Kapitel 30

Der große Khan

 

"Halt mich fest, Tuffi", keuchte Flecki und starrte entsetzt auf den Bürgermeister, der die blöde Idee hatte, sich selbst als Khan zu bezeichnen, "was ist denn nun schon wieder schiefgelaufen? Geht denn das ganze Theater noch einmal von vorne los?"

"Wer ist denn überhaupt dieser Khan?" fragte Tuffi verwundert, doch Flecki schüttelte nur den Kopf.

"Ich habe keine Ahnung, vielleicht wissen die Rennmäuse oder Lieutenant Uhura etwas von dem."

"Ich will ja nichts behaupten", entgegnete Tuffi, "aber da hat doch der Murksel wieder Mist gebaut. So benimmt sich doch nie und nimmer das Plüschum!"

Flecki antwortete nicht, sondern dachte noch einmal an das, was sie über den Transporter und den Austausch des Musterpuffers in den Datenbänken der Enterprise gelesen hatte. Ob der Bauleiter vielleicht die Pole der Stromversorgung vertauscht hatte? Das würde zumindest erklären, dass statt eines gütigen, mächtigen Wesens nun plötzlich ein machtgieriges, unfreundliches Wesen auf der Brücke saß. Zumindest ließ sich das nach dem ersten Eindruck befürchten. War damit jetzt auch die Rettungsaktion für die Rennmäuse in Gefahr geraten? Sie wusste es nicht, aber sie näherte sich Goldi und teilte ihm ihre Befürchtungen mit. Beide beschlossen, die weitere Entwicklung genau zu beobachten und vorsichtig zu sein.

"He, Sie", brüllte in diesem Moment der Khan-Bürgermeister, "wie sehen Sie aus, und wie laufen Sie da eigentlich herum? Ist Ihnen nicht klar, dass wir uns im Krieg befinden? Da ist Disziplin und angemessenes Aussehen angesagt!"

"Ich hatte einen Unfall", wimmerte Trampel, "da kann ich nichts für."

"Wir sind in unmittelbarer Nähe unseres Heimatplaneten, verehrter Herr Bürger- äh, Imperator", rief in diesem Moment der Anführer der Rennmäuse und deutete auf den Hauptschirm. "Was sollen wir denn nun machen?"

"Alle auf die Plätze!" fauchte der Bürgermeister. "Bereithalten! Ich werde diesen Planeten auslöschen, dem Erdboden gleichmachen und übernehmen!"

Lähmendes Entsetzen breitete sich auf der Brücke aus, und Dodos Stimme war zu hören: "Also das verstehe ich nicht..."

Ein funkelnder Blick des Khan-Bürgermeisters traf den großen Hamster. "Was gibt es da nicht zu verstehen, Navigator? Wagst du es etwa, meine Pläne zu hinterfragen, du Unwürdiger?"

"Ich meine doch nur - also, wenn der Planet ausgelöscht ist, wie kann man ihn dann dem Erdboden gleichmachen, weil da ist dann ja nichts mehr, was man gleichmachen könnte, weil alles ja schon ausgelöscht ist..."

"Genau", mischte sich nun Goldi ein, "und wenn der Planet sowieso platt und vernichtet ist, warum willst du ihn dann übernehmen?"

"Ihr wagt es, meine Entscheidungen anzuzweifeln, ihr Würmer?"

"Aber nein, natürlich nicht", flötete Flecki, "wir sind sozusagen nur unterstützend und beratend anwesend. Übrigens sind wir Hamster und keine Würmer, denn wir gehören zur Gattung der dämmerungsaktiven Nagetiere."

"Genau", warf Goldi ein, "wir bilden eine Unterfamilie innerhalb der Familie Cricetidae, wie jeder Hamster ja bekanntlich weiß. Zu dieser Familie werden übrigens auch die hier anwesenden Rennmäuse gerechnet, wobei natürlich...."

"Schnauze halten!" grölte der sichtlich genervte Khan-Bürgermeister. "Was ich hier plattmache und was ich hier übernehme, ist ja wohl meine Sache, oder?"

"Nicht zwingend, wenn ich das mal beratender Weise anbringen darf", piepste Tuffi. "Weil, der Herr Bauleiter hat das gar nicht gerne, wenn jemand außer ihm etwas plattmacht. Erst letzten Monat hat er gesagt: Wenn hier einer was plattmacht, dann ich, und als dann die Feuerwehr kam..."

"Das interessiert mich alles nicht - wir greifen an!" brüllte der Khan-Bürgermeister und krabbelte auf den Sessel des Captains, um sich dann auf die Mitte der Sitzfläche zu stellen. "Wer sich in den Weg stellt, wird weggepustet!"

"Endlich einmal eine wohlüberlegte, intelligente Vorgehensweise", jubelte Goldi, "aber wie kommen wir dahin?"

"Öhm, wohin?"

"Na, dahin, wo wir alles plattmachen wollen."

"Ja, äh, wieso?" zeigte sich der Khan-Bürgermeister erstmals verunsichert. "Wir haben doch Waffen an Bord mit denen wir den Planeten erreichen können, oder?"

Die gesamte Truppe auf der Brücke hüllte sich in Schweigen. Der Khan-Bürgermeister blickte mit wütender Miene von einem zum anderen. Niemand rührte sich, und niemand sagte etwas. Irgendetwas lief hier schief, soviel war sicher. Natürlich war jeder der Hamster bereit, den Rennmäusen gegen die gemeinen Klingonen-Hamster zu helfen, aber deshalb gleich einen ganzen Planeten zu pulverisieren, das war gegen jede hamstische Ehre und für jeden Hamster völlig undenkbar. Zumindest für jeden normalen Hamster, denn der Bürgermeister schien mal wieder nicht der Herr seiner Sinne zu sein. Schließlich räusperte sich Bauleiter Murksel.

"Das wird wohl nicht funktionieren, denn diese Uhura hat ja gesagt, dass die Waffenkammer abgeschlossen ist, und nur Captain Kirk die aufkriegt."

"Ausreden, alles Ausreden. Maschinist, du weißt sehr wohl, dass die Waffensysteme intakt sind und dass Waffenoffizier Goldi sie bereits ausprobiert hat!"

