen, und die ist nun offen, und das Wasser sprudelt.

Monate später ist der Rohbau fertig, doch leider stellt sich heraus, dass sämtliche Scharniere  falsch angebracht wurden.

"Tuffi", brüllt Bauleiter Murksel, "das war deine Schuld!"

"Gar nicht wahr", protestiert Tuffi. "Ich habe doch gefragt, ob die links- oder rechtsseitig sein sollen, und da hast du gesagt, das wäre dir so was von scheißegal, und ich solle dich gefälligst in Ruhe lassen."

"Öh, ja." Murksel schluckt und stottert. "Gerade in dem Moment waren die Fenster aus dem obersten Stockwerk herausgefallen, und das nur, weil irgendwelche Idioten vergessen hatten, die Fensterrahmen am Mauerwerk zu befestigen."

Bei dem nun folgenden Richtfest kommt es zu einer bedauerlichen Panne. Nachdem der Bürgermeister seine übliche Rede gehalten hat, will er das oberste Stockwerk durch eine Seitentür verlassen. Leider ist an dieser Stelle des Parkhauses noch keine Treppe montiert worden, und er fällt unter dem Applaus der Zuschauer durch mehrere Stockwerke bis in den Keller. Die Feier ist damit beendet, und während der Bürgermeister die nächsten Tage im Krankenhaus verbringen muss, lässt er sich täglich über die weiteren Fortschritte des Baus unterrichten. Leider bleiben die Informationen äußerst spärlich, so dass es den Bürgermeister nach einer  Woche nicht mehr im Bett hält. Er informiert den Bauleiter, dass die Eröffnung des Parkhauses nunmehr unverzüglich erfolgen solle. Bereits am nächsten Tage soll die große Feier, verbunden mit einer Rede, stattfinden. Nun brechen hektische Aktivitäten an der Baustelle aus. Im letzten Moment fällt auf, dass es sich bei der merkwürdigen Statue, die seit einigen Tagen in einer Ecke des Parkhauses steht, um Trampel handelt, der kürzlich in einen Zementtrog gefallen war. Beim ersten Test der Beleuchtung kommt es zu unerklärlichen Kurzschlüssen. Murksel beschließt, sämtliche Sicherungen mit Stahlnägeln zu überbrücken. Nun funktioniert die Beleuchtung, doch aus dem Keller kommen merkwürdige Rauchzeichen. Der Bauleiter ertappt mehrere Hamster, die mit Elektrogrills dort eine Party feiern. Tuffi meldet, dass die Auffahrtsrampe für das letzte Stockwerk fehlt, da Zement und Beton ausgegangen sind und die nächste Lieferung erst in 3 Tagen kommt. Bauleiter Murksel ist mit den Nerven am Ende und ordnet an, dass vorübergehend eine Gipskartonplatte als Rampe zum 5. Stock eingesetzt wird. Nach der nächsten Zementlieferung soll das dann sofort nachgebessert werden, damit kein Unglück geschieht.

Flecki unterbricht ihre Erzählung und schaut durch den Vorhang der Schlafkoje neugierig nach draußen. Die anderen Hamster huschen hinterher, denn auch sie haben bemerkt, dass der Lastwagen plötzlich angehalten und der Fahrer den Motor ausgestellt hat.

"He, wo geht der denn hin?" ruft Tati und stemmt empört ihre kleinen Pfoten in die Hüften.

"Zum Fressshop", keucht Goldi aufgeregt, "der holt was zum Essen!"

Tatsächlich betritt Vim van der Slampe ein kleines Lebensmittelgeschäft an der Hauptstraße einer kleinen Stadt. Nun folgen bange Minuten für die Hamster denn es geht um die lebensentscheidende Frage: Gibt es etwas zum Fressen oder nicht?

"Es wäre nicht schlecht, wenn der uns endlich mal mit Futter versorgt, mir ist schon ganz schlecht vor Hunger", sprach Flecki das aus, was alle dachten.

"Und ich falle gleich um vor Schwäche", jammerte Dodo. "Könnt ihr euch alle noch an die große Hungersnot von Hamsterhausen erinnern? Die fing damals genauso an."

"Erinnere mich bloß nicht", keuchte Goldi entsetzt, "es gab einen vollen Tag lang nichts zu essen! Wir waren alle am Ende unserer Kräfte, es war schrecklich!"

In diesem Moment wurde die Fahrertür geöffnet, ein müde und erschöpft blickender van der Slampe stieg ein. In seinen Händen trug er vier Becher Kaffee und zwei Brötchen. Mit einem Seufzer setzte er sich auf den Fahrersitz und starrte verblüfft auf das Armaturenbrett. Vor ihm saßen zwölf Hamster, die ihn - und ganz besonders die Brötchen - mit ihren großen Knopfaugen verfolgten. Mit einem noch größeren Seufzer warf er die Brötchen auf die Konsole und goss sich einen Kaffee nach dem anderen hinein. Als er seinen Blick wieder nach vorne richtete, waren Hamster und Brötchen verschwunden.

