Beitragsseiten

Kapitel 36

Im Moor

 

"Haben sie das gehört und gesehen, Sir?" fragte der Butler und sah dem schreienden McPomm hinterher.

"Natürlich, McClown, ich bin ja nicht blöd." Lord McShredder setzte sich aufrecht auf den Baumstamm und sah, wie der flüchtende Mann irgendwo am Horizont in der Ferne verschwand. "Was immer da auch los ist, er läuft nach Norden. Das ist gut, denn in die Richtung müssen wir nicht."

"Sir, die Hamster sind verschwunden!" Frido McClown zeigte auf den leeren, geöffneten Koffer und sah den Lord entsetzt an.

 

Beide starrten mit großen Augen auf die von Fraser McPomm verlassene Hütte. Sie sah aus wie ein schweizer Käse, aus dessen Löcher Rauchwolken stiegen.

 

"Nun, McClown," sagte der Lord und zeigte auf die Hütte, "ich schätze, dass ihre kleinen Freunde dahinterstecken. Packen sie unsere Sachen und folgen sie mir. Wir werden nachschauen."

 

Hastig klaubte der Butler die wenigen Sachen zusammen, die ihnen noch geblieben waren. Der Lord hatte die Hütte bereits erreicht und betrachtete die offen stehende Tür, aus der Rauch quoll. Dann schaute er vorsichtig in die Behausung hinein, und sein Blick fiel auf das verlassene, zerwühlte Bett. Auf dem Boden standen rauchende Tassen und Gläser, Wände und Dach waren offenbar von Schüssen zersiebt. Sein Blick fiel auf den offenen Schrank. Ein Hamster hing an dem Griff der offenen Schranktür und sah den Lord verlegen an. Als er zum Tisch schaute, hob McShredder die Augenbrauen und konnte nicht so recht glauben, was er da sah.

"Ich glaube, Sir," sagte sein Butler, der inzwischen neben dem Lord stand, "wir sehen gerade das Ende einer Hamsterparty."

"Sehr schön, McClown, aber warum haben die sich Socken über das Fell gezogen?"

"Das, äh, Sir, gehört wohl zur Party dazu. Bestimmt irgendeine hamstische Sitte"

"Hamstische Sitte, McClown? Und die Einschusslöcher?"



"Nun, Sir, sicherlich gibt es auch dafür eine Erklärung."

"Und warum hängt da ein Hamster an der Schranktür?"

"Sicherlich ein hamstisches Spiel, Sir!"

"Und warum, McClown, schleppt der Hamster dort vorne eine Patronenhülse mit sich herum?"

"Er spielt doch nur, Sir."



"Er spielt, McClown? Hat er auch mit McPomm gespielt?“ Der Lord blickte nachdenklich auf den Hamster und fuhr grinsend fort: “Dann möchte ich ihm gratulieren, ein braver, kleiner Kerl!"

Der Butler atmete auf. Es wäre auch schlimm gewesen, wenn der Lord wegen dieses kleinen Zwischenfalls auf die Hamster wütend gewesen wäre und sie womöglich hier zurück gelassen hätte.

Schnell legte Frido McClown den Koffer auf den Tisch und sammelte die Hamster ein. Da die Sonne inzwischen aufgegangen war, ließen es sich die kleinen, nachtaktiven Tiere auch gefallen. Etwas Schlaf konnte nun nicht verkehrt sein.

"Sehen sie zu, McClown, dass sie noch etwas Essbares in dieser heruntergekommenen Hütte finden," krächzte der Lord und ging durch die Tür hinaus ins Freie.

Der Butler packte gerade ein paar Brote ein, als der Lord wieder in die Hütte kam und ein paar Geldstücke auf den Tisch legte.

"Von solch einem Halunken wie McPomm werde ich nichts geschenkt nehmen!" schimpfte er und rannte wieder zur Tür hinaus.



Grinsend lief der Butler hinter ihm her und folgte ihm auf dem unebenen, matschigen Weg. Wie schon auf den letzten Kilometern mussten sie immer wieder kleinere Flüsse überqueren. Es war nicht einfach, denn so manches Mal war nur ein rutschiges Brett als Brücke vorhanden.

"Wie lange müssen wir noch über Flüsse balancieren, Sir?" jammerte der Butler, der so manches Mal große Mühe hatte, dass ihm der Koffer mit den Hamstern nicht aus der Hand fiel.

"Nicht mehr lange, McClown."

"Das ist schön, Sir. Wird der Weg dann wieder bequemer?"

"Nein, McClown, dann ist gar kein Weg mehr da."

"Aber, Sir, das wird dann ja nicht besser, oder?"

"Habe ich auch nicht behauptet, McClown. Sie wollten nur wissen, wie lange wir noch über Flüsse balancieren müssen."

Der Lord blieb einen Moment stehen, schaute angestrengt nach vorne und fuhr fort. "Bald müssen wir durch die Flüsse zu Fuß hindurch oder überweg springen."

 

Der Butler sagte nichts mehr. Es war ihm egal, dass sie auf einem schlammigen, rutschigen Weg liefen und seine Kleidung total mit Dreck verschmiert war. Seine Gedanken waren weit weg im Kings House Hotel, und er dachte an Lisa McGyre. Grinsend stellte er sich vor, wie es wohl wäre, wenn sie mit auf diesen Weg gekommen wäre. Wie oft hatten sie die junge Frau wohl aus einem Fluss oder Schlammloch herausziehen müssen? Plötzlich riss ihn ein Schuss aus den Gedanken.

 

"Sir, ist das McPomm?" rief er erschrocken.

"Hab ich ihnen schon mal gesagt, dass sie erst nachdenken und dann plappern sollen, McClown?" schimpfte der Lord verärgert.

"Warum, Sir? Was ist, wenn er in die Hütte zurückgegangen ist und sein Gewehr geholt hat?"

"Dann, McClown, würde er hinter uns herumballern. Diese Schüsse aber kamen aus der Richtung, in die wir gehen müssen, nämlich aus dem Moor."

"Aber was mag das bedeuten, Sir?"

Der Lord sah seinen Butler an, als hätte der etwas sehr, sehr Dummes gesagt.

"McClown, haben sie schon einmal etwas von einer Jagdgesellschaft gehört?"

"S-sie meinen, Sir, diese miesen Menschen, die auf Tiere schießen? Auf wehrlose Tiere?"

"Nun, McClown, im allgemeinen sind Kaninchen, Fasane und ähnliches unbewaffnet."

In diesem Moment waren im Hintergrund wieder Schüsse zu hören. Vorsichtig gingen die beiden weiter durch das Moor. Nun hieß es, besonders vorsichtig zu sein, wenn sie nicht von einer verirrten Kugel getroffen werden wollten.


