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1. Kapitel

 

- Ein blöder Ausflug -

 

 

Aua!“ Rosie blieb stehen und guckte auf den Boden. „Nun habe ich mir schon wieder den Fuß gestoßen, wann sind wir endlich zu Hause? Ich kann nicht mehr!“

 

Berta verdrehte die Augen als sie antwortete: „Wie oft soll ich dir das noch sagen, ich weiß es nicht. Außerdem hättest du ja vernünftige Schuhe anziehen können, aber nein, auf mich hört ja kein Schwein!“ Rosie presste die Lippen zusammen und überlegte. Siedend heiß fiel ihr ein, dass da ja noch ein Rest von der Schokolade war, die ihre Mutter ihr mitgegeben hatte. Voller Erwartung griff sie in ihre Hosentasche und spürte etwas Matschiges, Warmes. Die Schokolade war geschmolzen.

 

Nein, das kann doch nicht wahr sein, wir müssen alle verhungern!“ jammerte sie.

 

Was ist denn nun schon wieder los?“ wollte Berta wissen und sah zu Rosie hin. Als sie Rosies braune Finger mit den Resten von Schokoladenpapier sah, fügte sie schnippisch hinzu:

 

Ach, eigentlich will ich es gar nicht wissen und selbst wenn, ein bisschen abnehmen würde dir sowieso gut tun. Aber ob ich dir das sage oder die Linde rauscht...“

 

Nun hört mal auf zu streiten, ihr beiden“, mischte sich Elfriede ein. „Hebt eure Puste lieber für den Rest des Weges auf, wir haben es ja bald geschafft.“

 

Langsam trotteten unsere Freunde weiter über den Feldweg. Sie waren nun schon seit Stunden unterwegs und ihre Beine mochten sie nicht mehr so richtig tragen. Es sollte ein richtig schöner Ausflug werden, aber es war mal wieder ganz anders gekommen. Bommel hatte sie mit seinem alten Auto alle zum Feldberg gebracht und war dann wieder alleine zurück nach Hause gefahren. Der Wetterbericht hatte an diesem Morgen von Sonnenschein berichtet und deshalb wollten die Ottifanten Elfriede, Daisy, Jenny, Marie, Susi und Bernie mit ihren Schweinefreundinnen Rosie und Berta eine Wanderung vom Feldberg bis zurück nach Aubachtal machen. Norbert war zu Hause geblieben. Er hatte vor ein paar Tagen die Masern bekommen. Dass Norbert nicht dabei war, war auch nicht weiter schlimm, denn sonst hätten unsere Freunde wohl einen Bollerwagen mitnehmen müssen, weil der kleine Norbert nun wirklich nicht gut zu Fuß war. Nur Rosie bedauerte es, denn hätten sie einen Bollerwagen mitgenommen, dann wäre doch sehr viel Platz für Proviant vorhanden gewesen und wer weiß, vielleicht müsste Rosie mit ihren kaputten Füßen jetzt nicht mehr laufen. In so einem Bollerwagen wäre doch genug Platz und wenn nicht, den Proviant hätte sie auch bestimmt schnell beseitigt und dann wäre bestimmt genug Platz gewesen für sie und Norbert. Aber nein, der blöde Kerl musste natürlich unbedingt jetzt die Masern kriegen.

 

Was sagt die Karte, Jenny?“ Elfriede unterbrach Rosies Gedanken.

 

Mal sehen“, entgegnete Jenny während sie in der Karte hin und her blätterte. „Wir müssten in der Nähe vom alten Bergwerk sein. Von dort aus sind es noch zwei Kilometer!“

 

Zwei Kilometer, oh je, der Weg nimmt ja gar kein Ende“, bemerkte Marie. „Sag mal Daisy, hast du nicht das Handy von deinen Eltern mitgenommen, dann könntest du doch Elfriedes Papa anrufen?“

 

Nein, habe ich nicht, aber ich glaube, ich habe dafür eine Blase an der linken Hacke, wollen wir nicht eine Pause machen?“

 

Elfriede nickte. „Ja, ich finde, wir setzen uns da vorne ins Gras, das sieht gemütlich aus!“

 

Mit einem lauten Seufzer und einem noch größerem Plumps ließ sich Rosie ins Gras fallen, während ihre Freunde sich ebenfalls hinsetzten. Keiner hatte noch Lust weiter zu laufen.

