Kapitel 4

 

Schottland – Wiedersehen mit Lisa

 

Hamstilidamst hatte sich, als Hamster mit schottischen Vorfahren, auf die Schulter von Lt. Scott gesetzt. Von dort aus hatte er gesehen, wie Bauleiter Murksel, Flecki und Tuffi auf einer Konsole saßen, wie ein Mann dem Bauleiter half, einen Hebel zu bedienen. Dann hatte er sich furchtbar kribbelig gefühlt, so etwas wie ein Schleier war vor seinen Augen gewesen. Als sich sein Blick wieder klärte, blickte er nicht auf seine Freunde und nicht auf eine Konsole, sondern auf eine Menge Bäume.

Die Schulter, auf der er saß, machte eine Bewegung, Lt. Scott reckte sich, atmete tief ein und machte:

"A-a-a-ah! – Wunderbar, die schottische Luft."

"Die richtige Gegend für ein Picknick", nickte Dr. McCoy.

Dann wurde Lt. Spock ohnmächtig. Das vulkanische Hirn war nicht dafür geschaffen, die Denktätigkeit fast völlig einzustellen. Während es das langsame Zuströmen des Gases auf dem Schiff verarbeitet hatte, schaltete es bei dem plötzlichen Wechsel zur frischen Luft Schottlands einfach ab. Grinsend kniete McCoy neben ihm nieder, auch der Captain fand Spocks Reaktion eher komisch, dann schüttelten beide benommen die Köpfe.

Sie blickten einander an, dann weiteten sich ihre Augen. McCoy sollte nicht hier sein. Was war bloß mit ihnen passiert? Der Arzt untersuchte Spock so gründlich, wie es mit seinem medizinischen Scanner möglich war, machte Gegenproben bei allen Anwesenden, und sein Mund wurde schmal.

"Pille?"

"Wir waren Distickstoffmonoxid ausgesetzt. Nicht in Mengen, dass es betäubend war, aber wir sind... Sagen wir mal, etwas unüberlegt gewesen."

"Ich erinnere mich an alles", gab Captain Kirk zu. "Da waren diese Hamster..."

Er blickte zu Lt. Scott, auf dessen Schulter einer dieser Hamster saß. Dann zerrte er das Sprechgerät aus seiner Jeanstasche, wollte es mit dem gewohnten Schwung aufklappen, aber ihm fiel ein, dass es für diese Mission als Handy ausgelegt war. Er drückte die Ruffrequenz für das Schiff – keine Antwort. Jeder von ihnen versuchte es erfolglos.

Inzwischen kam Spock wieder zu sich, erhob sich und blickte leicht gequält in die Runde. Es war ihm hochgradig peinlich, dass unter dem Einfluss des Gases sein Verstand dermaßen versagt hatte. Als er hörte, dass sie die Enterprise nicht erreichen konnten, brauchte er jedoch nur kurz zu überlegen.

"Zwei der Hamster sind auf der Tastatur herumgesprungen. Das könnte eine Kommunikationssperre verursacht haben."

"Das waren Tati und Sasie", erklärte Hamstilidamst, und mehrere verwirrte Blicke richteten sich auf ihn.

"Also...", machte der Captain und holte tief Luft. "Wir erinnern uns tatsächlich an alles, ja? Wir konnten uns wirklich mit den Hamstern verständigen. Du bist..."

"Ich bin Hamstilidamst, und ich führe euch durch Schottland."

"Das – ist sehr nett von dir", erwiderte Kirk mit schiefem Grinsen, denn ob sie durch Schottland geführt wurden oder nicht, war jetzt sein kleinstes Problem.

Bei dem Gedanken, dass Lt. Uhura und Fähnrich Chekov nicht einmal wussten, dass sie unter dem Einfluss von Lachgas standen und überhaupt nicht zu vernünftigem Dienst fähig waren, dass eine Gruppe von wildgewordenen, sprechenden Hamstern sein Schiff unsicher machte... Er merkte, dass sich seine Nackenhaare aufstellten.