 

 

Kapitel 37

Der Prinz

 

Vorsichtig schlichen die beiden durch das Moor. Es war mühsam, vorwärts zu kommen, denn ihre Füße sanken bei jedem Schritt tief in den schwammigen Untergrund ein. Während Sie also sehr langsam vorankamen, waren immer wieder Schüsse zu hören. Bald tauchten in der Ferne zwei Gestalten auf. Der Lord und sein Butler McClown gingen direkt auf sie zu, immer vorsichtig darauf achtend, auf halbwegs festen Boden zu treten. McShredder lief erstaunlich schnell auf diesem matschigen Untergrund und erreichte als erster den Mann, der für die Knallerei verantwortlich war. Der Butler hatte mit dem Koffer einige Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten, und als er sich den beiden näherte, vernahm er die lauten Worte des Mannes mit dem Gewehr.

 

"Sir, sie stören meine Jagd. Bitte entfernen sie sich!"

 

Am Gesichtsausdruck des Lords konnte McClown sehen, dass ihm diese Art der Begrüßung überhaupt nicht gefiel. Sein Gesicht verfärbte sich leicht, doch äußerlich blieb er ruhig als er erwiderte: "Ihre Jagd? Hören sie, junger Mann, nehmen sie gefälligst ihre Kopfhörer ab, wenn sie mit mir sprechen!"

"Das sind keine Kopfhörer, Sir, das sind meine Ohren," antwortete der Mann sichtlich verärgert. "Wenn sie nun verschwinden würden, damit wir unsere Jagd fortsetzen können!"



Lord McShredder dachte nicht daran zu verschwinden. Er zeigte auf die Gestalt neben dem Mann und fragte: "Sagen sie mal, warum haben sie ihr Pferd denn so unmöglich angezogen?"

Die riesigen Ohren des Mannes begannen wild zu zucken, sein Gesicht verfärbte sich tiefrot und er rief empört: "Sir, das ist kein Pferd, das ist meine Frau! Sie heißt Camilla!"



"Ach, tatsächlich," entgegnete der Lord spöttisch, "und sie, haben sie auch einen Namen, oder darf ich sie Dumbo nennen?"

"Dumbo? Ich bin kein verdammter Elefant mit großen Ohren, ich bin ein Prinz! Mein Name ist Charles und ich werde mich bei meiner Mutter, der Königin, beschweren!"

Er hatte sein Gewehr auf den Boden gelegt und stand nun direkt vor dem Lord, der ruhig antwortete: "Ein echter Prinz läuft nicht bei jeder Kleinigkeit zu seiner Mama. Wer auf Tiere schießen kann, sollte sich auch selbst wehren können, nicht wahr, Dumbo?"

 

Während im Hintergrund der Prinz laut schrie und pöbelte, dass sein Name nicht Dumbo sei, beobachtete McClown die Hamster, die vom Lärm geweckt aus dem Koffer kletterten. Das Gewehr des pöbelnden Prinzen schien einige von ihnen magisch anzuziehen und der Butler glaubte, ein leises, aufgeregtes Fiepen zu hören.

 

"Goldi, bist du sicher, dass das die gleiche Munition ist?"

"Klar, Dodo, mach doch mal die Kiste mit den Patronen auf und gib mir ein paar."

Trampel und Bauleiter Murksel kamen nun dazu und halfen Dodo.

"Was soll das denn werden, wenn's fertig ist?" fragte Murksel und reichte Goldi eine Patrone.

"Das wird Goldis Prototyp, so etwas wollte ich schon immer ausprobieren. Leider hatte ich vorhin keine Zeit mehr!"

Ein paar Schritte weiter beobachtete Frido McClown, wie eine Patrone nach der anderen im Gewehrlauf verschwand. So langsam ahnte er, was die Hamster da wieder planten.

"Das wird ein Prototyp für ein Notsignal," erklärte Goldi seinen Hamsterfreunden, als der Lauf des Gewehrs mit Munition vollgestopft war.



"Eine ausgezeichnete Idee, schließlich müssen wir auch an das Morgen denken, das dem heutigen Tag folgt," gab der Bürgermeister von sich. "Es zeichnet den wahren Hamster aus, dass er in..."

"Vielleicht sollten wir wieder in den Koffer gehen," gab Flecki zu bedenken. "Ich meine, wenn wir noch ein Morgen erleben wollen, sollten wir in Sicherheit gehen!"

Auch Bauleiter Murksel war der Ansicht, dass es nun erforderlich sei, einen größeren Sicherheitsabstand einzuhalten, und so marschierten die Hamster zurück in den sicheren Koffer.

Der Butler schloss kopfschüttelnd den Koffer und nahm ihn wieder an sich. Dann ging er dort hin, wo es sehr laut war, nämlich zu der Diskussion zwischen Lord McShredder und dem Prinzen.

"Jedenfalls lasse ich mich nicht von ihnen von der Jagd abhalten, Sir," hörte er den Prinzen brüllen, dessen Ohren und Gesicht knallrot vor Wut waren, und der sein Gewehr wieder vom Boden aufhob.



"Sir," flüsterte der Butler seinem Lord in das Ohr, "Ich glaube, es macht keinen Sinn, mit dem zu reden, Sir. Ich habe mal gelesen, dass dieser komische Prinz gesagt hat, dass er eher das Land verlassen würde, als mit der Jagd aufzuhören!"

 

Zusammen mit McShredder beobachtete er nun, wie der Prinz das Gewehr an seine Wange legte und auf irgend etwas in der Ferne zielte. Dann knallte es, nein, es war eine regelrechte Explosion. Aus dem Gewehrlauf schoss ein Feuerstrahl wie aus einer Rakete heraus, und der Prinz flog laut kreischend in die Luft. Höher und höher flog er, drehte sich schreiend im Kreis und verschwand in der Ferne.

 

"Sie haben recht, McClown, er verlässt tatsächlich das Land!"

 

Lord und Butler grinsten einander an. Camilla hatte die Verfolgung aufgenommen und laut "Charlie, Charlie!" rufend rannte sie durch das Moor. Immer wieder blieb sie im Schlamm stecken, fiel hin, krabbelte ein paar Meter auf allen Vieren, stand wieder auf und fiel doch wieder hin.

"Ich schätze, Sir, ein Schlammbad wird ihr guttun."

"Stimmt, McClown, sie sieht bereits jetzt schon viel besser aus als vorher."

Hier gab es nun nichts mehr für die beiden zu tun, und sie setzten das letzte Stück ihrer Reise fort.


 

 

Kapitel 38

Die Teestube

 

Zu ihrer großen Erleichterung wurde der Boden wieder fester. Sie liefen am Fuße eines Berges und in ihrer Laufrichtung befand sich ein See.

