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Kapitel 18

Oben

Über dem Glen Brerachan war inzwischen die Sonne aufgegangen und wärmte mit ihren Strahlen das Städtchen Pitlochry, das am River Tummel friedlich vor sich hin dämmerte. Zur anderen Seite hin lag irgendwo in der Ferne der Tay Forrest Park, den der kleine Fluss irgendwann erreichen würde. Bei Dunalastair würde der River Tummel dann ein großes Wasserreservoir bilden, vom dem aus ein Ausläufer weiter zum Loch Rannoch fließen würde. Vorbei an Talladh-a-Beithe und Killichonan würde dieses Loch schließlich in das Loch Eigheach übergehen und danach durch das Loch Laidon an Black Corries Lodge vorbei fließen, um schließlich in der Nähe des Kings House Hotels seine Reise zu beenden. Von hier aus wären es übrigens nur noch weniger als 30 Meilen Luftlinie bis Oban und sogar noch weniger bis zum Schloss Dunollie gewesen.

Natürlich hätten die Hamster einen weitaus kürzeren und angenehmeren Weg nehmen können, als den, den sie nun aufgrund eines kleinen Rechtschreibfehlers vor sich hatten. Sie hätten bequem das Glencoe mit seiner unrühmlichen Vergangenheit durchqueren und hätten wunderschöne Berge und noch mehr Touristenbusse bestaunen können. Hätten sie, aber wie lautet ein bekanntes Hamstisches Sprichwort? Wähle von allen Möglichkeiten die unmöglichen, dann ergibt sich die beste aller Möglichkeiten von ganz alleine. So fuhren die Hamster also ganz nach oben an die Nordküste statt zur Westküste, wo die kleine Hafenstadt Oban zwischen Bergen zur einen und der Insel Kerrera zur anderen Seite lag.

Vim van der Slampe lenkte den Lkw zurück auf den Atholl Road, hielt an einem kleinen Fish n' Chips Laden und warf grinsend einen Blick auf die friedlich schlafenden Hamster. Er fühlte sich frisch und ausgeschlafen, und hätte er geahnt, was ihm die nächsten Tage bevorstand, hätte er sich das Grinsen sicherlich verkniffen. Auch hätte er sich bestimmt eine Packung Aspirin besorgt, doch da er von alledem nichts ahnte, stieg er mit einer Tüte Fish n' Chips und einigen Schokoriegeln bewaffnet nach kurzer Zeit wieder in den Wagen. Er ließ es sich schmecken und ging im Geiste noch einmal die Route durch. Er würde den kürzesten Weg vorbei an den wunderschönen Grampian Mountains bis Inverness nehmen, das wären ungefähr 130 Kilometer. Dann käme der schwerste Teil, denn nun würden 150 Kilometer auf engen Straßen vor ihm liegen. Normalerweise wäre eine solch lange Strecke kein Problem für ihn, doch Vim van der Slampe war noch nie in seinem Leben auf Single-Track-Roads gefahren. Wenige Stunden später war seine gute Laune schlagartig beendet, und er steckte mit seinem Lastwagen samt Hamstern in einer riesigen Baustelle namens Inverness fest. Es war heiß und der Gestank von Teer und Asphalt schwebte in der Luft. Es schien, als würden alle Straßen in dieser Stadt gleichzeitig aufgerissen und erneuert werden. Mal rollte der Lastwagen ein paar Schritte und mal fuhr er sogar für ein paar Sekunden. Doch meistens stand er und das für viele, viele Minuten, die sich zu Stunden sammelten. Die Sonne ging langsam wieder unter, als der frustrierte Lkw-Fahrer den Moray Firth überquerte und kräftig fluchte. In diesem Moment erwachten die Hamster und schauten neugierig zum Fenster hinaus. Das damit verbundene laute Gefiepe ging Vim van der Slampe gehörig auf die Nerven, die ohnehin zum Reißen gespannt waren. Als sie an Easter Ross vorbeifuhren, öffnete er erleichtert das Seitenfenster, um seinem inzwischen heftig brummenden Kopf ein wenig Abkühlung zu verschaffen. Nach einer Minute allerdings schloss er genervt das Fenster wieder, da sich die Hamster lautstark über die kalte Zugluft beschwerten. Sie erreichten den Dornoch Firth und hielten an einer kleinen Raststätte, wo der Lkw-Fahrer sich auf eine Toilette rettete und seinen Kopf unter kaltes Wasser hielt. Er fühlte sich nun etwas besser, und ihm fielen die Schokoriegel ein, die nun seinen heftig knurrenden Magen ein wenig beruhigen sollten. Ungeduldig wühlte er 5 Schokoriegel aus dem Handschuhfach hervor und riss den ersten gierig auf. Ein leises Fiepen ließ ihn innehalten, und er blickte sich erstaunt um. Vor ihm, auf der Armatur, saßen 3 Hamster, neben ihm, in der Ablage der Seitentür, saßen 4 weitere, auf dem Beifahrersitz ebenfalls 4 und auf seinem Schoß noch einer. 12 hungrige, traurige Augenpaare schauten ihn nun fragend an, und mit einem Mal spürte er einen dicken Kloß im Hals.