Die Hamster erschraken, und in den Gesichtern der Rennmäuse war pures Entsetzen zu sehen. Der Khan-Bürgermeister hatte leider Recht, und Murksels Versuch, ihm die wahnsinnige Sache auszureden, war schon im Ansatz gescheitert. Es stimmte, dass die Torpedos einsatzbereit waren, doch Goldi hatte nach seinem 'Missgeschick' die Pfoten davon gelassen. Sogar ihm war klar, um was für eine gefährliche Waffe es sich dabei handelte. Es war nicht auszudenken, was passierte, wenn diese Torpedos auf einem bewohnten Planeten aufschlagen würden. Der Bürgermeister, oder wie er sich jetzt nannte, Khan, musste irgendwie gestoppt werden.

"Mach was, Goldi" flüsterte Flecki so leise sie konnte, damit Khan nicht aufmerksam wurde.

"Mach selbst was, Flecki, dieser Uhu muss wissen, was Sache ist. Wenn Chekov inzwischen die Navigation unter Kontrolle hat, kann er das Schiff zumindest vom Planeten fernhalten, und dieser Khan-Idiot kann nichts machen."

Flecki nickte und näherte sich unauffällig dem Mikrophon der Kommunikationskonsole. Die Gelegenheit war günstig, denn Dodo stellte gerade eine seiner gefürchteten Zwischenfragen, woraufhin der Khan-Bürgermeister einen Wutanfall bekam und schrie, dass er allen zeigen würde, was er mit solchen Idioten wie Dodo anstellen würde. Während Flecki sich immer mehr dem kleinen Knopf näherte, den sie drücken musste, um Lt. Uhura anrufen zu können, verfolgte sie mit großen Augen die Ereignisse, die sich gerade auf der Brücke abspielten.

Der Khan-Bürgermeister stand mit wutverzerrtem Gesicht auf dem Sessel des Captains und streckte seine Pfote in Dodos Richtung. Funken, Blitze waren zu sehen, und elektrische Ströme wurden auf Dodo geschossen. Der große Hamster erstrahlte in hellem Licht und guckte so, wie er immer guckte, nämlich so, als verstünde er nichts. Entsetzte Schreie waren aus den Reihen der Hamster und Rennmäuse zu vernehmen. Nach zehn Sekunden Dauerbestrahlung unterbrach der Khan-Bürgermeister und blickte Dodo erwartungsvoll an. "Wieso stehst du noch auf deinen verfluchten Beinen?" keifte er und blickte seinen Gegenüber fassungslos an.

"Das hat ganz schön gekitzelt, Bürgerm... äh, Commander. Darf ich jetzt wieder an meine Arbeit gehen?"

Der Khan-Bürgermeister starrte Dodo an, dann hob er seine Pfoten und betrachtete sie. Sein Blick fiel auf Trampel, der nicht weit entfernt stand und mit ungläubigem Gesichtsausdruck zu ahnen schien, was nun passieren würde. Mit einem heiseren Aufschrei richtete der Khan-Bürgermeister seine ausgestreckten Pfoten in Trampels Richtung. Funken, Blitze waren erneut zu sehen, und elektrische Ströme trafen den armen Hamster. "Waj, waj, waj!" machte Trampel und flüchtete, verzweifelt Haken schlagend, in den gegenüberliegenden Bereich der Brücke. Ein Geruch von verbranntem Hamsterfell lag in der Luft.

"Komisch", brummte der Khan-Bürgermeister und betrachtete ratlos seine Pfoten. "Ist wohl nicht ganz ausgereift, die Sache. Offenbar wirkt das nur bei kleinen Hamstern." Er drehte sich zu Tuffi, die ängstlich zusammenzuckte. "He, du, Maschinistenassistentin, bringe mir alle Phaser und lege sie hierher, aber schnell!" Tuffi tat wie ihr befohlen wurde, und nach wenigen Minuten lagen alle Phaser nebeneinander unter dem Stuhl des Captains. In der Zwischenzeit war es Flecki gelungen, unbemerkt den Rufknopf des Mikrophons zu erreichen. Nun kam es auf ein perfektes Timing an, denn wenn sich Lt. Uhura melden würde, dann wäre der Überraschungseffekt verloren. Es kam darauf an, dass die Offizierin sofort kapieren würde, was sich auf der Brücke abspielte, die notwendigen Schlüsse daraus zog und entsprechend handelte.

"Herr Khan", rief Flecki während sie sich mit einer Pfote auf den Rufknopf stellte und somit eine Verbindung zum Maschinenraum herstellte, "wenn Sie mit den Torpedos den Planeten zerstört haben, was passiert dann mit den Rennmäusen? Ich meine wenn sie die Torpedos abgefeuert haben, ist ja ihre Heimatwelt zerstört, Herr Khan!" Sie drückte unauffällig den kleinen Schalter hoch, der nun den Knopf blockierte und somit eine Dauerübertragung von Brücke in den Maschinenraum herstellte, während der Khan-Bürgermeister ihr seine volle Aufmerksamkeit schenkte.

"Erster Offizier, du hast mich mit Commander Khan anzureden! Was die Rennmäuse betrifft, so werde ich sie ins Weltall beamen, wir brauchen sie nicht!"

"Der Transporter, lieber Commander Khan, ist nicht einsatzbereit", entgegnete Flecki und hoffte inständig, dass Lt. Uhura inzwischen den Ernst der Lage verstanden hatte und sich weiterhin still verhielt. Zu aller Verwunderung lachte der Khan-Bürgermeister laut und hässlich und erwiderte:

"Nicht einsatzbereit? Das ist eine Lachnummer für mich, den großen Khan, ich werde ihn reparieren."

"Aber das Ding ist so was von im Eimer, das kriegt selbst ein Fachmann nicht hin", wandte der Bauleiter ein, doch der Khan-Bürgermeister lachte nur und entgegnete:

"Ein Fachmann wie du? Wenn wir nur solche Fachleute wie dich hätte, wären wir noch in der Hamstischen Steinzeit und..."

"Commander Khan, wir sind in der Hamstischen Steinzeit!"

Flecki hatte Recht, und auch Tati und Teeblättchen nickten zustimmend. Natürlich wusste das eigentlich jeder Hamster, denn es gab zwar eine Menge geschichtlicher Epochen in Hamsterhausen, doch da sich niemand so richtig für Geschichte interessierte, hatte man sich auf drei Hauptzeitalter geeinigt: die Sandzeit, die Holzzeit und die Steinzeit. Es gab dazu nur geschätzte Jahreszahlen, wann welches Zeitalter begann und wann es endete. Das war auch nicht weiter wichtig, denn in erster Linie musste ein Schüler wissen, dass die Sandzeit deshalb so hieß, weil die Hamster in Häusern aus Sand gelebt hatten.

