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Kapitel 31

Kings House Hotel

 

 

Die nächste halbe Stunde sprach keiner ein Wort. Es war ihnen ganz einfach zu peinlich, dass eine winzige Fledermaus sie so sehr in Angst und Schrecken versetzt hatte. Sie liefen nun am Fuß eines Berges, der sich links von ihnen hoch in den Himmel erhob. Rechts von ihnen war die Landstraße, hinter der sich wiederum ein noch höherer Berg befand. Irgendwann machte der Pfad einen Schlenker nach links und die Landstraße war irgendwo in der Ferne verschwunden.

 

"Sir, vielleicht hätten wir ein Auto anhalten sollen," gab der Butler zu bedenken.

"Ein Polizeiauto womöglich, was McClown?"

"Natürlich nicht, Sir, ich dachte nur..."

"Falsch, McClown. Sie denken eben nicht. Sie denken eben nur an das nächste Essen und an nichts Anderes. Sie denken sozusagen nur von Fressnapf zu Fressnapf."



Der Butler presste seine Finger noch fester um den Griff des Koffers, in dem er die Hamster trug. Während er noch überlegte, ob der Koffer auseinander fallen würde, wenn er ihn dem Lord in den Nacken werfen würde, fuhr McShredder fort.

"Sehen sie, McClown, ich denke eben vorausschauend und strategisch. Sicherlich hilft mir meine adelige Herkunft dabei, denn ein Bauer wäre zu solchen Gedanken niemals fähig."

Angestrengt schaute der Butler an den Wegesrand in der Hoffnung, einen Stein, oder noch besser, einen dicken Knüppel zu finden.

"Wie auch immer, McClown, dank meiner weisen Voraussicht werden wir heute Nacht in einem weichen Federbett schlafen, nachdem wir fürstlich gespeist haben."

Der Butler ließ den großen Stein fallen, den er gerade aufgehoben hatte.

"Sir?"

"Sie sind überrascht, McClown? Aber genau das habe ich erwartet. Es ist etwas mehr als eine Meile, bis wir Kings House erreichen, ein Hotel, in dem schon Könige übernachtet haben. Ich denke da nur an König James VI oder Bonnie Prince Charles, McClown. Die kennen sie doch sicherlich, oder?"

"Nicht persönlich, Sir."

"Nun werden sie mal nicht albern, McClown! Ah, sehen sie, dort vorne ist das Hotel."

Tatsächlich kam nun auf der rechten Seite ein lang gestrecktes, weißes Gebäude mit einem schwarzen Dach in Sicht. Ungeduldig bogen die beiden in eine breite Seitenstraße, überquerten eine kleine Brücke und sahen beim Näherkommen das große, hölzerne Eingangsschild des Hotels.

"Sir, wenn ich sie bitten darf, auf ihr Geld zu achten," bemerkte Frido McClown spöttisch. "Es wäre doch schade, wenn es wieder verloren ginge."

Der Lord erwiderte nichts auf die Frechheit seines Dieners, sondern ging in die Eingangshalle hinein. Niemand war zu sehen. Ein kurzer Blick auf die große Uhr über dem Empfangstresen zeigte, dass es bereits kurz nach Mitternacht war.

"Hallo, Portier!" rief Lord McShredder mit krächzender Stimme.

Ein Rumpeln und Stolpern war zu hören und kurz darauf öffnete sich eine Tür am Fuß der großen Treppe, die offensichtlich zu den Gästezimmern führte. Eine junge Frau trat auf die beiden Neuankömmlinge zu und sah sie verwundert an.

"Guten Abend, Gentlemen," begrüßte sie die beiden und strich ihre Schürze glatt. "Mein Name ist Lisa McGyer, wie kann ich ihnen helfen?"

"Ein Doppelzimmer, gute Frau," entgegnete der Lord.



"Sehr gerne, Sir," antwortete Lisa McGyer und hob den Kugelschreiber auf, der ihr herunter gefallen war. "Auf welchen Name Sir?" fragte sie und hielt sich den schmerzenden Kopf, den sie sich beim Bücken gestoßen hatte.

"Sir Lord McShredder von Killichonan, der Herzog von Spanien und Bezwinger des..."

"Entschuldigung, Sir, der Schredder von was?" fragte die junge Frau und lächelte verlegen.

"Von Killichonan," entgegnete der Lord ruhig. "Herzog von Spanien und Bezwinger des Loch..."

"Entschuldigung, Sir," unterbrach Lisa McGyer erneut den Lord und bückte sich nach dem Kugelschreiber, der ihr aus der Hand gefallen war. Dann setzte sie wieder zum Schreiben an und lächelte den Lord erneut verlegen an. "Spanien, und wie dann weiter?"

