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Kapitel 39

George

 

Lord und Butler ließen sich an einem der fünf Tische der Teestube nieder. Sie wählten den Tisch, der vorne am Tresen, direkt neben dem Fenster stand. Im hinteren Teil des Raumes, gleich neben der Eingangstür, saß ein Mann. Er hatte seinen Kopf auf den Tisch gelegt und schien zu schlafen. Das war nicht ungewöhnlich, denn hier fuhren die Züge nicht oft, und manchmal musste man recht lange warten, bis ein Zug kam. Lord McShredder und Frido McClown beachteten daher den Mann nicht weiter, sondern betrachteten hungrig die Auslagen am Tresen. Es gab Kuchen in verschiedenen Geschmacksrichtungen und Farben. Sie entschieden sich für Shortbread.

 

"Einen Tee, 3 Stück Shortbread und einen Kaffee," krächzte der Lord.

"Sofort, Sir. Oh, Lord McShredder, sind sie wieder im Lande?" rief der junge Mann hinter dem Tresen erfreut, als er den Blick auf den Lord richtete.

"Offensichtlich, junger Mann. Gibt es etwas Neues?"

"Oh, ja, Sir, jede Menge" strahlte der Mann freudig. "Wir hatten kaum Regen im letzten Sommer, das öffentliche Toilettenhaus ist neu gestrichen worden, und ein neues Straßenschild wurde aufgestellt."

"Prächtig, prächtig, die Stadt wächst und gedeiht," krähte der Lord und nahm den Teebeutel aus der Tasse, die ihm inzwischen gebracht worden war.

 

Der Butler hatte derweil den Koffer mit den Hamstern auf seinen Schoß genommen und geöffnet. Neugierige, rosa Nasen näherten sich und schnupperten aufgeregt. Der Duft des Gebäcks hatte schlagartig alle Tiere geweckt. McClown zerbröckelte einen der Kekse und legte ihn zu den Hamstern. Lautes Rascheln und Fiepen war nun zu hören, und man brauchte keine Hamstersprache zu verstehen, um zu wissen, was da nun passierte. Die Aufruhr dauerte jedoch nicht lange, denn der Keks war schnell vertilgt. Als feststand, dass es nichts mehr zu essen gab, zogen sich die kleinen Tiere wieder zum Schlafen zurück, und der Koffer wurde geschlossen.

Der Lord schlürfte seinen Tee, der Butler trank seinen Kaffee, und beide sahen aus dem Fenster. Weit hinter den Bahngleisen sahen sie den kleinen Wald, durch den sie vor kurzer Zeit noch gegangen waren. In der Ferne waren schemenhaft die Berge zu sehen, und noch viel weiter dorthinter lag die Halbinsel Ardnamurchan, wo doch alles begonnen hatte. Sie waren weit gereist und hatten viel erlebt. Nun standen sie kurz vor ihrem Ziel, und sie wussten, dass sich der Weg gelohnt hatte. Kein noch so schönes spanisches Wetter konnte ihnen diese wundervolle Umgebung ihrer Heimat ersetzen.

"McClown, es wird Zeit, die letzten Meilen zu laufen," rief der Lord.

"Gerne, Sir. Darf ich mir noch eine Bemerkung erlauben?"

"Genehmigt, McClown."

"Vermissen sie ihren Rollstuhl überhaupt nicht mehr, Sir?"

"Doch, sehr, McClown," krähte der Lord und stöhnte laut. "Aber ein Lord echten Kalibers jammert nicht."

"Was muss ich da hören?" ertönte plötzlich eine Stimme aus dem hinteren Teil der Teestube. "Der Lord von Killichonan geht zu Fuß? Bei allen keltischen Heiligen, auf den Tag habe ich lange gewartet."

Erstaunt blickten sich die beiden um. Der Mann, der vor kurzem noch schlafend am Tisch gesessen hatte, stand nun auf und ging auf sie zu. Er war klein, etwas beleibt, hatte eine Glatze und zog sein linkes Bein nach.

"George, der Busfahrer," rief Frido McClown erfreut, denn er kannte den alten Postbusfahrer sehr gut. So manches Mal, wenn der Lord keinen Tabak mehr hatte, oder die Vorräte im Schloss ausgegangen waren, hatte George den Butler mit in das nächste Städtchen genommen, wenn er ihn auf der Straße laufen sah. Nie hatte George dafür Geld genommen, und der Butler war jedes Mal froh gewesen, den langen Weg nicht zu Fuß gehen zu müssen.



"Frido, wo bist Du so lange gewesen?"

"Ach, George, das ist eine lange Geschichte. Lass mich das ein anderes Mal erklären. Wir wollen jetzt nur noch nach Hause."

"Nach Hause." George nickte. "Ich will euch nicht erschrecken, aber euer Zuhause ist nur noch eine Ruine."

Lord und Butler waren blass geworden. Sie wussten, dass das alte Schloss schon bei ihrer Abfahrt nach Spanien nicht im besten Zustand war, doch eine Ruine? Nur mühsam gewannen sie ihre Fassung wieder und McShredder krächzte: "Dann werden wir die Ruine eben wieder aufbauen, nicht wahr, McClown?" Er wandte sich an den Busfahrer. "George, wann geht dein Bus?"

"Ich fahre nicht mehr, Lord McShredder, ich bin schon lange im Ruhestand und genieße die viele Freizeit. Allerdings ist mir ein bisschen langweilig geworden und so fahre ich noch manchmal zwischen Kinloch Rannoch und der Bahnstation hin und her. Selbstverständlich seid ihr heute meine Fahrgäste."

"Kostenlos natürlich, George," krähte McShredder.

George lachte. "Kostenlos natürlich, Lord."

Hocherfreut verließ McShredder zusammen mit seinem Butler und dem ehemaligen Postbusfahrer George die Teestube, nachdem der junge Mann am Tresen für Gebäck, Tee und Kaffee ebenfalls kein Geld haben wollte.

"Nicht wahr, McClown, man merkt doch gleich, wenn man wieder zu Hause ist!"

"Ja Sir, fragt sich nur, ob man auch ein Dach über dem Kopf hat."

George gab Gas und der alte Postbus setzte sich in Bewegung. Zu ihrer linken sahen sie die Ruinen von Doire na h-innes, dann kamen sie an der großen Wasserkraftanlage von Gaur vorbei, und das Herz der beiden Heimkehrer schlug höher. Als der Loch Rannoch in Sicht kam, waren beide aufgestanden und schauten aufgeregt aus dem Fenster. In der Mitte des Lochs erkannten sie die kleine Möveninsel, Eilean nam Faoileag. Die letzte Meile schien Ewigkeiten zu dauern, doch dann war es endlich soweit. George bog links ab und sie hatten das Schloss erreicht.