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Kapitel 14

Edinburgh

"Good morning, ladies and gentlemen, we hope..."

Die Lautsprecheransage der Queen of Scandinavia kündigte den neuen Tag an und begrüßte ihre Passagiere. Die meisten waren bereits wach und warteten vor den Türen des Restaurants auf Einlass, um ihr Frühstück einzunehmen. Andere standen an Deck und schauten voller Erwartung auf einen immer größer werdenden Landstrich auf der Backbordseite des Schiffs. Viele Passagiere wiederum erwachten erst jetzt aus ihrem mehr oder weniger erquickenden Schlaf und schauten - sofern sie eine Außenkabine besaßen - neugierig aus dem Bullauge. Dann gab es noch eine andere Art von Passagieren, nämlich die, die in panischer Angst wild kreischend im Kreis lief, als die Lautsprecheransage durchgegeben wurde. Schließlich gab es noch eine weitere Art, nämlich die, die das alles nicht interessierte und die einfach liegen blieb.

"Was war das?" keuchte Tati völlig atemlos und äugte ängstlich unter einem Pullover hervor.

"Die Polizei, die suchen uns! Bestimmt wird jetzt gleich..."

"Klappe und sei mal still, Dodo, da kommt noch eine Durchsage!"

"...Möchten wir uns für die Unannehmlichkeiten entschuldigen. Wir laden Sie deshalb alle auf ein Gratisfrühstück im 'Blue Riband Restaurant' ein, da das 'Seven Seas Restaurant' zur Zeit renoviert wird."

"Fein", rief Goldi begeistert, "habt ihr das gehört? Gratisfrühstück! Da gehen wir hin!"

"Wir gehen nirgendwo hin. Wir sehen zu, dass wir in den Lkw zurückkommen, das ist unsere einzige Chance." Bauleiter Murksel überlegte einen Moment dann sprach er weiter. "Wenn ich das gestern richtig mitbekommen habe, sind wir nur ein Deck höher getragen worden, wenn man mal von den Umwegen absieht. Mit etwas Glück finden wir den Putzwagen wieder."

In diesem Moment schien die dicke Dame langsam wieder zu sich zu kommen. Entsetzt drehten sich die Hamster um, doch sie war noch nicht soweit, die Augen zu öffnen, sondern räkelte sich nur.

"Wir müssen raus hier und zwar schnell!" rief der Bürgermeister und sah ratlos auf die Kabinentür.

Murksel, Tuffi, Hamstilidamst, und Dodo drückten und zogen an der Tür, doch es wurde schnell klar, dass diese Tür nur mit dem dafür vorgesehenen Drehknopf zu öffnen war und den konnten die Hamster erstens nicht erreichen und zweitens hätten sie nicht die Kraft gehabt, ihn herumzudrehen.

"Zwecklos", keuchte der Bauleiter, "das packen wir nicht." Er setzte sich enttäuscht neben die Tür und starrte an die Wand..

"Vielleicht ja doch", rief Goldi. "Dodo, komme mal mit zu der fetten Wachtel."

Mit fragendem Blick folgte Dodo. Goldi kletterte auf das Kopfkissen, auf dem die dicke Dame schlief und rief Dodo zu, er solle auf den Kopf von der Tante klettern und ihr eines ihrer Augenlider hochziehen. Dodo war natürlich nicht wohl dabei zumute, doch er tat, was verlangt wurde, und zog das rechte Augenlid der Schlafenden hoch. Goldi befand sich nun direkt vor dem geöffneten Auge, und begann zu tanzen und zu fiepen. Zunächst schien die schlafende Frau nichts zu begreifen, doch nach und nach weitete sich das Glubschauge, starrte entsetzt auf den tanzenden Hamster und fing an, laut zu kreischen. Sie sprang hoch, griff in ihr Haar und packte Dodo, der nicht schnell genug geflüchtet war. Mit einem Entsetzensschrei ließ sie ihn los und sprang vom Bett auf. Da, noch mehr Krabbeltiere! In wilder Panik rannte sie zur Kabinentür, riss sie auf und rannte schreiend über den Flur.

"Auf geht’s, meine Damen und Herren", rief der Bürgermeister, und einer nach dem anderen stürmte auf den Flur hinaus. "Rechts!" rief  Murksel und rannte an einer schreienden Mutter vorbei, die ein Kind auf dem Arm trug, das mit dem Finger auf die Hamster zeigte und lachte. Durch eine enge Linkskurve ging die wilde Flucht weiter, dann rechts herum auf einen breiten Gang, wo eine Gruppe Urlauber schreiend ihre Koffer fallen ließen, als sie die Hamster sahen, und flüchteten. Da, der Fahrstuhl - doch kein Putzwagen weit und breit. Inzwischen hatten die Urlauber dem Personal Bescheid gesagt, und die Lage wurde gefährlich, als plötzlich drei Sicherheitsleute auf die Hamstertruppe zu liefen.