Und wenn er einen Blick auf die Landegruppe warf: Alle waren in Jeans und T-Shirts gekleidet, wie es geplant war, aber Dr. McCoy hatte keine Ausweispapiere. Für Kirk, Spock und Scott war Papiere und Geld vorbereitet worden, und vermutlich hatte Pille jetzt ein Problem. Spock, der eigentlich etwas tragen sollte, was man in dieser Zeit Baseballkappe nannte, um seine vulkanisch-spitzen Ohren zu verbergen, trug nichts dergleichen und durfte im Moment überhaupt niemandem begegnen.

Was eine risikolose 3-Tage-Mission hätte werden sollen, schien sich eher problematisch zu entwickeln. So albern es klang, aber bevor man sich der wichtigen Aufgabe widmen konnte, die allerersten Warp-Versuche zu stören, musste eine Kopfbedeckung für den Vulkanier her.

Sie standen auf einer kleinen Lichtung in einem jungen Wald, aber in diesem Moment hörten sie nicht weit von sich das Geräusch eines Motors. Es war zu erwarten, dass in der Richtung eine Straße war, und wenn es eine Straße gab, führte sie sicher nach Ballachulish an der Brücke, ihrem Zielort. Kirk winkte den anderen, ihm zu folgen, und Hamstilidamst, der eine Landschaft noch nie von der Höhe einer Schulter aus gesehen hatte, blickte fröhlich um sich. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wo sie sein mochten.

Von der Lichtung führte ein Trampelpfad weg, und als sie die schmale Straße erreichten, blickte Kirk nach rechts und links, ob ein Ort zu sehen war oder jemand, der gerade vorbeikam. Der Zufall wollte es, dass eine alte Dame auf dem Fahrrad daherkam. Kirk bedeutete den anderen zurückzubleiben, rief sich den Jargon dieser Zeit in Erinnerung und winkte der Radfahrerin zu.

"Ey, Alte, wo geht’s hier ab, hä?" fragte er.

Die alte Dame trat in die Pedale, warf ihm einen wütenden Blick zu und keifte im Vorbeifahren:

"Frechheit! Was denkt der, wie er mit mir reden kann?! Eingesperrt gehört so was."

Und war weg. Kirk glotzte verdonnert hinterher, wandte sich mit einem belämmerten Gesichtsausdruck zu seinen Offizieren um und erhielt als Antwort Schulterzucken. Lediglich Lt. Spock hob eine Augenbraue und bemerkte:

"Ich hätte angenommen, dass dieser Slang die Sprache ist, die Jugendliche untereinander benutzen, Sir."

"Scheint so. Gehen wir in die Richtung, in die sie gefahren ist."

"Ay", sagte Lt. Scott, "das alles hat zu dieser Zeit sicher etwas anders ausgesehen, aber dies muss Glencoe sein, und wir werden sehr bald Loch Leven erreichen."

"Quatsch!" sagte auf seiner Schulter Hamstilidamst, aber niemand achtete darauf.

Der Hamster wusste wirklich nicht, wo sie waren, aber er war schon im Glencoe gewesen, und dies war es jedenfalls nicht, überhaupt nicht zu vergleichen. Es ging etwas bergauf über die schmale Straße, und Scotty sagte sich, dass es zu dieser Zeit wohl so sein musste oder dass damals eine andere Straße... Er unterbrach seine Gedanken, denn dort stand ein Schild, das sie alle in Gualachulain willkommen hieß.

"Mein Fehler", murmelte Lt. Scott beschämt. "Ich habe das wohl verwechselt."

"Sie haben das verwechselt?!" fuhr Kirk auf. "Haben Sie die leiseste Ahnung..."

"Und du dachtest, ein knappes Dutzend Hamster kommt prima mit dem Schiff zurecht", unterbrach Pille ihn. "Was das angeht, können wir uns alle Vorwürfe machen."

"Okay! Okay... Liegt dies Kaff irgendwo in der Nähe von da, wo wir hin wollen?"

Scotty hatte plötzlich keine Ahnung mehr, wo sie sich befanden, der Hamster wusste ebenfalls nichts zu sagen. Kirk wiederholte grimmig sein "Okay!" winkte Lt. Scott und befahl den anderen, irgendwo im Hintergrund zu warten. Dann mussten sie eben nach dem Weg fragen oder eine Karte kaufen.

