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Das Projekt Pleasure Dome-  Buch 5

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Kapitel 1

Hamstermarkt in Hamsterhausen



Es war ein warmer Frühlingstag in Hamsterhausen. Die Bewohner dieser kleinen Stadt gingen ihren Tätigkeiten mehr oder weniger nach, und es herrschte ausnahmsweise eine friedliche Stimmung. Die meisten Straßen waren recht leer, denn an diesem Tag fand auf dem Rathausplatz ein Markt statt. Der Bürgermeister war persönlich gekommen und tippelte von einem Stand zum anderen. Mal unterhielt er sich freundlich mit den jeweiligen Verkäufern, mal befummelte er neugierig die Waren, worauf er das eine und andere Mal etwas auf die Pfoten bekam. Vor einem Stand mit der Aufschrift "Fleckis und Sasies Viktualienmarkt" bliebt der Bürgermeister neugierig stehen.

"Was 'n das?" fragte er freundlich lächelnd. "Kann man das essen?"

Flecki glotzte ihn entgeistert an.
"Das sind Stick- und Strickwaren. Heute haben wir auch ein paar schöne Lametta-Knoten, die machen sich besonders gut im Wohnzimmer, nur 5 Sickel!"

Der Bürgermeister lächelte verlegen, drehte sich um und ging zu einem Stand mit der Aufschrift "Trampels Fressbude", um sich ein wenig zu stärken.

"Toidi",1 schimpfte Flecki, und ihre Schwester Sasie nickte zustimmend.

Der Bürgermeister tat, als beträfe ihn das nicht und biss herzhaft in einen der saftigen Hamburger, nachdem er Trampel 10 Sickel dafür gegeben hatte.

"Total ungesunde Ernährung", grölte Flecki und deutete auf den Bürgermeister. "Mit solch einer Wampe wie der würde ich mich schämen!"

In diesem Moment ging Goldi, nichts ahnend von dieser Diskussion, an dem Stand vorbei und betrachtete neugierig die Lametta-Knoten.

"Und für dich gilt das Gleiche!" hörte er Flecki brüllen und sah sie total erstaunt an.

"Das Gleiche was?" fragte Goldi und griff nach den Lametta-Knoten.

Es klatschte laut, als Fleckis Hand die von Goldi traf.

"Finger weg!" rief Flecki. "Erst bezahlen, dann kannst du an den Knoten von mir aus herumfummeln und sie kaputt machen."

"Was kostet das Lametta-Zeug denn?" fragte Goldi und nahm eine Stickdecke in die Pfote.

"8 Sickel, weil du es bist", antwortete Flecki und riss ihm die Stickdecke aus der Pfote. "Aber was willst ausgerechnet du mit Lametta?"

'"Naja", druckste Goldi verlegen, "man kann schöne Kugeln daraus machen und als Kanonenfutter nehmen. Die fliegen ganz schön weit."

"Du, du, du...." Flecki war kurz davor, über den Ladentisch zu springen und sich auf Goldi zu stürzen. "Raus! Verschwinde!"

"Aber ich bin doch draußen, und...."

Als Flecki Anstalten machte, über den Ladentisch zu klettern, sah Goldi zu, dass er weiterkam.

"Männer!" fauchte Flecki. "Die lungern nur herum und denken ans Fressen. Schau dich doch mal um, Sasie! Überall Fressbuden und sonst nichts! Das soll ein Hamstermarkt sein?"

"Immerhin versuchen sie schon seit Stunden, das Riesenrad aufzubauen", antwortete Sasie und zeigte auf die Gruppe der Reparaturhamster, die unter Leitung von Bauleiter Murksel versuchten, das Riesenrad in die Verankerung zu schieben.

In der Tat war das geplante Riesenrad die einzige Attraktion, die Hamsterhausen auf dem jährlichen Hamstermarkt zu bieten hatte. Oder besser gesagt: wäre es gewesen, wenn es gelungen wäre, das Teil aufzustellen. Nachdem der Technische Hamstische Überwachungsverein (THÜV) das Projekt genehmigt hatte, waren nunmehr seit Tagen die Hamstische Feuerwehr, die Hamstische Polizei und die Bauleitung unter Führung von Bauleiter Murksel damit beschäftigt, das Riesenrad in der Mitte des Marktplatzes aufzustellen. Nach vielen Fehlversuchen kamen die Hamster auf die Idee, es doch mal mit einem großen Kran zu versuchen. Zu diesem Zweck musste leider die Hälfte der Marktbuden wieder abgebaut werden, damit ein Kran herangefahren werden konnte. Es dauerte Stunden, bis HAMFE1 und HAMPO2 die aufgebrachten Budenbesitzer beruhigen konnten. Nach zahlreichen Verletzungen und Verhaftungen stand der Kran nun dicht an dem Riesenrad, das noch immer platt neben den riesigen Halterungen lag.  Während hektisch alle Buden um den Bauplatz wieder aufgebaut wurden, war der Leiter des Bauamtes, nämlich Purzel, damit beschäftigt, mit einem Maßband den Mindestabstand festzustellen.