"Der Loch Laidon, McClown! Er ist fast 10 Meilen lang. An seinem Ende erwartet uns eine schöne Tasse Tee."

"Sie meinen den Tea Room auf dem kleinen Bahnhof bei Rannoch Station, Sir?" fragte der Butler aufgeregt.

"Genau den meine ich, McClown. Es wäre auch nicht schlecht, wenn wir es heute noch bis zum Schloss schaffen, damit wir frische Kleidung anziehen und eventuell ein Bad nehmen."

Schweigend liefen sie weiter und der Butler überlegte, ob es im Schloss wohl noch eine Möglichkeit gab, warmes Wasser aufzubereiten, oder ob sie womöglich in den kalten Fluten des Loch Rannochs baden müssten. Inzwischen befanden sie sich in einem Tannenwald und vom Loch Laidon war nichts mehr zu sehen. Es war herrlich, nach all den Mühen und Anstrengungen wieder die frische, heimische Waldluft einzuatmen. Sie erreichten einen Wanderweg und kamen nun wieder schneller voran. Zu ihrer Rechten war auch wieder der Loch Laidon aufgetaucht und in weiter Ferne war eine Eisenbahnbrücke zu erkennen auf der sich ein Zug befand, der eine Rauchfahne hinter sich herzog.



"Das muss der Zug nach Fort William sein, Sir. Wäre es nicht schön, wenn die lieben, kleinen Hamster auch einmal mitfahren könnten?"

"Reden sie doch keinen Unsinn, McClown. Hamster würden niemals mit der Bahn fahren."

"Aber wie mögen die bloß nach Sanna Bay gekommen sein, Sir? Das frage ich mich schon seit langem"

"Mit einem Schiff natürlich, McClown, wie denn sonst?"

 

Der Butler betrachtete nachdenklich die Tannen. Irgendwie konnte er sich nicht vorstellen, dass seine kleinen Freunde den weiten Weg von Hamsterhausen bis zur Westküste Schottlands mit einem Schiff zurückgelegt hatten. Wozu auch, was wollten sie da? Nein, es musste eine andere Erklärung für das Erscheinen der Hamster geben.



"Sir, sind sie sicher, dass bei unserer Abreise nach Spanien wirklich keine Hamster mehr im Schloss waren?"

Woher, zum Teufel, soll ich das wissen, McClown? Sie sind der Butler, und sie sind für das Aufräumen verantwortlich!"

Nun betrachtete der Lord nachdenklich die Tannen. Das, was sein Butler da eben gesagt hatte, gefiel ihm überhaupt nicht. Angenommen, diese kleinen kriminellen Hamster waren alleine im Schloss zurückgeblieben, während er und McClown sich in Spanien befanden. Nicht auszudenken, welche Katastrophen passiert sein könnten. Immerhin waren sie über ein Jahr nicht mehr hier gewesen. In diesem Zeitraum konnten es sogar die kurzbeinigen Hamster bis an die Westküste geschafft haben.

"Was ist, McClown, haben sie vor unserer Abreise gründlich nachgesehen, ob sich noch Hamster im Schloss befanden?"

"A-aber wie sollte ich, Sir? Schließlich musste ich mich um alles kümmern, und dann sollte ich noch Tabak besorgen, und dann..."

"Ausreden, McClown, billige Ausreden. Ein guter Butler kann alles gleichzeitig, es ist nur eine Frage der Koordination."

"Mit Verlaub, Sir, ein guter Butler bekommt auch ein regelmäßiges Gehalt."

McShredder antwortete nicht, sondern starrte interessiert in die Ferne. Das Gesicht Frido McClowns erhellte sich plötzlich.

"Sir, sie hatten doch in Kapitel 16 versprochen, mir mein Gehalt auszuzahlen, wenn wir wieder zu Hause sind!"

"Äh, ja, das hatte ich, McClown."

"Und, Sir? Werden sie das tun?"

"Ich kann nicht, McClown."

Der Butler war mit großen Augen stehen geblieben. Während er guckte, ob er irgendwo einen schönen, dicken Knüppel finden konnte, ging er langsam auf McShredder zu.

"Sie können nicht, Sir? Wie soll ich das verstehen, Sir?"

"Wir haben kaum noch Geld, aber es wird für Tee und Kuchen reichen. Sie können sich also auf ein schönes Stück Kuchen freuen, McClown."

"A-aber wo ist das Geld geblieben, Sir?"



"Hotels sind teuer, McClown. Darf ich sie daran erinnern, dass sie mich gezwungen hatten, im Kings House Hotel zu übernachten?"

Frido McClown sagte nun gar nichts mehr. Sie waren also mal wieder pleite! Damit konnte er auch all seine Pläne erst einmal wieder in die Schublade legen. Ohne Geld konnte er die Hamster nicht nach Hamsterhausen zurück bringen. Ohne Geld konnte er Lisa McGyre nicht einladen, es sei denn, sie brachte selbst etwas zu essen mit. An den Wiederaufbau des Schlosses dachte er lieber nicht und erst recht nicht daran, wie es nun weitergehen sollte.

Während all dieser Überlegungen hatte er nicht bemerkt, dass sie den Wald verlassen hatten, erst die Stimme McShredders riss ihn aus seinen Gedanken.

"Da vorne ist es, McClown. Darf ich sie zu Tee und Kuchen einladen? Sozusagen als Sondergehalt?"

Traurig hob der Butler den Kopf, doch als er den einsamen Bahnhof wiedersah, spürte er einen kleinen, freudigen Stich im Herzen.

Nach wenigen Minuten betraten sie Teestube.


 

 

Kapitel 39

George

 

Lord und Butler ließen sich an einem der fünf Tische der Teestube nieder. Sie wählten den Tisch, der vorne am Tresen, direkt neben dem Fenster stand. Im hinteren Teil des Raumes, gleich neben der Eingangstür, saß ein Mann. Er hatte seinen Kopf auf den Tisch gelegt und schien zu schlafen. Das war nicht ungewöhnlich, denn hier fuhren die Züge nicht oft, und manchmal musste man recht lange warten, bis ein Zug kam. Lord McShredder und Frido McClown beachteten daher den Mann nicht weiter, sondern betrachteten hungrig die Auslagen am Tresen. Es gab Kuchen in verschiedenen Geschmacksrichtungen und Farben. Sie entschieden sich für Shortbread.

 

"Einen Tee, 3 Stück Shortbread und einen Kaffee," krächzte der Lord.

"Sofort, Sir. Oh, Lord McShredder, sind sie wieder im Lande?" rief der junge Mann hinter dem Tresen erfreut, als er den Blick auf den Lord richtete.