Natürlich war diese Lösung alles andere als gelungen, und als festgestellt wurde, dass die hohe Anzahl der plötzlich verschwundenen Einwohner mit den Einstürzen der Sandhäuser und den damit verbundenen Verschüttungen zu tun hatte, wurde sofort gehandelt. Nun begann das Holzzeitalter und folgerichtig bauten die Hamster nun ihre Häuser aus Holz. Zwar gab es da auch ein paar schöne Einstürze und Verletzungen durch ins Fell gebohrte Späne, doch richtiger Luxus war das alles nicht. Durch Überschwemmungen, sei es durch Regen oder gebrochene Staudämme, oder auch durch die ewige Zugluft - Hamster sind da sehr empfindlich - stellte sich heraus, dass Holzhütten nichts taugten. Nach einem großen Feuer, das bei der Sommerabschlussparty von Hamsterhausen entstand, endete das Holzzeitalter.

Zu ihrer großen Freude stellten die Hamster nun fest, dass das Steinzeitalter ihnen so richtig die Voraussetzungen zu gelungenen Katastrophen bot. Gleichzeitung wurde der Sprengstoff erfunden und es wurden zeitgleich die ersten halbwegs kontrollierten Sprengungen entwickelt. Der Fortschritt war nun nicht mehr aufzuhalten.

"Tja, öhm", der Bürgermeister-Commander schien für einen Moment irritiert zu sein. Offensichtlich war er es nicht so richtig gewohnt, Widerspruch zu ernten. "Das habe ich niemals angeordnet", polterte er los, "wir befinden uns in einem Raumschiff und somit ist es zweifelsohne nicht die Steinzeit, in der wir uns befinden! Bringt mir den Idioten, der das angeordnet hat und ich werde ihn ins Weltall katapultieren!" Er schaute sich grimmig um. Niemand sagte ein Wort. "Na, was ist? Wer ist der Verantwortliche für diesen Unfug, ihr Nullen? Ich will Namen!"

"Das hast du beim letzten Weihnachtsmarkt gesagt", trompetete Goldi und äffte die Stimme des Bürgermeisters nach. "Öhm, mit der mir angedingsten, öh, vollgedingsten angefranzten Ehre teile ich euch, meine lieben Dingshamster mit, dass wir den Schritt in die Steißzeit, äh, Steinzeit..."

"Ist ja gut, ist ja gut", fauchte der Khan-Bürgermeister und wedelte abweisend mit seiner Pfote während er Goldi wütend anfunkelte. "Das war gestern. Hier und heute befinden wir uns im Raumschiffalter."

Während die Hamster noch überlegten, welche Konsequenzen das wohl für sie hätte, meldete sich Dodo zu Wort und wandte sich an den Khan-Bürgermeister : "Aber eigentlich heißt er doch Goldi!"

"Hä?" machte der Khan-Bürgermeister. "Was soll denn das schon wieder? Natürlich weiß ich, dass Waffenoffizier Goldi Goldi heißt. Was soll der Mist, Navigator Dodo?"

"Nun", druckste Dodo, " weil du ihn 'Alter' genannt hast, und da habe ich gedacht, dass du vielleicht..."

"Ich habe Waffenoffizier Goldi Goldi genannt und nicht 'Alter'! Ist das klar Mann?"

"Ja, das heißt nein, ich meine, doch, hast du", widersprach Dodo und duckte sich vorsichtig. "Du hast zu Goldi gesagt: Alter, wir befinden uns in einem Raumschiff." Der große Hamster stockte kurz und überlegte. Dann fuhr er fort: "Oder war das anders herum: Wir befinden uns in einem Raumschiff, Alter?"

Betretenes Schweigen, dann vereinzeltes Gackern, ein leises "Spitze, Dodo!" war zu hören, erneutes Gackern, dann war alles still. Der Khan-Bürgermeister funkelte Dodo mit wütenden Augen an. "Führt diesen dicken Idioten ab in die Arrestzelle! Dort soll er und kann er von mir aus verschimmeln! Und jetzt: Angriff auf den Planeten!"

"Und wer, bitteschön, soll nun navigieren?"

Der Khan-Bürgermeister starrte Tati fassungslos an.

"Der Navigator kommt ja nun in den Knast!" fügte Teeblättchen hinzu.

Der Khan-Bürgermeister starrte auch Teeblättchen fassungslos an. Dann starrte er wieder Tati an und schließlich wieder Teeblättchen, der ihn fröhlich angrinste. "Nun gut", fuhr er fort und seine Augen funkelten vor Wut, "fürs Erste wirst du deinen Job weitermachen, Navigator. Bei dem geringsten Vergehen wirst du sofort ausgepeitscht und über Bord geworfen, verstanden? Und nun Kurs auf den Planeten!"

Dodo nickte erleichtert und machte, dass er an seine Navigationskonsole kam. Wie gewohnt, starrte er eine Zeitlang verzweifelt auf den Bildschirm und brach daraufhin schluchzend zusammen.

"Was ist los, Mann!" fauchte der selbsternannte Khan-Commander und stellte sich drohend auf seinen Stuhl. "Warum geht es nicht los?"

"Ich kann das nicht", heulte Dodo, "ich bin einfach nicht in Form!"

"Peitscht ihn aus und werft ihn dann..."

"Vielleicht sollten wir besser mal zusehen, dass wir keine Bruchlandung machen", unterbrach der Bauleiter und wies auf den Monitor. "Wir haben nämlich Kurs auf den Planeten und zwar einen ziemlich direkten!"

Schlagartig drehten alle ihre Köpfe und blickten auf den Hauptmonitor. Murksel hatte Recht - vor ihnen wurde der Planet der Rennmäuse immer größer und größer. Irgendetwas musste nun passieren, denn sonst wäre es um das Schiff und seine gesamte Besatzung geschehen. Das Schwarz des Weltalls war völlig verschwunden, und der gesamte Bildschirm war von einer flimmernden, hellen, weißen Materie erfüllt. Es handelte sich dabei um die Wolkenschicht des Planeten. Kurz darauf tauchte das Schiff in die Wolkendecke ein, und der Monitor färbte sich einheitlich in ein helles Grau. Die Enterprise befand sich führerlos im Blindflug. Lähmendes Entsetzten herrschte auf der Brücke.