 

Die Füße taten weh, der Hunger war groß und die Müdigkeit nahm von Minute zu Minute zu. Die Luft war mild und der böige Wind, der ihnen schon die ganze Zeit entgegengekommen war, hatte nun endlich nachgelassen. Ein paar Vögel zwitscherten und alles um sie herum war ganz friedlich. Susi holte noch ein paar Kekse heraus und jeder bekam welche ab. Schnell war die Tüte leer. Wenigsten ließ der Hunger jetzt etwas nach und unsere Freunde machten es sich gemütlich.

 

Es dauerte auch nicht lange und einer nach dem anderen schlief ein. Bis auf Rosie, denn erstens taten ihre Füße doch ziemlich weh und zweitens war sie noch damit beschäftigt, die

 

 Taschen ihrer Hose umzudrehen und die Reste der Schokolade abzulutschen. Es war nicht sonderlich lecker, denn ständig hatte die arme Rosie irgendwelche Fusseln im Mund. Nachdem sie die klebrige Schokolade so weit wie möglich abgelutscht hatte, legte sie sich erschöpft neben Berta.

 

Gerne wäre Rosie nun auch eingeschlafen, aber immer noch hatte sie Fusseln von ihrer Hosentasche im Mund. Ach, wenn sie doch bloß schon wieder zu Hause wäre, bei ihrer Mami. Rosie dachte an all die leckeren Mittagessen, die ihre Mutter zu kochen pflegte. Oh, was würde sie für Speckkartoffeln mit Vanillesoße geben! Vielleicht würde sie auch ihrem kleinen Bruder einmal was abgeben. Sie dachte an ihren kleinen Bruder Alfons.

 

Alfons konnte noch nicht laufen, konnte noch nicht sprechen und war überhaupt zu gar nichts nütze. Er sabberte den ganzen Tag und nachts machte er Krach. Rosie hatte es noch nie verstanden, warum all die Tanten, Omas und Freundinnen ihrer Mutter soviel Aufheben um diesen kleinen Windelstinker machten. Ei, Alfons, guck mal, Alfons sag mal Mama, sag mal Tante Agathe, sag mal Oma Else, Alfons rülps mal, ach wie niedlich.

 

Eines Tages war der Moment für Rosies Rache gekommen. Endlich waren alle gegangen und Rosies Mutter hatte sich einen Augenblick auf das Sofa gelegt, um Kraft für ihre tägliche Lieblingsbeschäftigung, das Hausputzen zu sammeln, Leise schlich sie zu ihrem kleinen Bruder. Nichts ahnend lag der in seinem kleinen Bett und brabbelte wirres Zeug vor sich hin. Dann und wann verlor er seinen Schnuller, aber jedes Mal gelang es ihm, den Schnuller wieder einzufangen.

 

Rosie schloss die Tür ihres gemeinsamen Kinderzimmers. Sie nahm ein langes Gummiband und knotete es an dem Bücherregal über Alfons Bett an. Das andere Ende befestigte sie so an dem Schnuller, dass das Gummiband sehr straff war. Dann setzte sich Rosie auf ihr Bett und sah zu, wie Alfons wieder anfing, irgendwas zu brabbeln und sah zufrieden zu, wie der Schnuller nach oben schoss, als Alfons den Mund etwas öffnete. Alfons fing sofort an zu plärren, doch Rosie blätterte in einem ihrer Kinderbücher, während ihr Brüderchen verzweifelt nach seinem Schnuller fischte. Es dauerte ein paar Minuten und er hatte seinen heiß geliebten Schnuller wieder eingefangen. Völlig fertig von dieser ungewohnten Anstrengung, schloss Alfons nun die Augen um zu schlafen, doch kaum war er eingenickt, flog der Schnuller erneut aus seinem Mund und das Spielchen begann von vorne.

 

Rosie sah fasziniert zu, wie ihr kleiner Bruder ein ums andere Mal einnickte. Der Schnuller schoss jedes Mal nach oben und wurde nach minutenlangen Kämpfen eingefangen und so ging es immer weiter. Zufrieden hörte Rosie, dass ihre Mutter inzwischen die Wohnung im unteren Stockwerk saugte. Toll, wenn Frau Schweinebacke nämlich erst einmal mit dem Staubsaugen angefangen hatte, dauerte es meistens sehr lange, bis sie damit fertig war, denn Sauberkeit war schließlich für eine Schweinemutter das oberste Gebot. Schließlich sind Schweine weitaus besser als ihr Ruf. Rosie holte noch eine Tafel Schokolade hervor und sah genüsslich dem Treiben des kleinen Alfons zu.