"Hunger habt ihr, wie? Ich habe ganz vergessen, etwas zu besorgen. Aber die Schokolade sollte für uns alle reichen, meint ihr nicht auch?"

Er brach den Riegel in mehrere Teile und hielt den Hamstern jeweils ein Stück hin. Zufrieden öffnete er nun den nächsten Riegel, doch gerade, als er ihn in seinen Mund stecken wollte, sah er wieder 12 hungrige Augenpaare vor sich. Diesmal saßen alle Hamster auf dem Armaturenbrett. Seufzend zerbröselte Vim van der Slampe auch diesen Riegel, und erneut verteilte er ihn unter den Hamstern.

"Wieso überrascht es mich nicht, dass ihr Gierhälse noch nicht genug habt?" schimpfte er, nachdem auch der nächste Versuch fehlschlug und er sich somit den vorletzten Riegel nahm. Während er ihn auspackte und den letzten neben sich auf den leeren Beifahrersitz legte, drehte er seinen Kopf weg vom Armaturenbrett und blickte angestrengt zur Fahrzeugdecke, um den gierigen Blicken der Hamster zu entgehen. Jedoch dicht unter der Decke hing ein großer Rückspiegel, und auf dem saß ein traurig blickender Hamster, der leise vor sich hin fiepte.

"Da, nehmt, ich will ihn gar nicht! Und jetzt verschwindet, ich will wenigstens den letzten Riegel haben! Verdammte Gierhälse!"

Schon im nächsten Moment taten ihm diese Worte leid als er sah, wie die Hamster den vorletzten Riegel schnappten und einer nach dem anderen in die Schlafkoje flüchteten. Mit schlechtem Gewissen und mit knurrenden Magen tastete seine Hand auf den Beifahrersitz, und unbändige Wut stieg plötzlich in ihm hoch.

"Ihr verdammten kleinen Nager! Ihr gefräßigen Biester! Sofort rückt ihr jetzt die Schokolade raus, das war meine!"

Der Lkw-Fahrer dreht sich um und wollte über den Sitz nach hinten zur Schlafkoje klettern, blieb jedoch am Rückspiegel hängen. Als er gerade seine erneute Wut herausbrüllen wollte, klopfte es an der Seitenscheibe. Ein Polizist! Vim van der Slampe öffnete die Tür.

"Guten Abend, Sir, haben Sie ein Problem?"

"Äh, nein, mein einziger Schokoriegel ist verschwunden, sonst nichts."

"Ihr Schokoriegel, Sir?"

"Ja, er lag eben noch auf dem Beifahrersitz, und wenn ich nicht bald etwas zu essen kriege..."

Der Polizist blickte auf Vim van der Slampes rechte Hand, in der sich das Papier von einigen Schokoriegeln befand.

"Ihr Schokoriegel ist also plötzlich verschwunden, Sir?"

Der Lkw-Fahrer klappte seinen Mund auf und schnell wieder zu. Fast wäre ihm etwas  über die Hamster herausgerutscht, doch das hätte ihm wohl gewaltigen Ärger eingebracht. Tiere nach Großbritannien einzuschmuggeln wäre bestimmt strafbar, und er wagte sich nicht auszumalen, was wohl sein Arbeitgeber sagen würde, wenn der Lkw von der Polizei beschlagnahmt werden würde.

"Vielleicht, Sir", fuhr der Polizist höflich fort, "sollten Sie sich beeilen, vor Ladenschluss nach Bonar Bridge zu fahren."

"Ja, sicher", entgegnete van der Slampe erleichtert und verstaute die Schokoladenpapierreste im Handschuhfach.

