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7. Kapitel

 

- Wie Elfriede an das Zauberfläschchen kam -

 

 

Plötzlich war es Elfriede, als sähe sie alles genau vor sich. Es war einer dieser Tage an denen man aufwacht und glaubt, die ganze Welt gehöre einem. Die Sonne schien am strahlend blauen Himmel und der ganze Tag wartete darauf, neue Abenteuer zu bringen. Ihr fiel ein, dass die Sommerferien gerade erst angefangen hatten und dass sie sich heute mit ihren neuen Freundinnen treffen wollte. Daisy Petersen, die schon in die Vorschule gekommen war, hatte etwas von einem „Zauberwald“ erzählt und das wollten sich Elfriede und ihre beste Freundin Jennie Reimers nicht entgehen lassen. Jenny war in letzter Zeit ziemlich genervt, gerade gestern erst hatte sie Elfriede erzählt, wie blöd es ist, eine kleine Schwester zu haben.

 

Stell dir vor“, sagte sie, „so eine kleine Schwester ist die reinste Pest! Ständig latscht sie einem hinterher. Meine Mutter sagt zwar, das tut die kleine Julia nur, weil sie mich als große Schwester so toll findet. Aber alles macht sie mir nach! Sie versucht sogar meine Schuhe und meine Klamotten anzuziehen. Immer kriege ich die Schuld, denn sie ist ja so klein und niedlich und überhaupt kann sie absolut nichts.“

 

Elfriede war froh, dass sie einen kleinen Bruder hatte. Bruno latschte ihr nämlich überhaupt nicht nach. Er zog auch nicht ihre Klamotten an. Eigentlich machte er nichts. Höchstens vor-sich-hin-sabbern, das konnte er stundenlang.

 

Allerdings müsste er nur noch gründlich ausgebildet werden, denn letzte Woche hatte er gute Ansätze gezeigt, als er bei dieser langweiligen Familienfeier unter den Tisch gekrabbelt war und allen die Schnürsenkel zugeknotet hatte. Wenigstens das konnte er schon sehr gut. Elfriede grinste, als sie an den Moment dachte, an dem alle aufstehen wollten, um nach Hause zu gehen. Soviel kaputtes Geschirr hatte sie noch nie auf einem Haufen gesehen. Natürlich hatte Tante Ottilie dem armen Papa Bommel die Schuld gegeben, aber der hatte wirklich Pech gehabt, dass er mit dem Rüssel in dem heißen Kaffee gelandet war. Tante Ottilies Kleid mit den rosa Rüschen und den aufgestickten Rosen war völlig ruiniert und als sie dann noch Bommel deswegen die Schuld gab, nahm der ein Stück Sahnetorte und wollte es nach Tante Ottilie werfen. Schade, dass er dabei auf einem Stück Apfelkuchen ausrutschte und Oma Else traf. Es dauerte danach ziemlich lange, bis sie das Gebiss von Oma wiedergefunden hatten. Wie schon erwähnt, aus Bruno konnte noch etwas werden.

 

Na endlich kommt ihr“, schimpfte Daisy, nachdem Elfriede und Jennie an der Bushaltestelle in der Nähe des Krähenwaldes eingetroffen waren. „Ich stehe mir schon die Füße in den Bauch.“

 

Ach, wir haben gerade über unsere kleinen Geschwister gelästert“, lachte Jennie. „Die sind manchmal echt blöd, weißt du?“

 

Was wisst ihr denn schon davon? Kleine Geschwister zu haben ist kein Problem, aber hab du mal einen großen Bruder!“ Daisy nickte und sie gingen langsam in den Wald hinein.

 

Wieso, das muss doch toll sein, der beschützt einen doch!“ Elfriede hatte da so ihre eigenen Vorstellungen, doch Daisy fand das überhaupt nicht.

