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4. Kapitel

 

 - Absturz in eine fremde Welt -

 

 

 

Ich habe Hunger“, jammerte Rosie, doch inzwischen hatte niemand mehr Lust, etwas darauf zu antworten. Verzweifelt durchsuchte das hungrige Schwein seine Taschen, aber ohne Erfolg. Wie immer, wenn sie sich langweilte, fing Rosie an, an irgendwelchen Sachen herumzufummeln. Sie betrachtete die Seilwinde, die außen an dem Fahrstuhl angebracht war. Etwas weiter unten war eine Kurbel, an die man aber nicht herankommen konnte. Wozu mochte bloß der Keil daneben sein?

 

Rosie zog ein wenig daran und der Keil rutschte ein Stück heraus. Sie zog weiter und als Bernie und Susi im Chor riefen „Lass das, Rosie, sonst stürzen wir ab!“, war es schon zu spät. Polternd fiel der Keil auf den Boden des Fahrstuhls, tippte einmal auf, hüpfte durch den Maschendraht und fiel ins Bodenlose. Der Fahrstuhl begann nun zu rucken. Zunächst rutschte er nur ein paar Zentimeter, aber dann gab es kein Halten mehr. Der Fahrstuhl sackte immer schneller nach unten. Unsere Freunde schrieen vor Angst und Schreck so laut, dass das kreischende Geräusch des Fahrstuhls übertönt wurde. Der Fahrstuhl fiel und fiel, während er mal links und mal rechts gegen den engen Schacht geschleudert wurde. Die wilde Fahrt ging immer weiter und keiner glaubte mehr daran, sein zu Hause jemals wieder zu sehen. Plötzlich verlor der Fahrstuhl an Geschwindigkeit. Ein lautes Knirschen war zu hören.

 

Der Schacht scheint nach unten enger zu werden“, schrie Bernie, „vielleicht haben wir Glück.“

 

Und wenn wir Glück haben“, schrie Berta zurück, „dann wird es Pech für Rosie sein, denn der ziehe ich die Schweineohren lang und mache damit einen Knoten um ihre Grabbelfinger, damit sie nie wieder Unheil anrichten kann!“

 

Tatsächlich wurde der Fahrstuhl immer langsamer, aber nun tauchte eine neue Gefahr auf, denn durch die enorme Reibung der Fahrstuhlwand am Gestein des Schachtes, fingen die Außenwände des Fahrstuhls an zu brennen. Zwar würden unsere Freunde nun nicht mehr am Boden zerschellen, aber wenn sie nicht bald aus ihrem Gefängnis herauskommen würden, müssten sie elendig verbrennen.

 

Immer langsamer wurde nun die Fahrt, aber die Rauchentwicklung wurde immer stärker und auch die Hitze im Fahrstuhl nahm zu. Jeder hielt sich ein Stück Stoff oder ein Taschentuch vor den Mund. Der Rauch wurde so stark, dass es fast unmöglich wurde zu atmen. Marie fiel als erste um, dann Susi, dann Bernie und die beiden Schweine, doch plötzlich gab es einen kräftigen Ruck und der Fahrstuhl kam zum Stillstand. Mit letzter Kraft warfen sich Daisy, Elfriede und Jennie gegen die Fahrstuhltür. Beim dritten Versuch hatten sie Erfolg. Scheppernd brach die Tür nach außen weg und die drei liefen hinaus. Nachdem sie erst mal wieder Luft geholt hatten, ging es zurück in den Fahrstuhl und sie schleppten ihre bewusstlosen Freunde nacheinander hinaus in Sicherheit.

 

Als sie die brennenden Reste des Fahrstuhls mit Sand gelöscht hatten, sahen sie sich erst einmal um. Es war kalt und feucht. Ein grünliches Licht schien um sie herum zu sein. „Ich habe Angst. Es ist unheimlich hier, ich will nach Hause“, jammerte Rosie und Berta stimmte ihr ausnahmsweise zu.

 

Wir sind verloren, hier findet uns keiner.“

 

Unsinn“, entgegnete Elfriede, „irgendwie kommen wir hier schon wieder raus. Bestimmt gibt es hier ein unterirdisches Höhlensystem.“

 

„Du meinst, hier gibt es so etwas wie eine Polizei?“

 

Mensch Rosie, natürlich gibt es keine Polizei hier. Ein Höhlensystem heißt, dass es hier irgendwelche Gänge und Wege gibt.“

 

Aber ohne Verkehrsschilder und Hinweis-zeichen?“

 

Natürlich!“

 

Also, ich bin ja nicht die Schlaueste, aber wie sollen wir ohne Schilder hier wieder herauskommen?“

 

Indem wir zur Abwechslung einmal nachdenken“, warf Jenny ein, „zum Beispiel kann uns der Luftzug hier unten weiterhelfen.“

 

Rosie gab nicht auf: „Ein Luftzug ist kein Hinweisschild, also was soll das?“

 

Wenn es einen Luftstrom hier unten gibt, dann muss die Luft sich ja irgendwie bewegen, oder?“

 

Das stimmt, Jenny.“

 

Gut, also muss die Luft ja wohl einen Weg nach draußen gefunden haben?“

 

Das stimmt auch.“

 

Jenny atmete auf. „Also folgen wir dem Luftstrom und irgendwann werden auch wir nach draußen kommen, klar?“

 

Wenn wir bis dahin nicht verhungert sind.“

 

Wenn wir noch lange hier rumstehen und quatschen, passiert das wirklich“, meinte Daisy. „Wir sollten uns also mal auf die Socken machen“.