Der Polizist nickte und ging zu seinem Fahrzeug zurück, während Vim van der Slampe den Motor anließ und den Rückwärtsgang einlegte. Sein Blick fiel routinemäßig in den Rückspiegel, und was er sah, ließ ihn das Blut in den Adern kochen: Da guckte ein Hamster unter dem Vorhang der Schlafkoje heraus und hatte einen ganzen Schokoriegel im Maul! Kreischend wollte der Lkw-Fahrer sich umdrehen, als er versehentlich Vollgas gab, der schwere Wagen rückwärts schoss, einen kleinen Holzzaun durchbrach und zum Stehen kam.

"Musstest du denn auch noch das letzte Stück klauen?" fauchte Flecki.

"Er hat uns immerhin verdammte Gierhälse genannt. He, Leute, der Bulle ist gerade aus seinem Streifenwagen gestiegen und kommt zurück!" entgegnete Goldi.

"Sir, Sie werden weit nach Ladenschluss in Bonar Bridge ankommen, wenn Sie so weiter fahren! Im Übrigen haben Sie schottisches Eigentum beschädigt. Sind Sie mit einer Geldstrafe von 50 Pfund einverstanden?"

Neugierig beobachteten die Hamster von der Schlafkoje aus diese entwürdigende Handlung. Schließlich fuhr der Polizist mit seinem Streifenwagen weiter Richtung Bonar Bridge, während Vim van der Slampe einige Pfund ärmer war. Genau genommen sah er nicht nur ärmer, sondern auch gealtert aus. Das Knurren seines Magens war mittlerweile so laut geworden, dass selbst die Hamster es hören konnten, zumindest so lange, bis der Motor des Lkws ansprang und der Fahrer Gas gab. Diesmal jedoch bewegte sich der Wagen nicht, lediglich das Durchdrehen der Räder war zu hören. Wütend riss van der Slampe die Fahrertür auf und lief nach hinten.

"Verdammter Mist!" hörten die Hamster ihn brüllen. "Ich Riesenidiot bin in einen Graben gefahren!"

Die nächste Stunde brachte den Hamstern nun so richtig Spaß. Ein verzweifelter Lkw-Fahrer sammelte alles, was er an Steinen und Ästen finden konnte und legte es unter die Hinterräder. Der Wagen schaukelte und rüttelte bei jedem neuerlichen Fahrversuch und die Hamster sangen fröhliche Seemannslieder. Irgendwann war es dann doch geschafft, und ein völlig verdreckter van der Slampe fuhr den Lkw auf die Straße zurück. Nach wenigen Minuten hatten sie Bonar Bridge erreicht, und er sah zu seinem Entzücken, dass in dem einzigen Geschäft der Stadt noch Licht brannte. Nach einer unsanften Bremsung sprang er aus dem Wagen und rannte zur Eingangstür des Ladens. Sie war verschlossen, und durch die Scheibe der geschlossenen Eingangstür erkannte er das Reinigungspersonal, das mit der Säuberung des Fußbodens beschäftigt war. Schluchzend setzte sich Vim van der Slampe neben die Ladentür und begann, einen neben ihm stehenden Mülleimer nach Essbarem zu durchsuchen.

"Einfach ekelhaft, wie der sich gehen lässt", schimpfte Sasi, und Flecki nickte zustimmend.

"Das nächste Mal sollten wir uns genauer angucken, von wem wir uns fahren lassen", fügte Dasie hinzu.

Tatsächlich sah der arme Lkw-Fahrer alles andere als vorteilhaft aus. Seine Haare waren schmutzig und verklebt, seine Augen müde und verquollen, seine Kleider schmutzig und teilweise aufgerissen, und bestimmt roch er auch nicht sonderlich gut, nachdem er zweimal in den Graben gefallen war, als er den Lkw freibekommen wollte.

"He, Leute, schaut mal, da vorne kommt der nette Polizist wieder!" rief Goldi in diesem Moment begeistert, und die Hamster drückten ihre kleinen Näschen an die Fensterscheibe des Wagens und lauschten der Dinge, die da kamen.

"Sir, ich hatte nicht erwartet, Sie so schnell wiederzusehen!"

"Der Laden", kam die Antwort keuchend, "der ist dicht!"

"In der Tat, Sir, Sie sind zu spät gekommen. Darf ich Sie jetzt auffordern, diesen Platz zu räumen und weiterzufahren?"

Der Lkw-Fahrer nickte stumm und kletterte mühsam hinter das Steuer, ließ den Motor an und fuhr los. Schweigend ging es nun einige Meilen weiter bis sie eine Weggabelung kurz hinter Invershin erreichten. Der Lkw stoppte. Es war mittlerweile recht dunkel geworden, und weit und breit war niemand zu sehen, den man hätte fragen können. Genervt stieg der müde Mann aus dem Lkw und sah sich um.