Dann hatten sie die Wolkendecke durchbrochen und sahen den Planeten der Rennmäuse vor sich: Ein Großteil der Planetenoberfläche wies ein dunkles Blau auf, bei dem es sich um Wasser zu handeln schien. Die Landmasse hingegen wies verschiedene Färbungen auf, nämlich Grün, helles Gelb und einige größere Gebiete in einem schmutzigen Rot. Der Khan-Bürgermeister schien sich wieder gefasst zu haben und erwachte aus seiner vorübergehenden Starre.

"Flauschbert, was sind das für Gebiete?"

"Der rechte Teil der blauen Fläche ist das rechte Blaubert-Meer, das besonders bei Sonnenuntergang einen wunderschönen Anblick bietet. In der Ferne kann man den Rand eines unbekannten Kontinentes sehen. Es ist das Fernbert-Land, das noch niemand von uns besucht hat. Der linke Teil ist das linke Blaubert-Meer, an dem sich wunderbare Algenbänke befinden, die nicht nur nahrhaft, sondern auch sehr, sehr lecker sind. Der obere Teil ist das liebreizende obere Blaubert-Meer, das besonders in lauen Nächten..."

"Kurzfassung, Flauschbert, sonst bist du dran!"

"Äh, ja, Blau ist Meer, Grün ist Dschungel, Gelb ist Wüste und Rot ist Schwamm."

"Schwamm?"

"Schwamm."

"Wie, Schwamm?"

"Äh, ja, Schwamm aus dem rechten Teil des Blaubert-Meeres, es gibt sehr viel Schwamm dort, während es im linken Teil..."

"Schwamm drüber, Flauschbert. Können wir dort landen?"

"Äh, ja, wir werden ein wenig einsinken und möglicherweise ein bisschen verglühen, wenn wir den heißen Kern unseres Planeten erreichen, aber sonst..."

"Erster Offizier, hilf diesem Wurm vom Navigator, wir müssen Gegenschub geben, sonst bricht das Raumschiff bei der Landung auseinander!"

Flecki fluchte innerlich, denn sie hatte es fast geschafft, den Sperrschalter für die Funkübertragung wieder auf seine normale Position zu schieben. Ihre Hoffnung war, dass sich Lt. Uhura dann sofort melden und dem Bürgermeister ein paar Takte erzählen würde. Das klappte nun natürlich nicht mehr, und Flecki stellte sich gerade vor, wie Lt. Uhura und Fähnrich Chekov verzweifelt der ganzen Handlung folgten.

Bestimmt würde das ein Nachspiel haben, aber das war im Moment nicht weiter wichtig, und so wies sie Dodo an, mit ihr gemeinsam den Schubhebel nach hinten zu ziehen. Dass war nicht leicht, doch schließlich eilten Goldi, Murksel und Trampel zur Hilfe, und es gelang den Hamstern schließlich, irgendwie auf Gegenschub zu gehen. Erleichtert beobachtete die gesamte Truppe, dass sie sich der Oberfläche des Planeten nun wesentlich langsamer näherten und der Khan-Bürgermeister brüllte: "Hochziehen, wir müssen höher!" Flecki, Dodo und die anderen beeilten sich so sehr sie konnten, und zur Erleichterung aller sahen sie nun auf dem Hauptmonitor, dass sich die Oberfläche des Planeten in gleichbleibendem Abstand befand.

"Waffenoffizier! Die Oberfläche des Planeten mit Torpedos anvisieren, ich will ihnen einen Gruß vom mächtigen Khan senden!"

Freudig folgte Goldi den Worten des Khan-Bürgermeisters und nahm seinen Platz ein. Er drückte auf den Auslöser der Torpedos. Nichts passierte. Wieder und wieder drückte er, doch zu seiner großen Enttäuschung gab es weder einen Knall, noch wegfliegende Torpedos. Flecki schickte einen stummen Dank an die Enterprise-Offiziere, denen es in der Zwischenzeit gelungen war, auf irgendeine Weise vom Maschinenraum aus die Torpedoaktivierung abzuschalten.

"Das ist Sabotage!" brüllte der Khan-Bürgermeister und trommelte wütend auf seinem Sitz herum, was natürlich nichts an der Tatsache änderte, dass die Waffen abgeschaltet blieben. "Wir werden das Schiff auf das Ziel steuern und die Selbstvernichtung auslösen, ja, das könnten wir!" schrie er und seine Augen flackerten wirr. Spätestens in diesem Moment war allen Anwesenden klar, dass sie es hier mit einem Wahnsinnigen zu tun hatten.

“Navigator, Kurs auf den Planeten, voller Schub! Wo ist der Knopf für die Selbstzerstörung?“

Lähmendes Entsetzen breitete sich auf der Brücke der Enterprise aus. Bisher war es ja alles noch ganz lustig gewesen, aber eine Bruchlandung mit Selbstzerstörung? Nein, das konnte niemanden so recht begeistern.

“Ich sagte: Kurs auf den Planeten!“

Flecki stand mit verschränkten Armen neben der Navigatorkonsole, Dodo blickte unsicher, tat aber nichts.

“Ihr Würmer, das wird ein Nachspiel haben! Weg da, ich mache es selbst!“

Während Dodo noch protestierte, dass Hamster keine Würmer, sondern nur in der Dämmerung beratend aktiv wären, kletterte der Khan-Bürgermeister mit knallrotem Gesicht auf die Konsole und versuchte, den großen Hamster beiseite zu schubsen. Nachdem er damit nicht sonderlich erfolgreich war, lief er um ihn herum und warf sich mit einem heiseren Aufschrei auf den Schubhebel. Nichts passierte. Mit einem noch lauteren Aufschrei warf er sich erneut auf den Schubhebel, jedoch mit demselben Ergebnis. Ungläubig starrte er auf den unwilligen Schubhebel, während er sich die schmerzenden Rippen massierte.

Wie von Geisterhand bewegte sich der Hebel, und mit offenem Mund verfolgten alle, wie sich zugleich auf dem Hauptmonitor die Landschaft veränderte. Das Raumschiff flog vom Planeten weg! Wie war das möglich? Während der Khan-Bürgermeister völlig fassungslos auf den Hauptmonitor blickte, atmete Flecki neben ihm tief auf. Es war den Enterprise-Offizieren gelungen, vom Maschinenraum aus die Steuerung zu übernehmen! Keine Sekunde zu früh, dachte sie und lief zurück zur Kommunikationskonsole, um den Schalter für die Sprechverbindung zum Maschinenraum zu entsperren. Bevor sie auf den Knopf drückte, hauchte sie noch schnell ein “Danke, das war knapp!“ ins Mikrophon. Dann meldete sich Lt. Uhura.