"Bezwinger des Loch Ness Monster."

"Oh, Gott," schrie die junge Frau auf, trat einen Schritt zurück und warf eine Blumenvase um. "Das Monster? Und sie haben es überlebt, Mr Shredder?"

"McShredder, junge Dame, McShredder von Killichonan. Dieser, äh, Herr neben mir ist mein Butler Frido McClown."

Sie zeigte dem Butler ihr schönstes Lächeln und sah ihn lange an.

"Frido," sagte sie und ließ den Blick nicht von ihm. "Das ist ein schöner Name. Ich heiße Lisa und bin die Tochter des Hotelbesitzers."

"Es ist wirklich ein schönes Hotel," stammelte der Butler und erwiderte schüchtern ihren Blick.

"Danke, Herr Frido," entgegnete Lisa McGyer leise und hob das Gästebuch auf, das sie versehentlich vom Tresen gefegt hatte. "Auch die Aussicht ist sehr schön, Herr Frido. Am Tag jedenfalls, im Moment ist ja alles dunkel."

"Ähem," räusperte sich der Lord etwas ungehalten. "Wir würden gerne etwas essen, nachdem sie uns das Zimmer gezeigt haben, gute Frau."

"Natürlich, Mr Shredder, bitte folgen sie mir."

Sie lief um den Tresen herum und stolperte über den Koffer mit den Hamstern, den der Butler dorthin gestellt hatte. Sofort stand McClown an ihrer Seite und half ihr hoch.

"Danke, Sir Frido," sagte sie lächelnd und strich sich durch das zerzauste Haar. "Wie ungeschickt von mir."

"Nein, nein, Miss Lisa, es war meine Schuld. Ich habe den Koffer hier stehen lassen."

Lord McShredder stand inzwischen an der nach oben führenden Treppe und tippte ungeduldig mit dem Fuß auf den glatt polierten Holzfußboden. Es dauerte eine Weile, bis die beiden anderen ihn bemerkten, und es endlich die Treppe hinauf ging. Oben angekommen, half der Butler Lisa McGyre auf die Beine, nachdem sie an der letzten Stufe gestolpert war. Dann ging es links durch einen schwach beleuchteten Gang weiter. Die junge Frau rüttelte an der Tür und drehte sich mit einem Lächeln zu McClown um.

"Ich habe leider den Schlüssel vergessen. Bitte warten sie einen Moment, Sir Frido."

Sie lief zur Treppe zurück, während sie sich zum Butler umdrehte und ihm weiterhin zulächelte. Es knallte kurz und McClown verzog das Gesicht, als die junge Frau gegen den Pfosten der Treppe geknallt war. Wenige Minuten später jedoch kam sie humpelnd mit dem Schlüssel zurück, und nachdem ihr zweimal der Schlüssel beim Öffnen aus der Hand gefallen war, konnten Lord und Butler endlich in das Zimmer.

 


 

 

Kapitel 32

Kings House Hotel 2. Teil

 

"Das Essen, junge Frau, was ist damit," krächzte Lord McShredder, nachdem er sich in dem gemütlichen Zimmer umgesehen hatte.

"Die Küche ist leider geschlossen, Mr Schredder, das tut mir wirklich sehr leid. Möchten sie vielleicht eine Tüte Chips?"

"Haben sie das gehört, McClown? In allen Hotels der Welt würde sich jeder Koch freuen, für mich mitten in der Nacht..."

"Haben sie vielleicht eine winzige Kleinigkeit für uns zu essen, Miss Lisa?" fragte der Butler und sah die junge Frau mit leicht gesenktem Kopf an. "Wir sind weit gelaufen und meine Hamster sind fast verhungert..."

Er biss sich auf die Zunge und verfluchte seine Worte, die ihm so unbedacht herausgerutscht waren. Wie konnte er nur etwas von den Hamstern in seinem Koffer verraten? Er wusste, dass Tiere in Hotels nicht geduldet wurden.

Mit großen Augen sah ihn nun die junge Frau an und hauchte: "Hamster? Wie lieb! Sind die in dem Koffer? Ja? Ich werde auch nichts verraten. Für jemanden, der Hamster mag, habe ich immer etwas zu essen. Wie wäre es mit Häggis und Chips?"

"Das wäre wunderbar, Miss Lisa. Wenn sie noch ein paar Kekse für die Hamster hätten."



"Für mich bitte Lachs mit frischen Kartoffeln," krähte der Lord, doch Lisa McGyer sah ihn nur erstaunt an.