Die beiden hatten mehr Glück als sie ahnten. Der Kramladen des Dorfes gehörte der alten Dame, die Kirk angesprochen hatte. Aber sie war mit dem Rad nach Hause gefahren und hatte den Laden ihrem Sohn überlassen, einem freundlichen, hilfsbereiten Mann.

"Ja-a-a-a", sagte er lächelnd. "Sie kommen wohl aus dem Glencoe, was? Da sind Sie wohl falsch abgebogen, was? Da werden Sie wohl wieder zurück müssen, was? Einfach die Straße zurück bis zur Hauptstraße und dann nach links, was?"

"Danke für die Auskunft", erwiderte Scotty, während Kirk sich im Laden umsah.

"Hier, sehen Sie mal, wir suchen doch eine Mütze", sagte er. "Die nehmen wir mit."

"Ay, die wird passen. Echt stark, der Laden, Laddie."

"Oh, besten Dank, das werde ich meiner Ma sagen, was? Zwei Pfund kriege ich dann wohl von Ihnen, was?"

"Zwei Pfund was?" fragte Lt. Scott verdattert zurück.

"Ähm – zwei Pfund...", sagte der Verkäufer verwirrt. "Geld, was?"

"Nicht Euro?"

"In Schottland bezahlen wir wohl immer noch mit Pfund, was? Ich hätte wohl nicht gedacht, dass Sie nicht von hier sind, was? Aber ich rechne es Ihnen wohl um, was? In der nächsten Stadt sollten Sie wohl zu einer Bank gehen und Geld eintauschen, was?"

Kirk lächelte, ohne wirklich zu wissen, wovon die Rede war. Immerhin hatte er für Spock eine schwarze Strickmütze bekommen und für sie alle eine Wegbeschreibung.

Der Captain kehrte dem Ort und dem "wohl" und "was"-Verkäufer dankbar den Rücken. Spock bekam die Mütze, und die Gruppe machte sich auf den Weg. Recht schweigsam, denn der Captain malte sich aus, was inzwischen auf seinem Schiff geschehen mochte. Es gab immer noch keine Verbindung, und es hatte eigentlich keinen Sinn, sich hier verrückt zu machen. Er konnte nichts, aber auch gar nichts tun, sondern nur hoffen, dass Uhura und Chekov wieder normal wurden.

Hinter sich hörten sie ein Auto und wichen zum Straßenrand aus, damit es vorbei konnte. Der Transporter stoppte jedoch, ein wettergegerbter Mann lehnte sich aus dem Fenster und grinste sie freundlich an. Ihm fehlten mindestens vier Zähne.

"Wo wollt ihr denn drauflos? Kann ich euch mitnehmen?"

"Ay, Laddie", gab Scott im gleichen breiten Dialekt zurück. "Meine Freunde und ich, wir wollen nach Ballachulish an der Brücke."

"Hä, zu Fuß?" fragte der Alte und fing an zu kichern. "Ohne Rucksack, ohne Zelt, ohne Schlafsack? Was seid ihr denn für Vögel? Na, kommt, steigt ein. Ich bring euch bis zur Hauptstraße, von da fahre ich in die andere Richtung."

Es mochte sein, dass in dieser Zeit niemand ohne Handy denkbar war, aber ohne ein Fahrzeug war ganz sicher keiner denkbar. Der nette Mann in dem Kramladen schien vorausgesetzt zu haben, dass seine beiden Kunden ein Auto vor der Tür hatten, mit dem sie weiter wollten. Der Weg zur Hauptstraße war ungefähr eine Tageswanderung, wenn man das Wandern einigermaßen gewohnt war.

Sie waren dem Alten mit seinem Transporter mehr als dankbar, denn auf diese Weise waren sie mittags an der Hauptstraße. Er brachte sie zu einem langgestreckten weißen Gebäude und meinte, dort bekämen sie etwas zu essen und wahrscheinlich auch eine Möglichkeit, weiter nach Ballachulish zu kommen. Erst als sie ausgestiegen waren und das Gebäude betrachteten, merkte der Captain, dass der Hamster, der inzwischen auf seine Schulter gewandert war, aufgeregt herumtrippelte und noch aufgeregtere Geräusche von sich gab. Kirk kraulte das Tierchen beruhigend, und Dr. McCoy fragte:

"Was hat er denn?"