“Wie ihr soeben gemerkt habt, haben wir nicht nur wieder die Kontrolle über das Waffensystem, sondern auch über die Steuerung. Schickt die Rennmäuse mit ihrem Shuttle auf ihren Planeten zurück und verhaltet euch ruhig!“

“Aber - aber die Klingonen... “

“Das ist bedauerlich, aber die Sternenflotte ist neutral und mischt sich grundsätzlich nicht in fremde Angelegenheiten ein. Ich verstehe euch ja, aber es geht wirklich nicht“, unterbrach Uhura den Einwand Goldis.

Flauschbert nickte traurig und entgegnete: “Wir verstehen das, und wir werden versuchen, selbst damit klarzukommen. Unser Shuttle können wir aber nicht erreichen; es klebt an der Bordwand fest und ohne unsere Helme können wir nicht zu unserem Schiff teleportieren.“

Eine Weile herrschte Ruhe, und es schien, als berieten sich Uhura und Chekov. Dann ertönte erneut die Stimme der Offizierin: “Könnt ihr das Schiff von der Außenhülle lösen?“

Der Anführer der Rennmäuse überlegte einen Moment, dann antwortete er aufgeregt: “Es sind ja nicht alle Helme kaputt, wir könnten es versuchen!“

Nun folgte ein Manöver, an das sich Pavel Chekov noch lange erinnern würde. Nach mehreren Versuchen gelang es den Rennmäusen, ihr kleines Raumschiff mittels Gedankenübertragung von der Hülle der Enterprise zu lösen. Es schwebte nun neben der Enterprise auf einer Umlaufbahn um den Planeten. Chekovs schwierige Aufgabe bestand nun darin, die Enterprise mit dem Heck in die Richtung des Rennmausschiffes zu drehen. Dann kam Flecki zum Einsatz, die auf Anweisung Uhuras hin die Luke zum Shuttle-Deck der Enterprise öffnete. Nun ließ Fähnrich Chekov das Schiff langsam rückwärts schweben, bis das kleine Schiff eingefangen war. Dann wies Uhura Flecki an, die Luke des Shuttle-Decks wieder zu schließen.

“Wie kommen wir nun zum Schiff der Rennmäuse?“ stellte der Bauleiter genau die Frage, die alle bewegte. Mit Funkgeräten bewaffnet, wurden sie durch das schier endlose Gewirr der Gänge des Raumschiffs geleitet. Natürlich wollte es sich kein Hamster nehmen lassen, sich solch einen Start vom Shuttle-Deck persönlich anzusehen, denn wann sieht ein Hamster so etwas schon einmal? Niemandem fiel daher auf, dass der Bürgermeister als letzter hinterher watschelte, und niemandem fiel auf, dass sein Gesichtsausdruck nichts Gutes verhieß. Am Ziel angekommen, betraten Hamster und Rennmäuse das besagte Deck. Da stand es vor ihnen, das Schiff der Rennmäuse. Chekov hatte es sozusagen perfekt in die Enterprise eingeparkt.

"Äh, dann wollen wir mal“, sagte Flauschbert und stolperte beim Weitergehen über Goldi, der gerade neugierig die Unterseite des Schiffes inspizierte.

"Ja, dann wollen wir mal!“ brüllte im nächsten Moment der Khan-Bürgermeister und fuchtelte mit einem Phaser herum. "Einsteigen, aber alle!“

"Verdammt, wo hast du deine Waffe?“ zischte Flecki den nun neben ihr stehenden Goldi an. Mit etwas betretener Miene entgegnete der:

"Ja, die Waffe – die steckt in meinem ultracoolen Gürtel, und die Schnalle hat sich verklemmt. Deshalb kriege ich die nicht ohne Weiteres raus...“

Kopfschüttelnd stieg Flecki zusammen mit den anderen Hamstern den Rennmäusen hinterher. Als letzter folgte der Khan-Bürgermeister, der einen Moment warten musste, bis sich alle in dem viel zu kleinen Schiff verteilt hatten.

"Dodo, du sitzt auf mir!“

"’tschuldigung, Trampel!“

"Es stinkt, kann mal jemand das Fenster...“

"Schnauze halten“, unterbrach der Khan-Bürgermeister Fleckis Beschwerde und fuchtelte mit seiner Waffe herum. Er richtete sie auf Flauschbart. "Abfahrt, aber dalli! Volle Kraft voraus!“

Es folgte ein äußerst holperiger Flug. Keine der Rennmäuse wagte es, den Khan-Bürgermeister darauf hinzuweisen, dass ihr Schiff nicht für so viele Personen gebaut war. Allerdings war er sicherlich inzwischen von alleine darauf gekommen, denn das Schiff sackte immer wieder ab, als sie sich der Oberfläche näherten, und Weichbert, der Pilot, hatte seine liebe Mühe mit dem störrischen Gefährt.

Dann hatten sie ihr Ziel erreicht, und das kleine Schiff setzte auf der Oberfläche des Rennmausplaneten auf.

"Festhalten!" brüllte Bauleiter Murksel und klammerte sich an Dodo, der sich wiederum an Trampel klammerte, und "Minimaler Schub!" brüllte der Khan-Commander.

Alle bereiteten sich nun auf einen heftigen Aufprall vor, doch der blieb aus. Zwar spürte jeder plötzlich einen Ruck und es schien, als sei die Schwerkraft für einen Moment ungeheuer stark geworden, doch schon kurz darauf fühlten sich alle ausgesprochen leicht. Dann nahm die Schwerkraft wieder zu und alle wurden auf den Boden gepresst, doch wieder dauerte dieser Zustand nur kurz, und im nächsten Moment schwebten sogar einige der leichteren Besatzungsmitglieder in der Luft. Das war allerdings ausgesprochenes Pech, denn im nächsten Moment klatschten sie mit einem lauten Schmerzensschrei wieder auf den harten Boden. So ging das eine ganze Weile, doch etwas fiel auf: Die Zeit zwischen Schmerzensschrei beim Aufprall auf dem Boden und dem „Iuh!" beim Schweben wurde immer kürzer. Allmählich dämmerte auch dem letzten Hamster und der letzten Rennmaus, was hier ablief.

Der Aufprall bei ihrer Landung war nämlich von der Schwamm-Oberfläche wie bei einem Trampolin aufgefangen worden. Wie es sich für ein Trampolin gehört, wurde das Schiff gleich nach dem Aufprall wieder in die Luft geschleudert. Erst nach und nach wurden diese Sprünge immer kürzer, und die Besatzung konnte von Glück reden, dass durch den minimalen Schub das Schiff nicht ins Trudeln geriet und sich überschlug.