"Nichts ist hier, kein Schild, kein garnix!" brüllte er wütend in die Landschaft.

Flecki, Tati, Teeblättchen, Sasie und Dasie waren neugierig hinterher geklettert und beobachteten den schmutzigen, brüllenden Fahrer.

"Es ist doch immer dasselbe mit den Männern", schimpfte Flecki. "Am Anfang sind sie noch nett, doch später lassen sie sich nur noch gehen und benehmen sich wie die Axt im Walde!"

Der bewusste Mann war inzwischen auf die Idee gekommen, ein paar Meter zurückzulaufen und sah nun ein Schild, an dem sie gerade eben vorbeigefahren waren: A836 - Laird. Peinlich berührt stieg er wieder in den Lastwagen und knallte die Tür zu. Flecki, Tati, Teeblättchen, Sasie und Dasie hatten erhebliche Mühe, gerade noch in das Fahrerhaus zu springen, bevor die Tür krachend zufiel.

"Also ehrlich, total rücksichtslos wie eine Brechstange!" fauchte Dasie und putzte sich beleidigt das Fell.

"Was is 'n nun mit der Party?" fragte Dodo, und Goldi rief: "Alles schon vorbereitet, wir können starten!"

"Die Musik fehlt aber noch", warf Bauleiter Murksel ein.

"Wie wäre es, wir machen die Musik?" rief Hamstilidamst begeistert. Sofort zogen sich alle Hamster in die Schlafkoje zurück und begannen mit einer ausgelassenen Feier, wobei zum Auftakt die vorher gesammelte Schokolade verteilt wurde. Nun ist zwar eigener Gesang auch recht schön, doch so rechte Stimmung kam erst auf, nachdem der Lastwagen den kleinen Ort Laird passiert hatte. Nun begann der längste und einsamste Single-Track Schottlands. Der völlig übermüdete und halb verhungerte van der Slampe bekam ein gewaltiges Problem, denn diese Straße war höllisch eng, und mit seinem Lastwagen war es ganz besonders höllisch eng und gefährlich. Es gelang ihm nicht, den Lkw auf einer ruhigen, geraden Spur zu halten, sondern er fuhr in leichten Schlangenlinien immer zwischen linker und rechter Straßenkante hin und her. Ihm wurde heiß und kalt, und der Schweiß lief ihm über das schmutzige Gesicht. Nicht weit hinter ihm schunkelten die Hamster fröhlich und sangen lauthals Seemannslieder. Der Bürgermeister war beim wiederholten Versuch, auf eine leere Brotdose zu steigen um eine Rede zu halten, durch das Geschaukel heruntergefallen und lag nun leicht benommen und grinsend in einer Ecke. Tuffi brachte ihm ein Stück Schokolade woraufhin sich der Bürgermeister auf den nächsten Kilometern angeregt mit dem Stück Schokolade unterhielt. Plötzlich wurde die Feier durch das wüste Geschimpfe und Gebrüll eines gewissen Lkw-Fahrers unterbrochen.

"Was ist denn nun schon wieder los?" wunderte sich Murksel. "Kann der Typ denn nichts alleine machen?"

Verwundert blickten die Hamster auf den Fahrer, der das Gesicht auf das Lenkrad gelegt hatte und mit den Fäusten auf dem Armaturenbrett herumtrommelte.

"Ich halte diesen Mist langsam nicht mehr aus! Ich schiebe diese Scheißkarre ins nächste Loch! Wo soll ich denn jetzt bloß Benzin herkriegen? Hier, am Ende der Welt!? Ich drehe durch, ich brauche was zum Essen!"

Wütend biss er ins Lenkrad, spuckte ein Stück abgebissenes Plastik aus und rammte seinen Kopf heulend gegen das Lenkrad.

"Peinlich, wenn ihr mich fragt", stellte Flecki kopfschüttelnd fest. Sasie und Dasie standen neben ihr und nickten. Dann fiel Fleckis Blick auf Goldi und sie hatte eine Idee. "Wie wäre es, wenn gewisse hamstische Futterstaubsauger ein wenig von ihren Vorräten an die hungernde Bevölkerung abgeben würden?"