 

Wetten, mein kleiner Freund, dass du heute Nacht keinen Krach machen wirst?“ Spöttisch guckte Rosie zu Alfons hinüber, der verzweifelt versuchte, den Schnuller wieder in seinen Mund zu stecken. „Ich wette, so gut wie heute wirst du nie wieder schlafen, recht anstrengend so eine Schnullerangelei, was? Jedenfalls werde ich heute Abend noch ein paar Kassetten hören, keine Sorge, du darfst mithören, ich mache es etwas lauter für dich!“

 

So trieb sie ihr Spielchen eine ganze Weile, bis sie plötzlich ihre Mutter rufen hörte: „Rosie!“

 

Gerade in dem Moment flog Alfons der Schnuller zum wiederholten Male aus dem Mund und er schrie los wie am Spieß. „Rosie, was machst du schon wieder mit dem armen Alfons?“

 

Schnell sprang Rosie von ihrem Bett, rannte zur Tür und öffnete sie.

 

Nichts, Mami, ich habe ihm gerade ein paar Bilder aus meinem Barbiebuch gezeigt, dein Geschrei hat ihn so sehr erschreckt! Schade Mami, fast wäre er eingeschlafen, der arme Kerl!“

 

Frau Schweinebacke war die Treppe schon halb herauf-gekommen, blieb nun aber stehen und flüsterte:

 

Oh, entschuldige, Rosielein, das tut mir leid, ich wollte nur sagen, dass ich noch einmal zum Einkaufen gehe. Wahrscheinlich gucke ich noch bei Frau Puhvogel vorbei. Soll ich dir etwas Leckeres mitbringen als Belohnung, ein so guter Babysitter soll ja schließlich auch etwas kriegen?“

 

Rosie überlegte kurz: „Na ja, eine Packung Pralinen wäre gurkenhammerstark, jedenfalls eine kleine!“

 

Frau Schweinebacke lachte leise.

 

Na gut, eine kleine werde ich wohl schon finden, also bis dann!“ Endlich ging sie die Treppe hinunter.

 

Im Nu war Rosie wieder aufs Bett geklettert und sah aus dem Fenster wie ihre Mutter fortging. Uff, das war ja noch einmal gut gegangen. Überhaupt, wenn sie noch zu der blöden Puhvogel, dieser geschwätzigen Ziege, ging, dann würde es ja noch dauern, bis sie wiederkommen würde. Sie sah zu ihrem Bruder, der tatsächlich ohne Schnuller eingeschlafen war.

 

He, das gilt nicht, mein kleiner Liebling, wir haben jetzt Unterricht! Jeder Schüler, der nicht aufpasst, kriegt einen kalten Waschlappen ins Gesicht und das möchte doch hier keiner, oder? Glaubst du etwa, mir bringt so etwas Spaß?“

 

Nachdem Rosie im Badezimmer verschwunden und wenig später mit einem feuchten Lappen wiedergekommen war, wurde es auch für Alfons Zeit, wieder aufzuwachen, denn kleine Kinder mögen bekanntlich kein kaltes Wasser.

 

Wer wird denn so schreien, mein kleiner Freund? Pass jetzt gut auf, wir lernen jetzt sprechen, also hör genau zu: O-m-a E-l-s-e- d-o-o-f, O-m-a E-l-s-e- d-o-o-f, O-m-a E-l-s-e- d-o-o-f, A-g-a-t-h-e s-t-i-n-k-t, A-g-a-t-h-e s-t-i-n-k-t, ist doch wirklich einfach, also noch einmal von vorne....“

 