"Tut mir leid, Sir. Für sie sind nur noch ein paar Chips über, das Häggis ist für Sir Frido reserviert," antwortete sie und lief die Treppe hinunter. Nachdem sie sich von ihrem Sturz an der lezten Stufe wieder hochgerappelt hatte, drehte sie sich noch einmal um und rief: "Das Essen wird in ein paar Minuten in dem Esszimmer am Ende des Flurs serviert!"

 

Die beiden gingen wieder in ihr Zimmer und während der Butler den Koffer vorsichtig in eine Ecke stellte, holte der Lord seine Brieftasche hervor und zählte das Geld. Dann begaben sie sich in den hinteren Teil des Ganges und fanden einen großen, länglichen Raum mit mehreren kleinen, runden Tischen vor. Beeindruckt blickten sie auf das riesige Fenster, das am Tage bestimmt einen grandiosen Blick auf die Landschaft gewähren würde. Ein Poltern, begleitet von einem Schmerzensschrei kündigte das Nahen der Tochter des Hoteldirektors an. Sie rieb sich das Knie, das ihr offensichtlich weh tat, und brachte das Besteck.

"Einen kleinen Moment noch, Sir Frido, ich bringe ihnen gleich das Essen," hauchte sie und verschwand wieder.

Wenige Zeit später war ein lautes Klirren zu hören und Lord McShredder, der gerade mit den Salzstreuern spielte, hob den Kopf und fragte: "Haben sie das gehört, McClown? Hat es nicht geklingelt?"

Doch der antwortete nicht, sondern blickte erwartungsvoll zur Tür. Tatsächlich kam nun die junge Frau schwer atmend herein und lächelte verlegen: "Tut mir leid, Sir Frido, das Essen dauert noch einen kleinen Moment." Dann drehte sich sie um, rannte gegen den Türpfosten, lächelte noch einmal in Richtung des Butlers und verschwand im Flur. Frido McClown hob den Kopf, lauschte und zählte leise: "Eins, zwei, drei, vier, fünf," und drehte sich zur Tür um. In der Ferne war ein Poltern zu hören.

"Sie ist soeben an der letzten Stufe der Treppe angekommen, Sir."

Der Lord spielte weiter mit den Salzstreuern, während Frido McClown dem immer lauter werdenden Knurren seines Magens lauschte. Im nächsten Moment wurde das Knurren seines Magens durch ein Scheppern an der Tür übertönt. Miss McGyer betrat den Raum.

 

"Ihr Haggis, Sir Frido," sagte sie mit einem breiten Lächeln, während sie eine Spur von brauner Soße hinter sich her zog, die ein gleichmäßiges Muster auf dem Boden hinterließ. Der Lord erhielt eine Tüte mit Chips, die er mit einem mürrischen Augenaufschlag quittierte.

"Die Tüte mit den Keksen stelle ich dann vor ihre Zimmertür, Sir Frido. Wenn sie mit dem Essen fertig sind, lassen sie bitte alles stehen, ich räume es später weg," sagte sie lächelnd und ging zur Tür hinaus.



"Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs," zählte McClown mit vollem Mund. Er hob verwundert den Kopf.

"Vielleicht ist sie an der Türklinke hängen geblieben, als sie die Kekse vor unserem Zimmer abgestellt hat," brummte der Lord.

McClown atmete erleichtert auf, als er kurz darauf das vertraute Poltern, verbunden mit einem Schmerzensschrei, hörte.

"Sie ist angekommen, Sir," sagte er und wendete sich wieder seinem Essen zu. Er tat so, als würde er die gierigen Blicke des Lords überhaupt nicht bemerken und ließ es sich schmecken.

Lord McShredder erhob sich.

"Ich, äh, gehe dann schon mal ins Bett,"

"Moment, Sir," rief der Butler und schob sich die Reste seines Essens hinein. "Ich komme besser mit, sonst fehlt womöglich hinterher das Essen für die Hamster."

 

Wie versprochen stand eine große Tüte mit Keksen vor ihrer Zimmertür. McClown nahm sie und betrat hinter dem Lord das Zimmer. Lord McShredder hielt sich nicht lange mit Waschen und ähnlichem unnützen Zeug auf, sondern legte sich gleich in das einladende Bett. Wenigstens hat er seine Schuhe ausgezogen, dachte McClown, während er die Hamster fütterte. Gierig rissen ihm seine kleinen Freunde die Kekse aus den Händen und verschwanden einer nach dem anderen in ihrem Koffer. Nun fielen auch dem Butler die Augen zu, und er wollte sich gerade ins Bett legen, als es an der Tür klopfte. Verwundert stand er auf, öffnete sie und vor ihm stand Lisa McGyre und sah ihn mit großen Augen lächelnd an.