Der Bürgermeister hatte inzwischen sein Gespräch mit dem Stück Schokolade beendet und rief begeistert: "Jawohl, das ist der Beginn einer guten Tat! Lasst uns eine Sammelaktion machen, um diesem Dings, äh, diesem armen Menschen zu helfen. Selbstverständlich werde ich, als Bürgermeister und sozusagen moralisches Vorbild den ersten Schritt machen und dieses Stück hier spenden!"

Alle beteiligten sich an diesem Spendenaufruf und sogar Goldi schob murrend einen ganzen Riegel unter den verwunderten Blicken seiner Freunde herbei.

"Wo hattest du den denn versteckt?" fragte Flecki entrüstet.

"Wenn ich dir das sage, muss ich mir das nächste Mal ein neues Versteck suchen", erwiderte Goldi mit verärgerter Miene.

Der Bürgermeister sammelte die gespendete Schokolade auf und kletterte den Beifahrersitz hinunter. Es dauerte eine Weile, bis der Lkw-Fahrer sein müdes, tränenüberströmtes Gesicht zur Seite drehte und den Hamster wahrnahm. Dann riss er seine Augen weit auf, griff gierig nach der Schokolade und stopfte sie sich in den Mund. Er packte den Bürgermeister am Nackenfell und hielt ihn dicht an sein Gesicht.

"So, du kleiner Strauchdieb, hast du es also eingesehen, dass du da was ganz Schlimmes gemacht hast? Ein gemeiner Dieb bist du, und ich sollte dich hier aussetzen, wenn wir nicht sowieso festsitzen würden."

Er setzte den heftig protestierenden Bürgermeister wieder auf den Beifahrersitz und überlegte.

"Ich glaube, wir sind hier am Loch Loyal", sprach er nach einiger Zeit. "Ich werde es mir jetzt am Seeufer gemütlich machen, so, wie ich oft in meiner Heimat im weichen, grünen Gras übernachtet habe. Macht was ihr wollt, ich gehe jetzt schlafen!"

Nachdem die Tür geräuschvoll von außen geschlossen wurde, blieben die Hamster alleine im Lastwagen zurück.

"Strauchdieb hat er mich genannt! So etwas Respektloses ist mir in meiner ganzen Karriere noch nicht passiert. Ich denke, wir sollten eine Abordnung zu ihm schicken und ihn ultimativ auffordern, sich zu entschuldigen. Das ist Beamtenbeleidigung, und ich denke, ich gehe recht in der Annahme..."

"He, ist da vorne nicht ein Radio?" rief Murksel begeistert, und sofort stürmten er und Goldi zum Armaturenbrett und untersuchten das dort angebrachte Gerät.

"Sag' mal Flecki", druckste Dodo, "hat ihm schon mal jemand erzählt, dass es in Schottland diese fiesen, kleinen Mücken gibt? Ich meine, der Fahrer kennt die wohl nicht, oder?"

"So wie der aussieht, sollten wir lieber die Midges vor ihm warnen, aber wer so unhöflich ist, hat es nicht anders verdient!"

"He, was ist denn nun mit der Musik?" riefen Hamstilidamst und Teeblättchen.

"Keine Ahnung", brummte Goldi genervt, "irgendwie funktioniert das Ding nicht. Hier hängt auch noch so ein komischer Lautsprecher mit einer Taste an einem Band herunter. Wie wärs, Bauleiter, ich hüpfe mal ein bisschen auf der Taste herum?"

"Gute Idee, vielleicht kriegen wir das damit in Gang. Ich versuche mal, an den Knöpfen zu drehen!"

In der nächsten halben Stunde erfüllte ein Quietschen, Rauschen und Brummen die Kabine, bis plötzlich laut und deutlich aus dem Lautsprecher unter dem Gerät eine Stimme ertönte: "This is Northcoast Patrol, please answer if you need help!"1

"Was'n das für ein Gelaber?" fragte Murksel neugierig.

"Keine Ahnung, aber ich werde noch ein wenig auf dieser Taste herumhüpfen, anscheinend geht davon das Radio an!" Als hätte es auf diese Worte gewartet, fing das Gerät wieder an zu quäken:

"This is Northcoast Patrol, we pass on your position to policestations Thorso, Bettyhill and Bora. Please be patient, help is coming soon!"1

"Darf ich auch mal das Radio bedienen?" rief Dodo aufgeregt, und Goldi nickte keuchend. Das Auf- und Abhüpfen hatte ihn reichlich angestrengt.

Mit Schwung landete Dodo auf der Taste, es knackte kurz in den Lautsprechern, und Dodo schaute verlegen in die Runde. "Die Taste ist festgeklemmt!"