"Schnell, die Treppe runter", kreischte Flecki. Nun aber tauchte ein großes Problem auf, denn die Treppe war voller Menschen, die auf dem Weg zu ihren Autos waren. Allerdings hatte das Sicherheitspersonal noch größere Probleme, sich durch die Menge zu drängeln, und somit gewannen die Hamster von Deck zu Deck etwas mehr Vorsprung. Auf den Treppen war es inzwischen wieder zu panikartigen Tumulten gekommen, nachdem einige Passagiere die kleinen Nagetiere zwischen ihren Beinen hindurch hatten flitzen sehen. Wieder versuchte das Schiffspersonal, die Menschen durch Lautsprecherdurchsagen zu beruhigen, doch dadurch wurde das genaue Gegenteil bewirkt. Den Hamstern war es recht, sie hatten soeben das Autodeck erreicht und standen wieder vor der Eisentür, hinter der gleich der Lkw sein musste. Hier war die Flucht zu Ende, sie konnten jetzt nur noch darauf hoffen, dass jemand die Tür öffnen würde.

Vim van der Slampe war bester Laune. Ein kostenloses Frühstück! Er war begeistert von dem leckeren Buffet, das er gerade eben im 'Blue Riband' erhalten hatte und stieg die letzten Stufen hinab zum Autodeck. Neben seinem Gepäck trug er auch den Eimer, in dem sich das merkwürdige Modellauto befand. Er hatte es in mühsamer Kleinarbeit auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Zu seinem allergrößten Erstaunen war ein völlig intaktes Fahrzeug dabei herausgekommen. Was ihn ebenfalls in Erstaunen versetzt hatte, waren die kleinen Rucksäcke, die sich in dem Fahrzeug befanden, und er hatte auch nicht die kleinen Ködel vergessen, die noch vor kurzer Zeit die Ladefläche seines Lkws verschandelt hatten. Natürlich hatte Vim van der Slampe die Ereignisse an Bord mitbekommen, denn die Panik des letzten Abends hatte ja das gesamte Schiff erfasst. Grinsend dachte er an das Erlebnis, dass er eben hatte. Eine dicke Frau, die vor dem Informationsschalter stand und einem jungen Mann hinter dem Schalter vorheulte, nie wieder etwas zu trinken, wenn nur diese Mäuse verschwinden würden. Plötzlich verging ihm das Grinsen und er fragte sich, ob da zwischen diesen Nagetieren, die das gesamte Schiff in Aufruhr versetzt hatten, und dem Modellauto vielleicht ein Zusammenhang bestünde. Tapfere kleine Tierchen, dachte er und verwarf aber sogleich den Gedanken wieder. Nein, das wäre zu  abwegig. Er stieg die letzten Stufen zur Ausstiegsluke zum Autodeck hinunter, und was er da vor der Tür entdeckte, ließ ihn seinen Gedanken gar nicht mehr so abwegig erscheinen. Hamster! Lauter niedliche, kleine Hamster!

Es gibt manchmal Momente im Leben, da folgt man einfach seinen Gefühlen und macht nicht das, was eigentlich logisch gewesen wäre. Natürlich hätte van der Slampe die Tür geschlossen lassen müssen, und schon wäre er derjenige gewesen, der die Verursacher der Störungen auf dem Schiff gefangen hätte. Aber wäre das richtig gewesen? Hätte er den Rest seines Lebens mit der Schuld verbringen können, die er womöglich auf sich laden würde? Womöglich mit dem Tod dieser kleinen Nager? Nein, wer ihm solch ein gutes Frühstück verschafft hatte, den würde er niemals verraten können. Der Lkw-Fahrer öffnete die Eisentür.

"Raus mit euch!"