"Ach, das ungewohnte Abenteuer..."

"Nein, nein, nein!" fiepte Hamstilidamst. "Hier wohnt Lisa."

"Das Gebäude ist dir bekannt?" fragte Spock überflüssigerweise.

"Ja, ja, hier wohnt Lisa, hier waren wir schon mit Frido und dem Lord. Lisa ist sehr nett. – Gutes Essen", ergänzte er.

Keiner hatte Einwände gegen gutes Essen, und so marschierten sie auf das King’s House Hotel zu. Als sie die Tür öffneten und eintraten, hörten sie es scheppern, und Hamstilidamst sagte entzückt:

"Lisa ist zu Hause."

"Und woher weißt du das?" erkundigte sich Scotty.

"Wenn es scheppert oder poltert, ist Lisa zu Hause."

"Oh!" machte McCoy, und der Chefingenieur fragte grinsend:

"Es gibt sie aber wirklich, oder, mein Kleiner? Sie ist kein Poltergeist?"

Hamstilidamst brauchte nicht zu antworten, denn in diesem Augenblick tauchte Lisa selbst auf, einen Eimer voller Scherben in der Hand. Sie lächelte den Gästen fröhlich zu, stellte den Eimer ab und fragte, was sie für sie tun könne. Dann entdeckte sie Hamstilidamst und fing an zu lachen.

"Sie werden das jetzt merkwürdig finden, aber in letzter Zeit habe ich wirklich häufig mit Hamstern zu tun gehabt, und vorher wusste ich kaum, wie ein Hamster aussieht."

"Vielleicht kennen Sie diesen speziellen Hamster sogar. Ich glaube, er war schon einmal hier", erwiderte der Captain lächelnd.

"Oh! Dann war der mit den anderen und mit – mit Frido hier. Kennen Sie Frido? Er ist ein ganz besonders guter Freund von mir, und seine Freunde sind mir ganz besonders willkommen."

"Wir würden hier gern etwas essen", erklärte Lt. Scott. "Und wenn Sie uns sagen können, ob es eine Möglichkeit gibt, nach Ballachulish an der Brücke zu kommen, wären wir Ihnen sehr dankbar."

"Aber natürlich, bitte setzen Sie sich doch in den Speisesaal, ich werde..."

Lisa war während des Sprechens rückwärts gegangen, stolperte über den Scherbeneimer und lag zwischen den kaputten Geschirrteilen. Aber so etwas war sie gewohnt, stand rasch auf, sammelte die Scherben wieder ein und ging eilig auf die offene Küchentür zu. Dort wurde sie abrupt gebremst, weil sich der Ärmel ihrer Bluse in der Türklinke verfing.

Die Offiziere blickten ihr nach und begannen zu verstehen, was der Hamster gemeint hatte. Wenn es polterte oder schepperte, hieß das in diesem Haus, dass Lisa da war. Es dauerte nicht lange, dann war sie wieder zurück und schaffte es wunderbarerweise, ein Tablett unfallfrei in den Speisesaal zu transportieren. Außer ihr, so sagte sie, war heute niemand da, so dass es eine Weile dauern würde, Essen für vier Personen zu bereiten. Also brachte sie zuerst einmal Käse und Kräcker. Eine Portion davon stellte sie für Hamstilidamst auf den Boden. Er hatte gewusst, dass auf Lisa Verlass war.

Während die Zweibeiner gebackene Bohnen mit Spiegelei und einen Salat aßen, legte sich der Hamster auf seinen Teller und schlief. Der Gedanke, dass er sich hinterher noch Krümel von Kräcker und Käse aus dem Fell putzen konnte, war für die Wahl dieses Schlafplatzes entscheidend gewesen.

