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3. Kapitel

 

- die Teichfee -



Es war ein richtig blöder Morgen. Elfriede gab ihrer Puppe Pupsi einen Tritt.

 

Steh du als erste auf, ich habe keine Lust!“

Nanu, was war in Elfriede gefahren? Ach ja, heute sollte ja Tante Ottilie zu Besuch kommen und das bedeutete Stress.

 



                   Pupsi

 

Räum dein Zimmer auf und pack deine Klamotten aus dem Badezimmer endlich einmal in deinen Schrank. Das sieht unmöglich aus und räum' deinen Kram vom Küchentisch!“

Elfriede ahnte schon jetzt die Worte ihrer Mutter. Immer aufräumen und die Klappe halten, war das alles, wozu Kinder da waren? Kinder waren doch schließlich zum Spielen geboren. Wenn sie doch bloß eine Schwester oder einen Bruder hätte, dann wäre alles leichter. Einer kleineren Schwester, oder noch besser, einem kleineren Bruder könnte man immer die Schuld an allem geben. Außerdem könnte man als ältere Schwester bestimmen, wer aufräumen sollte.

Elfriede seufzte und latschte mürrisch in Richtung Badezimmer. Rudi, ihr Stoffdackel, bekam einen solchen Tritt, dass er neben dem Puppenhaus landete.

Das ist für dein blödes Grinsen!“ rief sie ihm hinterher. Als sie ins Badezimmer kam, stand ihre Mutter vor dem Spiegel und kämmte sich.

 

Gertrude Bommel war im Grunde genommen froh, dass sie bisher von ihrem Töchterlein verschont geblieben war, denn beim Haare machen fühlte sie sich immer schnell gestört.

Guten Morgen übrigens“, begann sie das Gespräch. „Die Sachen, die auf dem Küchentisch lagen, habe ich auf die Treppe gelegt, die kannst du nachher gleich einmal.......“

Das Telefon klingelte. Elfriede atmete auf, aber bestimmt gab es nur ein paar Minuten Aufschub.

Paul Bommel! Sitzt du auf den Ohren? Das Telefon klingelt!“ rief ihre Mutter.

 

Unten war ein Poltern und ein Gefluche zu hören, offensichtlich war Papa Bommel auf dem Weg zum Telefon ein Missgeschick passiert. Elfriede lauschte, aber leider war nichts zu hören. Kurz darauf kam Papa Bommel die Treppe herauf gestürmt.

Tante Ottilie war das“, begann er. „Sie kann leider nicht kommen, weil sie sich den Hals verrenkt hat! Bestimmt hat sie mal wieder andere Leute belauscht, ha, ha!“

 

Bommel wirkte sichtlich vergnügt und das nicht ohne Grund. Es war kein Geheimnis, dass Tante Ottilie dem armen Bommel immer wieder die Hölle heiß machte. Bommel seinerseits hatte die Ottilie noch nie ausstehen können. Nachdem er sie auf der Hochzeitsfeier von Tante Agathe eine alte, keifende Eule genannt hatte, ließ Ottilie keine Gelegenheit aus, Bommel schlecht zu machen.

 

Auch Elfriede war zufrieden. Sie ging zurück in ihr Zimmer, holte Pupsi und Rudi hervor und begann, durch das Zimmer zu tanzen. Leider übersah sie den kleinen Holzwürfel und wer schon einmal barfuß auf einen harten Gegenstand getreten ist, der kennt den Schmerz. Elfriede schrie auf und der ewig grinsende Rudi flog zum zweiten Mal an diesem Tag in Richtung Puppenhaus. Diesmal räumte er die Eingangstür ab. „Papiiiiiiiiii!“ Elfriede war entsetzt – ihr schönes Puppenhaus war beschädigt.

 

Bommel kam angestürmt: „Was ist los, Elfriedchen? Warum schreist du?“

Papi, die Tür ist kaputt, kannst du die heil machen, bitte!“

Bommel reckte die Schultern vor und lächelte.

Selbstverständlich, das ist doch eine Kleinigkeit für deinen Papi, das habe ich im Handumdrehen..... ahhhhh, verdammt, au!“

Der Holzwürfel! Da auch Papa Bommel keine Hausschuhe trug und ohnehin etwas übergewichtig war, tat es besonders weh. Stöhnend hüpfte Bommel durch das Kinderzimmer, stolperte über Rudi und fiel auf den kleinen Holzstuhl der krachend zusammenbrach.

 

Ach, Papi, wenn du schon mal dabei bist, kannst du gleich den Stuhl leimen? Aber vorher ruf doch mal bei Frau Petersen an, ob Daisy heute Zeit hat!“

 

Nun war Elfriedes Laune erheblich besser und sie ging sich anziehen.