Das ließen sich die total verängstigen Tiere kein zweites Mal sagen und machten, dass sie fort kamen. Lächelnd ging van der Slampe auf das Autodeck, während in diesem Moment hinter ihm die Meute der Passagiere angestürmt kam. Mitten drin befanden sich auch die Leute vom Sicherheitsdienst, die es schon lange aufgegeben hatten, irgendwelche Nager zu verhaften. Doch das interessierte ihn nicht weiter, und als er sich seinem Lkw näherte, überlegte er, ob es richtig gewesen war, das Seitenfenster offen zu lassen. Auf dieser Überfahrt sind die merkwürdigsten Dinge passiert, da kann man nie wissen, dachte er und schloss seine Fahrertür auf. Nachdem er sein Gepäck verstaut und den Eimer mit dem Hamstertransporter vor den Beifahrersitz gestellt hatte, lehnte er sich zurück und nahm die Zeitung zur Hand. Im Rückspiegel beobachtete er eine Familie, die gerade in einen roten Opel einstieg. Die beiden Kinder stritten sich gerade heftig, wem mehr Platz auf dem Rücksitz zu stand und die Mutter schimpfte. Daneben stand der Vater mit dem gesamten Gepäck und wartete verzweifelt, dass ihm jemand ein Teil abnahm. Armes Schwein, dachte van der Slampe und legte seine Zeitung beiseite. Edinburgh, eine ganze Woche, das war sein nächster Gedanke. Sobald er seine Ladung abgeliefert hatte, würde er eine Woche warten müssen, um den Rückweg antreten zu können. In der Tat war der Zeitpunkt seiner Reise insofern unglücklich gewählt, da in den nächsten Tagen die Urlaubszeit auf der Insel beginnen würde, und für eben diese nächsten Tage waren alle Fähren ausgebucht. Die Highlands sollen schön sein, hatte sein Kumpel Ruud Kloetsack ihm einmal erzählt, also warum sollte er sie sich nicht einmal ansehen? In diesem Moment ließ der grüne Sattelschlepper direkt vor ihm den Motor an und fuhr los. Die Fähre hatte angelegt und es ging an Land. Hastig legte Vim den Gang ein und fuhr vorsichtig hinterher. Es polterte laut, als er über die Rampe hin zu den Royals Quays fuhr und sein erster Blick galt dem Himmel. Bedeckt, aber trocken, dachte er beruhigt und folgte dem grünen Sattelschlepper bis zum nächsten Kreisverkehr und bog auf die Howdon Road. Von dort aus ging es weiter auf die A19 bis hin zur A1, die ihn direkt nach Edinburgh bringen würde. In drei Stunden würde er sein Ziel erreicht haben, und dann würde er es sich gut gehen lassen, dachte er lächelnd, als sein Lkw die schottische Grenze passierte und sich Jedburgh näherte.

"Mann, war das knapp. Ich mache nie wieder eine Seereise", jammerte Flecki und knabberte an einem Sonnenblumenkern.

"Dann wirst du wohl in Schottland bleiben müssen", grinste Goldi. "Natürlich kannst du auch über den Eurotunnel zurückfahren, wenn dir das lieber ist."

"Klappe, das ist ja wohl meine Sache. Wer sagt denn, dass ich nicht mit einem Flugzeug zurückfliegen werde?"

"Über den Rückweg sollten wir uns noch keine Sorgen machen", warf Bauleiter Murksel ein. "Wenn wir den guten, alten McClown wiederfinden, sind wir gerettet. Der hilf uns bestimmt weiter."

"Natürlich müssen wir dann, äh, Verhandlungen mit dem Lord aufnehmen, das wird sicherlich der schwierigste Teil unserer Aufgabe. Hier ist ein hohes Maß an Diplomatie gefragt, und selbstverständlich kann das nur eine politisch geschulte Autorität vornehmen!"

"Öh, natürlich Bürgermeister, und wo kriegen wir solch eine Person her?"

Der Bürgermeister blickte Dodo beleidigt an und begann mal wieder, mit seiner linken Pfote auf dem Boden der Schlafkoje des Lkw zu klopfen, als der Lkw plötzlich stoppte. Sofort hechtete Flecki zum Vorhang und spähte hinaus.

"Ich glaube, wir sind in einer großen Stadt angekommen. Oih! Geschäfte, tolle Geschäfte!"

Sofort flitzen Sasie, Dasie, Tati und Tuffi zu dem kleinen Spalt im Vorhang und überzeugten sich von Fleckis Worten.

"Das dürfte dann ja wohl Edinburgh sein", rief Hamstilidamst begeistert.