"Schade", rief Sasi, "aber lasst uns doch noch ein wenig singen!"

So kam es, dass in dieser Nacht fast sämtliche Polizeikräfte Nord-Schottlands im Einsatz waren und sich auf den Weg zum Loch Loyal machten. Die Verständigung untereinander war ein wenig gestört, denn ein permamentes Kreischen, das wie eine gequälte Katze klang, lag genau auf der Frequenz des Polizeifunks und jagte den Beamten einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Das Schlimmste erwartend, rasten sie so schnell es ging zum Einsatzgebiet.

Die Hamster beschlossen gerade, die Feier ausklingen zu lassen und sich in die Schlafkoje zurückzuziehen, als das Geknatter eines Hubschraubers, und das Heulen von Polizeisirenen ihre Neugier weckte. Wieder drückten sie ihre kleinen Näschen an der Fensterscheibe platt und sahen, wie von beiden Seiten des Single-Tracks Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirenen herangeschossen kamen.

"Was hat der Kerl bloß wieder angestellt?" wollte Flecki neugierig wissen. "Oh, da kommt er ja, schnell ins Versteck!"

Tatsächlich näherte sich der völlig panische Lkw-Fahrer und kroch in sein Fahrzeug. Sein Gesicht war von Insektenstichen gezeichnet, und er blickte mit weit aufgerissenen Augen auf die heulenden Wagen, die nur noch wenige Meter entfernt waren.

"Die UFOs kommen, die UFOs kommen!" schrie er  und versuchte, sich unter dem Sitz zu verstecken. Im nächsten Moment wurden beide Fahrzeugtüren aufgerissen, ein gleißender Strahl hellen Lichtes traf ihn und jemand brüllte: "Auf den Boden! Nicht bewegen! He, Moment, den kenne ich doch!"

Als das erste Morgenrot sich zeigte, hatte Vim van der Slampe gerade das verschlafene Städtchen Tongue hinter sich gelassen. Er folgte der A838 ein Stückchen hinweg über die Bucht von Tongue und bog dann nach rechts auf eine Seitenstraße. Am liebsten hätte er sich heulend in den nächsten Straßengraben geworfen, so fertig war er. Es war eine schlimme Nacht gewesen, und ihm waren viele berechtigte Fragen gestellt worden. Das Schlimmste war, dass er selber keine Ahnung hatte, wieso von seinem Funkgerät aus Notsignale abgesetzt worden waren, die ausgerechnet auf der Frequenz der Küstenpolizei lagen. Die Küstenpolizei wiederum hatte die Quelle der Signale lokalisieren können und hatte ihrerseits die Polizeistationen der näheren Umgebung alarmiert. Letztlich waren die Polizisten zu dem Schluss gekommen, dass van der Slampe vor Erschöpfung auf dem Mikrophon eingeschlafen war. Alles weitere ließ sich nur vermuten. Letztendlich waren die Beamten froh gewesen, dass kein Verbrechen vorlag, und somit konnte van der Slampe sich glücklich schätzen, dass die Polizisten ihn sogar mit Benzin versorgten. Weiterhin hatten sie ihm sogar eine Übernachtungsmöglichkeit in dem nicht weit entfernten, kleinen Küstenstädtchen Talmine vermittelt.

Ja, er hatte Glück gehabt, verdammtes Glück sogar. Wenn sein bemitleidenswertes Äußeres und seine traurige Geschichte von einem missglückten Urlaub in Schottland nicht das Mitgefühl der Polizei hervorgerufen hätte, wer weiß, ob er die nächsten Tage nicht im Gefängnis verbracht hätte. Trotz alledem hatte er eine Anzeige wegen groben Unfugs und Landstreicherei erhalten, die ihm sicherlich noch Kopfzerbrechen bereiten würde.  Die Hamster hinter ihm in der Schlafkoje bekamen von seinen Gedanken nichts mit. Sie schliefen tief und fest und konnten auch nicht den gigantischen Atlantik sehen, der nun majestätisch auf der rechten Seite auftauchte. Kurz darauf erreichte der Lkw Talmine und Vim van der Slampe freute sich auf ein gemütliches Bett, als er eine kleine Straße nahe einem sandigen Strand entlang fuhr. Vor einem kleinen Steinhäuschen hielt der Fahrer den Wagen an und drehte sich zu den schlafenden Hamstern um.

"Meine kleinen Freunde, wir haben es geschafft, wir sind oben, ganz weit oben. Weiter oben geht es nicht."