 

Toll? Es ist so ziemlich das Letzte. Immer will er recht haben und der große Boss sein. Immer erzählt er mir so gruselige Geschichten und wenn ich Angst habe, lacht er mich aus.“

 

Inzwischen waren sie immer weiter in den Wald gegangen und gingen nun auf Wegen, die sie noch nie gegangen waren. Die Bäume kamen ihnen riesig vor und hin und wieder knackte irgendetwas im Gebüsch. Die Sonne war auf einmal hinter ein paar Wolken verschwunden und dadurch wurde die Umgebung noch dunkler. „Ganz schön unheimlich hier“, fand Jennie. „Manche Leute nennen diesen Wald auch den Zauberwald.“

 

Schweigend gingen sie weiter, doch als sie an einer Gruppe von Tannen vorbeikamen, fiel Jennie als erster etwas auf.

 

Hört ihr es, ich meine, hört ihr es nicht? Die Vögel zwitschern überhaupt nicht mehr!“

 

Lasst uns lieber zurück gehen“, schlug Daisy vor.

 

Die anderen waren auch dafür, nur: welcher Weg führte zurück? Es war ja das erste Mal, dass sie so tief in den Wald gegangen waren. Selbst Daisy wusste hier nicht mehr, wo sie waren.

 

Pst, bleibt mal stehen und seid leise“, sagte Jennie plötzlich, „ich höre ein paar Vogelstimmen.“

 

Sie reckte ihren Hals und lauschte den Vögeln.

 

Sie sagen etwas, sie sagen sie haben Angst und wollen den Wald verlassen. Jetzt sind sie weggeflogen.“

 

Daisys Augen waren immer größer geworden.

 

Du kannst die Vogelsprache?“

 

Ja, schon als Baby lag ich oft im Kinderwagen draußen im Garten meiner Eltern. Am Anfang verstand ich nur wenig, aber später konnte ich mich schon richtig mit den Vögeln verständigen. Nur mit den Krähen habe ich immer wieder Schwierigkeiten. Die sprechen so schnell und nuscheln.“

 

Was wollen wir jetzt aber machen“, kam Elfriede wieder auf ihr Problem zurück, „wir wissen nicht, wie es weitergehen soll. Vor uns scheint ein ausgetretener Pfad zu sein, wie wäre es, wir folgen ihm?“

 

Die beiden anderen hatten nichts dagegen einzuwenden und so folgten sie dem Pfad, denn selbst ein kleiner Weg muss ja irgendwo hinführen. So kämpften sie sich durch dorniges Gestrüpp und unwegsames Gelände, bis sie auf eine kleine Lichtung stießen. Auf dieser Lichtung stand ein kleines Haus mit einem Garten. Der Garten sah recht verwildert aus und dem Dach des Hauses fehlten ein paar Ziegel. Die Fenster waren auch schon lange nicht mehr geputzt worden, aber es musste jemand zu Hause sein, denn aus dem Schornstein kam Rauch.

 

Na also“, triumphierte Daisy, „wir sind gerettet!“

 

Oder auch nicht“, wandte Elfriede ein, „irgendetwas gefällt mir hier nicht.“

 

Eine Krähe krächzte in der Nähe. Daisy und Elfriede sahen Jennie an.

 

Jennie zuckte mit den Schultern.

 

Wie gesagt, Krähen sprechen schnell und nuscheln, aber ich glaube, sie hat nur gelacht.“

 

Während die drei Freundinnen noch unschlüssig auf der Lichtung standen, ging plötzlich die Tür des Hauses auf.

Eine alte Frau trat zur Tür hinaus. Sie trug ein langes, dunkles Kleid, ihre grauen Haare wirkten ungepflegt und ihr fehlten ein paar Zähne. Die Mädchen waren vor Schreck wie gelähmt, aber die alte Frau grüßte ganz freundlich: Ah, Besuch, das ist aber nett. Kommt doch herein auf eine Tasse Kakao! Kommt ruhig, ich beiße nicht, hihi.“

 

Daisy ging vorweg, dann Jennie und als letzte Elfriede. Es war ihnen wirklich nicht wohl zumute, aber die Alte schien harmlos zu sein. Außerdem, ein heißer Kakao war genau das Richtige, denn es war doch recht kühl geworden. So ließen die Mädchen sich auch nicht weiter bitten und machten es sich in der kleinen Küche des kleinen Hauses bequem, so weit es ging, denn die Stühle schien auch schon einmal bessere Tage gesehen zu haben. Elfriede jedenfalls hatte das Gefühl, als sie den Kakao trank, als würde der Stuhl jeden Moment zusammenbrechen. Sie war auch nicht überrascht, als er es tatsächlich tat. Genauer gesagt, als sie umkippte und auf den Boden fiel. Sie bemerkte nicht, dass Daisy und Jennie ebenfalls zu Boden fielen.

