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Kapitel 6

Die Panne


Bauleiter Murksel war schwer genervt. Oberste Priorität hatte der Bürgermeister getönt, und für einen Moment überlegte Murksel, ob er vielleicht mit dem Bulldozer das gesamte Rathaus samt Bürgermeister plattmachen sollte. Da unterbrach Reparaturhamster Tuffi seine bösen Gedanken.

"Soll ich schon mal mit dem Bulldozer den Schrott beiseite schieben?"

"Ja, mach das", knurrte Murksel, "aber pass auf, dass du nicht wieder eine tragende Wand rammst!"

Während Tuffi mit hochrotem Kopf den Bulldozer bestieg, rief der Bauleiter seine Leute zusammen:

"Fangt schon mal an, die kaputten Träger zu entfernen, ich prüfe, wo wir die neuen ansetzen. Trödelt nicht so rum, wir müssen heute noch fertig werden. Noch Fragen?"

"Ja", rief Hamstilidamst, "meine Kusine kommt nachher zu Besuch, darf ich früher gehen?"

"Wann ist Mittagspause?" fragte Dodo.

"Ich habe mir einen Splitter in die Pfote gerammt, ich muss zum Arzt!" jammerte Trampel.

"Kann ich Urlaub nehmen? Ich möchte gerne..."

"Schnauze halten, verdammt noch mal!" brüllte Bauleiter Murksel, doch da Tuffi mit dem Bulldozer gerade dicht an ihm vorbeifuhr, ging sein Gebrülle im Lärm des Fahrzeugs unter.

"Kannst du mal mit der blöden Schüssel abhauen, Tuffi?!" kreischte er. Tuffi drehte sich kurz um und antwortete: "Den Rüssel aufbauen! Geht klar, Chef!"

Kopfschüttelnd wandte er sich nun der diskutierenden Hamstertruppe zu, lächelte freundlich und sprach: "Sollte einer von euch noch einen Wunsch haben, den ich erfüllen soll, nur zu! Das mache ich doch gerne. Aber im ernst, Freunde, ich sage es mal so: wenn der Krempel nicht in 5 Stunden fertig ist, ziehe ich euch das Fell über die Ohren, ist das klar?"

"Heißt das, dass ich heute nicht zu meiner Tanzgruppe gehen kann, Chef?" fragte Dasie entsetzt.

"Wir haben ganz lange dafür geübt", warf Tati ein. "Guck mal, Bauleiter!"

Er nahm Dasie bei den Pfoten und gemeinsam drehten sie Kreise zwischen dem Schrott auf dem Rathausplatz.

"Ich sage es mal so", lächelte Murksel die beiden freundlich an, "wenn ihr nicht sofort mit der Arbeit beginnt, werde ich mit euch tanzen! Los, an die Arbeit, marsch!"

"Also der hat vielleicht eine Laune", stöhnte Dodo, während er zusammen mit Hamstilidamst ein paar kleine Mauerteile aufhob und auf einen Haufen legte. Auch Tati und Sasie guckten verärgert zum Bauleiter hin, doch der hatte andere Probleme. Ihm war schwindelig von dem ganzen Staub, und sein Kopf brummte nach wie vor. Er setzte sich abseits hinter eine halb eingefallene Mauer und schloss erschöpft die Augen. Es dauerte nicht lange und er schlief tief und fest.

Ein paar Meter weiter schleppten die Mitarbeiter des Hamstischen Reparaturteams Stein um Stein zusammen, jammerten und stöhnten und waren überhaupt nicht glücklich. Immer wieder guckten sie vorsichtig zu der Stelle hin, an der der Bauleiter das letzte Mal gesichtet worden war, und sie arbeiteten immer langsamer.

"Ich kann nicht mehr", japste Dodo, versicherte sich ein weiteres Mal, dass kein Bauleiter in der Nähe war und ließ sich keuchend auf den Boden fallen. Es dauerte natürlich nicht lange, bis alle Mitglieder des hamstischen Reparaturdienstes auf dem Boden lagen und eine Pause einlegten.

"Ach, so ist das doch gleich viel gemütlicher", schwärmte Trampel, und Sasie fügte hinzu: "Tuffi hat auch endlich aufgehört, mit dem blöden Bulldozer Krach zu machen. Wo steckt sie jetzt eigentlich?"

