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Kapitel 13

Auf See

Van der Slampe legte geschwind den Transporter auf den Beifahrersitz, lächelte seinem Kumpel zu und ließ den Motor an. Vorsichtig setzte er den schweren Wagen zurück, schlug die Räder scharf nach rechts ein und lenkte erst wieder gerade, als er den roten Lastwagen seines Kumpels Ruud Kloetsack vor sich sah. Nun legte er den Vorwärtsgang ein, lenkte nach links und  folgte einer gelben Markierung, bis er den Marktplatz verlassen hatte. Dann gab er Gas. Nach wenigen Minuten befand er sich wieder auf der holländischen A9, diesmal in südlicher Richtung. Nach einer weiteren halben Stunde bog er rechts ab und tankte seinen Wagen an einer kleinen Tankstelle auf. Beim Bezahlen nahm er noch eine Tagezeitung mit und setzte die Fahrt fort. Kurz darauf sah er schon von weitem die Fähre. Das große, weiße Gittertor, durch das alle Fahrzeuge hindurch mussten, um auf das Schiff zu gelangen, war bereits geöffnet. Ein kurzer Tritt auf die Bremse, und er manövrierte den schweren Lastwagen durch das Tor. Sofort nahm er die äußerste rechte Fahrspur, die nur den schweren Transportfahrzeugen vorbehalten war und hielt Ausschau nach den Bediensteten des Terminals. Er hatte Glück, denn er wurde heran gewinkt und konnte gleich in den weit geöffneten Schlund der Fähre hinein fahren. Prima, dachte er, es ist doch gut, wenn einen die Leute kennen. Schließlich würden seine Papiere in Newcastle ohnehin noch einmal geprüft werden und schlimmstenfalls seine Ladung ebenfalls. Vorsichtig folgte er nun den Anweisungen des Terminal-Personals, bis sein Lkw im hinteren Teil des Schiffrumpfes untergebracht war. Er atmete auf, zog die Bremsen an und stellte den Motor ab. Nun musste er noch seine wenigen Sachen, die er wie immer in einer kleinen Reisetasche unter dem Fahrersitz hatte, einpacken und sich an Bord begeben. Dort würde er sich einen Schlafsessel suchen und die heutige Nacht verbringen. Gerne wäre er in seine Schlafkoje gekrochen, doch leider war es aus Sicherheitsgründen nicht gestattet, während der Seereise in den Fahrzeugen zu bleiben.

Sein Blick glitt wieder zu dem kaputten Hamsterwagen, und er schien zu überlegen. Wieder öffnete er die Motorhaube und sah neugierig hinein. Warum sollte er nicht die langweilige Überfahrt nutzen und an einem ruhigen Platz an Bord versuchen, dieses - wie er meinte - Modellauto zu reparieren? Schließlich legte er den Wagen in den Eimer zurück. Aus einem Seitenfach nahm er einen kleinen Werkzeugkoffer,  griff den Eimer und seine Reisetasche und öffnete die Fahrertür. Gerade als er aussteigen wollten, stutzte er, hob den Kopf und schnüffelte. Was war das für ein merkwürdiger Geruch in seinem Wagen? Bereits in Alkmaar war es ihm aufgefallen, dass die Luft in seinem Lkw merkwürdig vergoren roch. Was soll’s, dachte er sich, drehte das Fenster der Fahrertür hinunter und stieg aus.

"Ist er weg? Ich muss hier dringend raus!"

"Moment, Flecki, er verschwindet gerade durch eine Eisentür." Vorsichtig spähte Sasie durch einen Spalt im Vorhang nach draußen. "So, jetzt ist die Luft rein!"

"Die Luft ist nicht rein", stöhnte Flecki und kletterte so schnell sie konnte am Vorhang hinunter. "Warum muss dieser Kerl die Luft dermaßen verpesten, wenn er frischen Käse gegessen hat?" und guckte Goldi böse an.

"Sag mal, habt ihr gehört, was der vorhin gesagt hat?" fragte Hamstilidamst.

"Wer?" fragte Teeblättchen zurück.

"Na, dieser andere Lkw-Fahrer in dem roten Lastwagen. Der hat zu unserem Fahrer gesagt, dass er, also unserer Fahrer, den gammeligen Käse nach Edinburgh bringen soll!"