 

Unsere Freunde entschlossen sich, den nach rechts führenden Weg zu nehmen. Er schien etwas bergan zu verlaufen und somit nach oben zu gehen. Es war mühsam, denn sie waren müde und erschöpft, vor allem aber waren sie hungrig. Hinzu kam, dass der Weg recht feucht und rutschig war, aber Jenny war der Ansicht, das sei ein gutes Zeichen, weil es ein Hinweis auf Wasser sei.

 

Das grüne Leuchten schien etwas schwächer zu werden, aber niemand sagte etwas dazu. Teils, weil keiner eine Idee hatte, wo es überhaupt herkommen könnte, teils, weil jeder irgendwie Angst hatte, dass es etwas Unheimliches sein könnte. Manchmal versucht man eben so zu tun, als sei etwas gar nicht da, wenn man Angst davor hat. Nur, meistens ist das genau das Falsche. Als erste bemerkte Daisy die Gefahr.

 

Huch, da vorne ist ein Tier oder so etwas!“

 

Alle starrten gebannt auf den Strahl von Jennies Taschenlampe. Richtig, weiter vorne, dort wo der enge Weg eine kleine Biegung machte, saß etwas Unheimliches. Ein Tier, ähnlich einer riesigen Eidechse, sah sie mit funkelnden Augen an.

 

Vielleicht ist es harmlos“, flüsterte Marie, aber Rosie keuchte „Es hat aber verflucht lange, spitze Zähne, lass uns lieber wegrennen!“

 

Alle bleiben unschlüssig stehen und sahen hilflos zu, wie dieses drachenähnliche Tier Stück für Stück näher kam.

 

Wenn wir wegrennen, weiß es, dass wir Angst vor ihm haben, aber es scheint sich seiner Sache auch nicht ganz sicher zu sein“, flüsterte Jenny und hielt ihre Taschenlampe fest umschlossen. Ihre Hand zitterte und sie befürchtete, die Lampe fallen zu lassen. Dann wäre alles aus gewesen.

 

Gib mir die Lampe“, sagte Elfriede plötzlich, „Bernie, bleib so stehen!“

 

Elfriede nahm die Taschenlampe und trat hinter Bernie. Sie hielt die Lampe genau in Bernies Rücken, sodass Bernies Schatten auf den Teil des Weges fiel, auf dem sich das Ungeheuer aufhielt. Nun blieb es stehen und bewegte drohend seinen Kopf langsam hin und her. Deutlich waren jetzt auf der Mitte seines Kopfes mehrere Zacken zu sehen. Dann drehte es sich um und verschwand. Als erster brach Bernie das Schweigen.

 

Jetzt verstehe ich. Mein Schatten wirkte auf den Drachen natürlich riesig und da hat er gedacht, ich wäre viel größer als er. Also hat er dadurch Angst bekommen.“ „Hoffentlich kommt er nicht so bald zurück, am besten, wir sehen zu, dass wir ganz schnell in die andere Richtung gehen.“

 

Die anderen stimmten Daisy zu und nun ging es den Weg in umgekehrter Richtung. Zwar war der Weg jetzt abschüssig, aber dennoch ging es nicht ganz so schnell wie gehofft, denn wenn hier jemand den Halt verlieren würde, konnte schnell eine Rutschpartie daraus werden. Schließlich wusste keiner, ob in der anderen Richtung vielleicht noch ein solcher Drache auf sie warten würde.

 

Ein gefährlicher Abstieg begann nun. Jeder setzte so vorsichtig es ging einen Fuß vor den anderen und nach einiger Zeit kamen sie etwas besser mit dem ungewohnten Untergrund zurecht.

 

Ich hätte nie geglaubt, dass es hier unten Lebewesen gibt“, begann Susi.

 

Warum denn das nicht“, entgegnete Jenny, die sich sehr gut mit Tieren auskannte, denn immerhin war sie ja die einzige, die die Vogelsprache konnte. „Schließlich gibt es Lebewesen, die tief unten im Meer leben, so weit unten, dass sie nie das Tageslicht sehen. Natürlich ist der Wasserdruck dort enorm und es ist stockdunkel. Kein Mensch könnte es dort aushalten, aber diese Fische schon.“

 

Du meinst, sie können ihre Eltern nie sehen? Das ist ja schrecklich.“

 

Ach, Rosie, natürlich können die sehen. Die haben ein eigenes Elektrofeld, dadurch strahlen sie und können sich durch ihr eigenes Licht zurechtfinden.“

 

 

Schweigend gingen sie weiter und jeder fragte sich, was wohl noch für Gefahren auf sie lauern würden.

 

Wenn es im Meer solche Tiere gab, denen die ewige Dunkelheit nichts ausmachte, was würde dann wohl tief unter der Erde alles möglich sein?