"Da oben!" rief Teeblättchen und zeigte zum Balkon des Rathauses.

Neugierig guckten nun alle, wie Tuffi mit einem Seil einen riesigen Rüssel hochzog, und ihn am Geländer des Balkons vor dem Zimmer des Bürgermeisters befestigte. Als sie fertig war, kletterte der kleine Reparaturhamster in den Rüssel und rutschte laut "Juhu"-rufend zum Boden hinab bis fast vor die Füße der staunenden Kollegen.

"Ist das eine Rutsche für den Pleasure-Dome?" fragte Teeblättchen aufgeregt.

"Aber nein", entgegnete Tuffi mit einem wichtigen Gesicht. "Bauleiter Murksel hat mir aufgetragen, den Rüssel zu holen. Den brauchen wir nämlich, um den Schutt auf dem Dach zu beseitigen. Bestimmt ist er stolz darauf, wie gut ich den festgemacht habe, denn..."

"Ich sagte du sollst mit der blöden Schüssel abhauen, und nicht du sollst einen Rüssel anbauen! Und was ist mit euch los?" Der Bauleiter drehte sich zu dem zitternden Rest seiner Truppe um. "Seid ihr fertig mit dem Aufräumen?"

"Nicht ganz, Chef", wisperte Sasie.

"Aber so gut wie", ergänzte Tati.

"Nur noch ein paar Steine, dann haben wir es geschafft. Eine echte Lachnummer, das schaffen wir mit Links", erklärte Trampel.

"Fein", entgegnete Murksel, "damit du richtig was zu Lachen hast, wirst du jetzt den Rest aufräumen, Trampel. Die anderen kommen mit mir und bauen den bescheuerten Rüssel wieder ab, bevor der Bürgermeister was merkt."

"Huhu, Bauleiter Murksel, wir haben ein Problem!"

Flecki hatte sich unbemerkt genähert und stand nun ratlos vor dem Bauleiter.

"Ach tatsächlich? Ein Problem? Wie nett! Was ist denn nun schon wieder los?"

"Im Hamstischen Rundfunk wird von einem riesigen Verkehrsaufkommen in Richtung Hamsterhausen berichtet, und Goldi hat schon die ersten Autokolonnen gesichtet. Er meint, dass die wohl alle glauben, dass der Hamster-Pleasure-Dome bereits fertig ist."

Tatsächlich war in der Ferne ein Hupen zu hören. Mit großen Knopfaugen und herunterhängenden Hamsterbacken standen der Bauleiter und seine Truppe inmitten einer Stein- und Geröllwüste. Niemand sagte ein Wort, und niemand bewegte sich. Das Hupen wurde immer lauter, und jetzt waren auch Motorengeräusche deutlich zu hören.  In diesem Moment näherte sich eine weitere Gruppe Hamster. Es handelte sich hierbei um das 2. und 3. Reparaturteam, begleitet von mehreren Feuerwehrhamstern, die wie geplant erschienen, um für den Bau des neuen Freizeitparks eingesetzt zu werden.

"Hallo Boss, nun geht es richtig ab, wie?" rief Dudel, der zusammen mit Purzel den Trupp anführte.

Bauleiter Murksel sagte nichts, sondern starrte entsetzt auf die anrollenden Autos und Omnibusse, die hupend auf den Marktplatz fuhren. Grölend und johlend stiegen die ersten Hamster aus und sahen sich um.

"He, wo ist denn die tolle Geisterbahn? Wo sind die Fressbuden, ich brauche was zu trinken! Wo geht es denn hier zur Achterbahn?"

Inzwischen waren der Marktplatz und die umliegenden Straßen Hamsterhausens gefüllt mit Fahrzeugen und johlenden Hamstern aus Hamsterhusen, Hamsterqualle, Hamstercity und allen anderen umliegenden Ländern. Es war ein entsetzlicher Lärm, und Bauleiter Murksel glaubte, sein Kopf müsse gleich explodieren.

"Was'n das für'n Schrottplatz hier", grölte ein recht großer, breiter Hamster, "wo ist Monster-McShredder? Wo sind die Buden ?"

"Sind noch nicht fertig", stöhnte Murksel.