"Bremsen!" grölte es nun von irgendwoher, und die rasante Fahrt ging ihrem Ende entgegen. Trampel war leider schon bei dem ersten Aufprall quer durch den Raum geschleudert worden und lag nun ein wenig benommen zwischen Haubert und Stupsbert, die sich um ihn kümmerten. Dann war es geschafft, der Antrieb des Raumschiffs war abgeschaltet. Neugierig drängten sich die Hamster um eines der kleinen Fenster des Schiffs. Einige saftig-grüne Gebüsche waren inmitten dieser Wüste zu erkennen und zwischen den Gebüschen waren Behausungen zu sehen.

"Sind das eure Hütten?" fragte Bauleiter Murksel mit geringschätzigem Ton.

"N-nein", entgegnete Flauschbert und seine Nase zitterte, "d-da wohnen die Klingonischen Hamster!"

"Sag mal, wer ist denn dieser Khan eigentlich?" fragten Tati und Teeblättchen eine neben ihnen stehende Rennmaus.

"Ihr habt noch nie etwas von dem schrecklichen Khan gehört?"

"Nö", entgegnete Teeblättchen, "bisher hatten wir nur einen schrecklich blöden Bürgermeister."

"Er soll furchtbar stark sein, und er ist sehr böse", jammerte Huhbert und hielt ängstlich die Pfoten vors Gesicht. "Angeblich soll er sogar Rennmäuse fressen..."

"...und kleine Kinder", grinste Tati. "Seid ihr dem denn schon mal begegnet?"

Huhbert zuckte mit den Schultern. "Ich kenne da jemanden, der jemanden kennt, der mal einen Film gesehen hat, in dem..."

"Was gibt es da zu quatschen? Habt ihr nichts zu tun?" Der Khan-Bürgermeister war auf die Unterhaltung von Tati, Teeblättchen und der Rennmaus aufmerksam geworden.

"Ich hab gerade Zeit, wo gibt's nichts zu tun?"

Als hätte er Goldis spöttische Bemerkung nicht gehört, wandte sich der Khan-Commander wieder dem Fenster zu. Er überlegte und winkte dann den Anführer der Rennmäuse, Flauschbert, zu sich. "Was ist das für ein Gebäude, Rennmaus?"

"Das ist unser Dorf, Herr Khan. Die Klingonischen Hamster haben uns von dort vertrieben, weil sie unsere schönen Häuser haben wollten und..."

"Ruhe, Rennmaus", blaffte der Khan-Bürgermeister, "ich weiß alles, was ich wissen muss. Wer das Dorf regiert, der regiert auch den Planeten. Ich will den Planeten regieren!"

"Können wir dann das Raumschiff wiederhaben?" fragte Goldi mit treuherzigem Augenaufschlag.

"Wenn du alles weißt, kannst du mir dann sagen, ob ich zum Geburtstag endlich ein Auto kriege?" setzte Dodo gleich eine äußerst überflüssige Frage hinterher.

"Wozu willst du denn diese Wüste regieren?" fragte Flecki höhnisch. "Und wie willst du überhaupt die Klingonenhamster vertreiben?"

"Ich bin Khan, und ich kann alles!" brüllte es. "Macht euch fertig zum Landgang, die Schlacht beginnt!"

"Echt?" rief Goldi begeistert. "Geht das jetzt endlich los?"

"Wir werden sie plattmachen!" brüllte der Khan-Bürgermeister.

"Mein Reden - da war ich schon immer für!" jubelte Goldi.

Im selben Moment herrschte im Maschinenraum der Enterprise tiefste Ratlosigkeit. Die beiden Offiziere hatten die Ereignisse der letzten Stunden und Minuten aufmerksam und ohnmächtig über Funk verfolgt. Immerhin war es Chekov gelungen, die Kontrolle über die Torpedos und über die Steuerung zu übernehmen. Damit konnte wenigstens verhindert werden, dass dieser durchgeknallte Bürgermeister die Planetenoberfläche zerstörte. Für einen Moment, so schien es, hatten sie faktisch wieder die Kontrolle, doch nachdem sich Flecki oder einer der anderen Hamster überhaupt nicht mehr meldete, kamen erste Zweifel auf. Gemeinsam verfolgten die beiden Offiziere an einem Kontrollmonitor, wie sich das kleine Rennmausschiff von der Enterprise entfernte.

"Ob der Captain nicht in diesem Falle einmal auf unseren schriftlichen Bericht verzichten könnte, denn schließlich waren wir im Maschinenraum gefangen?"

"Und die Zeit vorher auf der Brücke haben wir uns wie Idioten benommen, schon vergessen, Chekov?"

Der Fähnrich nickte und grinste gequält. "Natürlich, das war oberpeinlich. Vielleicht können wir das ja wiedergutmachen, indem wir die Enterprise dem Captain in einem Stück zurückbringen."

Nun nickte Uhura. "Klar, und wenn nicht, dann ist es ohnehin egal, weil es nichts mehr zurückzubringen gibt. Wenigstens brauchen wir dann keinen Bericht zu schreiben." Sie seufzte kurz und sagte mit nachdenklicher Stimme: "Wenn das ein gutes Ende nimmt, dann haben wir eine Chance. Wenn da irgendetwas auf dem Planeten schiefgeht, dann wird es eine Rückreise ohne Haustiere."

Pavel Chekov nickte und kontrollierte erneut die Daten, die der Computer des Maschinenraums ausspuckte. Nach wenigen Minuten schüttelte er enttäuscht den Kopf. Keinerlei Übereinstimmungen mit den gesuchten Daten, es war wie verhext - wo war das Leck?

Auf dem Planeten herrschte in diesem Moment eine gewisse Aufregung, und das hatte seinen Grund. Zwar war es auf einem Raumschiff ja ganz nett, doch frische Luft und vor allen Dingen richtiger Wüstensand waren Dinge, auf die kein Hamster verzichten mochte.

"Gibt es bei euch auch so ein großes Meer?" fragte Weichbert.

Dodo überlegte kurz und schüttelte den Kopf. "Wozu? Bei uns kommt das Wasser aus der Leitung."