 

 

 

Als sie wieder erwachten, war es dunkel. Elfriede versuchte, sich zu erinnern, was geschehen war. Der Kakao! Die alte Frau musste etwas hineingemischt haben, aber warum? Elfriede rieb sich den dröhnenden Kopf und überlegte. Warum sollte die nette alte Frau sie vergiften wollen, es sei denn es war eine... Elfriede schluckte und schlagartig war sie wach. Ja, eine Hexe, aber das konnte doch nicht möglich sein, Hexen gab es doch nur in Märchen.

 

Eine Hexe“, flüsterte sie vor sich hin.

 

Was hast du gesagt, eine Echse? Was ist passiert?“

 

Jennie neben ihr war aufgewacht und auch Daisy bewegte sich wieder.

 

Ich habe Hexe gesagt und außerdem sitzen wir in der Falle.“

 

Schlagartig waren auch ihre beiden Freundinnen wach und nun sahen sie sich erst einmal um. Sie lagen auf einem Bretterboden in dem sich die Holzwürmer scheinbar eingenistet hatten. Er war voller kleiner Löcher und an mehreren Stellen morsch. Hinter ihnen war eine Holzwand. Ganz oben war ein kleines Fenster durch das nur wenig Licht von draußen gelangte. Die anderen drei Seiten ihres Gefängnisses bestanden aus dicken Eisenstangen. Sie waren wie in einem Käfig eingesperrt.

 

Nun war guter Rat teuer. Elfriede stellte zu ihrem Entsetzen fest, dass sie Pupsi nicht mitgenommen hatte. An wem sollte sie sich jetzt festhalten?

 

Wir müssen hier irgendwie rauskommen.“ Elfriede wirkte nun wieder sehr entschlossen. „Lasst uns diesen Käfig doch einmal genau untersuchen.“

 

Nach einer Weile gaben sie es auf und setzten sich nebeneinander auf den Boden. Jennie unterbrach als erste das Schweigen.

 

Die Gitterstäbe geben kein bisschen nach und die Wand ist zu dick. Das Fenster können wir vergessen; es ist zu klein und außerdem kommen wir da nicht dran.“

 

Was ist mit dem Fußboden, können wir den nicht aufhebeln?“

 

Das ist eine Möglichkeit, Elfriede. Los, versuchen wir es gleich, bevor die alte Hexe wiederkommt.“

 

Jennie versuchte, die Bodenbretter ein Stück zu lösen, aber auch als die beiden anderen mithalfen, gelang es ihnen nicht.

 

Zwecklos, wir brauchen einen Hebel oder so etwas.“

 

Daisy sah sich um. In der Kochecke lagen ein paar große Messer.

 

Schade, an die Messer kommen wir nicht heran.“

 

Elfriede überlegte einen Moment, dann stand sie auf und löste ihren Ledergürtel von der Hose.

 

Mal sehen“, sagte sie, „ob ich es mit meinem Lassotrick schaffe.“

 

Sie nahm den Gürtel und steckte ihn so zusammen, dass er eine Schlaufe bildete. Dann ging sie zu den Gitterstäben, hielt den Gürtel am Ende fest und schleuderte die Schlaufe in Richtung Messer. Beim ersten Versuch fielen scheppernd ein paar Essbestecke auf den Boden und erschrocken flüchteten die drei in die äußerste Ecke ihres Käfigs. Aber keine Hexe kam zur Tür herein.