 

Schon wenig später war Elfriede auf dem Weg zu Daisy. Alle warteten bereits und Rosie platzte gleich los:

Wir gehen in den Zauberwald, beeil dich!“

Tut mir leid“, entgegnete Elfriede, „aber ich musste wenigstens ein Brötchen frühstücken, damit ich nicht umfalle!“ Alle lachten, nur Rosie schüttelte den Kopf, „Ein Brötchen? Das ist nichts, wenn ich nicht wenigstens zwei...“

 

Wollen wir jetzt losgehen, oder wollen wir über deine Essgewohnheiten diskutieren?“ bemerkte Berta schnippisch. Rosie wollte gerade etwas antworten, als Jennie sie am Ärmel packte und einfach mit sich zog. Vorbei ging es an der Bushaltestelle hin zu dem kleinen Weg, der direkt in den Zauberwald führte. Zunächst passierte nichts Aufregendes, bis unsere Freunde zu einem Teich kamen. Das heißt, eigentlich sollte an der Stelle einer sein. Jedenfalls meinte Jennie, dass auf ihrer Karte einer eingezeichnet sei.

Na ja, ein trockener Tümpel ist nun wirklich nichts besonderes“, sagte Daisy, „allerdings sind da noch ein paar Pfützen drin, kommt, lasst uns weitergehen“

 

Sie ging mit Jenny und den beiden Schweinen weiter. Susi, Marie, Bernie und Norbert waren damals noch nicht dabei, denn die waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal im Kindergarten.

 

Elfriede aber sah sich noch einmal genauer um. Sie drückte Pupsi fest an sich und ging ein paar Schritte näher an den fast ausgetrockneten Teich heran. Ihr war, als hörte sie eine leise Stimme rufen. Ohne zu zögern zog sie ihre Schuhe aus, setzte Pupsi in einen der Schuhe und deckte sie mit ihren Strümpfen zu. Dann ging sie vorsichtig durch den Schlick, der einmal der Grund des Teiches gewesen war. Richtig, da vorne zwischen dem dichten Schilf bewegte sich etwas. Elfriede nahm all ihren Mut zusammen und ging noch ein paar Schritte näher.

 

Hilfe, ich kann nicht mehr!“ Elfriede erschrak, doch im nächsten Moment lief sie zu den Schilfpflanzen hin. Der Schlick unter ihren Füßen klang, als würde sie jedes mal auf einen armen Frosch treten, solche Geräusche machten ihre Schritte. Da, nun sah sie es ganz deutlich, da lag jemand mitten im Schilf.

Kann ich helfen?“, fragte Elfriede mit zitternder Stimme und sah nun, wer da lag. Ein Mädchen, vielleicht ein paar Jahre älter als sie, mit langem, blonden Haar.

Bitte hilf mir, ich brauche Wasser“, stammelte das blonde Mädchen.

Ich schätze, du brauchst erst mal ein Handtuch und ein paar warme Sachen zum Anziehen“, entgegnete Elfriede.

Nein, nein, Wasser“, stöhnte das Mädchen. „Ich lebe hier, ich bin die Teichfee und die böse Hexe hat all mein Wasser fortgezaubert. Nun werde ich hier verdursten, denn ich brauche das Wasser zum atmen. So wie du die Luft!“

 

Elfriede war erschüttert und als sie sich umsah, bemerkte sie Daisy und Jennie, die umgekehrt waren, um nach ihrer Freundin zu suchen.

Schnell, wir müssen Wasser holen, sonst stirbt die Teichfee!“

Woher denn bloß, es gibt hier weit und breit keines“, rief Jenny, „höchstens am Bach, aber der ist weit weg!“.

Elfriede überlegte: „Das Hexenhaus ist nicht weit fort von hier, dort gibt es bestimmt Wasser. Wir müssen dorthin, es gibt keine andere Möglichkeit, die Teichfee zu retten!“

Daisy und Jenny blieben unschlüssig stehen, sie trauten sich nicht. Elfriede schien das Herz zu zerspringen, so aufgeregt war sie.

 

Wir müssen was tun, sonst stirbt sie, ich werde es alleine versuchen!“

Warte“, rief die Teichfee, „nimm diesen Ring und steck ihn auf deine linke Hand. Wenn du ihn zweimal nach links drehst, wirst du unsichtbar und die böse Hexe kann dich nicht sehen.“

 

Elfriede nahm den Ring, steckte ihn auf ihre linke Hand und wollte loslaufen, als die Teichfee ihr nachrief: „Warte noch, wie ist dein Name?“

Ich heiße Elfriede und das sind Daisy, Jennie, Rosie und Berta“.

