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2. Kapitel

 

- Das unheimliche Bergwerk -

 

 

 

Der letzte Teil ihres Weges führte unsere Freunde über einen kleinen Hügel hinab zum Fuße eines Berges, vorbei an ein paar Tannen bis zum Eingang des ehemaligen Bergwerks. Bommel, Elfriedes Vater, hatte oft erzählt, dass er als kleiner Ottifant mit seinem Vater dort schon einmal drin gewesen war, denn sein Vater wiederum hatte dort gearbeitet. Bommel hatte auch berichtet, dass damals ein Fahrstuhl bis nach ganz unten geführt hatte und dass keiner so genau wusste, wie tief der Schacht war.

 

Manche Leute behaupteten, er würde fast bis zum Mittelpunkt der Erde gehen, manch einer sogar wusste zu berichten, der Schacht reiche bis Australien. Aber das waren natürlich alles nur solche Geschichten, mit denen sich manche Erwachsene einfach nur wichtig machen wollten. Bommel hatte auch erzählt, dass sein Freund Fred, der ja viel herumkam, gesagt habe, der Schacht würde zu etwas Unheimlichem führen und sei deshalb geschlossen worden. Aber an solch einen Quatsch, auf den nur Erwachsene kommen, dachte keiner von unseren Freunden.

 

 

Der Eingang war mit Holzbrettern zugenagelt worden, allerdings hatten Wind und Wetter ihre Spuren hinterlassen. Viele der

Nägel waren verrostet und ein paar Bretter hingen schon lose herab.

 

Daisy und Bernie zogen an den Brettern und im Nu entstand eine Öffnung, durch die sogar Rosie passte. Endlich waren sie im Trockenen. Es war dunkel und kalt. Sie versammelten sich alle im vorderen Teil des Bergwerks. Hier waren sie in Sicherheit. Ein paar Blitze tauchten hin und wieder den Raum in solch eine Helligkeit, dass Bernie und seine Freundinnen die Augen schlossen. Der Donner war inzwischen so laut geworden, dass der Boden unter den Füßen zitterte.

Wie wär's, wir gehen noch ein bisschen weiter nach hinten, da ist es vielleicht gemütlicher? Ich habe meine Taschenlampe dabei“, meinte Jenny, knipste ihre Taschenlampe an und leuchtete in den hinteren Teil des Eingangs. Ein breiter Gang schien tiefer in den Berg zu führen und als keiner etwas einzuwenden hatte, ging es durch den Schacht immer tiefer in den Berg. Draußen tobte das Gewitter. Rosie und Marie, die noch ihre Sachen einsammelten, sahen noch einmal durch die Öffnung nach draußen. Etwa 30 Meter entfernt stand eine mächtige, alte Eiche. Plötzlich war alles in gleißendes Licht gehüllt, so hell, das es für einen Moment taghell in der Höhle wurde. Der Donner, der nun einsetzte war so laut, als würde ein Flugzeug auf sie herabstürzen. Die riesige Eiche war verschwunden! Schreiend rannten die beiden ihren Freunden hinterher.

Was war das?“ Fragte Marie atemlos.

Der Blitz muss in den großen Baum eingeschlagen sein“, erwiderte Jenny und fügte leise hinzu: „ich habe ja gesagt, hohen Bäumen soll man weichen...“

 

Schweigend gingen unsere Freunde vorsichtig weiter in das verlassene Bergwerk hinein. Natürlich wusste keiner, was dort auf sie wartete, aber es war auch klar, dass dies der einzige Weg war, den sie gehen konnten. Zum Eingang wollte niemand wieder zurück, zumindest jetzt nicht, wo draußen das Gewitter tobte.

 

Was passiert eigentlich, wenn ein Blitz einschlägt?“ fragte Rosie mit ihrer typischen heiseren Stimme.

Also“, begann Daisy, „Blitz ist ja Strom und zwar besonders starker. Wenn solch starker Strom auf Holz trifft, ist die Wucht so doll, dass der Baum auseinander fliegt und weil Strom ja auch Hitze ist, fängt er gleich an zu brennen.“

 

Rosie räusperte sich: „Der Strom?“

Unsinn, der Baum aus Holz natürlich!“ antwortete Berta verärgert. „Du hörst auch nie zu, genau wie neulich, als die Lehrerin gesagt hat, du sollst den Tafellappen nass machen und neue Kreide holen und was machst du? Du kommst mit nasser Kreide wieder und den Lappen hattest du im Sekretariat abgegeben. Die Lehrerin hat sich den Fingernagel abgebrochen, als sie damit was an die Tafel schreiben wollte. Außerdem hattest du deine Hausaufgaben nicht gemacht und am nächsten Tag...“

Schscht... seid mal leise, da vorne ist etwas!“ Jennie blieb stehen. Sie leuchtete mit ihrer Taschenlampe, um besser sehen zu können. Ein paar Schritte entfernt war ein großer Holz-kasten, an dessen Seiten so etwas wie Maschendraht befestigt war. Langsam, ganz langsam ging sie weiter. Die anderen folgten ihr zögernd.