 

Elfriede versuchte es erneut und nach ein paar Würfen gelang es ihr, ein großes Messer zu sich heran zu ziehen. Erschöpft gab sie Jennie das Messer. Es dauerte nur ein paar Minuten und Jennie hatte das erste Brett gelöst. Dann folgten noch zwei weitere Bretter und das Loch im Boden war groß genug um durchzuschlüpfen. Nun mussten sie sich unter der Wand durchgraben und das geschah abwechselnd. Jede grub solange sie konnte und gab dann das Messer der nächsten weiter. Auf diese Art und Weise schafften sie es schließlich, die rettende Oberfläche zu erreichen. Aber als sie auf der anderen Seite herauskamen, gefror ihnen vor Schreck das Blut in den Adern: ein riesiger Wolf mit zwei Köpfen stand vor ihnen. Beide Köpfe fletschten die Zähne und knurrten furchterregend. Daneben stand die Hexe und lachte. Schnell krochen Daisy, Elfriede und Jennie zurück in den sicheren Käfig. Alle zitterten vor Angst, als die Hexe zur Tür hereinkam.

 

So einen Spaß habe ich schon lange nicht mehr gehabt, ist das lustig. Den Ausgang könnt ihr vergessen, ich habe ihn mit einem Felsbrocken verschlossen.“ Sie lachte und lachte und hörte überhaupt nicht mehr auf.

 

Dir wird dein blödes Lachen schon noch vergehen“, rief Elfriede.

 

Was?“ Die Hexe kam näher und Elfriede konnte ihren stinkenden Atem riechen. „Wer bist du?“

 

Ich heiße Elfriede.“

 

Den Namen brauche ich mir nicht zu merken, denn bald bist du in meinem Kochtopf.“

 

Wieder wollte die Hexe laut loslachen, doch Elfriede entgegnete: „Das glaube ich nicht, du miese alte Hexe.“

 

Wie kannst du es wagen...“ begann die Hexe, doch dann schien ihr etwas einzufallen. „Dein Glück, dass ich noch jemanden auf der Speisekarte habe. Warte, bis ich wiederkomme!“

 

Dann ging sie zur Tür und verschwand. Daisy und Jennie sahen ihre Freundin erstaunt an.

 

Du bist ja ganz schön mutig“, staunte Daisy.

 

Wenn die Alte mich sowieso fressen will, dann soll sie bloß nicht glauben, dass ich Angst habe. Vielleicht kann ich sie ja auch verunsichern und sie macht einen Fehler. Ihr wisst doch, wenn jemand wütend wird, macht er Fehler.“

 

Nun legten sie sich erst einmal auf den Boden und versuchten zu schlafen, denn vielleicht war es ja wichtig, frisch und ausgeruht zu sein.

 

Sie wussten nicht, wie lange sie geschlafen hatten, als die Tür zu ihrem Gefängnis aufging und ein kleiner, alter Mann hineingestoßen wurde. Wieder lachte die Hexe laut, als sie die Gefängnistür verschloss. „Heute ist mein Glückstag, nicht war, Alberich? Wer hätte auch gedacht, dass du so leichtsinnig bist und ohne deinen Zauberhut die Tiere im Wald füttern gehst? Trotzdem danke ich dir, denn all die fetten Tiere werde ich auch noch aufessen.“ Wieder lachte sie laut und hässlich. Dann ging zu ihrer Kochecke und räumte das herunter gefallene Geschirr auf. Nachdem sie ein paar große Kochtöpfe herausgeholt hatte, begann sie Kartoffeln zu schälen.

 

Du schneidest die Kartoffeln viel zu dick, du Hexe hast keine Ahnung.“

 

Ach, Elfriede, für dich werden sie genau richtig sein.“

 

Mit deinen kaputten Zähnen solltest du besser Gemüsesuppe ohne Einlage essen.“

 

Pass auf, sonst verwandele ich dich in einen Frosch.“

 

Dumme Hexe, dann hüpfe ich hier doch zur Tür hinaus, du bist wirklich dämlich.“

 

Oh, du mieses kleines...“, die Hexe suchte nach Worten, sie stand auf und dabei fielen ihr die frisch geschälten Kartoffeln auf den Boden.

 

Also, die Kartoffeln kannst du wegschmeißen, von dem dreckigen Boden fressen nur Schweine.“ Elfriede fing es an, Spaß zu machen.

 

Ich werde dich verzaubern, ich werde...“

 

Zaubern, du?“ Der kleine, alte Mann war aufgestanden und sah die Hexe spöttisch an.