"Verzeihen sie die Störung, lieber Sir Frido, hoffentlich haben sie noch nicht geschlafen."

"Nein, nein, Miss Lisa," brummte McClown, "was kann ich für sie tun?"

"Ach, ich wollte nur fragen, was sie zu frühstücken wünschen."

"Gebackene Bohnen mit Wurst," kam gähnend die Antwort.

"Gerne, Sir Frido. Dann also bis morgen und schlafen sie gut"

McClown setzte sich auf das einladende Bett und betrachtete den weißen Stoff, der als Verzierung an der Kopfseite des Bettes angebracht war. Er hatte gerade seinen linken Schuh ausgezogen, als es wieder an der Tür klopfte. Dieses Mal wollte Lisa McGyre wissen, ob der Butler am liebsten Tee oder Kaffee hätte. Nachdem sie ihm erneut gute Nacht gewünscht hatte, zog er nun den rechten Schuh aus, als es wieder an der Tür klopfte.

"Wenn sie noch einen Wunsch haben, Sir Frido..."



"Danke, Miss Lisa, einen Wunsch habe ich noch."

"Ja?" erwiderte sie erwartungsvoll, reckte den Hals und lächelte ihn an.

"Bitte lassen sie mich jetzt schlafen, Miss Lisa, ich bin müde."

"In Ordnung, Sir Frido. Wenn etwas ist, rufen sie einfach."

Endlich durfte nun auch der Butler einschlafen, selbst die Knabbergeräusche der Hamster und das Schnarchen des Lords konnten ihn dabei nicht stören.

Er hatte keine Ahnung, wie lange er geschlafen hatte, als es schon wieder an der Tür klopfte. Verägert wollte er schon aus dem Bett springen, da bemerkte er, dass die Sonne bereits in das Zimmer schien.

"Wer ist da?" rief er und im selben Moment wurde ihm klar, wie dumm seine Frage war.

"Hier ist Lisa, Sir Frido. Ihr Frühstück wartet schon lange auf sie. Möchten sie jetzt kommen?"

"Ich bin gleich, da, Miss Lisa," rief er. Dann stand er auf, gähnte herzhaft und gab dem schnarchenden Lord einen Tritt in den Hintern, so dass er fast aus dem Bett fiel.

"Haben Euer Lordschaft gut geruht?" fragte er höflich und wartete, bis der Lord aus dem Bett gekrochen kam. "Sir, das Frühstück wartet auf uns."

Mit einem Satz war der Lord an der Tür und riss sie auf. McClown stürmte hinterher und als er auf den Gang kam, sah er schon von weitem Miss Lisa lächelnd am Tisch auf sie warten. Der Lord erreichte den Frühstückstisch als erster und setzte sich sofort auf den gedeckten Platz, an dem eine kleine Vase mit einer Blume auf dem Tisch stand.

"Entschuldigung, Mr Shredder, das ist der Platz für Herrn Frido. Sie sitzen auf der anderen Seite."

Mürrisch stand der Lord auf und setzte sich auf den leeren Platz gegenüber, während sein Butler sich hinsetzte und kurz an der Blume schnüffelte. Lächelnd sah ihm die junge Frau zu, wie er sich das Frühstück schmecken ließ.

"Ahem," meldete sich nun der Lord, "wenn ich auch etwas Frühstück haben dürfte..."

"Ach, natürlich, Mr Shredder, wie konnte ich nur! Warten sie, ich sehe nach, ob es schon fertig ist."

Dann verschwand sie und ließ den Lord niedergeschlagen und hungrig zurück.


 

 

Kapitel 33

Frühstück für den Lord

 

"McClown, hätten sie wohl ein Brötchen für mich übrig," bettelte der hungrige Lord und blickte schmachtend auf das ihm gegenüber stehende, reichhaltige Frühstück.

"Tut, mir leid, Sir, die Brötchen sind bestimmt abgezählt. Miss McGyre wird gewiss gleich kommen."

In diesem Moment trat die bewusste junge Dame mit einem Tablett in das Zimmer, verhakte sich jedoch mit ihrem Fuß an der Teppichkannte und das Frühstück des Lords lag auf dem Boden.

"Nein, wie ungeschickt von mir!" Sie schaute McClown verlegen an. "Haben sie alles, was sie brauchen, Sir Frido? Soll ich ihnen noch etwas bringen?"

"Wenn sie noch etwas Kaffee hätten..."