"Nur damit ihr das wisst", rief er, „wir sind hier in dem Ort Scourie. Bis Ullapool sind es noch 70 Kilometer, und ich denke, falls ich nicht vor Müdigkeit in einen Straßengraben fahre, werden wir das in weniger als zwei Stunden geschafft haben. Und wisst ihr, was ich dann machen werde? Schlafen werde ich!"

"Der hat auch nichts als Pennen und Faulenzen im Kopf", schimpfte Tati und stopfte sich einen großen Brotkrumen hinter die Backen. Neben ihm saß Teeblättchen und daneben Trampel, dessen Fell nach wie vor eine satte grüne Färbung aufwies. Die Hamster hatten sich inzwischen wieder in die gemütliche Schlafkoje zurückgezogen, als der Fahrer erneut den Lastwagen verließ und nach wenigen Minuten mit neuem Kaffee und neuen Brötchen zurückkehrte. Er goss den Kaffee regelrecht in sich hinein, und die Hamster schüttelten verwundert den Kopf. Nach kurzer Zeit verließen sie Scourie, fuhren an einem wunderschön gelegenen Campingplatz vorbei und folgten einer engen Straße.

"Wie ging die Geschichte mit dem Parkhaus denn nun weiter?" fragte Hamstilidamst kauend und handelte sich einen missbilligenden Blick von Flecki ein.

"Nun", nahm Flecki die .Erzählung wieder auf, "es kam, wie es kommen musste."

Der große Tag ist da, sozusagen der Tag aller Tage, wie der Bürgermeister vollmundig in einer langen Rede erklärt. Auf den ersten Blick ist es ein wunderschönes Gebäude geworden, und auch die Delegationen aus den benachbarten Hamsterländern sind begeistert. Sogar der Bauleiter hält eine kurze Rede und weist mit sichtlichem Stolz auf die Stabilität des Parkhauses hin. Ein schweres, bunt geschmücktes Raupenfahrzeug mit Tuffi am Steuer steht neben ihm, und zustimmend drückt der kleine Reparaturhamster auf die Hupe, so laut, dass Murksel fast vor Schreck vom Rednerpult fliegt.

"Wie wäre es mein lieber Murksel, wenn wir eine Einweihungsfahrt machen?" ruft der Bürgermeister und klopft dem Bauleiter auf die Schulter.

"Äh, Herr Bürgermeister, wir wollen da noch einige Stabilitätstests in den nächsten Tagen machen..."

"Nun kommen Sie schon, mein lieber Murksel, ihr Wort genügt mir. Natürlich wird alles halten!"

Der Bauleiter wollte noch etwas entgegnen, doch die aufgebrachte Menge um sie herum begann lautstark: "Losfahren, losfahren!" zu brüllen, so dass seine Worte in dem Lärm untergingen. Er wurde von dem gut gelaunten Bürgermeister auf den Beifahrersitz geschubst, nachdem sich Tuffi mit einem Sprung durch das geöffnete Seitenfenster retten konnte. Unter den Hurra-Rufen der Zuschauer schoss das schwere Raupenfahrzeug hoppelnd auf die erste Rampe zu und nahm ihren Weg in das erste Stockwerk. Dort drehte der Bürgermeister ein Runde, hupte und hoppelte über die nächste Rampe in die zweite Etage. Lässig winkte er der jubelnden Menge zu, die inzwischen dem Fahrzeug hinterherlief. Verzweifelt versuchte Murksel den Bürgermeister zum Anhalten zu bewegen, doch erstens konnte der ihn bei dem Lärm nicht verstehen und zweitens hatte der Bauleiter große Probleme, in den Kurven nicht aus dem Fahrzeug zu fallen. Je weiter sie nach oben kamen, desto spitzer und lauter wurden seine Schreie. Hin und wieder sah der Bürgermeister zufrieden zu dem grüngesichtigen Bauleiter und rief: "Das macht Spaß, was, mein lieber Murksel!"