 

Du hast deine Zaubersprüche doch alle geklaut, schon in der Zauberschule hast du abgeschrieben.“

 

Die Hexe knurrte gefährlich, aber sie sagte nichts. Nun begann sie, die Kartoffeln aufzuheben und in den Kochtopf zurück zu legen. Immer wieder warf sie Elfriede und dem kleinen, alten Mann giftige Blicke zu. Schließlich setzte sie sich erschöpft auf einen der vier Küchenstühle und sagte: „Ich ruhe mich einen Augenblick aus, aber dann seid ihr dran.“ Es dauerte nur wenige Minuten und ein lautes Schnarchen war alles, was die Hexe von sich gab.

 

Der alte Mann sah die Mädchen freundlich an. „Entschuldigung, die Damen, dass ich mich bisher nicht vorgestellt habe. Mein Name ist Alberich, von Beruf bin ich Zwergenkönig. Mein Reich ist jenseits des Flusses. Die alte Karla und ich kennen einander schon eine Ewigkeit. Leider ist sie schon in der Zauberschule unangenehm aufgefallen und später hat sie nur böse Sachen gemacht. Allerdings hätte ich nicht gedacht, dass sie mich hereinlegen könnte.“

 

Nun erzählten die drei, wer sie waren und wie sie in die Gewalt der Hexe gekommen waren. Sie erzählten auch von ihrem Fluchtversuch und dem Wolf mit den zwei Köpfen.

 

Ein alter Trick“, sagte Alberich. „Monster herbeizaubern ist einfach.“

 

Aber die sind doch gefährlich“, bemerkte Elfriede.

 „Ach was“, schmunzelte Alberich. „Monster sind nur gefährlich, wenn man daran glaubt. Die meisten verschwinden, wenn du sie auslachst. Doch es gibt einige, bei denen das nicht hilft, aber Gespenster und Monster existieren nur in deiner Phantasie, wenn du weißt, was ich meine.“

 

Elfriede überlegte kurz. „Das heißt, dass es in Wirklichkeit keine Gespenster und Monster gibt?“

 

Richtig.“

 

Wenn ich also Angst habe, bilde ich mir nur ein, dass es Monster und Gespenster gibt?“

 

Auch richtig.“

                                Zwergenkönig Alberich

 

Also hätte ich den Wolf nicht beachtet, dann wären wir jetzt wieder frei?“

 

Auch das ist richtig.“ 

 

Elfriede saß lange in der Ecke und schien zu überlegen. Sie hatte soeben etwas gelernt, was für sie ein Leben lang wichtig sein würde. Schließlich stand sie auf, zeigte auf die Hexe und sagte: „Es wird Zeit, nach Hause zu gehen, wer kommt mit?“

 

Alle sahen sie erstaunt an. Sie nahm das Messer, das ihnen die Hexe leichtsinnigerweise nicht abgenommen hatte und begann, von einem der Bodenbretter eine lange Leiste abzuschneiden. Elfriede hatte nämlich gesehen, dass die Alte ihren Schlüsselbund neben sich auf dem Stuhl gelegt hatte. Nun nahm sie die lange Holzleiste und versuchte, damit nach dem Schlüsselbund zu angeln. Es war nicht einfach, die Leiste in den großen Ring des Schlüsselbundes zu stecken, aber Elfriede gab nicht auf. Endlich gelang es ihr. Sie hob die Leiste vorsichtig hoch, damit der Schlüsselbund zu ihr herunterrutschen konnte. Er klirrte und die Hexe knurrte kurz im Schlaf auf. Alle hielten den Atem an, aber nach kurzer Zeit schnarchte die Alte weiter. Schnell schloss Elfriede die Tür des Käfigs auf und trat hinaus. Als sie vor dem Hexenhaus standen, atmeten alle erst einmal tief durch und der Zwergenkönig Alberich sagte:

 

Hier entlang, wir nehmen den Weg, der zu meinem Königreich führt, wir müssen uns erst vor ihrem Zauber schützen.“

 

Aber die Alte ist doch viel zu langsam, die holt uns niemals ein“, widersprach Daisy.