Der Khan-Bürgermeister hatte inzwischen mit Bauleiter Murksels Hilfe die Ausstiegsluke geöffnet und sprang als erster auf die Schwammoberfläche. Während er eine Weile unfreiwillig auf- und niedergehüpfte, unterhielten sich Flecki und Goldi darüber, ob sie nicht einfach die Luke wieder schließen und den bekloppten Bürgermeister auf diesem Planeten zurücklassen sollten. Leider widersprach das der Hamstischen Tradition, denn einen Bürgermeister zu verkloppen oder sein Double mit einem Photonenstrahl zu neutralisieren war eine Sache, ihn aber auszusetzen, das widersprach dem Hamstischen Ehrenkodex. Außerdem wäre den Rennmäusen dadurch ja auch nicht geholfen, und so sprangen Hamster und Rennmäuse einer nach dem anderen auf die weiche Planetenoberfläche.

Es dauerte eine Weile, bis die Hamster ihre Phaser wiedergefunden hatten, die ihnen beim Auf- und Niederhüpfen abhanden gekommen waren. Bis auf Flecki, die eine Waffe aus grundsätzlichen Erwägungen ablehnte, und bis auf Schlagbert und Tretbert, die jegliche Form von Gewalt ablehnten, war die gesamte Truppe nun mit Phasern ausgerüstet. Während dessen beteuerte Goldi gegenüber Tati und Teeblättchen, dass sie mit Sonnenbrillen ganz besonders cool aussehen würden und dass es schade sei, dass sie nicht daran gedacht hatten, welche mitzunehmen.

"In Zweiergruppen leise vorrücken", fauchte der Khan-Bürgermeister und trippelte vorweg. Schnell hatten sich Zweiergruppen gebildet, nur Dodo stand abseits von den anderen und wirkte ein wenig ratlos.

"Was ist, Navigator?"

"Ich habe noch nie eine Zweiergruppe gemacht, Chef", winselte Dodo, "ich bin doch ein Einzelkind!"

Nachdem Dodo unter wüsten Beschimpfungen zu Trampel geschickt wurde, um mit ihm ein Pärchen zu bilden, ging es endlich los. Wie es sich für einen echten Commander gehört, ging der Khan-Bürgermeister entschlossen voran. Er wählte nicht den direkten Weg geradeaus durch die Wüste, sondern nahm einen Umweg, über den Hamster und Rennmäuse durch einen Dschungel marschieren mussten. Von hier an ging es nur langsam vorwärts, denn der Boden war aufgeweicht und voller Schlick, kleine Rinnsale durchschnitten immer wieder diese Landschaft und machten ein schnelles Vorwärtskommen unmöglich.

"Bäh", schimpfte Flecki und betrachtete angewidert ihre Pfoten, die von schwarzem, stinkendem Schlamm überzogen waren. "Das ist ja so was von ekelhaft."

"Schieb dir den Dreckskleister ins Gesicht", grinste Goldi, "dann hast du eine Schönheitsmaske."

"Lieber nicht, das brennt nämlich, wenn man es ins Gesicht kriegt."

Goldi und Flecki drehten sich um und erkannten Trampel, wenn auch nicht auf den ersten Blick.

"Bist in den Dreck gefallen, wie?" fragte Goldi mit gespielter Anteilnahme.

Trampel schüttelte den Kopf. "Dodo ist ausgerutscht und ich habe die ganze Ladung abbekommen."

"Auch nicht schlecht", brummte Goldi und betrachtete Dodo, dessen Hinterteil ein sattes Schwarz aufwies. "Habt ihr schon mal daran gedacht, auf einem Bauernhof zu leben?"

Viele Stunden und viel Flüche später gab es keinen Hamster mehr, der nicht von oben bis unten mit schwarzem, stinkendem Schlamm überzogen war. Für die Rennmäuse galt natürlich das Gleiche. Die Stimmung der Truppe war dementsprechend. Der Khan-Bürgermeister hatte aufgrund seiner etwas fülligen Leibesform ähnliche Schwierigkeiten wie Dodo. Beide blieben des Öfteren im Schlamm stecken und mussten von der restlichen Truppe befreit werden. Während Dodo von Minute zu Minute lauter jammerte, wurde die Miene des Khan-Bürgermeisters umso grimmiger, je länger das Unternehmen dauerte. Als sie gerade ein besonders morastiges Gebiet durchquerten war plötzlich Goldis Stimme zu hören: "Weg da, das ist meines!" Dann war ein Klatschen, gefolgt von einem Quaken zu hören. Als sich Hamster und Rennmäuse zu Goldi umschauten, war nur noch zu sehen, dass irgendetwas in das trübe, schlammige Wasser flüchtete.

"Was war denn das für ein Viech?" fragte Tati und blickte auf die kreisrunden Wellen, die auf der Wasseroberfläche den letzten Hinweis auf die Flucht eines kleinen Wesens hinterließen. "Das sah ja aus wie ein winziger Frosch."

"Das war ein Grünquark", erklärte Flauschbert, "harmlose Tiere."

"Origineller Name", grinste Teeblättchen, "da habt ihr bestimmt lange gebraucht, euch so was Kompliziertes auszudenken."

"Auf jeden Fall ist es eine Schande, dass Herr Goldi so einem winzigen, hilflosen Lebewesen nicht einmal etwas Essen gönnt", fauchte Flecki und ließ sich auf einem halbwegs trockenen Blatt nieder. Nun nahm auch sie ein paar Sonnenblumenkerne hervor, während in der Ferne der Khan-Bürgermeister alleine weiter durch den Sumpf stampfte.

"Soll der Idiot doch alleine weiterlatschen", stöhnte Tuffi, "ich brauche auch 'ne Pause."

Natürlich machten nun alle eine Pause, das heißt, alle bis auf den einen, der immer noch einsam durch den Sumpf stampfte und sich nicht umblickte. Der bekam natürlich nicht mit, dass der Rest der Truppe sich gemütliche, trockene Plätze suchte und einen Imbiss hielt. Tatsächlich ließ sich der kleine Grünquark entgegen aller Erwartungen doch wieder blicken, hielt sich jedoch respektvoll von Goldi fern. Stattdessen ließ sich dieser winzige Frosch von Flecki füttern, die wiederum Goldi vorwurfsvolle Blicke zuwarf. Dann gesellte sich ein weiter Grünquark hinzu, dann noch einer und noch einer. Nach wenigen Minuten bereits waren Hunderte von diesen kleinen, grünen Fröschen um Flecki versammelt, der die Sache inzwischen nicht mehr so recht geheuer war, und schauten sie mit großen, feuchten Augen an.