"Äh, Moment mal", warf Flecki ein, "wieso kannst du Holländisch verstehen, ich denke, du hast schottische Vorfahren?"

"Nun ja, ich habe auch holländische Vorfahren, sozusagen schottisch-holländische Vorfahren."

"Das ist ja auch egal", rief Murksel begeistert, "dann sind wir ja auf der Fähre! Seht nach draußen Leute, wir sind im Schiff nach Newcastle!"

"Nun, meine lieben Hamster", tönte der Bürgermeister, "wieder einmal hat es sich gezeigt, dass wir Hamster durch nichts aufzuhalten sind. Durch Mut und Eigeninitiative, allen Widrigkeiten trotzend,  haben wir es geschafft, gewissermaßen unter meiner Führung, unser Ziel..."

"Sagt mal Leute, ist das nicht der Dampfer, auf dem es so ein geniales Fressmenü gibt? Ich glaube, das heißt Dinnerbuffet! Da muss ich hin, wer kommt mit?"

"Also ich komme mit", rief Dodo, und bis auf Flecki nickten alle begeistert.

"Und was ist, wenn wir erwischt werden?" rief sie. "Die werden uns über Bord schmeißen, und das war’s dann. Unsere toten, kalten Körper werden dann auf dem Meeresgrund  liegen."

"Ja, aber immerhin hätten wir uns vorher so richtig die Bäuche vollgeschlagen", entgegnete Goldi.

Nun hieß es aber erst einmal abwarten. Am Felison Terminal standen noch viele Wagen, die darauf warteten, an Bord gefahren zu werden. Im Rückspiegel konnten die Hamster verfolgen, wie sich der Bauch des Schiffes mehr und mehr füllte, Leute aus den Autos stiegen und mit ihrem Gepäck durch eine der Türen in der Mitte des Schiffs verschwanden. Bis auf ein paar Leute vom Schiffspersonal war bald der Bauch des Schiffes menschenleer. Das Schiff vibrierte nun stärker als zuvor, und das bedeutete, dass die Reise begonnen hatte.

"Nanu", rief Murksel nach einer Weile, "merkt ihr das auch? Wir fahren jetzt plötzlich rückwärts!"

"Vielleicht sind wir ja vorher rückwärts gefahren und fahren jetzt vorwärts!" vermutete Tati. "Oder der Käpitän hat noch was vergessen..."

"Oder die haben gemerkt, dass wir an Bord sind. Jetzt kehren wir um, und dann kommt die Polizei", jammerte Dodo.

"Vielleicht haben die das Schiff ja auch nur gedreht, damit sie aus dem Hafenbecken kommten", bemerkte Goldi richtig. "Aber das bedeutet, dass die Gelegenheit günstig ist. Bestimmt hängen diese Idioten alle an der Reeling und gucken, wie toll das aussieht, wenn so ein blödes Schiff fährt. Wir brauchen jetzt nur in eines der Fress-Restaurants zu gehen und uns zu proviantisieren. Irgendwo finden wir schon einen kleinen Ort für unsere Fress-Party. Los, kommt, wir klettern durch das Fenster!"

Goldi ließ seinen Worten Taten folgen und kletterte voran. Kurze Zeit später stand die hungrige Hamsterschar vor einer der geschlossenen Eisentüren, durch die es zu den Kabinen und ins Innere des Schiffes ging.

"Und nun, was machen..."

"Geduld, Dodo, wir verstecken uns hier unter diesem Wagen und warten", unterbrach ihn Goldi und kletterte unter einen roten Opel. "Hier ist es schön warm, und wir können sehen, wenn sich jemand nähert. Irgendwann muss jemand vom Schiffspersonal kommen, denn es ist scheinbar recht stürmisch draußen. Bei Sturm muss geprüft werden, ob die Lastwagen fest verlascht sind."

In der Tat dauert es nicht lange, und die schwere Eisentür wurde geöffnet. Ein Mann und eine Frau stiegen heraus, jeder von ihnen trug einen Werkzeugkoffer.

"Auf geht’s!" rief Bauleiter Murksel, und die Hamstertruppe rannte durch die Türöffnung. Es war Eile geboten, denn die schwere Eisentür fiel recht schnell wieder ihr Schloss zurück. Wenige Sekunden ging die Tür krachend zu, ein "Aaaaaaaah" ertönte, gefolgt von einem Klatschen und einem Poltern. Dann war alles still.