Tatsächlich hatten sie die Hauptstadt Schottlands erreicht. Der Lkw bewegte sich langsam über die belebte Princess Street und hielt vor einem großen Laden für internationale Feinkost an. Offensichtlich war die Lieferung bereits erwartet worden, denn sofort kamen ein paar Bedienstete des Ladens und begrüßten Vim freundlich. Nach den üblichen Begrüßungsfloskeln, ob er denn eine angenehme Reise hinter sich hatte und ob das Wetter auf dem Kontinent besser sei, begannen sie, die Ladung mit dem Käse auf Paletten zu laden und mit einem Gabelstapler in das dortige Kühllager zu bringen. Nach etwas über einer Stunde setzte der Lkw seine Fahrt fort und verließ bald darauf die Innenstadt Edinburghs. Nach mehreren Ampeln, Kreuzungen und Verkehrsstauungen rumpelte der Laster über die Ferry Road und bog bei East Pilton ab. Ein Haus sah hier wie das andere aus. Vim van der Slampe hielt Ausschau nach der Nummer 22, einem Haus, das sich vom Äußeren her durch nichts von seinen Nachbarhäusern unterschied. Als er die Nummer entdeckt hatte, bemerkte er im selben Moment, dass er drauf und dran war, einen Mülleimer zu überfahren. Er fluchte laut und trat das Bremspedal bis zum Anschlag durch. Abrupt kam der Lastwagen quietschend zum Stehen und sein Fahrer schrie vor Schreck auf, als die gesamte Hamstertruppe auf seinen Rücken purzelte. Geistesgegenwärtig beugte er sich nach vorne, und nachdem er sich überzeugt hatte, dass er den Mülleimer nicht gerammt hatte, setzte er ein Stück zurück bevor er den Motor abstellte. Sein Blick fiel auf die Fahrerkonsole - dort lag ein Hamster, der ihn verlegen beäugte. Vorsichtig drehte er sich um und stellte fest, dass sich auf seinem Sitz weitere Hamster befanden. Da er Unordnung hasste, nahm Vim einen nach den anderen und setzte ihn zu dem bereits auf der Konsole befindlichen Tier. Zwölf Hamster zählte er nun, und ihm dämmerte, dass seine Vermutungen von Anfang an richtig gewesen waren, und dass diese kleinen, freundlich blickenden Hamster für all die Ereignisse auf dem Schiff verantwortlich gewesen waren.

"Los Bürgermeister, übernimm du die Verhandlungen", zischte Flecki und schubste den Bürgermeister dermaßen heftig nach vorne, dass er fast vor die Füße des Lkw-Fahrers gefallen wäre.

Da stand er nun, hinter ihm seine Hamstertruppe und vor ihm ein nachdenklich guckender Lkw-Fahrer, der bestimmt eine Menge Fragen hatte.

"Hä, hä, äh, bestimmt möchten Sie wissen, was wir in diesem hier, ich meine diesen Last-Dings zu suchen haben, sozusagen. Also das ist wegen des McShredder-Monsters, wenn Sie verstehen."

Natürlich verstand der Lkw-Fahrer rein gar nichts, statt dessen nahm er den kleinen Fellträger in die Hand, sah ihn genau an und sprach: "Ich habe keine Ahnung, was hier läuft, aber soviel ist mir klar: Ihr seid keine gewöhnlichen Hamster und das da ist scheinbar euer Wagen. Was soll ich nur mit euch machen? Wenn ich euch hier rausschmeiße, fressen euch womöglich die Katzen, hier laufen nämlich viele davon herum. Im Lastwagen möchte ich euch nicht lassen, wer weiß, was ihr damit anstellt. Ich fürchte, mir bleibt nichts Anderes übrig, als euch erst einmal mit in mein Quartier zu nehmen. Dann sehen wir weiter. Euren Wagen lassen wir hier, dafür steigt ihr in den Eimer und kommt mit."

Nachdem er einen nach dem anderen Hamster vorsichtig in den Eimer gesetzt hatte, nahm der Lkw-Fahrer das wenige Gepäck, das er bei sich hatte, stieg aus und ging auf eine kleine Pforte zu. Links und rechts von dieser Pforte rankten wilde Rosen und der dahinter befindliche Garten sah nicht sonderlich gepflegt aus. Das dazugehörige Haus gehörte Mrs. McKenzie, einer älteren Dame, die nicht nur schwerhörig war, sondern auch sehr schlecht sehen konnte. Bestimmt wird die alte Lady nichts von den Hamstern mitkriegen, dachte Vim beruhigt und klingelte an der rosafarbenen Tür, die schon lange keine frische Farbe mehr gesehen hatte. Nachdem er das dritte Mal lange geklingelt hatte, öffnete Mrs McKenzie.

"Ah, mein lieber Mr. Slampy, wie schön, dass Sie mal wieder vorbeischauen. Bitte kommen Sie doch rein. Warum haben Sie denn nicht gesagt, dass Sie kommen?"

Van der Slampe trat ein und erkannte sofort, dass auf dem Spiegelschrank das Schreiben seiner Spedition lag, die die Reservierung für seine Übernachtung vorgenommen hatte.

"Mrs McKenzie, hat meine Spedition sich denn noch nicht bei Ihnen gemeldet?"

"Nicht dass ich wüsste, Mr Slampy, aber kommen Sie ruhig, ich habe immer Platz für Sie!"

Nachdem die Hausherrin ihn auf Tee und Kuchen eingeladen hatte, ging der Lkw-Fahrer endlich in das ihm zugedachte Zimmer, schloss die Tür hinter sich und rief: "Ich habe euch etwas Kuchen mitgebracht, wie wäre es mit einer kleinen Party? Ich wette, ihr kennt so etwas noch gar nicht."

In der Tat, Vim van der Slampe würde noch einige Dinge während der nächsten Tage lernen müssen.