"Leider befinden sich sämtliche Buden innerhalb des notwendigen Abstandes von 3,50 Metern. Alle Buden müssen mindestens einen Meter zurück!"

Da alle Buden dicht an dicht standen, war das natürlich nicht ohne weiteres zu bewerkstelligen. Es kam zu Tumulten und Aufruhr, als es hieß, alle Buden sollten wieder abgebaut werden. Nach einer Stunde hatte die HAMPO den Aufruhr beendet, allerdings wurden bei den Kloppereien die Hälfte aller Buden zerstört.

"Auch nicht schlecht", meinte Bauleiter Murksel, "jetzt stimmt der Sicherheitsabstand wenigstens."

Der Bauleiter persönlich stieg nun auf den Kran, und tatsächlich gelang es ihm im ersten Versuch, das Riesenrad an einem Haken in die Höhe zu ziehen. Fast wäre es gelungen, das Rad in die dafür vorgesehenen Halterungen zu hieven, doch leider geriet die ganze Sache in Schieflage, das Riesenrad löste sich vom Haken des Krans und fiel krachend auf den Boden. Dabei wurden wieder etliche Buden platt gemacht.

"Äh, da es nun keinerlei Probleme mit den Sicherheitsabständen gibt, werde ich wohl nicht mehr gebraucht", rief der technische Leiter Purzel und verschwand.

"Tuffi, mach den Haken wieder fest, wir versuchen es noch einmal!" brüllte Bauleiter Murksel von seinem Kran herunter, und der kleine Reparaturhamster beeilte sich hektisch, diesen Auftrag auszuführen.

"Alles klar, Chef", rief Tuffi, "der Haken ist befestigt!"

Zufrieden nickte der Bauleiter und legte den Hebel für den Zugmotor auf "volle Kraft" um. Ein lautes Knirschen und Rumpeln folgte, und ein Aufschrei aus der Richtung der Hamstischen Feuerwehrtruppe war zu hören. Dann ging alles blitzschnell: ein großer Feuerwehrwagen erhob sich in die Luft, das Seil des Krans riss mit einem lauten Knall und der Feuerwehrwagen fiel krachend zu Boden.

"Tuffi, du Idiot, du hast den Haken falsch befestigt! Noch so eine Schlampigkeit, und du bist wieder ein Reparaturhamster 3. Klasse!"

Während nun auf dieser Seite des Marktes heftige Diskussionen begannen, wuchs die Nervosität der Besitzer der verbleibenden Marktbuden. Flecki und Sasie sahen mit großen Augen aus sicherer Entfernung zu, wie die Reparaturhamster das gerissene Seil des Krans flickten. Dasie, die gerade eine neue Patchworkdecke an "Fleckis und Sasies Viktualienmarkt"  bewunderte, sagte mit zitternder Stimme:

"Da haben wir ja noch einmal Glück gehabt. Wenigstens ist den Buden auf dieser Seite nichts passiert."

"Abwarten", knurrte Flecki, "die sind ja noch nicht fertig."

Tatsächlich sah es so aus, als wenn Bauleiter Murksel es noch einmal versuchen würde. Dieses Mal befestigte Tuffi den Haken auch wirklich am Riesenrad und gab Murksel ein Zeichen. Ganz langsam ließ der Bauleiter nun den Motor kommen, und staunend sahen alle zu, wie das Riesenrad majestätisch in die Höhe glitt. Vorsichtig wurde es in die Richtung der Halterung rangiert und ebenso vorsichtig in die dafür vorgesehenen Aufhängungen hinab gelassen. Der Knoten, mit dem das Seil geflickt worden war, zog sich enger und enger zusammen. Bauleiter Murksel sah das, und schwitzend beeilte er sich, das Rad herunterzulassen, um die ganz Sache zu beenden. Fast hatte er es geschafft, doch das Rad hing nun neben den Halterungen. Der Bauleiter wurde nervöser, und hektisch zog er die ganze Sache ein Stück höher. Leider zu heftig, denn durch den starken Druck wurde der Knoten zusammengezogen, und weil er zu kurz gebunden war, fielen Riesenrad und Haken im freien Fall auf die Halterungen und von dort aus auf den Marktplatz.

Bauleiter Murksel fühlte sich überhaupt nicht gut, als er sah, wie das Riesenrad nun auf die letzten heilen Marktbuden auf dem hinteren Teil des Platzes zu rollte. Entsetzt beobachtete er, wie das Rad einen kleinen Stand mit Stick- und Strickwaren und danach einen Imbiss platt rollte. War es nun vorbei? Nein, das Riesenrad rollte gnadenlos weiter, es neigte sich zur linken Seite, machte einen kurzen Schlenker und halbierte das Rathaus. Dann rollte es zurück auf den Marktplatz, und Baumeister Murksel glotzte mit großen Knopfaugen auf das riesige Killer-Rad, das sich nun langsam seinem Kran näherte.