"Was? Da kommen wir den ganzen Weg und dann is' hier nix fertig? Wollt ihr uns verarschen? Wo steckt der Bürgermeister, ich habe ein paar Fragen an ihn!"

Der soeben Genannte fühlte sich zum wiederholten Male an diesem Tag in seinem erholsamen Schlaf am Schreibtisch gestört. Was war denn nun schon wieder los, warum war da so ein Aufruhr vor seinem Rathaus? Warum klappte hier nichts ohne ihn? Wütend über diese Störung stand er auf und rannte auf den Balkon. Viel zu spät erkannte er, dass ein Teil der Brüstung fehlte. Dort, wo vor wenigen Tagen die Brüstung war, gähnte ihm jetzt ein Abgrund entgegen, und vor diesem Abgrund hing ein riesiger Rüssel. Verzweifelt versuchte der Bürgermeister zum Stehen zu kommen, doch es war zu spät. Mit einem gellenden Schrei fiel er in den Rüssel und verschwand im Dunkeln.

Die Menge vor dem Rathaus hatte das natürlich gesehen, und sofort setzte ein begeistertes Johlen und  Applaudieren ein. Zwischen diesen Anfeuerungsrufen waren immer wieder die Klageschreie des hinabstürzenden Bürgermeisters zu hören, dem wirklich nicht wohl in seinem Fell war, als es immer tiefer abwärts durch den Rüssel ging. Kurz bevor er aufschlug, machte der Rüssel einen Schlenker in Richtung Marktplatz, der Bürgermeister erkannte ängstlich, dass es nun heller wurde und schloss in Erwartung eines heftigen Aufpralls die Augen. Die jubelnde Menge hielt den Atem an, denn es war deutlich zu erkennen, dass der Bürgermeister von Hamsterhausen nun jeden Moment am Ende des Schrottrüssels herausschießen würde. Eine Gasse wurde gebildet, damit nichts den Flug aufhalten sollte, doch als ein verzweifelter Hamsterkopf an der unteren Öffnung des Rüssels erschien, war die Rutschpartie beendet. Der Bürgermeister steckte fest.

Ein vielfältiges, lautes und enttäuschtes "Ooooh" war vom Marktplatz her zu vernehmen. Der Unmut der angereisten Gäste war deutlich zu spüren.

"Nicht mal das könnt ihr! Ihr seid Schlapphamster, eine echte Trümmertruppe! Wir wollen die Monster-Show sehen! Monster-Show! Monster-Show! Monster-Show!"

Der Bürgermeister geriet allmählich in Panik. Wo war Bauleiter Murksel? Wo war das Kompetenz-Team? Ihm war, als sähe er einige Reparaturhamster in der Menge verschwinden. Es war entsetzlich - welch eine Blamage! Er, der Bürgermeister musste diese Situation retten, sonst wäre Hamsterhausen für alle Zeiten das Gespött seiner Nachbarn. Schweiß floss ihm über das Fell und nahm ihm die Sicht. Nein, jetzt würde und konnte ihm niemand helfen, es lag einzig und allein bei ihm, das Beste aus dieser Situation zu machen. Er musste handeln und zwar sofort und entschlossen. Tapfer blinzelte er in die Menge und räusperte sich. Sofort kehrte Stille auf dem Marktplatz ein, und alle Blicke waren auf ihn gerichtet. Normalerweise wäre das eine angenehme Situation gewesen, doch unter den gegebenen Umständen konnte er auf so etwas gerne verzichten.

"Öhm", begann er und zwinkerte mit den Augen, da ihn der tropfende Schweiß beim Sehen behinderte.

Tausende von Augen starrten ihn erwartungsvoll an.

"Also, öh". Der Schweiß brannte in seinen kleinen Knopfaugen, und er wünschte, er könnte wenigstens eine Pfote freikriegen, doch er steckte hoffnungslos in dem Schuttrüssel fest.

Die Menge wurde unruhig und vereinzelte Pfiffe waren deutlich zu hören.

"Öh, selbstverständlich, liebe Gäste, heiße ich Sie herzlich willkommen. Durch ein, äh, technisches Problem, äh, sozusagen aus technischen Gründen, und Gründe, auf die ich hier nicht näher eingehen kann, wie Sie sicherlich verstehen werden, und ich möchte darauf hinweisen, sozusagen im Namen Hausterhamsters, äh Hamsterhausens und aller Bürger, Sie herzlich zu begrüßen!"