"Kommt sofort, Sir Frido," antwortete sie und schenkte ihm ihr schönstes Lächeln. "Ihr Frühstück kommt auch gleich, Mr Shredder."


 

 

Sie hob das Tablett vom Boden auf und stellte die heruntergefallenen Sachen unter den gierigen Blicken des Lords wieder darauf und ging zur Tür hinaus.

 

"Darf ich mal von ihrem Brötchen abbeißen, lieber McClown," bat der hungrige Lord erneut den Butler, "nur ein winziges Stück!"

"Geduld, Sir, die junge Dame tut doch, was sie kann."

"Tja," kam die brummige Antwort, "das fürchte ich auch, McClown."

 

Nachdem sich ihr Kommen durch Poltern und Klirren schon von weitem angekündigt hatte, betrat die bewusste junge Dame den Raum und brachte dem Butler den gewünschten Kaffee.

 

"Lassen sie es sich schmecken, Sir Frido. Möchten sie noch etwas Nachtisch?"

"Haben sie vielleicht etwas Eis, Miss Lisa?"

"Aber sicher, Sir Frido, Vanille, Erdbeere oder Schokolade?"

"Vielleicht später, Miss Lisa."

"Ähem, mein Frühstück..."



"Kommt sofort, Mr Shredder, ist gleich da," antwortete Lisa McGyre und lief mit dem Tablett durch die Tür. Ein Scheppern verriet, dass sie im Flur angekommen war.

"McClown, darf ich die Krümel von ihrem Teller..."

"Nichts da, Sir. Die sind für die Hamster. Und nehmen sie die Finger von den Blumen, die sind nicht zum Essen da!"

 

Wieder war ein Klirren, begleitet von einem lauten Fluchen zu hören, und schlagartig schöpfte der Lord neuen Mut. Dieses Mal betrat sie das Esszimmer vorsichtig und drehte sich elegant um die Türklinke herum, bliebt jedoch mit dem Band ihrer Schürze an der Klinke hängen und begleitet von dem entsetzten Aufschrei McShredders klatschte das Tablett mit dem Frühstück auf den Teppich. Einen Moment herrschte atemlose Stille in dem Raum, dann hechtete der Lord mit einem heiseren Schrei auf das am Boden liegende Frühstück und schob gierig in sich hinein, was er zu fassen kriegte. Es war ein peinlicher Moment, als die wenigen Gäste mit weit aufgerissenen Augen auf das starrten, was sich dort am Nachbartisch, oder besser gesagt, am Boden abspielte. Es dauerte eine Weile, bis sich Miss McGyre wieder gefasst hatte.

 

"Mr Shredder, was machen sie da?"

"Frühstücken," krähte der Lord im vollem Mund und schob sich eine Handvoll Porridge in den Mund. Er hob kurz den Kopf, sah nun, dass alle auf ihn starrten und fuhr fort: "Köstlich, möchte jemand probieren?"

"Nein, danke, Sir. Wenn es ihnen recht ist, werde ich mich um die, äh, Koffer kümmern."

Das Grunzen des Lords nahm der Butler als Zustimmung und ging den Gang zurück zum Zimmer, während die junge Frau ihm folgte.

"Sir Frido, bleiben sie noch etwas länger bei uns?"

"Leider nicht, Miss Lisa, wir sind schon recht spät dran, und haben noch einen langen Weg bis zum Schloss Killichonan vor uns."

"Das ist schade, Sir Frido, vielleicht sehen wir uns einmal wieder," lächelte sie, drehte sich um und blieb mit dem Gesicht am Türpfosten hängen. Dann lief sie zur Treppe und am Poltern und Kreischen kurz darauf konnte der Butler deutlich hören, dass sie die letzte Stufe erreicht hatte. Völlig gedankenverloren stand er nun im Flur und bemerkte nicht, dass McShredder inzwischen neben ihm stand.

"Alles klar, McClown?"

"Sir, können wir noch ein paar Tage bleiben?"

"McClown, kommen sie zu sich! Wir sind läppische 20 Meilen von zu Hause entfernt, wir haben es fast geschafft!"



"Aber, Sir..."

"Nichts aber, McClown, kommen sie jetzt!"

Als der Butler immer noch keine Anstalten machte, den Koffer und ihre wenigen verbliebenen Habseligkeiten zu holen, sagte Lord McShredder leise zu ihm: "20 Meilen, McClown. Für einen jungen Spund wie sie ist das doch ein Klacks. Wenn ich ihnen einen Tag Urlaub gebe, dann..."

Mit einem Satz war der Butler im Zimmer verschwunden, hatte den Koffer mit den Hamstern geholt und stand strahlend vor dem Lord.