Da es sonst im Moment keine Gäste gab, setzte Lisa sich zu den Offizieren. Für sie war sicher, dass Leute, die einen der Hamster mitbrachten, Freunde von ihrem Frido sein mussten. Captain Kirk war geübt, sich aus kritischen Situationen herauszureden, und ihm war schnell klar geworden, dass eine Freundschaft mit jenem Frido ihnen hier sämtliche Türen öffnete.

Viel brauchte er gar nicht zu sagen. Es war Lt. Scott schon die ganze Zeit aufgefallen, dass die Hamster mit Schottland irgendwie Frido und den Lord in Zusammenhang brachten, so dass er nur einmal fragte: "Und der Lord?"

Wie ein Wasserfall sprudelte Lisa hervor, wie sie Frido McClown und Lord McShredder begegnet war, was für ein freundlicher, liebenswerter, hilfsbereiter, gütiger Mensch Frido war, was dagegen der Lord für ein unfreundlicher, unhöflicher, flegelhafter, geiziger Ausbeuter.

Kirk hörte nicht genau zu und ließ seine Gedanken zu seinem Auftrag schweifen. Drei Tage waren vorgesehen, aber wie die Lage inzwischen war, musste er befürchten, dass sie hier für längere Zeit gestrandet waren. Was sollte geschehen, wenn auf der Enterprise nicht alles in den Normalzustand zurückging? Was war, wenn in drei Tagen das Schiff nicht hier war, um sie wieder abzuholen?

Er musste sich immer wieder sagen, dass er nichts weiter unternehmen konnte als in Ballachulish an der Brücke seinen Auftrag zu erfüllen und dann abzuwarten, was geschah.

"Sie sehen so traurig aus", unterbrach Lisa McGyer seine Gedanken.

"Oh! Na ja", fuhr er ertappt auf. "Es ist so... Zwei unserer Freunde sind mit den anderen Hamstern unterwegs, wir haben einander aus den Augen verloren, und ich weiß nicht, wie wir Kontakt zueinander aufnehmen können."

"Warum warten Sie nicht einfach hier?"

"Sie wissen ja nicht, dass wir hier sind", warf Dr. McCoy ein.

"Vielleicht finden sie uns in Ballachulish an der Brücke", meinte Lt. Scott. "Sie wissen, dass wir dorthin müssen."

"Aber natürlich, und ich schwatze Sie hier voll und halte Sie auf!" rief Lisa reumütig. "Wissen Sie was, heute Nachmittag kommt noch ein Lieferant aus Glencoe zu uns, der direkt zurückfährt. Er nimmt Sie ganz bestimmt mit. Und von Glencoe ist es nicht mehr weit nach Ballachulish. Er ist ein Vetter von mir. Er heißt Hercules, aber Sie dürfen darüber nicht lachen."

"Warum sollten wir? Der Name einer griechischen Sagengestalt ist doch nicht lächerlich."

Lisa blickte Spock verdutzt an, denn so hatte sie das noch gar nicht gesehen. Ihr Vetter wurde immer ausgelacht. – Gleich darauf blickten alle Lisa an, denn draußen schepperte es gewaltig, und ganz offensichtlich konnte sie nichts damit zu tun haben.

Hatte sie auch nicht, denn während die Offiziere mit ihr geplaudert hatten, war Hamstilidamst aufgewacht und aus dem Speisesaal in die Küche getrippelt. Dort standen noch die Töpfe und Pfannen für das Essen der Gäste, dazu die Gemüsereste für den Salat. Der Hamster schlug noch einmal zu. Als er den Blick von den Resten eines Salatkopfes hob, entdeckte er auf der anderen Seite des Salates zwei sonderbare Haarbüschel und sprang vor Schreck in die Luft.

Die Haarbüschel gehörten zu zwei Eichhörnchenohren. Das Eichhörnchen hatte den Weg durch das offene Küchenfenster gefunden, um sich den Bauch ebenso vollzuschlagen wie der Hamster. Eichhörnchen ruckte keckernd mit dem Kopf, was der Hamster für eine Kampfansage hielt und die Flucht ergriff.

Für das Eichhörnchen war das die Einladung zu einer fröhlichen Verfolgungsjagd, und sie hatten nicht den Eindruck, dass abstürzende Töpfe und Schüsseln sie aufhalten sollten. Erst als beide in einem Fettfleck auf dem Schrank ausrutschten, auf den Fußboden stürzten und im Fallen eine Schale mit Mintsoße mitrissen, die sich über sie beide ergoss, beendeten sie ihre Jagd.