"Offensichtlich, junger Mann. Gibt es etwas Neues?"

"Oh, ja, Sir, jede Menge" strahlte der Mann freudig. "Wir hatten kaum Regen im letzten Sommer, das öffentliche Toilettenhaus ist neu gestrichen worden, und ein neues Straßenschild wurde aufgestellt."

"Prächtig, prächtig, die Stadt wächst und gedeiht," krähte der Lord und nahm den Teebeutel aus der Tasse, die ihm inzwischen gebracht worden war.

 

Der Butler hatte derweil den Koffer mit den Hamstern auf seinen Schoß genommen und geöffnet. Neugierige, rosa Nasen näherten sich und schnupperten aufgeregt. Der Duft des Gebäcks hatte schlagartig alle Tiere geweckt. McClown zerbröckelte einen der Kekse und legte ihn zu den Hamstern. Lautes Rascheln und Fiepen war nun zu hören, und man brauchte keine Hamstersprache zu verstehen, um zu wissen, was da nun passierte. Die Aufruhr dauerte jedoch nicht lange, denn der Keks war schnell vertilgt. Als feststand, dass es nichts mehr zu essen gab, zogen sich die kleinen Tiere wieder zum Schlafen zurück, und der Koffer wurde geschlossen.

Der Lord schlürfte seinen Tee, der Butler trank seinen Kaffee, und beide sahen aus dem Fenster. Weit hinter den Bahngleisen sahen sie den kleinen Wald, durch den sie vor kurzer Zeit noch gegangen waren. In der Ferne waren schemenhaft die Berge zu sehen, und noch viel weiter dorthinter lag die Halbinsel Ardnamurchan, wo doch alles begonnen hatte. Sie waren weit gereist und hatten viel erlebt. Nun standen sie kurz vor ihrem Ziel, und sie wussten, dass sich der Weg gelohnt hatte. Kein noch so schönes spanisches Wetter konnte ihnen diese wundervolle Umgebung ihrer Heimat ersetzen.

"McClown, es wird Zeit, die letzten Meilen zu laufen," rief der Lord.

"Gerne, Sir. Darf ich mir noch eine Bemerkung erlauben?"

"Genehmigt, McClown."

"Vermissen sie ihren Rollstuhl überhaupt nicht mehr, Sir?"

"Doch, sehr, McClown," krähte der Lord und stöhnte laut. "Aber ein Lord echten Kalibers jammert nicht."

"Was muss ich da hören?" ertönte plötzlich eine Stimme aus dem hinteren Teil der Teestube. "Der Lord von Killichonan geht zu Fuß? Bei allen keltischen Heiligen, auf den Tag habe ich lange gewartet."

Erstaunt blickten sich die beiden um. Der Mann, der vor kurzem noch schlafend am Tisch gesessen hatte, stand nun auf und ging auf sie zu. Er war klein, etwas beleibt, hatte eine Glatze und zog sein linkes Bein nach.

"George, der Busfahrer," rief Frido McClown erfreut, denn er kannte den alten Postbusfahrer sehr gut. So manches Mal, wenn der Lord keinen Tabak mehr hatte, oder die Vorräte im Schloss ausgegangen waren, hatte George den Butler mit in das nächste Städtchen genommen, wenn er ihn auf der Straße laufen sah. Nie hatte George dafür Geld genommen, und der Butler war jedes Mal froh gewesen, den langen Weg nicht zu Fuß gehen zu müssen.



"Frido, wo bist Du so lange gewesen?"

"Ach, George, das ist eine lange Geschichte. Lass mich das ein anderes Mal erklären. Wir wollen jetzt nur noch nach Hause."

"Nach Hause." George nickte. "Ich will euch nicht erschrecken, aber euer Zuhause ist nur noch eine Ruine."

Lord und Butler waren blass geworden. Sie wussten, dass das alte Schloss schon bei ihrer Abfahrt nach Spanien nicht im besten Zustand war, doch eine Ruine? Nur mühsam gewannen sie ihre Fassung wieder und McShredder krächzte: "Dann werden wir die Ruine eben wieder aufbauen, nicht wahr, McClown?" Er wandte sich an den Busfahrer. "George, wann geht dein Bus?"

"Ich fahre nicht mehr, Lord McShredder, ich bin schon lange im Ruhestand und genieße die viele Freizeit. Allerdings ist mir ein bisschen langweilig geworden und so fahre ich noch manchmal zwischen Kinloch Rannoch und der Bahnstation hin und her. Selbstverständlich seid ihr heute meine Fahrgäste."

"Kostenlos natürlich, George," krähte McShredder.

George lachte. "Kostenlos natürlich, Lord."

Hocherfreut verließ McShredder zusammen mit seinem Butler und dem ehemaligen Postbusfahrer George die Teestube, nachdem der junge Mann am Tresen für Gebäck, Tee und Kaffee ebenfalls kein Geld haben wollte.

"Nicht wahr, McClown, man merkt doch gleich, wenn man wieder zu Hause ist!"

"Ja Sir, fragt sich nur, ob man auch ein Dach über dem Kopf hat."

George gab Gas und der alte Postbus setzte sich in Bewegung. Zu ihrer linken sahen sie die Ruinen von Doire na h-innes, dann kamen sie an der großen Wasserkraftanlage von Gaur vorbei, und das Herz der beiden Heimkehrer schlug höher. Als der Loch Rannoch in Sicht kam, waren beide aufgestanden und schauten aufgeregt aus dem Fenster. In der Mitte des Lochs erkannten sie die kleine Möveninsel, Eilean nam Faoileag. Die letzte Meile schien Ewigkeiten zu dauern, doch dann war es endlich soweit. George bog links ab und sie hatten das Schloss erreicht.


 

 

Kapitel 40

Wieder im Schloss


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Lord stieg als erster aus dem Bus und ging langsam auf das zu, was einst ein Schloss gewesen war. Wände gab es nicht mehr, und ein großer Schutthaufen lag dort, wo die große Eingangshalle gewesen war. Das, was noch am höchsten in die Luft ragte, waren die beiden Pfosten der Eingangstür, die lose in den Scharnieren hing. McShredder blieb vor den Resten der Tür stehen.




"McClown, sie fauler Geselle, wollen sie einem Lord nicht die Tür öffnen?"

Der Butler glotzte den Lord erstaunt an, während George sich lachend verabschiedete.

"Ihr kommt schon alleine klar! Sagt Bescheid, wenn ihr mich braucht."

Während der Busfahrer zurück zur Landstraße fuhr, öffnete der Butler vorsichtig die Tür. Kaum hatte er sie ein Stück bewegt, da fiel sie krachend aus den Angeln und riss die Türpfosten mit um.