"Sir, worauf warten wir?"


 

 

Kapitel 34

Black Corries Lodge

 

Sie hatten das Hotel bereits einige hundert Meter hinter sich gelassen und liefen nun ein Stück in nördlicher Richtung.

Es war beiden schwergefallen, das Kings House Hotel zu verlassen. Dem Lord, weil er sich unter den wachsamen Augen von McClown von seinem Geld trennen musste, als er die Rechnung beglich, und dem Butler, weil ihm die tolpatschige Tochter des Hoteldirektors nicht mehr aus dem Sinn ging.

"Sir, wir gehen ja wieder den gleichen Weg zurück, den wir gekommen sind," bemerkte der Butler.

"Richtig, McClown, sie denken ja sogar mit. Sehen sie den schmalen Weg dort vorne? Das ist der Weg nach Black Corries Lodge, den werden wir nehmen."

"A-aber, Sir, dann laufen wir direkt auf das Moor zu!"

"Das Rannoch Moor, McClown, und?"

"Es ist gefährlich Sir, es gibt Geschichten, dass dort der Geist von Sir Malcom spukt! Er ist nach einer verlorenen Schlacht in das Moor gegangen und nie wieder aufgetaucht."

"Vermutlich ersoffen, McClown."

"A-aber, Sir, nachts kann man die Lichter der Toten sehen, wenn sie durch das Moor marschieren!"

"Irrlichter, McClown, völlig harmlos. Was mir Sorgen bereitet, ist der alte McPomm."

"McPomm, Sir?"

"McPomm, McClown, der verrückte Fraser McPomm. Mit ihm kann keiner in Frieden leben."

"Das heißt, sie kennen ihn, Sir."

"Sehr lange. Er ist ein durch und durch schlechter Mensch. Er hat mich schon damals in der Schule nie abschreiben lassen."

Der Butler antwortete nicht, sondern grinste nur. Schweigend gingen sie weiter, während der Boden unter ihren Füßen immer schwerer und matschiger wurde. Der kleine Fluss, der sie die letzten Stunden auf der rechten Seite begleitet hatte, machte nun einen Knick nach links. Über einen winzigen, halb verfallenen Steg ging es jetzt über den Fluss, der an dieser Stelle nur noch die Größe eines Rinnsals hatte. McClown packte den Koffer mit den Hamstern so fest er konnte und erreichte glücklich die andere Uferseite, wo der Lord bereits auf ihn wartete. Der morastige Weg war nun noch schmaler geworden, und eine kleine Hütte lag vor ihnen. Eine beunruhigende Stille lag auf diesem Gebiet. Nur das quietschende Geräusch ihrer Schuhe in dem matschigen Gras war zu hören. Plötzlich zerriss ein lauter Knall die Stille. Der Butler warf sich blitzschnell zu Boden, während der Lord aufrecht und ruhig stehen blieb.

"Stehen sie auf, McClown, und machen sie sich hier nicht zum Affen," zischte McShredder ihm zu.

Frido McClown erhob sich zitternd, und sein Blick war auf einen Mann gerichtet, der sich von der Hütte her näherte. Er sah recht verwahrlost aus mit seinen zerschlissenen Mantel. Sein langes, wirres Haar wurde durch einen alten Schlapphut halbwegs unter Kontrolle gehalten und sein langer, ungepflegter Bart sah aus, als ob noch die Reste seines letzten Mittagessens darin waren. Er hielt ein Gewehr in den Händen und zielte auf sie.



"Keinen Schritt weiter!" rief er mit fester Stimme. "Was wollt ihr?"

"Durchgang wollen wir," antwortete der Lord ruhig.

Der Mann kam näher und musterte zunächst den Butler, der von oben bis unten mit Schlamm bedeckt war. Dann fiel sein Blick auf den Lord und seine Augen weiteten sich.

"McShredder, du Lump, wenn du noch einen Schritt weiter gehst, wird es dein letzter sein! Verschwinde, sonst mache ich dir Beine!"

Er drehte sich um und ging zur Hütte zurück.

"W-wir sollten umkehren, Sir, der Weg durch das Moor ist zu gefährlich."

"Unsinn McClown, wir müssen uns nur überlegen, wie wir an diesem McPomm vorbei kommen. Am besten warten wir, bis es dunkel ist und schleichen einfach an seiner Hütte vorbei. Leider gilt auch hier das schottische Wegerecht, und niemand kann ihn zwingen, uns über sein Land gehen zu lassen."