"Jemand verletzt?" fragte der Bürgermeister. "Wo steckt Trampel?"

"Hier unten", ertönte eine leise Stimme. "Die Tür hat mich erwischt!"

Tatsächlich befand sich Trampel ein Stockwerk tiefer, nachdem ihm die Tür einen gewaltigen Klapps gegeben hatte, und er mehrere Meter durch die Luft bis zur nach unten führenden Treppe geschossen wurde. Doch Glück im Unglück: Trampel lag direkt neben dem Fahrstuhl, und neben dem Fahrstuhl stand der Reinigungswagen des Putzpersonals. Hamstilidamst kletterte hinauf und drückte auf den Fahrstuhlknopf. Nach kurzer Zeit kam der Fahrstuhl, und nun war Dodo an der Reihe. Er schob den Reinigungswagen in den Fahrstuhl hinein, und Hamstilidamst blickte nun auf eine Tafel mit vielen Knöpfen.

"Äh, welchen soll ich denn nun drücken? 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, oder 8?"

Die Hamster sahen einander ratlos an. Dann richteten sich alle Blicke auf Goldi.

"Die Sechs!"

Hamstilidamst drückte auf den Knopf mit der Nummer 6, und der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung. Neben der Fahrstuhltür leuchtete die Anzeige des jeweiligen Stockwerks auf. Als die Sechs aufleuchtete und der Fahrstuhl stoppte, war keinem der Hamster wohl zumute, und wenn ihr Hunger nicht so groß gewesen wäre, dann hätten sie schon längst die Flucht angetreten.

"Soll ich den Putzwagen wieder vor die Tür schieben?"

Der Bauleiter überlegte, dann nickte er. "Vielleicht brauchen wir ihn für unsere Flucht."

"Vielleicht sollten wir nun strategisch vorgehen", empfahl der Bürgermeister. "Wir könnten einen Späher vorschicken."

In diesem Moment kam eine Gruppe Passagiere vorbei, und die Hamster kletterten wieder auf den Reinigungswagen.

"So wird das nichts", knurrte Murksel enttäuscht, "so kommen wir nicht mal über den Flur!"

In diesem Moment ging ein Ruck durch den Reinigungswagen, und die Hamster erschraken. Eine Stimmte ertönte: "Der Wagen muss hier weg, der steht direkt vor dem Fahrstuhl. Mareike, bringe den Wagen schon mal in die Küche, wir brauchen den nachher, um den Speisesaal zu reinigen!"

Der Wagen wurde nun so schnell fortgeschoben, dass die Hamster arge Probleme hatten, nicht herunter zu fallen. Da zu dem Zeitpunkt noch nicht viele Menschen unter Deck waren, ging es zügig voran. Dann stoppte der Wagen abrupt, und Trampel fiel herunter. Eine Tür schloss sich geräuschvoll und es war still.

"Trampel, ist alles in Ordnung?"

"Ja, danke, Bauleiter. Nur mein Kopf hat eine Beule. Dieser Schrank hier ist sehr hart."

"Das ist kein Schrank, das ist ein Herd", warf Flecki ein und sah sich um. "Wir sind tatsächlich in der Küche."

"Los, Leute, anfassen, jetzt wird eingekauft, der Supermarkt hat geöffnet!" rief Goldi, kletterte auf einen Stuhl und von dort aus auf den Tisch. "Boi, eye, hier ist die Gemüseabteilung! Und Kekse! Dodo, fang!"

Tatsächlich waren sie in einem Nebenraum der Küche gelandet. Hier standen die Obstkörbe und all die Leckereien, die zu einem gepflegten Nachtisch gehören. In der angrenzenden Küche war das Personal hektisch damit beschäftigt, die warmen Speisen für die Passagieren zuzubereiten, denn schließlich sollte das 'Seven Seas Restaurant' in wenigen Minuten öffnen. Die Tür wurde aufgerissen, und die Hamster flüchteten auf den Reinigungswagen. Jemand stieß gegen den Wagen, und eine ärgerliche Stimme war zu hören: "Welcher Idiot hat den Putzwagen denn hier hingestellt?" Gleich darauf mussten sich die Hamster festhalten, denn nun wurde der Wagen wieder aus dem Raum geschoben. Kurz darauf standen sie wieder neben dem Fahrstuhl.

"Öh, und nun?"