Das sieht aus wie ein alter Fahrstuhl“, meinte Bernie, „sicher ist der früher benutzt worden, um die Bergarbeiter in den Schacht nach unten zu befördern.“

Rosie zog an etwas, das wie ein verrosteter Haken aussah. Kreischend ging eine Tür auf und als sich alle von dem Schreck erholt hatten, grunzte Berta:

Typisch, immer mit den Wurstfingern überall rumfummeln, deinetwegen kommen wir noch in Teufels Küche!“

Rosie guckte erschrocken:

Du meinst, der Schacht geht so tief runter? Bis zum Teufel?“

Berta rollte genervt mit den Augen, wollte etwas sagen, aber ließ es dann doch. Elfriede und Bernie waren inzwischen dabei, den alten Fahrstuhl zu begutachten. Im Inneren waren eine Kurbel und verschiedene Knöpfe, alles sah sehr interessant aus. Es dauerte nicht lange und auch die anderen hatten ihre Scheu überwunden. Bald wurde es eng im Fahrstuhl, weil alle gucken wollten. Elfriede sah sich nach allen Seiten um und irgendwie hatte sie das Gefühl, das noch etwas passieren sollte.

 

Elfriede sollte sich nicht täuschen, denn Rosie, die als letzte in den Fahrstuhl eingestiegen war, lehnte sich gegen die Fahrstuhltür und krachend fiel die Tür ins Schloss. Elfriede fühlte, wie ihr der Angstschweiß den Nacken hinunterlief. Sie sprang zur Tür und wollte den Türgriff packen, aber da war nichts, kein Griff, kein Drehknopf, nichts. Berta ergriff als erste das Wort: „Wahrscheinlich konnte der Fahrstuhl aus Sicherheitsgründen nur von außen geöffnet werden. Gar nicht so dumm, dadurch konnten Unfälle vermieden werden, denn falls es damals schon solche Blindgänger wie dieses Schwein da gab, da hätte wer weiß was passieren können!“

Aber ich wollte doch nur, ich meine, meine Füße tun so weh und ich...“

Passiert ist passiert”, bemerkte Daisy. „Lasst uns lieber sehen, wie wir hier wieder rauskommen, bestimmt ist das Gewitter vorbei und wir können nach Hause.“

 

Die Aussicht, endlich wieder zurück ins Aubachtal zu kommen, beflügelte alle. Bernie und Susi untersuchten die Ecken, Daisy und Elfriede die Tür, Jennie und Marie den Boden und Rosie und Berta stritten sich. Nach fast zwei Stunden sanken alle ermattet auf den Boden des Fahrstuhls.

Das Ding ist so solide gebaut, das sollte bestimmt auch einen Absturz aushalten. Bloß, für uns bedeutet das: wir kommen nicht raus aus diesem Gefängnis!“ Jennie schüttelte verzweifelt den Kopf und Elfriede fügte leise hinzu: „Jedenfalls noch nicht.“

 

Elfriede machte es sich auf dem harten Boden etwas bequemer und dachte nach. Schön, sie waren hier gefangen und wussten nicht, wie es weiterging. Aber das hatte doch nichts zu bedeuten, oder? Schließlich waren sie schon oft in Situationen gewesen, aus denen es scheinbar keinen Ausweg gab. Nur diesmal kam hinzu, dass es sehr lange dauern könnte, bis sie jemand finden würde, denn schließlich waren sie von ihrem geplanten Weg abgewichen.

 

Wie sollten ihre Eltern sie da wieder finden? Und selbst wenn ihre Eltern oder die Polizei sie hier finden würden, vielleicht wären sie dann schon verhungert, denn Vorräte hatten sie nicht. Der Zauberring! Elfriede fuhr ein warmer Schauer über den Rücken, aber sogleich verwarf sie den Gedanken wieder. Was könnte der Zauberring ihnen schon hier nützen? Das Zauberfläschchen ja, aber der Ring?

Elfriede spielte an dem Ring, bis Daisy schließlich rief: „Bitte, Elfriede, hör auf damit. Wenn du dich unsichtbar machst, kriege ich noch mehr Angst!“

Entschuldige, ich war ganz in Gedanken, tut mir leid!“ Elfriede erschrak und ließ den Zauberring los. Ihre Gedanken wanderten zurück. Wie war das damals noch, als sie den Zauberring bekam?