"Danke, McClown," sagt der Lord, nachdem sich der Staub etwas gelegt hatte. "Wenn sie meinen Sessel wiedergefunden haben, wäre ich ihnen sehr verbunden, wenn sie hier etwas aufräumen würden."

Mit einem lauten Seufzer setzte Frido McClown den Koffer mit den Hamstern zwischen ein paar Mauersteine und öffnete den Verschluss. Dann machte er sich auf die Suche nach dem Sessel, während der Lord seine Pfeife stopfte.

"He, Leute, wir sind wieder im Schloss," rief Bauleiter Murksel und stieg aus dem Koffer.

"Ja, echt cool," stöhnte Flecki, "wir sind ja echt weit gekommen."

"Immerhin waren wir am Strand," meinte Tuffi, "und das war auch ganz nett."



Der Bürgermeister war inzwischen auf einen Schutthaufen gestiegen und hielt es an der Zeit, die Hamster durch eine kleine Rede zu ermutigen.
"Liebe Freunde, "begann er, "es war ein weiter Weg, und ich bin stolz zu sagen, dass..."

Weiter kam er nicht, denn der Schutthaufen brach in diesem Moment unter ihm zusammen.

"Tut mir leid, kleiner Hamster," ertönte die Stimme von Frido McClown, "aber ich suche den Sessel des Lords. Was musst du auch auf dem Schutthaufen herumturnen?"

Er setzte den schimpfenden Bürgermeister zu den anderen Hamstern auf den Boden und suchte weiter. Plötzlich krachte es laut, und dort, wo eben noch der Butler stand, war nur noch eine Staubwolke zu sehen.

"McClown, haben sie meinen Sessel endlich gefunden?"

Niemand antwortete. Langsam legte sich die Staubwolke, doch der Butler blieb verschwunden. Die Hamster reckten neugierig ihre Hälse, als der Lord sich vorsichtig der Stelle näherte, an der eben noch Frido McClown gestanden hatte. Ein Loch im Boden gähnte ihm entgegen.

"McClown, hören sie gefälligst auf, Verstecken zu spielen und machen sie sich an die Arbeit. Ich kann ja nicht immer alles alleine machen!"

Er erhielt immer noch keine Antwort und drehte sich verzweifelt zu den Hamstern um. Goldi stand direkt vor seiner Nase und McShredder zeigte mit dem Finger auf ihn.

"Wie wäre es, ihr kleinen Nager macht auch mal etwas für euer Futter. Schließlich habe ich euch die ganze Zeit durchgefüttert!"

"Toidi, llef ma chim ckel!"1 kam die prompte Antwort.


"Häh? Wirf mal schnell? Was soll ich denn werfen?"

Lord McShredder sah sich mit fragend um. Dann erhellte sich seine Miene.

"Ah, eine gute Idee, mein kleiner Nager."

Er nahm einen am Boden liegenden Stein und warf ihn in das Loch. Ein lauter Aufschrei bestätigte ihm, dass er getroffen hatte.

"McClown, wenn sie fertig sind mit dem Spielen, wäre ich ihnen sehr verbunden, wenn sie sich ein wenig um das Aufräumen kümmern würden."

"Sir," erklang jetzt die gedämpfte Stimme des Butlers, "ich bin in altem Geschirr gelandet."

"Altes Geschirr, McClown? Wie soll ich das verstehen, haben sie etwa das schmutzige Geschirr immer im Keller verschwinden lassen?"

"Aber, Sir, wir haben doch noch nie einen Keller gehabt."

"Sie haben recht, McClown, aber wo zum Teufel sind sie gelandet, und wie soll ich sie da wieder heraus holen?"

Bauleiter Murksel, Flecki und Goldi waren inzwischen in das Loch gekrabbelt, um die ganze Sache zu untersuchen, denn sie wussten genau, wo der Butler war, gab es meistens auch Futter. Doch ihre Enttäuschung war groß, als sie weit und breit nur nutzlosen Schrott fanden. Völlig verdreckt kletterten sie wieder aus dem dunklen Loch, als Lord McShredder sich mit einem heiseren Aufschrei auf Flecki stürzte. Da Flecki jedoch sehr flink war, landete der Lord im Dreck und rief aufgeregt: "Was hast du da gefunden, kleiner Nager? Komm zu Onkel Lord, zeig her!"

Flecki jedoch machte, dass sie fort kam und versteckte sich hinter ein paar Steinen.

"Was ist denn los?" wollte Tuffi wissen, nachdem sie die atemlose Flecki gefunden hatte.

"Das ist meine Brosche, die gehört mir! So ein Schmuckstück habe ich mir schon immer gewünscht, guck mal!"

Mit großen, leuchtenden Augen sah Tuffi auf die Brosche. Sie war kunstvoll verziert, und obwohl sie stark verschmutzt war, konnte das ihrem goldenen Glanz nichts anhaben. Zweifellos war sie sehr wertvoll, und das musste auch der alte Lord erkannt haben. Der jedenfalls hatte inzwischen unter den Mauerresten den langen, ehemaligen Wohnzimmervorhang gefunden und das eine Ende in das Loch geworfen, in dem sein Butler steckte. Das andere Ende wickelte er um die Reste des ehemaligen Rahmens der Küchentür. Dann zog er ächzend und stöhnend, während der Butler sich fest an das andere Ende des Vorhangs klammerte.


"McClown," keuchte der Lord während er Zentimeter für Zentimeter den Butler höher zog, "haben sie etwas von dem, äh, Geschirr mitgenommen?"

"N-nein, Sir, habe ich nicht," kam die knappe, keuchende Antwort.

Der Lord nickte langsam mit dem Kopf. Dann ließ er den Vorhang los, und kreischend fiel der Butler zurück in die Tiefe. Ein lautes Scheppern verkündete, dass er den Boden erreicht hatte.

"Tut mir leid, McClown, der Vorhang, äh, ist mir aus den Händen gerutscht. Wenn sie aber schon mal wieder unten sind, könnten sie sich etwas von dem, äh, Geschirr in die Tasche stecken und mitbringen."

"Mache ich, Sir, aber bitte holen sie mich hier heraus!"

"Aber natürlich, McClown," flötete McShredder und zog erneut den Vorhang Stück für Stück hoch.

Diesmal dauerte es nicht lange und der Butler stand keuchend vor dem Lord.

 

1 (Hamstisch:Leck mich am Fell, Idiot)


 

 

Kapitel 41

Der Schatz

 

"Sir, was ist das bloß für ein Keller?" fragte der Butler, nachdem er wieder zu Atem gekommen war.

"Ihre Taschen, McClown, leeren sie ihre Taschen!" kreischte der Lord vor Aufregung.