"Ab nach Hause natürlich, Dodo", rief der Bauleiter. "Trampel, klettere mal hoch und versuche, den Fahrstuhlknopf zu erreichen!"

Während Trampel nun am Gestänge des Putzwagen hochkletterte, drehte Flecki den Kopf suchend hin und her. "Wo steckt denn dieser unnütze Goldi?" rief sie.

"Verdammt," rief Dasie, "ich glaube, der ist bei dem Obstkorb und den Keksen geblieben. Wir müssen ihn holen!"

Dem Bürgermeister fiel fast das Herz in die nicht vorhandene Hose, als er sah, was sich auf dem Deck abspielte. Menschenmassen strömten zum Restaurant hin, und es würde eine gefährliche Sache werden, zwischen all den Füßen hindurchzulaufen. Nach einer kurzen Diskussion wurde beschlossen, dicht an der Fußleiste der linken Wand entlang zu laufen und kurz hinter dem Eingang in den Speisesaal nach rechts zu schwenken. Von dort aus waren es nur noch wenige Meter bis zum Nebeneingang der Küche. Dann gab Bauleiter Murksel das Zeichen, und die Hamstertruppe lief, so schnell ihre kleinen Pfoten es zuließen, dicht zwischen den gefährlichen Füßen zur einen und der Wand zu anderen Seite. Immer wieder gab eines der kleinen Tiere zwischendurch ein ängstliches Quieken von sich, wenn der eine oder andere Fuß bedenklich dicht neben Schwanz oder Pfote aufsetzte. Sie hatten den Eingang zum Restaurant erreicht, liefen an der Sperre vorbei und hielten neben einem Salatbuffet an. Dort warteten sie, bis eine größere Menschenmenge an ihnen vorbeigelaufen und eine Lücke entstanden war. Nun kam der letzte Teil dieser gefährlichen Strecke und die Hamster rannten um ihr Leben, als plötzlich eine laute, hohe Stimme durchdringend schrie: "Hulp! Muizen!"1 Sie waren entdeckt worden! Schnell liefen sie unter den nächsten besten Buffettisch und warteten. Um sie herum war nun ein allgemeiner Aufruhr entstanden, und zwei junge Damen des Restaurantservice sprachen mit einer dicken Dame, die aufgeregt immer wieder auf den Boden deutete. Nachdem jedoch die Servicedamen einen nicht unerheblichen Sherrygeruch bei der dicken Dame wahrgenommen hatten, legte sich die Aufregung. Die dicke Dame wurde an einen Tisch geführt, wo sie auf Kosten des Hauses eine Gratisflasche Wein erhielt. Während dessen hatten die Hamster unbemerkt den Raum erreicht, in dem sie Goldi vermuteten. Zu ihrem Glück war die Eingangstür angelehnt.

"Da sagt man immer", japste der Bürgermeister, "dass Seereisen entspannend sind." Keuchend lehnte er sich an das Bein eines der Küchentische und sah den anderen bei der Suche nach dem verschwundenen Goldi zu. Als er wieder zu Atem gekommen war, bemerkte er, dass das Tischbein ungewöhnlich stark vibrierte. Er schöpfte Verdacht und rief: "He, seid mal alle ganz leise!"

Im Nu war es mucksmäuschenstill und nur das übliche Vibrieren des Schiffes und Fetzen von Unterhaltungen aus dem Restaurant waren zu hören. Flecki mit ihrem scharfen Gehör bemerkte es als erste, kletterte auf einen Stuhl und sprang auf den Tisch. "Es kommt aus der Obstschale", rief sie. Aufgeregt und voller Sorge  kletterten ihre Freunde hinterher und versammelten sich alle um die Obstschale, aus der merkwürdige Geräusche kamen.

"Nun, äh, vielleicht sollte jemand mal nachsehen, was diese Geräusche macht...", empfahl der Bürgermeister ängstlich, während Flecki auf die Obstschale kletterte, und einen oben liegenden Apfel mit einem Fusstritt beiseite beförderte.

"Ha!" rief sie triumphierend. "Wusste ich es doch. Er hat sich überproviantisiert und schnarcht! Wir brauchen kaltes Wasser, damit es dem armen, armen Kerl besser geht."

Sie hatte ihren Satz gerade beendet, als die Küchentür geöffnet wurde. Blitzschnell waren die Hamster auf die Schale gesprungen und hatten sich so gut es ging unter dem Obst verkrochen.