"Brauchst du das Lametta noch?" fragte Goldi, während er auf der anderen Seite des Marktes die jammernde Flecki aus den Trümmern ihres Viktualienmarktes zog.

"Du bist unmöglich, Goldi", fauchte Flecki. "Sieh bloß mal! Das Riesenrad rollt auf den Kran zu! Bauleiter Murksel schwebt in Lebensgefahr! Wo ist Superhamster? Los, tu doch was!"

Goldi blickte entsetzt auf den Kran, dann blickte er auf das völlig außer Kontrolle geratene Riesenrad, das ganz Hamsterhausen plattzumachen drohte. Er ballte die Pfoten und rannte los. Als er  einen der Feuerwehrwagen erreicht hatte, lief er zu der Trommel mit dem Löschschlauch, rollte ihn ab und kletterte mit dem Schlauch auf den Kran. Während Goldi nun den Schlauch um das Gestänge des Krans wickelte, sah er, wie Bauleiter Murksel immer noch völlig bewegungslos auf das näherkommende Riesenrad starrte. Superhamster-Goldi beeilte sich, sprang von dem Kran herunter, lief zur Fahrerkabine des Feuerwehrwagens, kletterte hinein und ließ den Motor an. Dann gab er Vollgas. Das wild gewordene Riesenrad hatte den Kran nun erreicht, doch der kippte in diesem Moment langsam zur Seite und fiel krachend auf den Feuerwehrwagen, während das Riesenrad am Horizont verschwand.

"Schöne Grüße an Hamsterhusen", murmelte Goldi und blickte dem Rad hinterher, das sich nun tatsächlich in Richtung Nachbarstadt Hamsterhusen bewegte.

"Wo ist der Bauleiter?" hörte Superhamster in diesem Moment eine vertraute Stimme. "Wo steckt der? Er muss mir den Viktualienmarkt reparieren und meine Sachen ersetzen!"

"Tja", brummte Goldi, "ich glaube, Flecki, der repariert die nächste Zeit nichts mehr, den habe ich nämlich gerade gerettet."

Während die ersten Sirenen die Ankunft der Rettungswagen des AKH - des  Allgemeinen Krankenhauses Hamsterhausen - ankündigten, war der völlig zerzauste Bürgermeister am Ort des Geschehens eingetroffen. Sein Fell war voller Ketchup und Gurkensalat, und auch ansonsten sah er recht mitgenommen aus.

"Was'n mit dem Bauleiter passiert?" fragte er neugierig, als der bewusstlose Murksel von mehreren Sanitätshamstern unter den Trümmern des zerschmetterten Krans hervorgezogen wurde.

"Superhamster hat ihn gerettet!" rief Tuffi mit glänzenden Augen.

"Naja", knurrte Flecki. "Man müsste nur wissen, wie er aussehen würde, wenn er nicht das Glück gehabt hätte, gerettet zu werden!"

Als der Bauleiter unter Blaulichtgeheul weggefahren wurde, trat der Polizeioberkommissar Schnuffel auf den Bürgermeister zu.

"Brauchen Sie uns noch, Herr Bürgermeister?"

"Äh, danke, nein. Sie haben erstklassige Arbeit geleistet."

Flecki glaubte ihren spitzen Ohren nicht trauen zu können.

"Erstklassige Arbeit, Herr Bürgermeister? Der Marktplatz ist völlig platt gemacht und wir haben keinen Hamstischen Markt mehr. Außerdem rollt das Riesenrad nun auf Hamsterhusen zu!"

"Nun, äh", stotterte der Bürgermeister, "ich werde selbstverständlich sofort in Hamsterhusen anrufen und den dortigen Behörden einige Tipps im Umgang mit dem Riesenrad geben. Was den Marktplatz betrifft, so werden wir selbstverständlich keinerlei Mühen und Kosten scheuen, Hamsterhausen ein neues Gesicht zu verleihen. Selbstverständlich werden wir etwas Besseres, Neueres, sozusagen Modernes errichten."

"Ach", spottete Tati, während Flecki den Bürgermeister scharf ansah. "Soll das heißen, dass wir nun 11 statt 10 Fressbuden bekommen?"

"Nein, äh, nun, äh", stotterte der Bürgermeister und Schweiß lief ihm über die Schnurrbarthaare. Eine große Hamstermenge hatte sich um ihn versammelt und starrte ihn erwartungsvoll an. Es war eine unangenehme Situation und der Bürgermeister überlegte fieberhaft. "Mensch, Heinz-Georg", dachte er, "lass dir was einfallen,  die halten sich sonst für eine Flasche." Dann kam ihm eine großartige Idee, ja, sogar die Idee des Jahrhunderts. Er trat einen Schritt vor, hob die kleinen Pfoten in die Luft und sprach:

"Meine Damen und Herren, wir werden den Hamstischen Pleasure Dome bauen!"