Frido McClown griff in seine Hosentaschen und zog etwas Glitzerndes hervor. Er legte alles auf den staubigen Boden und setzte sich mit offenem Mund daneben. Die Augen des alten Lords schienen fast aus ihren Augenhöhlen zu quellen. Keiner sprach ein Wort, erst nach einigen Minuten krächzte McShredder: "McClown, wieviel ist noch in dem Keller?"

"Jede Menge Sir. Vielleicht ein paar Badewannen voll."

"Dieser alte Gauner."

"Welcher Gauner, Sir?"

"McGregor natürlich, McClown. Er war ein Mann der Kirche und hat Zeit seines Lebens alles Weltliche für sich angespart und in diesem Keller versteckt."

"Aber, Sir, warum hat er ihnen dann all dieses überlassen?"

"Nicht nur, weil ich das Loch Ness Monster besiegt habe, McClown." Der Lord machte eine Pause und starrte gedankenverloren in den Himmel. "Sein schlechtes Gewissen hat ihn getrieben. Er hat immer von Armut gepredigt und konnte mit der schweren Last all dieses Reichtums nicht mehr leben und musste es loswerden."

"Sir, haben wir denn ein Problem mit der schweren Last?"

"Ich nicht, McClown, schließlich ist es ihre Aufgabe, hier aufzuräumen."

"Sir, ich bestehe darauf, eine Verstärkung zu bekommen. In letzter Zeit macht mein Rücken nicht mehr so richtig mit, und Kochen bringt mir auch keinen Spaß mehr."

"Genehmigt, McClown, ich habe ihren Fraß ohnehin nie sonderlich geschätzt. An wen haben sie denn gedacht?"

"Nun, Sir, ich kenne da eine reizende junge Dame, die bestimmt gerne kommen wird."

"Kein Problem, McClown. Allerdings sollten wir das Schloss vorher wieder in Schuss bringen, sonst findet die junge Dame nichts, was sie zertöppern kann!"

Zum ersten Mal lachten nun Lord McShredder und sein Butler Frido McClown zusammen. Sie saßen gemeinsam auf dem alten Vorhang und lachten minutenlang.

In den nächsten Stunden waren Lord und Butler damit beschäftigt, all die kostbaren Schmuckstücke aus dem Keller zu bergen. Es bestand kein Zweifel: die Tage ihrer Armut waren nun gezählt. Nachdem McClown den Sessel wiedergefunden und gereinigt hatte, machte es sich der Lord bequem und übernahm die weiteren Planungen.

"Sir, es wird eine Weile dauern, bis wir hier wieder wohnen können. Wie und wo sollen wir nachts schlafen?"

Lord McShredder antwortete nicht, sondern starrte gedankenverloren vor sich hin.

"Sir?"

"Äh, ja, McClown?"

"Wo sollen wir heute Nacht schlafen?"

Der Lord lehnte sich im Sessel zurück und faltete seine Hände.

"Wissen sie, woran ich denke, McClown?"

"Das habe ich mich schon oft gefragt, Sir!"

"Nun, McClown, ich möchte am Meer wohnen, in der Nähe eines Strandes."

"Sanna Bay, Sir?"

"Sie können einfach nicht strategisch denken, McClown. Erstens gibt es dort keine Schlösser, und zweitens sollten wir uns in der Gegend vorläufig nicht blicken lassen. Nein, mein guter McClown, es gibt eine bessere Möglichkeit."

"Sir?"

"Dunollie Castle, McClown, das wird unser neues Zuhause."

"Davon habe ich noch nie gehört, Sir."

"Das hätte mich auch gewundert, McClown. Dunollie Castle wurde im 12. Jahrhundert gebaut, wahrscheinlich von MacDougall. Es liegt auf einem Hügel nördlich von Oban und bietet eine fantastische Sicht auf die See. Sehen sie doch mal auf dieser alten Karte."

 

"Und das hier, Sir? Was wird aus diesem Schloss?"

"Vielleicht ein Ferienschloss, McClown, oder ein Wochenendhaus, irgendwann einmal."

"Und Miss Lisa, Sir?"

"Die wird gerne mitkommen, McClown. In Oban gibt es viele Einkaufsmöglichkeiten, Frauen schätzen das."

Der Lord schwieg eine Weile, während er seine Pfeife stopfte.

"So, McClown," fuhr er dann fort, "sie werden nun in die Stadt gehen und George suchen. Ich werde mich inzwischen ein wenig von den Strapazen ausruhen."

"George, Sir?"

"George, McClown. Wir brauchen schließlich einen Fahrer."

Der Butler machte, dass er los kam. Stunden später erreichten er und der ehemalige Postbusfahrer George die Ruine des Schlosses Killichonan, in dem der Lord immer noch in seinem Sessel saß und wartete.

Inmitten der Ruine machte nun Frido McClown ein Lagerfeuer, und die 3 Männer saßen lange zusammen und besprachen all die Dinge, die nun zu erledigen waren. Der Lord und sein Butler beschlossen, für die nächsten Tage in ein nahe gelegenes, ehemaliges Jagdschloss zu ziehen. Frido McClown sollte sich nun etwas ausruhen, und dann in den nächsten Tagen zum Kings House Hotel gehen, um Lisa McGyre zu holen. George aber war vor Freude nicht mehr zu halten. Nicht nur, dass er in Zukunft der Fahrer des Lords werden würde und mit seinem Freund Frido zusammen wäre, nein, George sollte für die nächsten Tage noch einmal auf große Fahrt gehen. Sein Auftrag war, die Hamster wieder nach Hamsterhausen zu bringen.

Während der Butler sich lange von einen Hamster nach den anderen verabschiedete und versprach, sie bald zu besuchen, bereitete George den alten Postbus für die Reise vor. Die hinteren Sitzbänke wurden abmontiert und mit Decken ausgelegt. Auch an Futter und Spielzeug für die Hamster wurde gedacht und, nachdem Frido McClown seinem Freund George noch ein paar Tipps über den Umgang mit Hamstern und ihre Gewohnheiten gegeben hatte, machte sich George auf den Weg nach Hamsterhausen.

"Wenn ich das recht verstanden habe, geht es jetzt nach Hause," meinte Flecki und betrachtete die neuen Decken. "Allerdings hätten die uns ruhig hübschere Decken hinlegen können! Schaut doch mal, diese hässlichen Farben, die passen gar nicht zueinander!"

"Ist doch egal," knurrte Goldi, "Hauptsache, die haben an Futter gedacht."

"Bin ja gespannt, ob zu Hause alles in Ordnung ist, ich meine, wenn da keiner etwas repariert, wenn es kaputt ist..." gab Bauleiter Murksel zu bedenken.