"Sie behauptet, ihr wäre schlecht vom Seegang, also habe ich ihr gesagt, etwas Obst würde guttun. Ich werde der Dame mal etwas Obst bringen!" rief eine Stimme, und die Hamster ahnten Schlimmes, als sie sich plötzlich in die Luft gehoben fühlten. Krampfhaft hielten sie sich fest, bis ein heftiger Ruck ihnen mitteilte, dass sie zusammen mit der Schale auf einen anderen Tisch gestellt worden waren. Wo waren sie? Wass passierte hier? Vorsichtig spähten sie zwischen dem Obst hervor und blickten direkt in das Gesicht der fetten Dame die nach Sherry roch und sich an einer Flasche Wein festhielt.

"Ollah!"1

"Ongedierte! Kleintje Ongedierte kruipen in't fruit!"1

"Was labert die, Hamstilidamst?" fragte Trampel verstört.

"Oh, stell dir vor, die hat was von kleinem Ungeziefer im Obst gesagt!"

"Das kommt bestimmt vom Saufen", meinte Goldi, "ich habe mal gehört, dass..."

"Abhauen!" schrie Bauleiter Murksel mit schriller Stimme, "macht, dass ihr wegkommt! Wir treffen uns am Fahrstuhl!"

Nun folgte etwas, was das ehrwürdige 'Seven Seas Restaurant' noch nie erlebt hatte. Es begann damit, dass vereinzelt Gekreische von Frauen zu hören war und das Personal aufgeregt hin- und herlief. Dann brach an der linken Seite des Saals Panik aus, als eine vornehme Dame, die sich gerade das zweite Mal einen Nachschlag Pommes Frites nahm, zwischen den Fritten einen Goldhamster erblickte. Es handelte sich hierbei um Hamstilidamst, den der leckere Geruch angelockt hatte. Nicht weit davon entfernt hatte Murksel einen Softeisautomaten entdeckt und festgestellt, dass nur ein kleiner Bolzen entfernt werden musste, damit er besser funktionierte. Das Ergebnis war eine Fontäne von Softeis, das sich über einen Großteil der Passagiere ergoss. Auch hier setzte Panik ein, und alles rannte kreischend durcheinander. In demselben Moment durchlebten zwei ältere Damen den schlimmsten Moment ihres Lebens. Beide hatten vor wenigen Minuten beschlossen, ihre strenge Diät für einen Moment Diät sein zu lassen und sich etwas Eis zu gönnen. Frau Antje van Sluisenknall schaufelte gerade den vierten Löffel Vanilleeis auf ihren Teller, als sie bemerkte, dass sich gerade dabei war, sich einen Hamster - es handelte sich um Dodo - auf den Teller zu schaufeln.

Auch an der Salatbar war der Teufel los. Dasie und Sasie waren von hysterisch kreischenden Damen unter dem Blattspinat entdeckt worden, und als diese Damen Hals über Kopf flüchteten, stießen sie mit Mitgliedern der Urlaubsgruppe des Leerdamer Altersheimes "Knars"1 zusammen. Diese alten Leute hatten bis vor einer Minute friedlich am Tisch gesessen und ihre Suppe gelöffelt, als sie mit dem ultimativen Horror konfrontiert wurden. Einer der Senioren, Ede van Afgetrokken, hatte in alter Gewohnheit sein Gebiss neben sich auf den Tisch gelegt. Irrtümlicherweise hielt Goldi dieses Utensil für ein ideales Versteck, und sicherlich wäre vorläufig auch alles gut gegangen, wenn Goldi durch seine immense Fresserei an diesem Tag nicht just in diesem Moment einen heftigen Schuckauf bekommen hätte. Jedenfalls war ein hüpfendes Gebiss nicht unbedingt das, was die alten Leute nervlich vertragen konnten. Nachdem dieser Tisch nunmehr ihm alleine gehörte, wagte sich Goldi hervor und besänftige seinen Schluckauf durch ein großes Stück Zucker aus der dort stehenden Zuckerdose. Nun war ihm wohler und er hielt Ausschau nach seinen Freunden. Auf dem Nachbartisch entdeckte er Trampel, der gerade voller Interesse eine Flasche Sekt inspizierte. Sofort gesellte sich Goldi zu ihm und schlug ihm vor, sich doch bitteschön  'nur mal aus Spaß' auf den Korken zu setzen. Trampels Frage nach dem 'Warum' blieb unbeantwortet, jedoch als Goldi den Draht des Korkens löste und es grässlich laut knallte, wurde Trampel klar, wohin die Reise ging. Begeistert verfolgte Goldi den Flug seines laut quiekenden Freundes bis hin zur Deckenbeleuchtung. Dann knallte es erneut, ein Teil der Saalbeleuchtung erlosch, und Trampel landete in einem großen Topf Gulaschsuppe.

