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8. Kapitel

 

 

 

 

 

Das 'neue' Zauberfläschchen

 

 

 

 

 

Zur gleichen Zeit war die Sonne gerade über Aubachtal aufgegangen. In dem Städtchen regte sich noch nichts. Das heißt, fast nichts, denn im Hause der Familie Bommel herrschte bereits helle Aufregung.

 

"Warum müssen wir denn schon so früh aufstehen? Wir sollen doch erst im 10.00 Uhr dort sein."

 

"Ganz einfach, Bruno, weil wir noch ein paar Sachen einpacken müssen. Außerdem trödelst du immer, und deshalb müssen wir zeitig los."

 

 

 

Elfriede war aufgeregt. Sie war sogar sehr aufgeregt und konnte es gar nicht abwarten, bis es endlich losging. Schon seit 4.00 Uhr konnte sie nicht mehr einschlafen und hatte immer wieder auf ihren Wecker geschaut. Der große Tag war endlich gekommen, und tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf: Ob sie auch wirklich in Schottland landen würden? Wie ging es ihren Freunden, den Hamstern? Würden sie sie wiederfinden?

 

 

 

Elfriede sah zu Bruno hin.

 

"Willst du etwa deine Autos mitschleppen?", fauchte sie ihn an.

 

"Nur ein paar: Den Lamborghini, den Ferrari..."

 

Elfriede verdrehte genervt ihre Augen.

 

"Nimm dieses Armband und binde es dir um, es ist wichtig, falls du dich mit Einheimischen in Schottland verständigen musst."

 

Bruno nahm das Armband und machte es an seinem Handgelenk fest. Elfriede hatte ihres bereits um und sah ihre Puppe Pupsi nachdenklich an.

 

"Ich glaube, Pupsi lasse ich lieber Zuhause, denn die könnte ich unterwegs verlieren. In Schottland soll es Geister geben, und womöglich klauen die auch Puppen oder Autos."

 

Zufrieden sah sie, dass ihr Bruder seine Autos wieder auspackte. Nun hatten die beiden ihre kleinen Rucksäcke mit den nötigsten Sachen gefüllt. Elfriede hatte eine Liste erstellt, und nachdem sie geprüft hatte, ob an Strümpfe, Ersatzschuhe und andere Dinge gedacht worden war, wurde es Zeit für ein letztes Frühstück. Hastig stopfte jeder sein Frühstück in sich hinein, und nachdem sie ihr Geschirr in die Spüle gestellt hatten, ging es endlich los.

 

 

 

Pünktlich erreichten sie die Bushaltestelle. Alle ihre Freunde hatten ebenfalls einen Rucksack auf dem Rücken. Rosies Rucksack war allerdings doppelt so dick wie die der anderen und Bertha spottete sofort: "Hast du Angst, dass du unterwegs verhungerst? Den Kühlschrank hättest du nicht mitzunehmen brauchen!"

 

Glücklicherweise kam in diesem Moment der Bus, sodass unseren Freunden eine Streiterei der beiden Schweinen erspart blieb. Als sie nach kurzer Fahrt an der Haltestelle am Leuchtturm angekommen waren, stürmten alle so schnell aus dem Bus, dass der Fahrer ihnen verwundert nachsah und den Kopf schüttelte. Voller Ungeduld liefen sie zum Leuchtturm des Professors, wobei Rosie allerdings zweimal mit ihrem schweren Rucksack strauchelte und hinfiel. Die Tür zum Leuchtturm stand offen. Da der Fahrstuhl immer noch nicht funktionierte, rannten unsere Freunde die 365 Stufen zum Labor des Professors in Rekordzeit hoch. Ihr Erstaunen und ihre Enttäuschung war groß, als sie niemanden vorfanden. Professor Hastig war fort.

 

"Oh, nein", rief Daisy, "wo steckt der denn? Wir wollen los!"