 

Ihr dürft nicht vergessen, sie ist eine Hexe, beeilt euch.“

 

Sie liefen, so schnell es ging. Alberich war natürlich nicht so schnell wie die drei Mädchen und so lief er immer ein paar Schritte hinterher. Wer schon einmal auf Waldboden gelaufen ist, der weiß, wie gefährlich Baumwurzeln sein können. Das musste auch der Zwergenkönig erfahren, er schrie vor Schmerzen kurz auf und blieb am Boden liegen. Entsetzt sahen Elfriede, Daisy und Jennie, dass die Hexe direkt neben ihm stand und lachte. Sie hob die Hand und wie aus dem Nichts erschienen zwei riesige schwarze Monster. Sie sahen aus wie gigantische Kartoffelkäfer. Schreiend vor Angst liefen Daisy und Jennie weiter, nur Elfriede blieb stehen. Die beiden Monster kamen langsam näher und aus ihrem hässlichen Maul tropfte grüner Schleim.

 

Fresst sie auf, verschlingt sie.“ Die Hexe ließ wieder ihr angsterregendes Lachen erschallen, als die schwarzen Ungetüme immer näher auf Elfriede vorrückten. Aber Elfriede lief nicht weg. Die Hexe fluchte und auf einmal näherte sich ein Drache mit fürchterlichem Gebrüll. Elfriede atmete tief ein, lief durch die Monster hindurch, packte Zwergenkönig Alberich am Arm und zog ihn hinter sich her. Völlig verdattert blieb die miese alte Hexe stehen und sah zu, wie Elfriede und Alberich im Wald verschwanden. Noch lange war ihr Wutgeheul zu hören.

 

Später saßen der Zwergenkönig Alberich, Elfriede, Daisy und Jennie zusammen und freuten sich, dass ihr Abenteuer so glücklich ausgegangen war. Alberich nahm sich vor, in Zukunft nicht mehr ohne seinen Zauberhut durch den Wald zu laufen. Den Mädchen hingegen erzählte er so manche interessante Dinge über Hexen, Monster und ähnliche Wesen. Bevor es dann wieder zurück nach Hause ging, griff Alberich in die Luft und hielt auf einmal etwas in der Hand.

 

Kleiner Zaubertrick“, grinste er, „aber ich denke, das könnt ihr gut brauchen. Weil ihr die Wege hier im Zauberwald noch nicht kennt, gebe ich euch diese Karte mit. Sie zeigt euch die wichtigsten Wege und ich habe die wichtigsten Punkte eingezeichnet. Wenn ihr von den Wegen abkommt, müsst ihr aufpassen.

 

                       Die Karte vom Zauberwald

 

die Punkte bedeuten:

 

 1. das Gebiet der Teichfee

 2. das Hexenhaus

 3. das Reich des Zwergenkönigs

 

Für dich Elfriede, habe ich noch etwas Besonderes.“ Er gab Elfriede ein kleines Fläschchen.

 

 „Es ist nichts drin, aber wirst schon selber herausfinden, was es damit auf sich hat. Es stammt aus einem fernen Lande. Die Mädchen verabschiedeten sich nun und versprachen dem Zwergenkönig, ihn so bald wie möglich wieder zu besuchen. Dann ging es endlich nach Hause.

 

Elfriede rieb sich die Augen und langsam wanderten ihre Gedanken zurück in die Gegenwart. Sie sah die Stahlwände des Raumschiffs und hörte das gleichmäßige Atmen ihrer Freunde um sich herum. Nur Berta, Rosie und der Professor schnarchten. Elfriede beneidete sie um ihren Schlaf, denn sie war hellwach und ihre Gedanken kreisten um den Zauberwald. Was wohl die Hexe jetzt machte? Ob sie die Mädchen vermissen würde?

 

All diese Gedanken gingen ihr durch den Kopf und um sich etwas abzulenken stand sie auf und sah durch das Fenster hinaus in die dunkle Nacht. Der Monsteralarm war eingeschaltet und eigentlich konnte da draußen nichts sein, aber dennoch sah sie lange hinaus ins Dunkle. Es war, als wenn in weiter Ferne sich etwas bewegte. Leise schlich sie zu Bernie und weckte ihn.