"Genau," unterbrach ihn Tuffi, "wenn keiner etwas kaputtrepariert, dann müssen die sich ja alle furchtbar langweilen."

"Na fein," grinste Goldi, "das ist ja nun vorbei, wenn wir wieder da sind."

Der Bürgermeister räusperte sich und sprach mit lauter Stimme: "Meine lieben Hamsterfreunde und Hamsterfreundinnen. Wir haben einen langen Weg hinter uns und jeder weiß, welche Strapazen es uns gekostet hat und deshalb möchte ich noch einmal in aller Deutlichkeit...."

Doch weiter kam er nicht. George hatte in diesem Moment die Brücke über den River Gary überquert und bog scharf nach rechts ab. Der Bürgermeister wurde quer durch den hinteren Teil des Busses geschleudert und blieb benommen auf einem Reservereifen liegen. Sofort halfen ihm die anderen Hamster wieder auf die Beine, doch es dauerte eine Weile, bis er die Augen öffnete.

"Oh, nein, seht doch mal" rief Flecki und starrte entsetzt den Bürgermeister an. "Er grinst schon wieder so dämlich!"


 

 

Kapitel 42

Wieder zu Hause

 

Der Bürgermeister saß an den Reservereifen gelehnt und grinste breit. Entsetzt stand die Hamsterschar um ihn herum und betrachtete ihn mit großen Knopfaugen.

"Is' was?", fragte der Bürgermeister und lächelte in die Runde.

"Naja," druckste Tuffi, "wir hatten gedacht, dass du schon wieder, na, du weißt ja schon."

"Ich doch nicht," tönte der Bürgermeister und erhob sich. "Wisst ihr, was mir gerade eingefallen ist? Bestimmt werden wir mit dem Schiff fahren und das bedeutet..."

"Fressen bis zum Abwinken," warf Goldi ein.

"Genau," quiekte der Bürgermeister vor Freude, "und das Meer gibt es auch noch gratis dazu."

Flecki sah ihn erst böse an, als er das Wort 'Meer' aussprach, doch dann wandte sie sich an Goldi.

"Woher weißt du denn, dass es da etwas zu fressen gibt, bist du denn schon mal mit einem Schiff gefahren?"

"Nö, aber das weiß doch jeder. Übrigens bin ich sogar fast schon mal mit einem Flugzeug geflogen."

"Aha," entgegnete Flecki ungläubig, "und wieso nur fast?"



"Nun, als ich mit meinem Koffer in die Maschine von 'Hamster-Airlines' einsteigen wollte, kam da so ein Typ in Uniform und fragte: Waffen? Munition? Sprengstoff?"

"Und?" hauchte Flecki neugierig.

"Naja, ich habe zu ihm gesagt: danke, das brauche ich nicht, das habe ich alles selber dabei..."



Der Rest von Goldis Worten ging im Gelächter der Hamster unter.

"Da fällt mir gerade etwas ein", gackerte Bauleiter Murksel. "Einmal hatten wir einen Notruf von einer Rennmaus. Sie stand mit einem LKW vor einer Brücke und kam nicht weiter, weil das Fahrzeug zu hoch war."

"Und?" fragte Dodo neugierig, "habt ihr helfen können?"

"Klar," grinste der Bauleiter, "wir haben ihr gesagt, dass sie die Luft aus den Reifen lassen soll, und wisst ihr, was diese blöde Rennmaus dann gesagt hat?"

Die Hamster schüttelten die Köpfe.


"Sie hat gesagt, hi, hi, also, sie hat gesagt: das nützt doch nichts wenn er unten durchkommt, denn der Wagen kommt doch oben nicht durch!"

George, der sich über den Lärm der Hamster wunderte, steuerte inzwischen den Wagen über den Queens Quay direkt auf die Fähre zu. Dank der großzügig bemessenen Summe Geldes, die der Lord ihm mit auf den Weg gegeben hatte, gönnte sich George die größte und beste Kabine. Ohnehin war es sicherer, sich das Essen in die Commodore-Kabine bringen zu lassen, denn George hatte nicht vor, den Hamstern eine Gelegenheit zu irgendwelchen Alleingängen auf dem Schiff zu geben. Zum Schlafen stiegen die Nagetiere jedes Mal in den Koffer, den Frido McClown dem Fahrer mitgegeben hatte.

"Uff, bin ich satt," stöhnte Tati und machte es sich auf einem kleinen Kissen gemütlich.

"Das beste Essen, das wir je hatten," schwärmte Teeblättchen.

"Wusstet ihr, warum die blöden Rennmäuse Glasdeckel beim Kochen benutzen?" fragte Flecki.

"Nö, erzähle mal!" riefen ihre Freunde im Chor.

"Damit sie jetzt besser gucken können, wann das Essen verbrannt ist..."

"Hä, hä," meldete sich Bauleiter Murksel wieder, "wusstet ihr, wie lange eine Rennmaus braucht, um ein Kellerfenster zu putzen?"

Die Hamster schüttelten grinsend die Köpfe.

"3 Stunden und 10 Minuten," sagte Murksel genüsslich," 10 Minuten zum Putzen des Fensters und 3 Stunden zum Eingraben der Leiter!"


Alle schüttelten sich vor Lachen.

"Aber ihr habt bisher noch nicht gewusst, dass die Rennmäuse vor langer Zeit eine U-Boot-Flotte besessen hatten!"

"Und wieso gibt es die nicht mehr?" fragte Goldi.

"Tja," grinste Bauleiter Murksel, "irgendwann haben diese Idioten einen 'Tag der offenen Tür' gemacht, und das war es dann mit der Flotte."

Während die Hamster sich prächtig amüsierten, viel schliefen und noch mehr aßen, steuerte George den Postbus sicher ins Aubachtal. Dort fuhr er zu der Adresse, die McClown ihm genannt hatte. Elfriede, die gerade ihre Freundinnen Jennie, Rosie und Bertha zu Besuch hatte, fiel aus allen Wolken, dass plötzlich Besuch aus dem fernen Schottland vor der Tür stand. Solch eine wunderbare Überraschung kam ihr und ihren Freundinnen gerade recht, denn schließlich waren sie seit Stunden damit beschäftigt, für eine Mathematikarbeit zu lernen. George legte den Koffer mit den Hamstern auf den Tisch und öffnete ihn.

"Sag mal, was geben die denn für komische Geräusche von sich?" fragte Rosie erstaunt.

Elfriede beugte sich über den Koffer und lauschte.

"Die lachen über irgendetwas," stellte Elfriede verwundert fest. Dann wurde ihr Gesicht lang und länger. "Jetzt fangen die sogar an zu singen!"

Ihre Freundinnen rückten näher und lauschten.