 

 

 


Niedergeschlagen setzten sich nun alle auf den Fußboden. Keiner sprach ein Wort. So saßen sie ein paar Minuten und starrten ratlos vor sich hin, bis Rosie anfing, ihren Rucksack zu öffnen.

 

 

 

Alle schauten zu, wie sie ein dick mit Käse belegtes Brötchen herausholte.

 

"Wie kannst du nur ans Fressen denken", empörte sich Bertha, "wir haben keine Ahnung wie es weitergehen soll, aber Fräulein Rosie schlägt sich den Bauch voll!"

 

"Na, und", antwortete Rosie schmatzend, "wir hätten auch keine Ahnung wie es weitergehen soll, wenn ich nichts essen würde."

 

Das war logisch und Bertha schwieg. Bis auf Rosies Schmatzen war nun nichts mehr im dem Labor zu hören.

 

 

 

Es war eine inzwischen eine knappe halbe Stunde vergangen, als unsere Freunde die Köpfe hoben und einander fragend ansahen.

 

"Hört ihr auch dieses komische Geräusch?", fragte Bernie.

 

Bevor jedoch jemand antworten konnte, füllte sich der Raum mit Nebel. Das Geräusch, das vorher wie ein leises Pfeifen klang, war nun sehr laut geworden. Erschrocken sprangen unsere Freunde auf, denn der Nebel war nun so dicht geworden, dass man die Hand vor den Augen nicht mehr sehen konnte. Ein Stöhnen war zu hören, und als sich der Nebel wieder auflöste, sahen sie ihn: Professor Hastig. Er war es, der laut gestöhnt hatte. Allerdings sah er völlig verändert aus, sein gesamter Körper war von einer dicken Eisschicht bedeckt, sogar an den Ohren hatte er Eiszapfen.

 

Aus seinen vereisten, fast zugefrorenen Lippen war ein Flüstern zu hören: "Hilfe", dann fiel er der Länge nach hin.

 

"Schnell", rief Elfriede, die sich als Erste wieder gefasst hatte, "holt einen Heizlüfter und Decken!"

 

"Und einen Feudel zum Aufwischen!", rief Bertha.

 

 

 

Unsere Freunde rannten aufgeregt kreuz und quer durcheinander, denn jeder suchte nach irgend etwas, um damit dem Professor zu helfen. Rosie saß noch immer auf dem Boden. Ihre belegten Brote waren wie bei einem Picknick um sie herum verteilt. Sie musste jetzt hilflos zusehen, wie ihr Essen unter den Füßen der aufgeregt hin- und her rennenden Freunde zertrampelt wurde. Verzweifelt sammelte sie ihre Brote wieder ein, bevor sie völlig zermatscht wurden.

 

 

 

Schnell wurde der Professor in Decken eingewickelt und vor den Heizlüfter gelegt. Ganz langsam begann das Eis zu schmelzen. Immer wieder tauschten Elfriede und Daisy die nassen Decken gegen neue, trockene aus, während Bertha jedes Mal den Fußboden wischte.

 



 

Endlich öffnete Professor Hastig seine Augen. Er sah erst auf die Kinder, dann auf den Heizlüfter und sagte schließlich mit matter Stimme: "Das tut gut! Oje, war das kalt!"

 

Mit immer noch zitternden Händen griff er in seine steif gefrorene Jackentasche und rief: "Es ist noch da!"

 

"Was ist noch da, Professor?", fragte Jennie.

 

"Das Zauberfläschchen natürlich, was denn sonst?"

 

"Sie meinen, es hat geklappt?", fragte Elfriede aufgeregt.

 

"Aber ja", strahlte Professor Hastig. "Ich wollte etwas Besonderes erleben und zwar wollte ich genau an den kältesten Punkt der Welt. Das war vielleicht keine so gute Idee, aber egal. Wisst ihr denn überhaupt, wo der kälteste Punkt der Welt ist, und wie kalt es dort ist?"