Enttäuscht seufzte der Butler tief auf und ging ein paar Schritte zurück an eine Stelle, an der ein riesiger Baumstamm auf der Erde lag. Er ließ sich darauf nieder und legte den Koffer mit den Hamstern neben sich. Deutlich hörte er das Kratzen seiner kleinen Freunde, die es satt hatten, in einem engen Koffer eingeschlossen zu sein. Frido McClown öffnete den Deckel ein Stück und sofort näherten sich viele kleine rosa Näschen und schnupperten. Was sollte er tun? Sollte er seine kleinen Freunde hier im Moor herumlaufen lassen? Noch dazu in der Nähe eines schießwütigen Idioten? Während er noch überlegte, nahmen ihm die Hamster die Entscheidung ab. Einer nach dem anderen kletterte aus dem Koffer und am Hosenbein des verdutzten Butlers hinunter in das hohe Gras. McClown zuckte mit den Schultern und legte den Koffer in das Gras.



"Falls es euch zu kalt und zu nass wird, meine Freunde, dann könnt ihr in den Koffer zurück gehen. Aber sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt! Es ist gefährlich hier im Moor und passt auf, denn der böse Mann dort hinten in der Hütte hat ein Gewehr! Bleibt in der Nähe und lauft nicht so weit weg und denkt daran..."

"Mit wem sprechen sie, McClown?" fragte Lord McShredder, der sich neugierig genähert hatte.

"Äh, mit den Hamstern. Sie brauchen etwas Auslauf. Bitte passen sie auf, wo sie hintreten, Sir."

"Wir müssen versuchen, etwas zu schlafen, McClown. Übrigens sollten sie sich bei der nächsten Gelegenheit waschen. Ein guter Butler läuft nicht herum wie ein Schwein."

"Ja, Sir, mache ich," knurrte Frido McClown und rieb sich mit einem Taschentuch so gut es ging das Gesicht sauber. Dann legte er sich genau wie der Lord halbwegs bequem auf den Baumstamm und schloss die Augen.


 

 

Kapitel 35

Hamsterfeier

 

 

"Sagt mal, sollen wir jetzt Gras fressen, oder was?" schimpfte Flecki lautstark.

"Schmeckt gar nicht so schlecht," antwortete Goldi über beide Backen kauend und zeigte mit der Pfote auf die Hütte von Fraser McPomm. "Da hinten ist bestimmt eine Futterstation."

In der Zwischenzeit hatte Bauleiter Murksel die Umgebung untersucht und kam zu dem Schluss, dass das Gelände für eine Feier zu feucht und matschig war. Der Bürgermeister versuchte, auf einen kleinen Hügel zu steigen, um ein paar Worte an das Hamstervolk zu richten, doch nach mehreren Rutschpartien gab er frustriert auf.

Währenddessen näherten sich Tati, Tuffi und Teeblättchen bereits der Holzhütte, dicht gefolgt von Goldi, Dodo und Trampel. Vorsichtig schauten sie sich um. Es gab drei Fenster und eine Tür, wobei die Tür verschlossen und die Fenster für die Hamster unerreichbar waren. Bauleiter Murksel war inzwischen ebenfalls eingetroffen und prüfte das Holz der Außenwände.

"Schade, dass wir keinen Pümpel dabei haben," sagte er leise.

ein Pümpel

"Wozu denn einen Pümpel?" fragte Teeblättchen erstaunt.

"Weil wir das immer so machen," antwortete Murksel.

Dann untersuchte er fachmännisch die Hütte weiter, bis er plötzlich stehenblieb und gegen die Außenwand trat. Das Holz knirschte und er rief:

"Ich brauche einen dicken, kräftigen Hamster!"

Dodo trat näher.

"Los," feuerte Bauleiter Murksel ihn an, "immer schön gegen die Wand rennen!"



Einige Stunden und viele blaue Flecken später hatte Dodo es geschafft: ein kleines Stück der Holzverkleidung war abgesplittert. Ein Hamster nach dem anderen kletterte nun in die Hütte hinein. Es war inzwischen dunkel geworden und sie sahen sich vorsichtig um. Neben einem uralten, runden Ofen aus Eisen stand ein Bett, in dem jemand laut schnarchte. Neben dem Bett stand ein Gewehr und neben dem Gewehr lag eine riesige Schachtel voller Munition. Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein Tisch, zugemüllt mit Essenresten und weiterer Munition. Ein angrenzender Schrank erweckte die Neugier der Hamster. Sie zogen und drücken an der Tür bis sie sich quietschend öffnete.

 

"Socken mit Schottlandmuster," rief Flecki begeistert. "Daraus machen wir ein paar schöne Umhänge und veranstalten Hamster-Highland-Spiele!"