"Was ist denn bei denen los?" fragte Elfriede und drehte sich zu den anderen um. "Die singen: 'Sommer, Sonne, Strand - wo ich die Sonnenblumenkerne fand..."



George blieb noch einige Stunden im Aubachtal und musste den Kindern alles erzählen, was er wusste. Viel war es nicht, doch er versprach, dem Butler Frido zu sagen, dass dieser den Kindern einen Brief mit allen Einzelheiten schicken sollte. Bald darauf hieß es jedoch für George, schnell wieder mit dem alten Postbus weiterzufahren, denn das Fährschiff nach Schottland wartete nicht auf ihn.

Nach einer recht stürmischen Überfahrt, die seinen Appetit auf das leckere Bordbuffet jedoch nicht im geringsten minderte, erreichte er am nächsten Morgen Newcastle. Nach einem kurzen Stopp in Edinburgh erreichte er am frühen Vormittag das alte Jagdschloss Talladh-A-Bheithe, in dem Lord McShredder und sein Butler bereits auf ihn warteten. Während der Lord ungeduldig an seiner Pfeife nuckelte, musste George seinem Freund Frido haargenau berichten, wie die Fahrt mit den Hamstern bis hin ins Aubachtal verlaufen war.

Am nächsten Morgen verließen die drei in aller Frühe das Jagdschloss und fuhren nach Pitlochry, um sich einen großen Anhänger zu besorgen. Dann ging es ein letztes Mal zu der Ruine in Killichonan. Als die Sonne am höchsten stand, war alles Brauchbare in den Bus geladen worden, und es ging über den Schiehallion-Road weiter nach Aberfeldy.

"Sir, heute Nacht werden wir in unserem neuen Schloss wohnen!"

"Seien sie sich mal nicht so sicher, McClown, es gibt noch eine Menge zu tun. Das Wichtigste wird sein, dass wir heißes Wasser für Tee haben und der Kamin funktioniert. Wenn mein Sessel am Kamin steht, werden wir weitersehen."



Der Butler war aufgeregt, so, wie eigentlich alle aufgeregt waren. Doch Frido McClown war noch aus einem anderen Grund ungeduldig. Dann war das erste Ziel erreicht, und George hielt vor dem Kings House Hotel. Lisa McGyre wartete bereits mit gepackten Koffern vor der Tür. George stieg aus und nahm ihr die Koffer ab, während Lisa in den Wagen stieg. Als er den letzten Koffer verstaut hatte, hörte er sie rufen: "Oh, Mr. Schredder, tut mir leid. War das ihre Pfeife? Vielleicht kann man die kleben."

Der Lord war recht schweigsam, als es über den Ort Glencoe am Loch Linnhe vorbeiging. Als sie jedoch über eine lange Brücke fuhren und den kleinen Ort Connel erreichten, hatte auch Lord McShredder vor lauter Vorfreude die kaputte Pfeife vergessen. Nach drei weiteren Meilen war es geschafft und nachdem der alte Postbus einen recht steilen Hang hochgefahren war, hatten sie endlich das Schloss Dunollie erreicht. Der Butler half Lisa McGyre beim Aussteigen, doch leider verhakte sie sich in ihrem Sicherheitsgurt und rollte zusammen mit Frido McClown den Abhang hinunter. Lord McShredder, der schallend lachte, wurde durch einen bösen Blick von George zum Schweigen gebracht.

Dann betraten alle gemeinsam ihr neues Zuhause. Es war ein wunderschönes, altes Schloss, und sie spürten sofort, dass sie sich alle hier sehr wohl fühlen würden. Nachdem McClown und George den Sessel des Lords an eine gemütliche Stelle gestellt hatten, ließ Lord McShredder sich genüsslich nieder.

"Ich schätze mal, mein lieber McClown, George und natürlich Miss Lisa, dass nun einige Änderungen nötig sind. Am besten fangen wir mal mit einem schönen Tee für mich an und dann werdet ihr..."

"Mr. Shredder," unterbrach ihn Lisa McGyre, "erstens muss Frido seine ausstehenden Gehälter bekommen, zweitens unterhalten wir uns dann über unsere Gehälter und drittens zeige ich ihnen gerne, wie man Tee kocht."

"Gehalt?" ächzte McShredder, "Es ist eine Ehre, für den Lord von Killichonan und Dunollie arbeiten zu dürfen."

"Ehre macht erstens nicht satt, Mr. Shredder, und zweitens könnte Frido auch einen Finderlohn beanspruchen. Das wäre die Hälfte des Schatzes. Ist ihnen das lieber?"

Der Lord rutschte unruhig in seinem Sessel hin und her und starrte verlegen auf die dicken Mauern des Schlosses.

"Na, gut, Miss Lisa, ich gebe mich geschlagen. Allerdings unter einer Bedingung."

"Welche Bedingung, Mr. Schredder?"

"Die kaputte Pfeife ziehe ich ihnen vom ersten Gehalt ab."

Frido McClown und George hielten sich vor Lachen die Bäuche, während die junge Frau energisch auf den Lord zu schritt.

"Mr. Schredder, habe ich ihre Pfeife auf dem Autositz liegen gelassen oder sie?"

"Aber Miss Lisa, ich habe bisher immer meine Pfeife..."

"Bisher, Mr. Schredder, bisher. Dann wird es Zeit, dass sich das mal ändert!"

George klopfte seinem Freund Frido auf die Schulter.

"Komm, Frido, wir räumen die restlichen Sachen aus dem Bus und halten uns aus solchen Sachen raus."

Lachend gingen die beiden hinaus und ließen Lord McShredder und Lisa McGyre ihre Unterhaltung in Ruhe fortsetzen.

"Ich schätze, mein lieber George," grinste der Butler, "wir werden hier noch eine Menge Spaß haben."

 

Als die beiden den alten Postbus aufräumten, und während im Schloss der alte Lord McShredder gerade verzweifelt sein Recht verteidigte, hin und wieder im Schloss rauchen zu dürfen, ging die Sonne langsam hinter den Bergen unter. Es dauerte nicht mehr lange, bis für diesen Tag alle Lichter im Schloss Dunollie gelöscht wurden und sich jeder zur Ruhe begab. Im fernen Hamsterhausen startete genau in diesem Moment eine große Party, und auch dort waren alle froh und erleichtert, dass die Abenteuer glücklich überstanden waren.

 

EDNE1

 

 

1 (Hamstisch: Ende)


 

 

Die Reiserouten

 

1. Die Schiffreise von Vivero nach Sanna Bay auf Ardnamurchan

2. Die Reise der Hamster vom Schloss in Killichonan bis Sanna Bay

3. Die Rückkehr von McShredder, McClown und den Hamstern nach Killichonan

 

1.

2.

3.

 

Zurück zu den Büchern