 

 

 

Er sah unsere Freunde prüfend an. Keiner schien eine Antwort zu wissen, bis Bruno sich aus dem Hintergrund meldete: "Das ist am Südpol, auch Antarktis genannt. Die Antarktis ist der kälteste, windigste und trockenste Kontinent. Hier wurde mit minus 89,2 Grad Celsius die tiefste Temperatur der Erde gemessen. Selbst am wärmsten Sommertag muss mit einer mittleren Temperatur von minus 20 Grad gerechnet werden. In der Zentralantarktis steigt das Thermometer im Jahresmittel kaum über minus 50 Grad."

 

"Am Nordpol ist genauso kalt", meinte Bertha rechthaberisch, doch Bruno wusste es besser: "Nein, in der Arktis ist die Jahresdurchschnittstemperatur um 30° Celsius höher. Ausschlaggebend hierfür ist, dass der Südpol eine große Festlandsmasse darstellt, die im etwa um 1.800 Meter über die Meeresoberfläche ragt. Durch diese höhenbedingte Temperaturabnahme von 1° Celsius pro 100 m ergibt sich in der Antarktis bereits eine um 18° Celsius niedrigere Temperatur als am Nordpol."

 



 

"Das war sehr gut", nickte der Professor anerkennend, "und was für bekannte Tiere gibt es dort?"

 

"Am Nordpol, also in der Arktis, gibt es Eisbären. Eisbären sind in der Regel Einzelgänger. Ausdauernd durchwandern sie die arktischen Inseln und Eisflächen. Dank ihres hoch entwickelten Geruchssinns ..."

 

"Bruno!", warf Elfriede ein, "Wir wollen heute noch nach Schottland!"

 

"...und am Südpol gibt es Pinguine", beendete Bruno schnell seinen Vortrag.

 

"Wenn wir wieder Zuhause sind, Bruno, musst du mir ein paar von deinen Büchern leihen!", meinte Bernie staunend und wandte sich nun, wie alle anderen auch, wieder Professor Hastig zu, der weiter berichtete: "An den kältesten Punkt der Welt wollte ich also. Das Zauberfläschchen kann man nämlich jetzt auch auf die Temperatur einstellen. Deshalb wollte ich mal sehen, ob es funktioniert und habe die tiefste Temperatur gewählt, die es gibt.

 

"Aber Professor", warf Elfriede ein, "wenn wir die Temperatur von Schottland eingeben, können wir genauso gut woanders landen, wo es genauso warm oder kalt ist!"

 

"Nicht, wenn man zusätzlich die Richtung angibt, Elfriede", beruhigte der Professor sie.

 

Plötzlich starrte das Mädchen Professor Hastig an und rief: "Sie stottern überhaupt nicht mehr! Wie kommt das denn?"

 

 

 

Nun fiel es plötzlich auch den anderen Kindern und auch dem Professor selbst auf. Wo war sein Stottern geblieben? Seit einem missglückten Experiment, bei dem sein Labor in die Luft geflogen war, hatte er bekanntlich ja gestottert.

 

Überglücklich rief er aus: "Die Kälte war es, oder das Zauberfläschchen! Ich weiß es nicht, doch das ist mir völlig egal, ich finde das supertoll!"

 

 

 

Der Professor und unsere Freunde konnten sich kaum beruhigen vor Aufregung über diese unerwartete Heilung, doch schließlich rief Elfriede: "Wie wäre es, wir feiern eine Riesenparty, wenn wir wieder zurück sind? Jetzt aber lasst uns endlich starten!"

 

Damit waren natürlich alle einverstanden, und Professor Hastig zeigte den Kindern, wie das Zauberfläschchen eingestellt werden musste.

 

 

 

Dann war es soweit: Unsere Freunde hatten das Gefühl, als würde sich der Leuchtturm plötzlich drehen, immer schneller und schneller. Nebel kam auf und wurde dichter. Schlagartig hörte jedoch das Drehen auf, der Nebel verzog sich. Vorsichtig sahen sich unsere Freunde um, und es verschlug ihnen die Sprache, nur Rosie brachte noch ein "Booooh" hervor.