In dem Augenblick kamen die Zweibeiner herein. Das Eichhörnchen nahm Reißaus, aber Hamstilidamst blieb auf dem Fußboden sitzen, mitten in der Mintsoße. Sie roch widerlich und schmeckte noch widerlicher. Lisa lachte und schimpfte gleichzeitig, fischte den Kleinen aus der Soßepfütze und hielt ihn kurzerhand unter die Wasserleitung. Hamstilidamst strampelte wie wild, spritzte Wasser und Soße herum, aber sie hatte ihn so gefasst, dass er ihr nichts tun konnte. Sie sah hinterher etwas feucht und ziemlich grün gesprenkelt aus.

Nur die Offiziere, die ihre Universalübersetzer aktiviert hatten, verstanden das zeternde Gefiepe des Hamsters und hatten einige Mühe, ernst zu bleiben. Sie hatten nicht erwartet, dass Hamster ausgiebig und wortgewaltig fluchen konnten. Schließlich war die Prozedur jedoch überstanden. Hamstilidamst wurde trockengerubbelt und war sehr empört, dass er jetzt nicht mehr nach sich selber roch. Immerhin stank er aber auch nicht mehr nach dieser grünen Soße, so dass er es Lisa verzeihen konnte.

Inzwischen hatte sich die Haustür geöffnet, ein Mann mit einer schwer beladenen Sackkarre war hereingekommen, blieb in der Halle sehen und rief: "Lisa!" Er war ein spindeldürrer kleiner Kerl mit weißblondem, dünnen Haar und außerordentlich nichtssagenden Gesichtszügen. Bei seiner Geburt hatte seine Mutter gewiss mit einer anderen Entwicklung ihres Sohnes gerechnet, denn dies war Vetter Hercules, den Lisa herzlich begrüßte.

Captain Kirk sammelte den Hamster wieder ein und machte sich bereit, das Essen zu bezahlen. Mittlerweile sprach Lisa mit ihrem Vetter, der mehrmals bedächtig nickte und offenbar bereit war, die Enterprise-Offiziere in seinem Transporter bis Glencoe mitzunehmen.

"Du hast immer noch Euro-Geld, Jim", sagte McCoy, und Lisa wandte rasch den Kopf.

"Das macht nichts, hier halten viele Touristen mit dem verkehrten Geld. Ich rechne das um."

Allerdings begriff sie nicht, warum Leute mit so urschottischen Namen wie Scott, McCoy und Kirk nicht wussten, mit welchem Geld man in Schottland bezahlte. Aber das ging sie nicht wirklich etwas an. Nachdem sie über einen Karton gefallen war, den Vetter Hercules noch nicht weggeräumt hatte, konnte Captain Kirk bezahlen. Die Offiziere gingen hinaus, um zu warten, bis Hercules seine Waren abgeliefert hatten.

Während sie da standen, hielt ein roter PKW, ein Ehepaar mit zwei Kindern stieg aus. Der Vater wirkte genervt, die Mutter nörgelte, dass sie nicht schon wieder ins King’s House Hotel wollte. Der Sohn beschoss seine Schwester mit einer Wasserpistole, und das Mädchen schimpfte ungefähr so kräftig wie Hamstilidamst, wenn er unter einen Wasserhahn gehalten wurde.

Dann verschwand die Familie im Haus, gleich darauf kam Hercules heraus, öffnete die Wagentür, und die Offiziere stiegen ein.

Hercules hatte die Männer reden hören, und er hatte gesehen, dass sie mit Euro bezahlt hatten. Es war immer dasselbe mit den Touristen, sie kapierten einfach nicht, dass das Königreich den Euro nicht wollte. Aber bei diesen konnte er es nicht wirklich kapieren. Der eine sprach wirklich schönstes Schottisch und sollte es besser wissen. Der Lange mit der Mütze sprach feinstes Oxford, wie man es in allen Schulen lernte. Aber die beiden anderen beiden… Die hatten irgendwie einen Tonfall in der Sprache, der zu nichts passte.