Begeistert kamen Tati, Tuffi und Teeblättchen hinzu und machten sich ans Werk, die Socken von Fraser McPomm zu zerlegen.

Ihre Freunde hatten in der Zwischenzeit einen Karton mit Lebensmitteln entdeckt und bereiteten das Festessen vor. Viel war es nicht, aber alle fanden, dass es für eine Feier reichen würde.

 

Goldi und Bauleiter Murksel untersuchten derweil die Munition, denn zu einer gelungenen Feier gehört auch ein Feuerwerk, wie Goldi erklärte. Bauleiter Murksel hatte schwere Bedenken hinsichtlich der hamstischen Vorschriften, denn diese Munition war ihm unbekannt. Goldi jedoch überzeugte den Bauleiter, dass eine Patrone wie die andere sei, und so machten sie sich ans Werk. Unter dem Bett lag ein Messer, dass für diesen Zweck genau richtig war, und nun wurden die Patronen fachmännisch aufgeschnitten und das Pulver zunächst auf den Fußboden geschüttet. Trampel war in der Zwischenzeit beauftragt worden, Tassen und Gläser zu sammeln um das Schießpulver hineinzufüllen. Bauleiter Murksel überprüfte noch einmal, ob alle notwendigen Sicherheitsbestimmungen eingehalten worden waren.

 

"Die Munitionskästen befinden sich zu dicht bei den Feuerwerkskörpern," wies er Dodo und Goldi an, "ihr müsst die Munition woandershin bringen!"

"Kein Problem," meinte Goldi, "sollen wir die Kisten mit der Munition neben den runden Tisch in der Ecke stellen?"

"Ja," meinte Bauleiter Murksel und betrachtete fachmännisch den alten Heizofen, "dieser eiserne Tisch ist nicht brennbar, da kann nichts passieren."



Flecki, Teeblättchen, Tati und Tuffi hatten die ersten Socken zu bequemen Umhängen verarbeitet und verteilten sie. Die Hamster waren begeistert und die Feier konnte beginnen. Das Essen war auf kleine Pappschachteln verteilt, und der Bürgermeister stellte sich davor, räusperte sich und sprach: "Liebe Hamsterfreunde, ich freue mich, das Essen zu eröffnen und möchte bei dieser Gelegenheit..."

Weiter kam er nicht, denn nach dem Wort 'Essen' stürzten sich alle auf das Futter und der Bürgermeister wurde umgerissen. Stöhnend rappelte er wieder auf und brachte sich vor der hungrigen Meute in Sicherheit. Überall war zufriedenes Schmatzen zu hören und jemand rief: "Wo ist die Musik? Dodo, mach doch mal die Schranktür auf und zu!"

Dodo stopfte sich schnell noch etwas Futter nach, lief zum Schrank und schob die Tür auf und zu. Sie gab ein schreckliches, quietschendes Geräusch von sich, doch die Hamster waren begeistert und starteten einen Tanzwettbewerb. Goldi sah nun auch den Zeitpunkt für sein Feuerwerk gekommen, und mittels einer Schachtel Streichhölzer, die er neben dem Ofen gefunden hatte, zündete er nun das Pulver in den Tassen und Gläsern an. Schnell trat er zurück und bewunderte mit seinen Hamsterfreunden, wie sich das Pulver mit einem Zischen in eine Flamme verwandelte.

 

In diesem Moment erwachte Fraser McPomm. Noch halb benebelt vom Tiefschlaf drehte er sich um. Da tanzten seine Socken auf dem Tisch und aus dem Fußboden sprühte Feuer! Laut schreiend sprang er aus dem Bett und landete mit seinen nackten Füßen in Goldis Feuerwerk. Ein höllischer Schmerz durchfuhr ihn und er stürzte quer durch den Raum. Völlig verwirrt hielt er sich an dem heißen Ofen fest, der nun krachend umfiel und die Munition in Brand steckte. Es knallte, Geschosse flogen dicht an ihm vorbei, er sah seine Schranktür wie von Geisterhand auf und zu gehen, tanzende kleine Tiere auf dem Boden und tanzende Socken auf dem Tisch. Verzweifelt schüttelte er seinen Kopf und hielt sich die Hände vor die Augen. Vorsichtig blinzelte er zwischen den Finger hindurch, doch sie waren noch immer da, diese schrecklichen Dinge! Dann streifte ein Geschoss seine Nasenspitze und Fraser McPomm verlor entgültig die Nerven. Laut kreischend stürzte er zur Tür hinaus und rannte um sein Leben.

 

 Die Rückkehr (nach Schottland) - Kapitel 36-42