 

Komm doch mal zum Fenster, da ist irgend etwas.“

 

Ich will schlafen.“

 

Bernie, wenn da wirklich was ist, müssen wir nachsehen.“

 

Ja, in Ordnung, ich komme.“

 

Gähnend erhob sich Bernie und trottete zum Fenster. Es dauerte ziemlich lange, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Dann nickte er, ging zum Kontrollraum. Elfriede folgte ihm. Bernie schaltete das Radargerät ein und nun sahen sie, dass die Funkwellen, die vom Sender des Radargerätes ausgingen, von irgendetwas zurückgeworfen wurden. Es schienen fünf oder sechs Punkte zu sein, die langsam näher kamen.

 

Wieso geht der Schweine- äh, der Monsteralarm nicht los?“

 

Bernie war nun hellwach. Nun wurde es Zeit, Alarm zu schlagen. Schnell weckten sie die verschlafenen Freunde und zerrten den Professor im Nachthemd zum Radarschirm.

 

Sehen Sie das?“ rief Elfriede.

 

Der Professor schüttelte den Kopf „I-ich sehe überhaupt nichts, der Bildschirm ist ja völlig unscharf.“

 

Wie wäre es, Sie setzten ihre Brille auf?“

 

Ach ja, d-danke.“ Nun sah Professor Hastig die Gefahr. Sofort überprüfte er alle Schalter, drehte sich zu Bernie und den anderen um und erklärte: „Es handelt sich einwandfrei um irgendetwas Anorganisches. Es kommt ganz langsam auf uns zu.“

 

Wieso ist da, bitte schön, etwas Unordentliches?“ fragte Berta und alle sahen sie erstaunt an.

 

W-wieso unordentlich?“

 

Na, Sie haben doch von irgendetwas Unordentlichem geredet.“

 

A-anorganisch, Berta, d-das heißt anorganisch. Pflanzen sind organisch, Metall zum Beispiel ist anorganisch, also nicht-pflanzlich.“

 

Berta bekam einen roten Kopf und Rosie grinste.

 

Aber dann können es ja nicht die Monster sein“, begriff Mona als erste, „denn das sind ja Lebewesen.“

 

Richtig. G-genau deshalb hat der Alarm n-nicht funktioniert, nur das Radar.“

 

Jennie hatte inzwischen ein Fernrohr herausgesucht und beobachtete die merkwürdigen Erscheinungen.

 

Es sieht aus wie riesige Roboter“, bemerkte sie.

 

Wir sollten schnellstens verschwinden, Professor, ich will nach Hause, starten Sie die Maschine!“

 

Das geht nicht, Rosie, die Triebwerke müssen erst vorwärmen.“

 

Inzwischen waren Jennie und Bernie in den Kontrollraum gegangen und hatten das große Suchfernrohr eingeschaltet.

 

Auf dem Monitor waren jetzt deutlich sechs große Roboter zu erkennen. Hin und wieder blieb einer von ihnen stehen, hob etwas vom Boden auf und steckte es ein.

 

Sie sammeln etwas, Mona, was könnten die suchen?“ Bernie sah aufgeregt zu Mona und Moyo hinüber.

 

Es gibt hier in der Wüste nur Lambos, das ist so eine Art Gras, außerdem leben hier ein paar kleine Eidechsen.“

 

Was fressen die Monster denn?“

 

Genau diese beiden Sachen, sonst gibt es ja nichts“, mischte sich Moyo ein.

 

Dann ist die Sache klar!“ Elfriede trat einen Schritt vor. „Die Roboter sammeln das Futter für die Monster und wenn sie uns erwischen, sammeln sie uns gleich mit ein.“

 

Der Professor kratzte sich nervös am Kopf. Ihm schien nichts einzufallen, aber Elfriede hatte schon einen Plan.