Die vereinzelten Pfiffe verstummten, und die Menge blickte verstört auf den schwitzenden Bürgermeister. Was wollte er ihnen mit diesen Worten sagen? Ratlosigkeit erfüllte den Marktplatz.

"Nun, äh, liebe Gäste", fuhr der Bürgermeister fort, "ist es mir und meinem Kompetenzteam, das in unermüdlicher Art und Weise und natürlich auch das Reparaturteam, welches vorzügliche Dienste, äh, gedingst hat, sozusagen..."

"Der Mops will uns verarschen", grölte ein großer, bedrohlich aussehender Hamster aus der ersten Reihe. "Wo sind denn nun die Fressbuden?"

"Genau, und wo ist die tolle Geisterbahn?" brüllten weitere aufgebrachte Hamster. "Wo ist dieser Hamsterschreck McSchrecker?"

"Äh, also, liebe äh, Schrecker, äh, Gäste, selbstverständlich und dazu stehe ich..."

"Im Moment hängst du aber, du Flasche!", ertönte ein Zwischenruf, und die Menge begann zu johlen und zu lachen. Die Situation geriet nun langsam außer Kontrolle, dessen war sich der Bürgermeister bewusst. Er war sich auch bewusst, dass er keinerlei Chance auf eine Flucht besaß, und genau das war das Schlimmste. Festgeklemmt in einem riesigen Rüssel harrte er nun der Dinge, die sich vor ihm entwickelten. Mit großen Knopfaugen starrte er und sah, wie die Menge auf dem Marktplatz immer aufgebrachter wurde. Er fürchtete das Schlimmste. Sein ganzes Leben schien an ihm vorbeizuziehen, aber weil Hamster ja nicht sonderlich alt werden, dauerte es nur wenige Sekunden.

"Ihr könnt ja nix, ihr Hamsterhausener!" tönte es vom Marktplatz her. "Jedes andere Hamsterland kann so etwas viel besser!"

Ein Albtraum, dachte der Bürgermeister und zwinkerte mit den Augen, weil ihm der salzige Schweiß nach wie vor die Sicht nahm. Wenn doch wenigstens die Hamstische Polizei oder die Feuerwehr käme und den Marktplatz räumen würde, aber die steckte irgendwo im Stau. Höchstwahrscheinlich hatten HAMPO und HAMFE ohnehin für heute Feierabend gemacht, weil ihre Einsatzwagen feststeckten und waren längst nach Hause gegangen. Dann sah der Bürgermeister für einen Moment nur noch Sterne und fühlte, dass ihm etwas Matschiges, übel Riechendes über das Gesicht lief. Das lautete Gelächter der aufgebrachten Menge verriet ihm, dass jemand ihn mit irgend etwas Stinkendem beworfen hatte. Welch eine Frechheit, ihm, einer Respektsperson des öffentlichen Lebens so etwas anzutun! Wütend versuchte er sich zu befreien, seine kleinen Muskeln waren zum Zerreißen gespannt und die kleinen Knopfaugen quollen wie Luftballons hervor.

"Wir werden es euch allen zeigen, wir Hamsterhausener!" brüllte er, so laut er konnte.

Die johlende und krakeelende Menge schwieg verblüfft und starrte auf den zappelnden Bürgermeister.

"Wir werden in wenigen Wochen einen Vergnügungspark errichten, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat! Wir werden das 3. Hamstische Weltwunder erschaffen. Euch werden die Augen übergehen, wenn ihr seht, was wir können! Wir werden es euch zeigen, jawohl!"

Einige, schier endlos dauernde Sekunden war kein einziger Laut zu hören. In weiter Ferne hupte irgendwo ein Auto, und man hätte ein Stück Papier auf den Boden fallen hören. Dann meldete sich der große Hamster aus der ersten Reihe wieder:

"Und das Hamsterschrecker-Monster?"

"Auch das wird da sein! Wir werden sogar den echten McShredder herholen, kein Problem, das können wir!"

Langsam, nach und nach, leerte sich der Marktplatz und der Bürgermeister atmete tief durch. Dann schloss er seine brennenden, kleinen Knopfaugen und fiel erschöpft in einen tiefen, traumlosen Schlaf.