Danke Elfriede, vielen Dank, auch wenn du es nicht schaffen solltest, so denke immer daran, dass Irina, die Teichfee, dir immer dankbar sein wird.“

Elfriede lief so schnell sie barfuß überhaupt laufen konnte und immer wieder schrie sie vor Schmerzen fast auf, wenn sie auf spitze Steine oder Äste trat. Bald erreichte sie das Hexenhaus,

 

das in einer Lichtung mitten im Wald stand. Es sah unheimlich und finster aus. In der Nähe waren die drohenden Laute einer Krähe zu hören, als Elfriede den Ring zweimal nach links drehte. Nun konnte sie nur noch beten, dass sie wirklich unsichtbar war. Sie näherte sich der Tür des Hexenhauses. Sie stand direkt davor, als plötzlich die Tür aufging und die Hexe mit einem Korb in der Hand herauskam. Elfriede war vor Schreck völlig starr, als die böse alte Hexe direkt vor ihr stand.

Ich werde alt“, sagte die Hexe. „Nun habe ich doch tatsächlich die Fliegenpilze für die Krötensuppe vergessen. Na, hoffentlich muss ich nicht so weit laufen, um welche zu finden!“

Die Hexe ging so dicht an ihr vorbei, dass Elfriede deutlich den Geruch von Moder und Knoblauch wahrnehmen konnte. Sie wartete noch ein paar Minuten, bevor sie in das Hexenhaus hinein ging. Als sie drinnen war, lief sie zum Wasserhahn und drehte ihn weit auf. Es dauerte nicht lange und das Wasser schoss über das Waschbecken hinaus auf den Boden und lief weiter bis zur Tür. Von dort aus lief es in den Wald hinaus.

 

Elfriede schnappte sich einen Eimer, der in einer Ecke stand. Sie füllte ihn voll Wasser und rannte so schnell sie konnte zum Teich zurück. Sofort gab sie Jennie den Eimer und legte sich dann erschöpft hin. Während Jennie die Teichfee Irina mit dem Wasser versorgte, kümmerte sich Daisy um die erschöpfte Elfriede.

Schnell“, keuchte Elfriede, „nimm einen dicken Stock und mach eine Rinne vom Teich in Richtung Hexenhaus. Wenn ich richtig schätze, wird da bald Wasser angerauscht kommen.“

Daisy fragte nicht lange, sondern tat, wie ihre Freundin gesagt hatte. Tatsächlich, nach ein paar Minuten hatte das Wasser aus dem Wasserhahn des Hexenhauses den Teich erreicht. Langsam füllte sich der Teich wieder mit Wasser. Nun hieß es für die Mädchen nur noch abwarten, bis er wieder ganz gefüllt war. Alle wussten, dass irgendwann die Hexe wieder in ihr Haus zurückkehren und die Bescherung merken würde. Sicher würde sie sofort den Wasserhahn zudrehen. Richtig, nach und nach kam immer weniger Wasser. Elfriede machte sich bereit. Sie nahm einen dicken Stock, drehte den Ring zweimal nach links und wartete. Daisy, Jenny und Irina hatten sich versteckt, während die unsichtbare Elfriede wartete. Von Rosie und Berta war schon lange nichts mehr zu sehen, sie hatten sich im Tannenhain versteckt. Es dauerte auch nicht lange, da war das giftige Keifen der alten Hexe zu hören. Die Hasen, Eichhörnchen und alle Tiere des Waldes flüchteten so schnell sie konnten, denn eine wütende Hexe ist das schlimmste, was es gibt. Als sich die Alte dem Teich näherte, schrie sie vor Wut laut auf.

Das hast du dir so gedacht, aber jetzt werde ich dich ein für alle Mal bestrafen!“

Sie nahm ihren Hexenstab und richtete ihn auf die Teichfee. Doch dann geschah etwas, was keiner erwartet hatte: der Stab flog ihr plötzlich aus der Hand und die Hexe schrie laut auf. Im nächsten Moment bekam sie einen solchen Schlag auf den Hintern, dass sie in den Dreck fiel. Kaum war sie aufgestanden, kamen die nächsten Schläge. Die Hexe schrie laut und rannte um ihr Leben.

 

Die kommt so schnell nicht wieder“, meinte Elfriede. „Vielleicht traut sie sich jetzt nicht mehr hierher, was meinst du, Irina?“

Erst mal werde ich wohl keinen Ärger mehr mit ihr haben. Ihr müsst wissen, ich bin eine gute Fee und das kann die Hexe nicht ausstehen. Ihr aber könnt von heute ab immer mit mir rechnen. Elfriede, ich bitte ich, diesen Zauberring als Belohnung zu behalten.“

 

Noch lange saßen die vier zusammen und als es dunkel wurde, verließen Elfriede und ihre Freundinnen den Zauberwald.

 

 

Elfriede seufzte und stand auf. Das war alles schon ein paar Jahre zurück, aber den Ring würde sie niemals hergeben. Doch nun schien auch er ihr nicht mehr zu helfen. Ihre Freunde hatten ebenfalls keine Ahnung, wie sie aus dem verschlossenen Fahrstuhl im Bergwerk wieder herauskommen sollten.