"Jetzt ist aber genug, meine lieben kleinen Grünquarks, eure Flecki braucht auch noch etwas zum Essen, versteht ihr?" war nun zu vernehmen, und während Dasie, Sasie und Tuffi ein wenig vom Brennpunkt des Geschehens wegrückten, beobachteten die übrigen Hamster und Rennmäuse fasziniert die weitere Entwicklung des Geschehens.

Geduldig versuchte Flecki, einen Grünquark nach dem anderen wegzuschieben, was jedoch keinen Erfolg versprach, da es plötzlich immer mehr Grünquarks wurden. Als die ersten anfingen, Fleckis Fell anzuknabbern, war es um ihre Geduld geschehen. Sie ergriff einen Stock und schlug wild kreischend um sich. Ihr gesamter Vorrat an Sonnenblumenkernen war mittlerweile verschwunden, doch die winzigen Tiere verlangten mehr. Ein Winzfrosch nach dem anderen wurde nun entweder mit dem Stock oder mit den Pfoten getroffen und landete klatschend dort, wo er hergekommen war, nämlich im trüben Wasser.

"Eine Schande, dass Fräulein Flecki solch winzigen, hilflosen Lebewesen nicht einmal etwas Essen gönnt", grölte Goldi und konnte sich vor Lachen nicht mehr auf den Pfoten halten. Während Flecki schwer atmend wütenden Blicke Richtung Goldi schleuderte und die letzten Grünquarks ins Wasser beförderte, war in der Ferne ein wütendes Brüllen zu hören.

"Sieht so aus, als wenn uns der Boss vermisst", grummelte Bauleiter Murksel. "Wir sollten mal ein paar Schritte schneller gehen!"

Die gesamte Truppe raffte ihr Hab und Gut zusammen und trabte, so schnell es die Umstände zuließen, ihrem Anführer hinterher. Schon von weitem konnte man ahnen, dass der Khan-Bürgermeister Probleme hatte, und wenn er nicht so laut gebrüllt hätte, dann wäre er auch nicht so schnell gesichtet worden. Nachdem Hamster und Rennmäuse nämlich die Stelle erreicht hatten, wo das Gebrüll seinen Ursprung hatte, blieben sie für einen Moment verwundert stehen. Nur noch der Kopf des Khan-Bürgermeisters schaute aus dem Schlamm heraus und das deutete darauf hin, dass er gewisse Probleme hatte.

"Holt mich hier raus, sonst werde ich euch alle neutralisieren!" brüllte es Hamster und Rennmäusen entgegen.

"Also nee, wirklich, so aber nicht", entgegnete Teeblättchen, "das ist ja nun wirklich kein Anreiz, einem Mithamster in Not zu helfen."

"Ein bisschen mehr müsste für uns da schon rausspringen", pflichtete Tati seinem Bruder bei.

"Wir hätten da so ein paar klitzekleine Vorschläge", fügte Goldi hinzu.

"Vorschläge?" kam die gebrüllte Antwort. "Wenn hier einer schlägt, dann bin ich das, ist das klar! Und jetzt zack-zack, holt mich hier raus, sonst setzt es was!"

"Falsche Antwort", grinste Tati, "wir fangen noch einmal von vorne an."

"Wir erwarten sozusagen gewissermaßen ein besseres Angebot", erklärte Goldi dem Khan-Bürgermeister, der langsam, aber sicher immer tiefer im Schlick versank.

"Genau", rief Tuffi, "bessere Behandlung, mehr Pausen und so weiter. Ach ja, und nicht mehr soviel Gebrüll, denn dabei kann man überhaupt nicht klar denken."

"Freundlicher Umgangston und tierwürdige Behandlung", kam nun der nächste Vorschlag von Flecki.

"Sonst noch was?" brüllte der Khan-Bürgermeister und versuchte verzweifelt, aber ebenso vergebens, sich aus dem zähen, schwarzen Brei zu befreien. "Ich werde euch einzeln exekutieren, ich mach' euch fertig, ich werde euch..."

"Ts, ts, du kapierst es einfach nicht", spottete Tati, "du bist sozusagen handlungsunfähig. Aber das dürfte für dich ja nichts Neues sein, wenn man mal ganz objektiv im Nachhinein deine bisherige Karriere so betrachtet."

Die Augen des Khan-Bürgermeisters schossen wütende Blitze in die Richtung seiner Mannschaft. Ihm war klar, dass er in einer sehr, sehr schlechten Verhandlungsposition steckte, genau genommen steckte er in einem stinkenden, zähen, schwarzen Brei fest, und zusätzlich sank er immer tiefer in denselben. Langsam spürte er Panik in sich hochkommen, denn der untere Teil seines Doppelkinns war bereits im Schlamm versunken, und das Sprechen, oder besser gesagt, das Brüllen fiel ihm von Minute zu Minute schwerer. Er musste seine Verhandlungsstrategie ändern, sonst würde er den Rest seines Lebens im Dschungel verbringen. In stummer Wut knirschte er mit den Zähnen und überlegte angestrengt. Ein paar Zusagen würde er den Hamstern machen, aber er musste aufpassen, was er sagte. Der Hamstische Ehrenkodex verlangte nun einmal, dass gemachte Zusagen eingehalten wurden.

"Na schön", knurrte er, während er vor unterdrückter Wut ein wenig sabberte, "was wollt ihr?"

"Tja, da wären eine ganze Menge Dinge, wie zum Beispiel geregelte Freizeit und Fressausgleich im Urlaub..."

"Fressgeldzuschuss", unterbrach Goldi den Bauleiter, "die 3 Stunden-Woche..."

"He, langsam, Leute" rief Flecki, "erst mal soll er uns netter behandeln, alles Weitere sehen wir dann später. Zunächst muss er uns absolutes Mitspracherecht bei animalischer Behandlung versprechen, dann werden wir ihn befreien, bevor er absäuft."

Während die Hamstertruppe nun diskutierte, ob man Fleckis Plan zustimmen sollte, bemerkte niemand das teuflische Grinsen, das sich plötzlich im Gesicht des Khan-Bürgermeisters zeigte. Er hatte auch im wahrsten Sinne des Wortes Grund, denn er hatte soeben festgestellt, dass seine Pfotenspitzen den Grund des Schlammtümpels erreicht hatten. Nun hatte sich die Sachlage geändert, und das würde die miese Verrätertruppe zu spüren bekommen. Es wäre doch gelacht, wenn es ihm, dem Khan, nicht gelingen würde, langsam zum rettenden Ufer zu waten und danach mal so richtig aufzuräumen.

 

Weiter: Auf und Davon (Kapitel 31) - Spock