 

Professor, wenn wir alle Lichter ausmachen und brav im Raumschiff bleiben, können uns die Roboter überhaupt bemerken?“

 

V-vielleicht werden wir durch die Wände des Raumschiffs abgeschirmt. Bestimmt h-haben sie Sensoren, mit denen sie Organisches aufspüren können. Wenn alle in die Mitte des Schiffes gehen, sind wir möglicherweise nicht mehr von ihren Sensoren zu orten.“

 

Was sind wir dann? Tut das weh?“

 

W-was tut weh, R-rosie?“

 

Na, das mit den Sensen an den Ohren.“

 

Professor Hastig schluckte genervt und antwortete: „Mit Sensoren orten s-sagte ich. Sensoren sind kleine elektronische Bauteile die merken, wenn sich ihnen etwas nähert. Das nennt man orten. Je weiter weg etwas von diesem Sensor ist, desto schlechter kann er es finden.“

 

Während Berta noch laut meinte, dass das ja wohl jeder wüsste, versammelten sich alle in der Mitte des Raumschiffs und harrten der Dinge. Inzwischen waren die Geräusche der Roboter deutlich zu hören. Es klang, als wenn jemand einen schweren Sack voller Eisenstangen über den Boden schleift. Als die metallischen Ungetüme das Raumschiff erreicht hatten, blieben sie einen Augenblick stehen. Im Inneren des Raumschiffes war es dunkel und unsere Freunde waren mucksmäuschenstill.

 

Die Roboter schienen zu überlegen. Es kam unseren Freunden wie eine Ewigkeit vor. Langsam bewegten sich die Roboter von dem Raumschiff fort. Nun war guter Rat teuer. Es wurde diskutiert, was man denn machen könnte, denn nun waren nicht nur die schwarzen Monster ihre Gegner, sondern auch die metallischen Riesen, die sie mit Nahrung versorgten. Beide zusammen konnten sie nicht besiegen, soviel stand fest. Doch so sehr sie sich auch den Kopf zerbrachen und eine Lösung suchten, es fiel ihnen nichts ein.

 

Wir sollten nach Hause fahren. Mona und Moyo können ja mitkommen“, schlug Berta vor.

 

Würdest du das gut finden, wenn wir dir nicht helfen würden?“ protestierte Rosie.

 

Also, ich zum Beispiel würde niemals in einer Wüste mit soviel Staub leben wollen.“

 

Ach, und wenn diese Wüste dein zu Hause ist?“

 

Soviel Dreck würde ich nicht ertragen, meine liebe Rosie, das weißt du ja.“

 

Natürlich, Fräulein Berta würde sicher die Wüste Stück für Stück sauber machen und überhaupt...“

 

Schluss jetzt“, schimpfte Elfriede. „Es reicht!“

 

Sie überlegte einen Moment und sah dann Rosie an.

 

Was sagtest du, Stück für Stück?“

 

Ja, habe ich gesagt.“

 

Das ist die Lösung! Wenn wir beide zusammen nicht besiegen können, müssen wir sie nacheinander bekämpfen, Stück für Stück!“

 

Nun war Elfriede so richtig in Fahrt gekommen und erzählte ihren Plan. Zuerst mussten sie versuchen, die Roboter auszuschalten. Da Roboter ziemlich dumm sind, schien das am einfachsten zu sein. Ohne die Roboter hätten dann die schwarzen Monster nichts mehr zu essen. Es wurden nun drei Gruppen gebildet, Jennie, Bernie, Susi und Marie waren die eine, Elfriede, Daisy, Rosie und Berta die andere. Mona und Moyo bildeten die dritte Gruppe. Professor Hastig blieb im Kontrollraum des Raumschiffes, falls etwas schief ging. Damit die Roboter sie nicht als Lebewesen erkennen konnten, wickelten sich beide Gruppen mit Aluminium-Folie ein. Der Professor erklärte ihnen, dass die Strahlen der Sensoren von dem Aluminium abprallen würde.

  

D-die Metall-Monster sind dadurch blind und können euch nicht sehen“, erklärte er.

 

Dann bekam jeder eine große Flasche Wasser, in die eine Hand voll Salz geschüttet wurde.

 

D-dieses Salzwasser müsst ihr in die Roboter hineinkippen, damit sie anfangen zu rosten. Salzwasser ist Gift für Metall.“