Als sie auf der Hauptstraße waren, wandte Hercules halb den Kopf und fragte im Plauderton:

"Sie kommen vom Kontinent?"

Hinten gab es einen kurzen, verwirrten Blickwechsel. Keiner der Offiziere wusste, dass die Briten in dieser Zeit das europäische Festland als "Kontinent" bezeichnet. Also raffte der Captain sich zu einem Grinsen auf und sagte:

"Äh – ja. Der Kontinent heißt Amerika."

"Oh!" machte Hercules verstehend.

So gesehen, war es fast ein Wunder, dass die Jungens überhaupt mit Euro ankamen und wussten, dass es auf der Welt irgendeine Währung außer Dollar gab. Aber den mit dem schottischen Akzent kriegte er trotzdem nicht unter, zumindest nicht in Amerika. – Im Glencoe war Feierabendverkehr, sie kamen nicht allzu schnell vorwärts, aber als sie in den Teil des Glencoe eintauchten, der mit alten Sagen und neuen Touristen verbunden war, seufzte der Schottisch Sprechende selig auf.

"Ay!" sagte er breit. "Das ist Glencoe, wie es leibt und lebt."

Also, der Typ musste Schotte sein… Hercules unterbrach seine Überlegungen, denn hinter ihm entwickelte sich ein Gespräch, nach dem er über so etwas nicht mehr nachdachte, sondern eher über den Geisteszustand seiner Mitfahrer. Gerade hatte der Typ gesagt, dies sei Glencoe, wie es leibt und lebt, da fragte er verwirrt:

"Wie, was leibt? Es leibt und lebt eben."

"Ein alter Ausdruck", sagte der Lange mit der Mütze. "Lebendiger Leib, es existiert bei lebendem Leib."

"Aber sicher leben Berge", sagte einer der anderen nach einem kurzen Augenblick. "Sie wachsen immerzu."

"Meine Güte, wie kann man denn immer an Essen denken?" fragte einer.

"Nicht in dem Sinne", kam wieder die Stimme des Langen. "Sie schieben sich auf."

"Ha, für einen Geologen ist ein Zentimeter im Jahr unheimlich schnell, das ist mal sicher", sagte der Schotte. "Und damit kann man schon rechnen."

"Jahrmillionen." Das war der Lange. "Gewiss. – Ich hatte nicht den Eindruck, dass Desinteresse besteht."

"Ach, geh schlafen", sagte der Schotte, dann war hinten Ruhe.

Hercules war ins Schwitzen geraten. Irgendwie hatte es sich angehört, als bekäme man eine Seite eines Telefongespräches mit, aber keiner von denen telefonierte. Um den Irrsinn komplett zu machen, hatte auch noch dieser Hamster immer dazwischengefiept. Hercules hielt seine Passagiere eindeutig für durchgeknallt.

Es dauerte nicht lange, dann kam wieder die Stimme von Scott, und was er sagte, klang jetzt entschieden normal:

"Da! Da ist Loch Leven, jetzt sind wir bald da!" rief Lt. Scott, und die Offiziere reckten die Hälse, um nach rechts aus dem Fenster zu sehen.

Hercules stierte geradeaus und grummelte. Vor ihnen lag die Baustelle, die schon seit Jahren hier war, und Hercules grummelte über die Regierung und das Straßenbauamt. Inmitten der schönsten Aussicht auf Loch und Berge gerieten sie in einen Stau, und waren überhaupt nicht bald da.

Die Offiziere nickten ein, selbst der Vulkanier tat etwas, was man nur als "dösen" bezeichnen konnte und was ganz unvulkanisch war. Auf Vulkan döste man nicht, man war wach oder schlief. Im beginnenden Sonnenuntergang färbte sich die Landschaft fast orange, und die Zeit rückte heran, in der ein anständiger Hamster so richtig munter wurde.

Hamstilidamst hatte einen Teil der Strecke verpennt, nun öffneten sich seine Augen, er war bereit zu neuen Abenteuern. Wo war Flecki? Wo war Goldi? Keiner war da, er war ganz allein nur mit Menschen – sogar den Bürgermeister hätte er jetzt ertragen.