"Habe ich nicht eben Trampel schreien gehört?" fragte Bauleiter Murksel, der in diesem Moment zu Goldi auf den Tisch kletterte.

"Äh, ja", stotterte Goldi, "er ist gerade Suppe holen gegangen."

"Gut, dann ist er wenigstens in Sicherheit. Wir brauchen Superhamster, der Bürgermeister und  Tuffi sind in Gefahr! So ein blöder Kellner hat sie gefangen und in ein leeres Bierfass gesetzt."

"Wo?"

"Dort hinten an der Bar."

Vorsichtig schlichen sich die beiden zur Bar, wobei sie äußerst vorsichtig sein mussten, nicht vor die Füße der schreienden, panischen Menge zu geraten. Inzwischen waren die Sicherheitleute des Schiffes auf die Idee gekommen, die Passagiere mit Durchsagen zu beruhigen. Da die Stromversorgung jedoch teilweise gestört war, kamen auch die Durchsagen gestört durch. Das widerum sorgte für eine Steigerung der Panik, die mittlerweile das ganze Schiff erfasst hatte. Zu der zeitweiligen Stromstörung war es gekommen, nachdem Fleckis Aktion 'Rettet die unschuldigen Garnelen’ gescheitert war. Zusammen mit Tati hatte sie versucht, die Garnelen aus einem Kühlfach am Buffet zu entführen und ins Meer zurückzubringen. Leider kam ihnen eine Kellnerin dazwischen und verfolgte die beiden. Erst die Flucht in einen Sicherungskasten bewahrte sie vor der Gefangennahme. Wütend über das Misslingen ihrer gut gemeinten Aktion wütete Flecki eine Weile im Sicherungskasten, bis sie sich beruhigt hatte.

Murksel und Goldi betrachteten die Lage und kamen zu dem Schluss, eine der Wasserleitungen zu kappen und in das Fass umzuleiten. Der Auftrieb würde des Rest erledigen und den Bürgermeister samt Reparaturhamster Tuffi aus dem Fass spülen. Zwar hätte Goldi, wie er ausdrücklich betonte, lieber gesprengt, doch mangels Sprengstoff mussten nun sanftere Methoden gewählt werden.

"Ein-zwei-drei!" zählte Murksel, und gemeinsam schraubten die beiden Hamster an dem Ventil für die Wasserzufuhr. "Amateure", schimpfte Murksel, "die haben diese billigen Ventile genommen. Wenn du die überdrehst, dann gibt es eine Überschwemmung, wir müssen also vorsichtig sein. Gib mir doch mal den Korkenzieher, Goldi".

Dann knackte es unangenehm, der Bauleiter starrte mit riesengroßen Knopfaugen auf das sich lösende Ventil. Im nächsten Moment schoss ein dicker Wasserstrahl durch das Restaurant, erfasste den schreienden Bauleiter und schoss ihn quer durch Saal.

"Brauchst du den Korkenzieher noch, Murksel?"

Als ihm keiner antwortete, fiel Goldis Blick auf das Fass, das durch den Wasserstrahl umgeschossen worden war, und sah Tuffis Kopf herausgucken.

"Hilf mir mal, Superhamster, dem Bürgermeister geht es nicht besonders."

Sofort kletterte Superhamstergoldi in das Fass und fand den Bürgermeister in einem merkwürdigen Zustand vor; er saß in der Ecke, seine Augen waren glasig, das Fell zerzaust und er grinste vor sich hin.

"Wieso, der sieht doch aus wie immer."

"Er hatte Durst und hat die Flüssigkeit im Fass aufgeschleckt, ich glaube, er ist krank."

"Der ist nicht krank, der ist besoffen", stellte Superhamster fest. "Komm hilf mir mal, wir müssen ihn zum Treffpunkt bringen."