Wimmernd und bibbernd vor Angst an die Seitentür des Baufahrzeugs gepresst, sah der Bauleiter, wie der Bürgermeister johlend und singend über das vierte Stockwerk jagte und auf die letzte Rampe zuhielt. Nun geschahen zwei Dinge kurz nacheinander: Zunächst versuchte Bauleiter Murksel, sich durch einen Sprung durch das Seitenfenster in Sicherheit zu bringen, blieb jedoch stecken. Dann war plötzlich die Rampe verschwunden und der verblüffte Bürgermeister blickte fragend den Bauleiter an, von dem allerdings nur noch der Hintern zu sehen war. Dann krachte es laut, und für einen Moment war alles still, kein Bauleiter kreischte, kein Bürgermeister sang, keine Menge johlte, sogar der Motor des Raupenfahrzeug war abgewürgt und gab keinen Laut mehr von sich. Dann war ein Knirschen zu hören, und ein Zittern ging durch das gesamte Gebäude. Jemand schrie: "Raus hier! Eflih! Kinap!" und eine wilde Flucht begann. Gerade als der Bürgermeister laut rufen wollte, dass kein Grund zur Panik bestünde, brach das vierte Stockwerk in sich zusammen, und Bürgermeister samt Raupenfahrzeug und dem im Seitenfenster eingeklemmten Bauleiter fielen in den dritten Stock. Zu ihrem Glück hatte die kreischende, flüchtende Meute der Zuschauer bereits den dritten Stock verlassen und den zweiten erreicht. Kurz darauf brach der dritte Stock unter dem Aufprall des schweren Fahrzeugs zusammen und stürzte auf den zweiten Stock, der gerade von dem letzten der flüchtenden Hamster in Richtung ersten Stock verlassen wurde. Nur wenige Sekunden später gab auch der zweite Stock nach und krachte auf den ersten, wo die panischen Zuschauer und Partygäste gerade aus den Fenstern sprangen und sich in Sicherheit brachten. Dann krachte es noch dreimal: einmal, als der erste Stock zusammenbrach, dann zum zweiten Mal als das Erdgeschoss samt Fahrzeug in den Keller krachte und ein drittes und letztes Mal, als die Seitenwände einstürzten. Das war es dann mit dem Parkhaus.

Nachdem Flecki ihren Vortrag beendet hatte, war es recht still im Lkw geworden. Sogar der Motor schien leiser zu werden, und zur großen Verwunderung der Hamster hielt der Lkw auf einmal an. Sie standen auf einem kleinen Parkplatz.

"Knockan Crag", ertönte plötzlich die Stimme des Fahrers, "das bedeutet, wir sind nur noch wenige Kilometer von Ullapool entfernt."

Als er sich zu den Hamstern umdrehte, blickte er in 12 verständnislose Augenpaare.

"Das ist ein großes Naturschutzgebiet, hat mir die Verkäuferin in Scourie erzählt. Seht doch mal die wunderschöne Aussicht!" rief er und deutete in die Ferne.

Als er sich erneut zu den Hamstern umdrehte, blickte er wieder in 12 verständnislose Augenpaare.

"Ist ja gut", seufzte Vim van der Slampe, "wir fahren weiter."

"Ja, denkt der denn, wir sind zum Vergnügen hier", protestierte Goldi. "Wir haben heute noch nichts zum Mittagessen gehabt."

Kaum rollte der Lastwagen wieder, da kam schon die nächste Frage, diesmal von Teeblättchen: "Was ist dann passiert, ich meine, ist der Bauleiter in den Knast gekommen?"

"Nö", flötete Flecki, "erstaunlicherweise nicht. Eine vom Bürgermeister persönlich  eingesetzte Untersuchungskommission unter der Leitung von Oberamtsleiter Purzel ergab gravierende Mängel bei der Baudurchführung. So wurde beispielsweise Beton in einem falschen Mischungsverhältnis verwendet; zuwenig Zement, zuwenig Sand aber dafür zuviel Wasser. Weiterhin waren die Stützpfeiler aus Kostengründen nicht aus Stahlbeton gegossen worden. Besonders hob die Untersuchungskommission die Tatsache hervor, dass die Stützpfeiler nicht mit Stahlstangen, sondern mit rohen Spaghetti verstärkt worden waren. Es sprach eigentlich alles dafür, dass Hamsterhausen sich demnächst nach einen neuen Bauleiter umsuchen müsste, doch da nahm die Sache einen anderen, etwas eigenartigen Verlauf. Die Untersuchungskommission wurde vom Bürgermeister ihres Amtes enthoben, und Bauleiter Murksel durfte seine Arbeit wieder aufnehmen. Es wurde gemunkelt, dass genau zu diesem Zeitpunkt der Bürgermeister plötzlich stolzer Besitzer eines vornehmen Wintergartens geworden war, doch bewiesen werden konnte es leider nie, ob da ein Zusammenhang bestand."

"Öh, das war purer Zufall", stotterte der Bürgermeister. "Der Bau eines Dings, äh, Wintergartens war lange geplant gewesen. Aber gut, dass wir das Thema erwähnen, mein lieber Murksel. Im Wintergarten regnet es nämlich durch, und alles steht unter Wasser."

"Na ja", druckste Murksel, "der ist ja auch nur für den Winter gedacht, und da schneit es ja..."

Bevor die ganze Situation noch peinlicher werden konnte, hatten sie zum Glück Ullapool erreicht. Der Lastwagen fuhr eine breite Einkaufsstraße entlang bis sie kurz vor dem Ortsausgang an einen Hafen kamen. Dann bogen sie nach rechts ab in die Argyle Street. Nach wenigen Metern hielten sie vor einem Informationsbüro für Touristen. Dort stieg Vim van der Slampe aus und ließ die Hamster in der Schlafkoje zurück.


Weiter: Das Projekt Pleasure Dome (Kapitel 21-25)