"Müüü – die sind alle auf dem Raumschiff, und ich wollte da nicht bleiben", fiepte er leise und sehr einsam. "Ich hätte lieber da bleiben sollen, es wird schrecklich langweilig werden. Und ich habe Hunger!"

Trotzdem, sein Schlafplatz war sehr gemütlich. Er blickte hoch – zu einem Gesicht und einem Geräusch. Es war der Schotte, und der Schotte schnarchte leise. Er, Hamstilidamst, Hamster mit schottischen Vorfahren, hatte zum ersten Mal in seinem Leben auf einem schottischen Schoß geschlafen. Das war gar nicht schlecht – und das würde er auch Flecki erzählen. Aber wann würde er Flecki wieder sehen, und wann kam er wieder nach Hamsterhausen, und wann gab es endlich was zu essen?!

Der Wagen fuhr an, es ging ein paar Meter weiter.

"Na du?" sagte Hercules, denn Hamstilidamst war zum ihm nach vorn geklettert, saß auf dem Armaturenbrett und guckte Mitleid erregend. "Mit komischen Typen bist du da unterwegs. – Magst du einen Keks?"

"Eh, soll das ’ne Frage sein?" gab Hamstilidamst zurück, aber da Hercules keinen Universalübersetzer hatte, verstand er das Gefiepe nicht.

Er griff ins Handschuhfach, holte eine Packung Haferplätzchen heraus und stellte sie rasch auf dem Beifahrersitz ab. In die Autoschlange kam wieder Bewegung, irgendwo weit vorne war die Baustellenampel auf Grün gesprungen. Hercules musste aufpassen, dass er dem Wagen vor ihm nicht auffuhr, aber er hatte gesehen, dass der Hamster vom Armaturenbrett verschwunden war.

Als die Ampel, die er nun endlich in Sichtweite hatte, wieder rot wurde, wandte er sich lächelnd um, dann war das Lächeln wieder weg. Die Kekse waren ratzekahl weggefressen, neben der leeren Packung hockte der Hamster und putzte sich fröhlich das Fell.

"Sag mal, was bist du denn für ein Fresssack?"

"Ha!" murmelte Hamstilidamst in sein Fell hinein. "Du solltest mal Goldi erleben." Dann fühlte er sich ergriffen und durch die Luft geschwenkt. "Aufhören!" schrie er. "Ich will sofort runter!"

"Ich wollte dir keineswegs Unbehagen schaffen", sagte Lt. Spock. "Aber es ist nicht richtig, Hercules all seine Kekse wegzuessen."

"Wieso nicht, wenn ich Hunger auf all seine Kekse habe? Und woher weißt du, dass er nicht noch welche versteckt hat? Wer macht denn eine Reise und hat nur ein Paket Kekse dabei? Das ist doch bescheuert."

"Hamsterdenken", erwiderte Spock. "Es gibt Lebewesen, die tagelang ohne Nahrung auskommen. Auch gibt es Lebewesen, die freiwillig fasten…"

"Bekloppte, oder?" erkundigte sich Hamstilidamst interessiert.

"Sprechen Sie mit dem Vieh?" fragte Hercules vom Fahrersitz her.

"Ich bin kein Vieh!" protestierte Hamstilidamst, und Spock sagte:

"Er ist kein Vieh, er ist ein Goldhamster. Unter Vieh rechnet man Rinder, Schafe, Schweine…"

"He, ist ja gut, warum schlafen Sie nicht ein bisschen?"

"Ich bin nicht müde."

"Das ist schade!" gab Hercules bissig zurück.

Die nächste Grünphase war ihre, nun ging es schneller weiter, und sehr bald zeigte ein Schild an, dass der Ort Glencoe nur noch 2 Meilen entfernt war. Sie würden dort übernachten müssen, denn es wäre viel zu spät, um noch weiter nach Ballachulish an der Brücke zu kommen. Spock musterte den Hamster nachdenklich. Wie sollte man den in ein Hotel schmuggeln?

 

Weiter: Auf und Davon (Kapitel 05) - Der Replikatorunfall