Zunächst schien die Flucht auch problemlos zu verlaufen, und am Salatbuffet waren alle Hamster wieder vereint, doch dann sah es aus, als hätte sie ihr Glück zu verlassen.

"Mist", fauchte Flecki, die haben den Eingang verrammelt und Wachen aufgestellt. Die kontrollieren jeden, der da durch will."

"Vielleicht sollten wir uns ergeben", schlug Dodo vor, "aber was ist, wenn die uns ins Meer schmeißen?"

"Wahrscheinlich werden wir ersaufen", fügte Hamstilidamst dazu.

"I-i-intz Meer?" lallte nun überflüssigerweise der Bürgermeister. "Intz wa-wa-weite Meer? Eho, Amolap Al!"1

"Nun fängt der auch noch an, la Paloma zu singen, dieser Schwachkopf, der wird uns noch alle verraten", fauchte Flecki und sah Goldi vorwurfsvoll an. "Na los, Superhamster, mach mal was!"

Bevor der Bürgermeister die zweite Strophe singen konnte, hatte ihm Goldi ihm einen Korken in den weit geöffneten Mund gestopft.

"Seht mal da, die dicke Dame von vorhin. Die ist doch tatsächlich am Tisch eingepennt." Flecki reckte neugierig den Kopf. "Und seht mal, was für eine hässliche Handtasche sie da stehen hat."

"Die Handtasche", rief Hamstilidamst, "wie wäre es damit?"

"Ach, nee, die ist doch farblich völlig out..."

"Er meint zum Verstecken", stöhnte Bauleiter Murksel genervt. Nun endlich hatten es alle kapiert, und die Hamster machten sich auf den Weg zum Tisch, an dem die dicke Dame ihren Rausch ausschlief. Wenig später lagen sie zwischen Tempotüchern, Lidschattenstiften und einem kleinen Regenschirm.

"Hä, hä", witzelte Goldi, "und ich dachte immer, Frauen brauchen keinen Regenschirm."

"Wieso denn das nicht?" wollte nun Flecki wissen.

"Weil es in der Küche doch nie regnet, ha, ha!”

Es knallte kurz, und alle drehten sich um. Goldi lag in der Ecke und über ihm der verbogene Regenschirm. Bauleiter Murksel sah Flecki mit großen Augen fragend an, und Flecki flüsterte: "Er ist unglücklich über den Schirm gestolpert."

Gerade in dem Moment, als Superhamster sich stöhnend erhob, fuhren die Hamster erschrocken zusammen. Jemand war an den Tisch getreten und rief mit lauter Stimme: "Hallo, meine Dame, wir schließen jetzt. Bitte verlasen Sie das Restaurant!"

Stöhnend öffnete die dicke Dame kurz die Augen und antwortete "Bedtijd, slaapen..."1 Sie erhob sich, nahm ihre Tasche und steuerte dem Ausgang entgegen. Die Wachen dort musterten sie eingehend, ließen sie aber passieren. Nach einer Slalom-Reise über den Flur und nach dem Besuch mehrerer fremder Kabinen geleitete schließlich eine Stewardess die dicke Dame in ihre Kabine. Als diese endlich wieder in ihrer Kabine war, schleuderte sie ihre Handtasche in eine Ecke, ließ sich auf das gemachte Bett fallen, krächzte ein letztes Mal: "Bedtijd" und begann, laut zu schnarchen.

"Die ist doch wohl nicht mehr ganz frisch, wir hätten uns den Hals brechen können!"

"Grünau, Dings, Flekschi, grünau, wie isch imma zzzu s-sa-sa-sagen pfl-pflegte, dasch kanschu mir glauben..."

"Goldi, den Korken bitte!"

Bevor der Bürgermeister seine geistreiche Rede fortführen konnte, hatte Goldi den Korken gefunden und die Ruhe wieder hergestellt.

"Und nun, was machen..."

"Schau dich doch mal um, Dodo", unterbrach Murksel. "da vorne liegt eine Tafel Schokolade. Wie wäre es mit einer Party?"

Während die dicke Dame ihren Rausch ausschnarchte, fand in ihrer Kabine eine ausgelassene Hamsterparty statt, die bis in die frühen Morgenstunden dauerte. Dann suchte jeder sich eine kuschelige Ecke, und es herrschte endlich Ruhe auf dem gesamten Schiff.