Und so vertrieb Rosie ihre Zeit, indem sie sich für all die nächtliche Ruhestörungen rächte. Schließlich fand sie es gemein, dass der kleine Pampers-Stinker nachts Krach machte und sich dafür am Tage ausruhen durfte. Ach, wenn er doch endlich ein paar Worte sagen könnte, am besten die, die Rosie ihm beigebracht hatte. Natürlich nur dann, wenn die ganze Familie versammelt war und alle mitkriegen konnten, welch ein mieses Kind der süße kleine Alfons war. Ob Tante Agathe und Oma Else dann überhaupt noch wiedergekommen würden? Hoffentlich nicht, denn von den beiden hatte Rosie bisher nichts als unbrauchbares Zeug geschenkt bekommen. Schreibhefte oder Buntstifte, wer braucht denn so was? Außerdem, leckere Sachen - wie etwa eine Tafel Schokolade - hatten die beiden ohnehin noch nie mitgebracht, völlig daneben so etwas und ......... he, wieso wurde Rosie im Gesicht auf einmal nass? Hatte Alfons sie etwa mit dem Waschlappen ...?

 

Rosie wischte sich über das Gesicht und langsam dämmerte ihr, dass sie eingenickt war. Neben ihr nahm sie schemenhaft Berta wahr, die ihre Sachen zusammenraffte und schimpfte: „So ein Mist, ich denke das Wetter soll heute toll bleiben, aber nein! Ich glaube, wenn ich beim Wetterbericht arbeiten würde, dann...“

 

Erzähl nicht so viel, hilf lieber Rosie, die wird ja gar nicht mehr wach!“ Elfriede trieb sie zur Eile an, denn es hatte angefangen, in Strömen zu regnen. In dem wilden Durcheinander versuchte jeder seine Sachen einzusammeln, um schnell Schutz unter einem nahe gelegenen Baum zu finden. Als sie endlich alle dort versammelt waren, rief Jenny plötzlich: „Oh, verdammt, wir sind ja unter einem Baum!“

 

Na und, es ist doch ziemlich Wurst, ob das ein Baum oder Gemüseladen ist, Hauptsache mein schönes Kleid wird nicht noch nasser!“, bemerkte Berta ziemlich spitz.

 

Elfriede schaute sie entgeistert an.

 

Schön, wenn du gerne gegrillt werden möchtest, habe ich nichts dagegen, aber hast du vielleicht die Blitze da hinten gesehen?“

 

Berta kniff die Augen zusammen und sah in die Ferne.

 

Ja, glaubst du denn, die können uns was anhaben? Dieser Baum ist eine Buche. Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du suchen, heißt es. Und warum? Weil Buchen sehr flache Wurzeln haben!“

 

Jenny verdrehte die Augen im Kopf und erklärte: „Wie jeder weiß oder zumindest wissen sollte, ziehen hohe Bäume die Blitze regelrecht an. Dabei ist es egal, ob sie tiefe Wurzeln haben und ob es Eichen oder Buchen sind. Es geht um den Wassergehalt, genau darauf sind die Blitze scharf! Übrigens haben Buchen Pfahlwurzeln und die sind nicht flach.“

 

Berta guckte verlegen zu Boden und murmelte, dass sie das natürlich wisse, aber momentan vergessen habe.

 

Wollen wir noch lange diskutieren“, fragte Bernie „oder wollen wir zum stillgelegten Bergwerk laufen? Bestimmt können wir uns da unterstellen.“

 

 

Einen Moment sahen Elfriede und Daisy einander an. Dann nickten sie und liefen los. Der Wind peitschte unseren Freunden entgegen und der Regen prasselte auf sie herab, während das Grollen des Donners immer lauter wurde. Sie rannten über den steinigen Weg, immer darauf bedacht, nicht auf dem rutschigen Boden hinzufallen. Platsch, hörte Bernie und sah Berta neben sich hinfallen.

 

Mein schönes Kleid, oh weh, wie sehe ich bloß aus! So kann ich nicht weiterlaufen!“ Bernie blieb stehen.

 

Wünscht die Dame eine Generalüberholung? Bitte folgen Sie mir in die Werkstatt zum alten Bergwerk!“

 

 

 

 

Er hielt Berta die Hand hin, aber Berta dachte nicht daran, sich helfen zu lassen. Ärgerlich rappelte sie sich wieder auf ihre kurzen Schweinebeine, aber im nächsten Moment rutschte sie wieder weg und lag der Länge nach auf dem Boden. Diesmal ließ sie sich von Bernie hochhelfen. Allmählich kam das alte Bergwerk in Sicht. Dunkel und unheimlich wirkte es aus der Ferne, während der Donner lauter und die Blitze immer heller wurden.